„Die Faust im Gesicht“
Schröder, 48, war in der kurzen Zeit des DDR-Parlamentarismus Fraktionsvorsitzender der SPD. Er lehrt Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin.
Der SPIEGEL hat es enthüllt: Manfred Stolpe war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Als solcher soll auch er zu den "MfS-Lauschern" gehört, "Berichte verfertigt" und der Stasi manches "zugetragen" oder zugearbeitet haben.
Ich bin altmodisch und nehme noch die Wörter beim Wort. Ein Lauscher, etwa der sprichwörtliche an der Wand, beschafft sich heimlich Informationen, die ihm nicht zugedacht sind. Wer Berichte verfertigt, hat sie in Ausführung eines Auftrags eigenhändig geschrieben und unterschrieben oder mit Nennung des Decknamens auf Tonband gesprochen. Ein Zuträger liefert das Gewünschte, womöglich sogar ungebeten, aus niederen Motiven.
Für die Stasi war es am Ende egal, ob sie eine Information per Abschöpfung oder auf Bestellung bekommen hat. Es ging ihr nur um die Information. Sie notiert die Quelle "IM ,Sekretär''". Ob die Information per Auftrag oder als Gesprächsresultat einging, ist damit noch nicht entschieden.
Für uns heute aber ist genau dieser Unterschied entscheidend, denn uns geht es nicht um die Informationen, sondern um den Weg, auf dem eine Information zur Stasi gelangt ist: per Abschöpfung oder per Ausführung eines Stasi-Auftrags. Denn wir wollen nicht mehr die Informationen, sondern die Quellen beurteilen. Wir wollen feststellen, ob die Akten diskreditierende, verzeihliche, verjährte, vertretbare oder unvermeidliche Stasi-Kontakte belegen.
Wir wenden damit Unterscheidungen an, die die Stasi bei ihrer Aktenführung nicht interessiert haben. Jetzt aber müssen sie interessieren, denn es geht um die Frage, ob Menschen ihre Glaubwürdigkeit verspielt haben oder nicht.
Stasi-Kontakte verliefen nach dem Blackbox-Verfahren. Wer mit der Stasi sprach, kannte nur Input und Output, was in der Kiste vor sich ging, wußte er nicht. Er mußte es vermuten. Nun wird die Kiste geöffnet. Aber nicht der Inhalt der Kiste, die Akten, ist die ganze Wahrheit. Vielmehr muß die Wirklichkeit rekonstruiert werden. Für den Umgang mit den Akten brauchen wir eine Auslegungskunde.
Wie sollen wir nun Stolpes Stasi-Kontakte beurteilen? Kirchliche Stasi-Kontakte von Amts wegen hat es wohl in allen Landeskirchen gegeben. Sie waren nichts Normales, aber bisweilen unumgänglich, wenn anders ein Problem nicht zu lösen war.
Stolpe unterscheidet sich von den anderen zunächst dadurch, daß er erklärt hat, er habe zu DDR-Zeiten rund 1000 Gespräche mit Staatsvertretern geführt, darunter auch mit der Stasi. Dies hat er zuerst im Herbst 1990 bekanntgegeben, ohne Aufregung auszulösen. Erst als er in einem Vorabdruck seines Buches im SPIEGEL detaillierter davon gesprochen hat, brach der Sturm los.
Da öffnet also einer das Visier - und schon hat er die Faust im Gesicht. Das ist keine Ermunterung zur Nachahmung.
Nach welchen Maßstäben beurteilen wir die DDR-Verhältnisse? Ich denke, Diktatoren sind mit Geiselnehmern vergleichbar. Man kann ihren Anordnungen etwas widerwillig Folge leisten, man kann sich ihnen anbiedern, man kann sich auf ihre Seite schlagen. Man kann sich auch schlicht an die Situation gewöhnen. Man kann auch sagen: Mit Geiselnehmern reden wir nicht, sollen sie doch machen, was sie wollen. Man kann aber auch mit ihnen reden, um zu erreichen, daß sie etwa die Fesseln lockern oder Frauen und Kinder rauslassen oder gar die Geiselnahme beenden. Dann darf man aber nicht sagen: "Geiselnehmer seid ihr, und ich verachte euch." Man wird eher sagen: "Ich kann euch ja verstehen, aber . . ." Man läßt sich auf ihre Koordinaten ein.
