Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„Kapriziöser Solist“

Am Mittwoch morgen vergangener Woche zieht für den Spitzengenossen Hans-Ulrich Klose ein besonderer Tag herauf: Es ist der 100., seit er in seiner turbulenten Karriere den Bonner SPD-Parlamentariern vorsteht, und mithin der letzte, an dem einem Politiker in aller Regel Schonfrist zugebilligt wird. Ob der mißliebige Oppositionsführer den noch überdauert, gilt als zweifelhaft.
Der 54jährige Hamburger, der am Dienstag nachmittag schlichtweg eingedampft worden ist, nachdem er zum Frühstück mit Journalisten die gescheiterte Strategie seiner Partei in Sachen Mehrwertsteuer verurteilt hatte, scheint die Flucht nach vorn anzutreten. "Wetten, daß der Uli hinschmeißt . . .?" Es gibt kaum einen Parteifreund, der dagegenhält, als der Geprügelte anderntags seinen Verzicht auf die Teilnahme an einer Aktuellen Stunde des Bundestags erklärt.
Derweilen sitzt Klose in seinem Büro im sogenannten Bonner HTA - Hochhaus Tulpenfeld Anbau - und versteht die Welt nicht mehr. Wie fühlt sich einer, fragt er sich selbst und stochert in seiner kalten Pfeife, dem verborgen bleibt, was er falsch gemacht hat? Soll man ihm beibringen, sagt er mit feinem Lächeln, seinen vermeintlichen Fehltritt "nachvollziehen zu können".
Das klingt nach Abschottung, einer Art, sich zu verweigern, die er in leisen, von langen Pausen unterbrochenen Satzbruchstücken entfaltet. Der Fraktionschef, heißt es in SPD-Zirkeln, neige mitunter zu einer Selbstversunkenheit, die "dem Autismus nahe ist", doch nun redet er: "Ich bin nicht deprimiert, ich denke nach" - er beginnt darüber zu grübeln, ob er für seinen Job der Richtige ist.
Oskar Lafontaine, am Vortag Kloses großer Widersacher, hat um diese Zeit seinen Entspannungsbeitrag schon abgeliefert. In einem Interview mit dem WDR-Morgenmagazin fällt kein Wort, das den verunsicherten Hanseaten zusätzlich belasten müßte. Im Gegenteil: Er verbreitet sich über "das heitere Thema", und als die Moderatorin ihm vorschlägt, das erstaunliche Band dem Oppositionsführer zukommen zu lassen, bittet er ausdrücklich darum.
Hans-Ulrich Klose erläutert stockend, weshalb er erstmals für möglich hält, daß er die an ihn gerichteten Erwartungen "vielleicht nicht erfüllen kann". Eine Körperschaft wie die ihm anvertraute Fraktion verlange erkennbar nach Sicherheit. Er, der Anhänger "eines gewissen Maßes an Unruhe" - um damit "die perfekten Strukturen durcheinanderzuschütteln" -, habe insoweit wohl Schwierigkeiten.
Das hört sich nach Resignation an - eine Gefahr, die gegen Mittag auch der Parlamentarische Geschäftsführer Peter Struck noch immer nicht ausschließen mag. Der Fraktionsvorsitzende habe in einer ernsthaften Kontroverse halt "nur wenige Truppen" hinter sich bringen können. "Aber der Uli muß das durchstehen", drängt der burschikose Niedersachse.
Wo steckt jetzt der Uli, wie geht es ihm? Im Bonner Abgeordnetenhochhaus gilt die Neugier einem Genossen, der am Abgrund balanciert, doch genauso deutlich wird die mangelnde Anteilnahme. Das Interesse der etwas ratlos herumflanierenden SPD-Parlamentarier konzentriert sich kaum auf den Chef und seine Seelennöte. Wichtiger erscheint ihnen die Frage, ob er es wagen wird, vor den bedeutsamen Landtagswahlen "vollends in den Sack zu hauen".
So sieht das von Klose propagierte "Zwischenchaos" aus - sein Versuch, verharschte Denk- und Verhaltensgewohnheiten zu unterspülen, um danach einen kreativen Neuanfang zu inszenieren.
