„Die Hysterie der Täter“
Schult, 40, gehörte von 1978 an zur innerkirchlichen DDR-Opposition, er war in der "Kirche von unten" aktiv und Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum". Nach der Wende arbeitete er maßgeblich im Staatlichen Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit mit. Derzeit ist Schult für das Neue Forum Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.
Die Akten der Staatssicherheit und der SED wurden nicht angelegt, damit sie später von Bürgerrechtlern gelesen werden. Daß wir in ihren Archiven herumstöbern, damit hatte die Stasi nie gerechnet. Der Sinn ihrer eifrigen Sammelleidenschaft war ein anderer.
Die Grundfrage für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war immer: Wer ist wer? Das hieß, die "Firma" (DDR-Jargon für Stasi) hatte den Auftrag, über die durch sie bearbeiteten Personen oder Institutionen ein genaues und detailliertes Bild zu erarbeiten. Den Führungsoffizieren der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) war bewußt, daß die einzelnen Informationsberichte der IM subjektive Beobachtungsfehler oder Interpretationen enthalten konnten.
Um diesen Mangel weitgehend auszuschalten, wurden im Regelfall mehrere IM auf eine Person und auch IM gegenseitig aufeinander angesetzt. Stellte die Stasi fest, daß ihre "inoffizielle Basis" nicht ausreichend war, wurden technische Hilfsmittel benutzt: Abhören des Telefons ("26-A-Maßnahme") oder Wanzen ("26-B-Maßnahme"), Video-Raumüberwachung ("26-D-Maßnahme") oder Kontrolle des Briefverkehrs ("M-Maßnahme"). Der gesamte Telefonverkehr zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet wurde durch die Hauptabteilung III überwacht.
Die Stasi hatte ein elementares Interesse daran, genau zu wissen, woher die jeweiligen Informationen kamen und wie zuverlässig sie waren. So kamen alle IM zu ihrem Qualitätsstempel: ehrlich, zuverlässig, überprüft oder geldgierig, unehrlich, unzuverlässig. Auf allen Berichten sind Herkunft und Quelle(n) vermerkt.
Entweder ist der Deckname des IM ("Martin", "Rose", "Notar" oder ähnliches) angegeben, oder es ist zu lesen, daß es sich um "Maßnahme A, B, D" oder eine Information der Hauptabteilung III handelt. Sollten Herkunft und Quelle getarnt werden, wurde der lapidare Satz "Inoffiziell wurde erarbeitet . . ." verwendet.
Die Stasi hätte sich selbst lahmgelegt, wenn sie Inoffizielle Mitarbeiter geführt hätte, die nicht existierten und damit nicht einsatzfähig waren, weil es sich in Wirklichkeit um bearbeitete Personen handelte.
Folgt man der Logik der Entlastungszeugen von Gysi (Oberst Reuter und Oberstleutnant Lohr: "Notar" und "Gregor" seien Sammelakten) und Stolpe (Oberst Wiegand: Stolpe sei ohne sein Wissen als IM geführt worden), müssen Bärbel Bohley, Ulrike und Gerd Poppe, Jürgen Fuchs oder Wolf Biermann die eigentlichen Top-IM gewesen sein.
Sie wurden durch Spitzel "abgeschöpft", ihre Telefone abgehört, ihre Wohnungen waren verwanzt, so daß sie "operativ wichtige Informationen" en masse lieferten. Auf diese Weise wird jeder zum Mitarbeiter der Staatssicherheit.
Die Spitzel waren das Handwerkszeug des MfS, die "Hauptwaffe im Kampf gegen den Feind" (Mielke). Ohne seine IM wäre der Apparat wie ein Maulwurf durch die Gegend getappt. Mit dem Offenlegen der Inoffiziellen Mitarbeiter wird dem Männerbund MfS das Geheimnis entrissen, wird er bloßgestellt. Der Kaiser ist nackt, und seine Generäle drohen: Wenn ihr die Akten nicht schließt, werden Mord und Totschlag das Land überziehen. Die seit zwei Jahren beschworene Hysterie ist die Hysterie der Täter, nicht die Hysterie der Opfer.