Wenn die Geiselnahme lange währt, stellt sich ohnehin erfahrungsgemäß eine merkwürdige, keineswegs nur feindselige Beziehung zwischen Geiseln und Geiselnehmern her. Man wagt es kaum noch auszusprechen, aber es ist wahr: Man kann mit niemandem verhandeln ohne ein gewisses Vertrauensverhältnis, ohne ein Minimum an Berechenbarkeit. Wenn die eine Seite alle Macht hat, ist es allerdings schwer abzuschätzen, ob sie echte Offenheit zeigt oder mit dem Schein der Offenheit den anderen sozusagen doppelt leimt.
Der SPIEGEL fragt: "Verlor Stolpe nicht beim lockeren Umgang mit der realsozialistischen Obrigkeit ab und an die Orientierung?" So darf man fragen. Man darf auch fragen, ob er hier und da zu weit gegangen ist und ob nun alles so, wie er es gemacht hat, klug war. Ohnehin ist man meist hinterher klüger. Doch das sind nicht die Fragen, bei denen zur Entscheidung steht: diskreditiert oder nicht.
Der SPIEGEL fragt: "Wo aber war die moralische Grenze?" So muß man fragen.
Dort, wo bei angemessener Würdigung der Umstände Vertrauensbruch vorliegt, ist die Grenze überschritten. Und dort, wo jemand nicht frei genug ist, die kritischen Punkte offen anzusprechen, ist er offenbar befangen, deshalb womöglich erpreßbar und also in seiner Vertrauenswürdigkeit beeinträchtigt.
Die entscheidende Frage lautet: Kam es Stolpe darauf an, Stasi-Interessen in der Kirche durchzusetzen, oder kam es ihm darauf an, durch Stasi-Kontakte kirchliche Freiräume zu wahren, menschliche Härten zu mildern, Bewegung in die versteinerten Verhältnisse zu bringen? Hat er Informationen an die Stasi geliefert, weil die Stasi sie haben wollte, oder waren seine Informationen die unvermeidliche Nebenwirkung seiner Bemühungen, weil man mit niemandem ohne eine gewisse Offenheit erfolgreich verhandeln kann?
Hatte er diejenige Freude am Spiel der Macht, der es schließlich egal ist, welcher Seite es nützt, oder blieb für ihn - bei aller Freude am Spiel mit der Macht, die ich als solche gar nicht verurteile - immer klar, daß seine gewagten Unternehmungen nur gerechtfertigt werden können, wenn sie der Verbesserung der Verhältnisse dienen?
Nach allem, was bis jetzt vorliegt, beantworte ich diese Fragen zugunsten von Stolpe.
Aber: Wenn Stolpe exkulpiert ist, wie steht es dann mit de Maiziere? _(* Mit Erich Honecker, Ost-CDU-Chef ) _(Gerald Götting und Bischof Werner Leich. ) Und mit Böhme, mit Schnur und dem Rektor Fink?
Böhme und Schnur waren Stasi-Spitzel, also willfährige Werkzeuge, die anderen geschadet haben. Ich bin bereit, die Tragik in ihrer Biographie wahrzunehmen, aber sie sind durch ihre Stasi-Mitarbeit objektiv diskreditiert.
Und de Maiziere? Die Frage ist brisant, denn manche sagen: Wenn de Maiziere (CDU) gehen mußte, dann soll jetzt auch Stolpe (SPD) gehen - Vergangenheitsbewältigung nach Parteienproporz.
De Maiziere hat mit dem Mandat seiner Mandanten verhandelt und Stolpe mit einem Mandat der Kirche. Stolpe ist von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen, de Maiziere hat sich diese Freiheit nicht genommen; man hatte ihm dringend davon abgeraten. Für Stolpe haben viele aufgrund langjähriger Vertrautheit Vertrauenserklärungen abgegeben, für de Maiziere fast niemand. Ich (SPD) habe ihn (CDU) in der Frankfurter Allgemeinen gegen einige Vorwürfe in Schutz genommen - allein auf weiter Flur. Wo war denn da die Ost-CDU-Solidarität?
