BayernGefährlicher als Idi Amin
Jahrzehntelang verfolgte der CSU-Freistaat den Bayernparteiler Ludwig Volkholz. Jetzt bekommt der „Jager-Wiggerl“ eine Gnadenrente.
Ludwig Volkholz, 72, aus Feßmannsdorf bei Kötzting ist auch heute noch überzeugt, daß sich Europa ganz anders entwickelt hätte, wenn einst seine Bayernpartei (BP) im Freistaat an die Macht gekommen wäre: "Oiß waar ganz anders word''n" - wahrscheinlich vui schöner.
Bayerisch wäre dann die "mündliche Amtssprache", und statt der D-Mark gäbe es "a eigene Landeswährung" mit Kreuzern und Talern. Eine vereinigte Donaumonarchie aus Österreich und Bayern würde heute "dö Gaudi in Jugoslawien" dämpfen.
Doch es sollte nicht sein. Noch sind zwar die politischen Leidenschaften des gelernten Revierförsters nicht erloschen: "I build ma ei, daß mia wiederkemma", sagt er. Aber ein Gehirnschlag und ein Herzinfarkt haben ihm gehörig zugesetzt.
Nun wird dem Politveteranen eine Art Gnadenbrot zuteil. Versprochen hatte ihm das der christsoziale Ministerpräsident Max Streibl, 60, kürzlich in einem Brief. Vor dem einst überaus populären "Jager-Wiggerl", lange Zeit von der CSU als gefährlicher Konkurrent gefürchtet, hat niemand mehr Angst, nicht einmal die bayerische Staatsregierung.
Das war einmal ganz anders. Im Jahre 1949 war Volkholz der jüngste Abgeordnete in Bonn, direkt gewählt im Wahlkreis Deggendorf-Regen-Viechtach-Kötzting, einer von 17 Bayernpartei-Abgeordneten. Bald danach passierte auch, was sich heute wie eine weißblaue Fata Morgana ausnimmt: Die absolute Mehrheit der CSU wurde glatt halbiert, die SPD stärkste Partei im Freistaat.
In Scharen liefen die Wähler der Bayernpartei zu, deren Wortführer mit altbayerischen Ressentiments operierten, einen "Preußenstern für Zuagroaste" propagierten und Ehen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen als "Bluatsschand" verachteten. Sogar CSU-Landwirtschaftsminister Joseph Baumgartner wechselte zur Bayernpartei über.
Der erste bayerische Nachkriegsministerpräsident Fritz Schäffer (CSU), der gern BP-Vorsitzender geworden wäre, kam etwas zu spät. Der Aufnahmeantrag des bärbeißigen CSU-Kultusministers Alois Hundhammer wurde laut Volkholz vom BP-Vorstand abgelehnt.
Selbst der füchsische Kanzler Konrad Adenauer förderte die neue Bewegung, die Ober- und Niederbayern bereits beherrschte. Allein Volkholz kassierte 180 000 Mark: "Sein Staatssekretär Globke hat uns die Rechnungen sogar doppelt ''zahlt", erinnert er sich.
Der damalige CSU-Generalsekretär und Bonner Sonderminister Franz Josef Strauß (Volkholz: "Den hätt'' da Adenauer gern losg''habt") zog jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Er kam eigens nach Kötzting, um dem politisch erfolgreichen Förster das Amt eines Postministers der CSU anzudienen.
Die beiden Unterhändler kannten sich schon aus Kriegszeiten, denn 1942 hatte Volkholz 22 Mann aus einer in Oberammergau stationierten Strauß-Einheit verhaften und in einen Keller sperren lassen, weil sie illegal bei einem Metzger in München eingesetzt worden waren. Den Telefon-Dialog mit dem Metzgerssohn Strauß kann Volkholz noch heute auswendig: _____" Strauß: "San Sie wahnsinnig word''n - Sie verhaften " _____" meine Leute." " _____" Volkholz: "Ja, wer san denn Sie überhaupt?" " _____" Strauß: "Hier ist der NS-Verbindungsoffizier Strauß, " _____" Oberammergau. Die Sache wird Konsequenzen haben." " _____" Volkholz: "Wenn S'' net glei staad san, dann lass i Eahna " _____" aa no verhaften, wegen Zersetzung der Wehrkraft." " _____" Strauß: "Ich als NS-Führungsoffizier muß das besser " _____" wissen. Wir kämpfen für Führer und Reich um den Sieg." " _____" Volkholz: "Da kemma aber net siegen, wenn unsere Soldaten " _____" beim Wurschtmacha in München san." "
Das Scharmützel von Oberammergau, die Schmach der CSU-Niederlage bei der Landtagswahl und die glatte Ablehnung des Postminister-Postens durch Volkholz ("I hob g''moant, das CSU-Regime hält nimmer lang") hatten verhängnisvolle Folgen. Die wiedererstarkte Staatspartei CSU rächte sich fürchterlich an dem kämpferischen Förster aus Kötzting.
Wegen einer Lappalie wurde er vor Gericht gezerrt. Volkholz hatte, durchaus landesüblich, seine politischen Gegner als "G''schwärl", "zusammengewürfeltes Gesindel" und "Abschaum der Menschheit" abgekanzelt. Die Verbalinjurien blieben ungeahndet. Weil aber ein vereidigter Zeuge, der die Rede vor dem Ältestenrat des Landtags beschönigt und verharmlost hatte, am Ende einräumte, er sei dazu von Volkholz animiert worden, geriet dieser, ebenfalls landesüblich, in die Meineidsfalle.