"Die Fraktion verlangt nach Führung", bestätigt Struck, und auf den Gängen fällt nun häufig der Name des Vorgängers im Amt. Belobigt wird Hans-Jochen Vogel, dessen in Klarsichtfolien verpacktes Ordnungsprinzip die Volksvertreter-Riege zwar genervt hat, ihr aber auch Festigkeit gab.
Bonn, HTA, früher Mittwoch nachmittag: Aus dem fernen Rendsburg sickert ein Statement des Parteichefs Björn Engholm in die Büros. Die ergrimmte Nummer eins hat sich da in der ihr eigenen Bildersprache über "kapriziöse Solisten" beklagt, die sich endlich "in den Dienst der Sache" zu stellen hätten. Der Musikfreund doziert auch, warum: um den (SPD-)"Klangkörper insgesamt stimmig zu machen". Daß der schleswigholsteinische Ministerpräsident damit weniger den ruppigen Saarländer Oskar Lafontaine rüffelt als den dritten Mann in der derzeit schwankenden SPD-Troika, wird von Klose selbst so gedeutet. Seine Unerbittlichkeit in der Kanzlerkandidatenfrage ist dem sensiblen Parteivorsitzenden schwer auf den Geist gegangen - er habe "Mühe", hat er kürzlich verlauten lassen, "den Hans-Ulrich noch zu begreifen".
Wäre Klose ein Ignorant, könnte er solche Fremdgefühle zum Mißverständnis herunterreden, aber das steht seinem Naturell entgegen. Elegisch, kaum hörbar, spricht er statt dessen von "einem wechselseitigen Problem". Die Crux ist, sagt der gebeutelte Oppositionsführer, daß der Partei- und der Fraktionsvorsitzende "einander tatsächlich nicht einschätzen können".
Während im Plenarsaal die SPD-Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Maier seinen Part übernommen hat, bemüht er sich um eine vage Standortbestimmung in eigener Sache. Daß er sich "als guter Sozialdemokrat" empfindet, soll ihm geglaubt werden dürfen - "aber ich bin auch eben andererseits nicht durchweg ein verläßlicher Parteigänger".
Die fortwährende Lust, gegen den Strich zu denken (und das notfalls in Handlung umzusetzen), läßt ihn strapaziert aussehen. Ein Politiker vom Schlage Kloses hat immer zugleich die Qual im Nacken. "Der Oskar ist da aus anderem Holz", sagt er mit einem Unterton der Bewunderung, und natürlich möge man auch "den Engholm nicht unterschätzen".
Der Parteichef bereist zu dieser Zeit als Wahlwerber sein Heimatland. Lafontaine hat sich zu Hause mit einem plötzlichen Grippeanfall ins Bett gelegt - aber, wie aus seiner Umgebung verlautet, "ansonsten quietschvergnügt". In Bonn wendet sich der Fraktionschef seinem Alltagsgeschäft zu, empfängt eine Gewerkschaftsdelegation und danach den österreichischen Botschafter - und grübelt weiter.
Wann er ins politische Leben zurückgekippt ist, wer ihm dabei unter Umständen geholfen hat, erschließt sich nicht. Es gibt einen Wandel, der auf leisen Sohlen daherkommt - in der "Affäre Klose" trägt dazu womöglich eine veränderte Sichtweise bei, die sich im Laufe des Tages zaghaft auszubreiten beginnt: Sich klammheimlich einzugestehen, daß der Querdenker in der Sache selbst so schief nicht lag, gilt nun unvermittelt als durchaus erlaubt.
Das darf aber wohl nur der Ehrenvorsitzende laut sagen. "In Wirklichkeit", so Willy Brandt, habe "der lange Zeit unter Wert gehandelte Klose natürlich recht gehabt - aber man muß bezweifeln, ob es auch klug war".
Kloses Klugheit steht vermutlich Kloses Zwanghaftigkeit im Wege, sich in den unterschiedlichsten Rollen erproben zu wollen. Neben dem schüchtern wirkenden kontemplativen Schweiger fordert der konfliktbereite Fighter, sich ausleben zu dürfen. "Och, wissen Sie, ich habe viele Neigungen."
Einer davon geht er am Abend dieses wechselvollen Tages nach. Er eilt in die nordrhein-westfälische Landesvertretung. Dort wartet zum Hintergrund-Smalltalk der "Bonner Presseklub". o
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 9/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.