Und Rektor Fink? Es ist auch bei ihm nicht ausgeschlossen, daß er als IM geführt worden ist, ohne es zu wissen. Für mich ist entscheidend, daß er Professor wurde im falschen Fach ohne Beteiligung eines Fachvertreters und daß es keine nennenswerten wissenschaftlichen Veröffentlichungen von ihm gibt. Daß er zum Rektor nicht von seiner, der Theologischen Fakultät, sondern von den ehemaligen "Gesellschaftswissenschaftlern" vorgeschlagen, als einziger der vier Kandidaten nicht in der SED war, aber von einem Lehrkörper, der mehrheitlich der SED angehört hatte, gewählt worden ist, belegt mir, daß er nicht frei genug ist für eine wirkliche Erneuerung der Universität.
Daß die Stasi die Kirche fest in der Hand hatte, dessen mag sich die Stasi gerühmt haben. Daß es stimmt, bestreite ich.
Harmonisch jedenfalls war das Verhältnis zwischen Staat und Kirche nicht. 1988/89 herrschte zwischen Staat und Kirche Eiszeit, weil die Kirche sich für die oppositionellen Gruppen so stark engagiert hat. Ein wichtiges Datum waren dabei die ökumenischen Versammlungen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, in denen die "Amtskirchen" aller Konfessionen und die "Gruppen" zusammenfanden. Die Aufregung bei der Stasi war nicht unerheblich.
Daß es auch Spannungen zwischen den Amtskirchen und den Gruppen gab, stimmt. Die Kirchen wollten nicht den Konfrontationskurs, den manche Oppositionelle ansteuerten. Manche Oppositionelle wollten nicht akzeptieren, daß ihre Interessen, die der Kirchengemeinde und die der Gesamtkirche, austariert werden müssen. Für sie gab es nur ihre Interessen. Die Oppositionellen sind nämlich gar nicht, wie sie gern möchten, über jede Kritik erhaben.
Ebenso gab es Spannungen zwischen Ausreisewilligen und den Kirchen. Die Kirchen haben immer zum Hierbleiben aufgerufen. Sie haben sich für Härtefälle eingesetzt und für die Legalisierung der Ausreise. Es hat aber verständlichen Unwillen in Gemeinden erweckt, wenn Ausreisewillige, die an der Arbeit der Kirche gar kein Interesse hatten, Gottesdienste für ihre Demonstrationen instrumentalisierten. Es gab sehr verschiedene Motive, seine Ausreise zu beantragen. Nicht alle waren gut anzusehen.
Wir müssen die Landschaft der damaligen Konflikte und Konfrontationen einigermaßen vollständig nachzeichnen, ehe wir uns unsere Urteile bilden. Jetzt sieht es manchmal so aus, als sei eine Bevölkerung, die das Regime abschütteln wollte, von Staat und Kirche im Zaume gehalten worden. Und das ist nun jedenfalls ein reiner Mythos.
Über "Stasi und Kirche" sowie über "Kirche im Sozialismus" muß nun, aus dem Rückblick, noch einmal und kritisch und sicher auch mit Konsequenzen diskutiert werden. Der Maßstab aber darf nicht die westliche Normalität sein, sondern das, was zu "sozialistischen" Zeiten möglich war.
Die DDR-Normalität ist im Westen unbekannt und wird im Osten kräftig verdrängt. Die DDR droht zur Terra incognita zu werden, und das wird die mentale Einigung verhindern. Es müssen sich diejenigen, die in der DDR gelebt haben, wiederfinden können in dem Bild von der DDR, das jetzt durch die Medien entsteht; sonst kann es zu gefährlichen Irrationalismen kommen.
Es ist ein Unterschied, ob man Hypothesen über die massenhafte moralische Korruption zur Zeit Ludwig XIV. aufstellt oder dergleichen über die 16 Millionen DDR-Bürger minus 800 Oppositionelle mal so vermutet, die alle noch leben.
Denn das heißt: ihnen die Luft abschneiden.
* Mit Erich Honecker, Ost-CDU-Chef Gerald Götting und Bischof Werner Leich.
Von Richard Schröder