Im ersten Schrecken flüchtete Freiheitskämpfer Volkholz auf eine Berghütte im österreichischen Stubaital. Später stellte er sich den bayerischen Häschern. Wegen des Verbrechens der Anstiftung zum Meineid wurde er schließlich zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, die er "in Einzelhaft unter den härtesten Sonderbedingungen" absitzen mußte.
Es war ihm wenig Trost, daß er im niederbayerischen Kerker auf seinen Halbbruder Hans traf, der wegen Raubmords zum Tode verurteilt, aber dann zu lebenslanger Haft begnadigt worden war. Beinahe wäre er auch noch mit der Halbschwester Käthe, der Mutter Ottilie und dem Stiefvater zusammengetroffen, die von der niederbayerischen Justiz wegen Kuppelei und Schwarzschlachtens verfolgt wurden.
Nach der vorzeitigen Haftentlassung ging der Vernichtungsfeldzug gegen die Volkholz-Sippe erst richtig los. Die Bayernpartei trennte sich sang- und klanglos von ihrem vorbestraften Matador. Der Bundestag zahlte überhaupt keine Pension, der bayerische Landtag, dem Volkholz ebenfalls eine Legislaturperiode lang angehört hatte, eine schäbige einmalige Abfindung von 7226 Mark. Der einst vom BP-Vorstand verschmähte Hundhammer, nun mächtiger Landwirtschaftsminister, entließ den vorbestraften Beamten endgültig aus dem Forstdienst und verhängte ein "lebenslängliches Berufsverbot" (Volkholz).
Schließlich mußte der verarmte Politiker den Offenbarungseid leisten. Er hatte alles verloren - nur nicht das Renommee in seiner engeren Wahlheimat.
Volkholz trat 1960 für die FDP an, brachte die bis dahin im Bayerischen Wald ziemlich unbedeutenden Liberalen von 0 auf 18,7 Prozent und bescherte ihnen den ersten Bürgermeistersitz in Bayern. Als Gemeindeoberhaupt von Voggendorf führte er einen "Pflasterzoll für Durchreisende" ein.
Doch die FDP strengte gegen den unkonventionellen Außenseiter, der bis _(* Als Rekrut in Landsberg. ) zum niederbayerischen Vorsitzenden aufgestiegen war, bald ein Ausschlußverfahren an. Volkholz konnte nachweisen, daß er überhaupt nicht Mitglied gewesen war.
Der CSU-Staat sperrte dem Störenfried mittels einer "Lex Volkholz" (Volkholz) unterdessen den Zugang zu allen kommunalen Wahlämtern. Der Geächtete nannte das "die größte Gemeinheit in Bayern seit der Ertränkung König Ludwigs II. im Starnberger See" und schickte nun seine Frau Paula, Tochter eines Tiroler Landeshauptmanns, in den Ring.
Die Mutter von fünf Kindern fügte sich: "Vo irgendwas muaß ma ja leb''n." Sie beschränkte sich bei Wahlversammlungen auf das Absingen des Erzherzog-Johann-Jodlers und wurde 1970 prompt die erste bayerische Landrätin.
Das kämpferische Ehepaar wurde zu einer Art Bonnie and Clyde des Bayerischen Waldes hochstilisiert. In fast 200 Straf-, Zivil- und Verwaltungsgerichtsverfahren versuchte Volkholz sein bizarres politisches Leben geradezurücken - ohne großen Erfolg.
Die politische Kammer des Landgerichts Nürnberg verurteilte ihn wegen "Mißachtung des Staates" zu sechs Monaten Gefängnis, die ihm auf dem Gnadenwege erlassen wurden. Schließlich wurde das rebellische Viertel im Hinterwald, dessen Glasbläser und Waldarbeiter noch 1932 mehrheitlich kommunistisch wählten, durch die Gebietsreform derart zerstückelt, daß auch Ludwig und Paula Volkholz endgültig die Basis entzogen wurde.
Den CSU-Boß Strauß, den er bis zu dessen Lebensende duzte, nannte Volkholz unverdrossen "ein echtes Sicherheitsrisiko", einen "Totengräber unseres Landes" und "gefährlicher als Idi Amin". 1979 regte der Jager-Wiggerl in einem Brief an Kanzler Helmut Schmidt gar die "Einführung der Todesstrafe für die Gegner von Franz Josef Strauß" an - für den Fall eines Sieges bei der Kanzlerwahl. Begründung: Dann blieben seinen Opfern wenigstens "die Leiden und Verfolgungen erspart, welche die Politiker der Bayernpartei seit der Machtübernahme der CSU erleiden mußten".
Ende letzten Monats erhielt das Politiker-Ehepaar, das sich mit einem bescheidenen Weinhandel recht und schlecht über Wasser hält, die erste Überweisung aus München: 750 Mark, wahrlich eine Gnadenrente. Paula Volkholz, die sich etwas voreilig schon persönlich bei Ministerpräsident Streibl bedankt hatte: "Mir kamen die Tränen."
Und auch der Jager-Wiggerl hat nach fast einem halben Jahrhundert bayerischer Politik seine Lektion gelernt: "I taat heut sofort zur CSU geh'', ganz klar, waar doch vui schöner." Auf strapaziöse Opposition könnte er gern verzichten: "Es nützt ja doch nix, und d''Leut san dös gar net wert." o
* Als Rekrut in Landsberg.