Die Opfer müssen sehen, wie sie allein fertig werden mit Verrat, Enttäuschung, Lügen und dem Schweigen der Spitzel, mit diesem Rechtsstaat, in dem Recht und Gerechtigkeit weit auseinanderklaffen. Und die Anstifter des Verrats, die Führungsoffiziere, lügen oder schweigen bestenfalls, spielen die Rolle von nun Verfolgten, sehen sich als Opfer von Berufsverbot und Arbeitslosigkeit. Dabei geht es ihnen im Regelfall nicht schlechter als anderen, in manchen Fällen weitaus besser.
Nur wenige sind bereit, sich dem langwierigen und anstrengenden Prozeß von Auseinandersetzung und Aufarbeitung zu stellen. Es waren vier Oppositionelle und vier Stasi-Offiziere, die vor einem Jahr begannen, sich einmal im Monat zu treffen. Zwei der Offiziere haben sich inzwischen wieder verabschiedet. Einer davon war Oberst Wiegand, Kronzeuge für Heinrich Fink und Manfred Stolpe. Ihm tat es leid, in der Wendezeit nicht mehr Material vernichtet zu haben.
Und die anderen Ehrenmänner, die nicht einmal zum Gespräch bereit waren?
Oberstleutnant Lohr (Sammler der Sammelakte "Notar") versteckt sich hinterm Vorhang und läßt sich von seiner Frau verleugnen.
Leutnant Klug (bearbeitete Katja Havemann) meldet sich trotz fünfmaligen Aufsuchens und Hinterlassens der Telefonnummer nicht.
Hauptmann Jahnke (bearbeitete Roland Jahn bis 1989) flieht in Filzlatschen und Trainingshose, als hätte er den Leibhaftigen gesehen, mit dem Ruf "Ich schlafe schon" in seine Wohnung.
Major Paulitz (bearbeitete Robert Havemann) ist bereit, über IM zu reden, wenn wir ihm seinen Arbeitsplatz garantieren.
Oberst Reuter (einer der Häuptlinge und Sammler der Sammelakte "Gregor") schickt seine Frau ans Gartentor und läßt ausrichten, daß wir einen Termin doch besser über "Gregors Büro" machen sollten. Gemeint war Gregor Gysi. Aber auch über das Büro von Gregor kam kein Termin zustande.
Es ist schon irre: Die Opfer fordern Aufklärung, und die Täter schreien Hysterie und Hetzjagd und klagen über eine schlechte gesellschaftliche Atmosphäre.
Ein Argument der Verteidiger von Fink, Stolpe und Gysi ist, daß mit der Demontage der drei Erneuerer die Ossis demontiert werden. Das, was der SED in 40 Jahren Herrschaft nicht gelungen ist, nämlich ein DDR-Staatsvolk zu schaffen, soll nun nachträglich künstlich konstruiert werden.
Ich war kein Befürworter der deutschen Einheit, aber ich lasse mir jetzt auch keine neue Mauer einreden und mich in keine falsche Solidarisierung und damit Kumpanei drängen.
Auch in der DDR gab es ein Oben und ein Unten und nicht die monolithische sozialistische Volksgemeinschaft. Warum geht Gysi gegen den SPIEGEL vor und nicht gegen Reuter und Lohr, die ihn nach eigener Aussage haben bespitzeln und abhören lassen? Warum läßt er sich ausgerechnet von ihnen Ehrenerklärungen schreiben?
Warum erstattet Stolpe nicht Anzeige gegen Wiegand und verwahrt sich gegen den Beistand von Krenz?
Wer waren die anderen acht Kirchenmänner, mit denen er gegen die Stasi konspirierte?
Warum durchbricht Stolpe nicht die Konspiration der Stasi und nennt die Namen der Offiziere, mit denen er sich getroffen hat?
Von Reinhard Schult
