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DER SPIEGEL

HolocaustFreispruch für Hitler

Der britische Historiker David Irving blufft mit angeblich unbekannten Aufzeichnungen des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann.
David Irving, Rechtsausleger mit ruiniertem Ruf, entdeckte, tief innen, eine neue Leidenschaft - das Reden in rappelvollen Sälen; er schwärmt: "Vor 10 000 Menschen zu stehen, die den ganzen Tag ausgeharrt haben, ihr Bier trinken, auf harten Bänken sitzen, die darauf warten, dich sprechen zu hören - das geht über alles."
Was der Redner vor hochgestimmtem Publikum - etwa auf einer Agitationstour durch die DDR nach dem Fall der Mauer - von sich gibt, ist simple Klitterei: *___Hitler habe den Holocaust an den Juden nicht befohlen, ____er habe davon nicht einmal gewußt. *___Der Massenmord an den Juden in Auschwitz sei frei ____erfunden - "nur eine Legende". *___Gaskammern habe es in den Konzentrationslagern nicht ____gegeben; sie _(* Auf einer Kundgebung von ) _(Rechtsradikalen in Halle, am 9. November ) _(1991, dem Jahrestag des Judenpogroms ) _(("Reichskristallnacht") von 1938. ) seien eine "geniale Erfindung des britischen Amtes für psychologische Kriegsführung", "bloße Attrappen", nach dem Krieg "in Polen für die Touristen" errichtet.
Dem größeren Deutschland - angeschlossen eines Tages nicht nur Österreich, sondern auch die Slowakei - verheißt der Brite eine blühende Zukunft, den Israelis den sicheren Untergang; Irving: "In zehn Jahren gibt es kein Israel mehr." Juden sollten von der "Gaskammer-Theorie" lassen, "solange sie noch Zeit dazu haben".
Zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, auf der, 1942, die Technokraten des NS-Massenmordes die "Endlösung der Judenfrage" erörterten, brachte der britische Historiker sich erneut ins Gerede: Der "agitator international" (Irving) stimmt sich offenbar auf seinen geplanten Redner-Auftritt bei der Großkundgebung der rechtsradikalen Deutschen Volksunion, Mitte März in Passau, ein.
Ihm seien, behauptet Irving, auf einer Vortragsreise in Argentinien, von einem ehemaligen flämischen Waffen-SS-Offizier bisher unbekannte Aufzeichnungen des damaligen SS-Obersturmbannführers und Holocaust-Organisators Adolf Eichmann zugesteckt worden - jenes NS-Verbrechers, der während des Krieges als Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt Hunderttausende Juden zur Vergasung in die Vernichtungslager deportiert hatte; nach dem Krieg aus US-Gefangenschaft flüchtete; mit Hilfe katholischer Geistlicher, die wußten, wen sie vor sich hatten, in Argentinien untertauchte (Deckname: Ricardo Clemente); 1960 vom israelischen Geheimdienst gekidnappt, in Jerusalem vor Gericht gestellt und, 1962, hingerichtet wurde.
Eichmann war einer der monströsen Schreibtischtäter par excellence. Er leistete akkurate Vernichtungsarbeit, unbeteiligt, wie ein Verwaltungsbeamter die Hundesteuer eintreibt. Obwohl er sich persönlich an keinem Juden vergriff - "nichts gegen Juden" hatte, wie er beteuerte -, war er einer der Haupttäter des Massenmordes an den Juden.
Eichmann: "Befehl eines Vorgesetzten ist Befehl." "Man hat die Hacken zusammenzulegen und ,jawohl'' zu sagen. Etwas Zweites oder Drittes gab es gar nicht."
"Jawohl" hätte er nach eigenem Bekunden auch gesagt, wenn er an der KZ-Rampe hätte selektieren oder eigenhändig Juden umbringen sollen: "Egal, was man mir befohlen hätte, ich hätte gehorcht . . . Eid ist Eid."
Nach dem Kriege brüstete sich Eichmann: "Ich werde freudig in die Grube springen, denn das Bewußtsein, fünf Millionen Juden auf dem Gewissen zu haben, verleiht mir ein Gefühl großer Zufriedenheit." (Bei den Vernehmungen in Israel wollte Eichmann "Juden" durch "Reichsfeinde" ersetzt wissen.)
Die Aufzeichnungen des unheimlichen Eichmann, da konnte Irving sicher sein, würden für Furore sorgen, ihm Publicity und, womöglich, einen Batzen Geld bescheren, zumal er noch einen besonderen Knüller anzubieten wußte: Eichmann berief sich auf einen "Führerbefehl" zur "physischen Vernichtung der Juden", dessen Existenz der Brite stets bestritten hatte.
Zwar vermag auch Irving den Massenmord an den Juden nicht zu leugnen, doch für Hitler besteht er auf Freispruch. "Wenn das der Führer wüßte", hieß es schon unter den Nazis. Aber Irving kaprizierte sich darauf, daß es keinen schriftlichen Befehl Hitlers zur Judenvernichtung gibt, dabei weiß er ganz genau, daß die Nazis ihr Staatsgeheimnis Nr. 1 zu hüten wußten und mit Sprachregelungen zu kaschieren suchten. Judenvernichtung wurde mit "Evakuierung", "Sonderbehandlung", "Bandenbekämpfung" und "Endlösung" immerhin deutlich genug umschrieben.
"Nur in dem kranken Gehirn eines Dummkopfes kann die Vorstellung entstehen", sollte sich Irving von Eichmann belehren lassen, "daß der Reichsführer einen Ukas herausgegeben hätte, worin er schriftlich festlegt, daß der Führer die physische Vernichtung befohlen habe."
Aber auch andere Belege gegen den Haupttäter Hitler, der seit je, auch öffentlich, die "Ausrottung" der Juden angekündigt hatte - "Wenn ich einmal an der Macht bin, dann wird die Vernichtung der Juden meine erste und wichtigste Aufgabe sein", 1922 -, ignoriert Irving geflissentlich, etwa *___die von Reichsführer SS Heinrich Himmler ____unterzeichneten "Meldungen an den Führer über ____Bandenbekämpfung", so die Nr. 51 vom 20. Dezember 1942 ____mit der Eintragung: "Juden exekutiert - August: 31 246; ____September: 165 282; Oktober 95 735; November: 70 948; ____insgesamt: 663 211"; *___die Anweisung Himmlers an den Chef der ____Sicherheitspolizei und des SD vom 1. April 1943, für ____Hitler einen Gesamtbericht über den Stand der ____"Endlösung" anzufertigen; *___Himmlers Vermerk über einen "Vortrag beim Führer am 19. ____6. 1943" mit der Weisung Hitlers, die "Evakuierung der ____Juden" sei "trotz der dadurch entstehenden Unruhen ____radikal durchzuführen".
Laut Irving ist Himmler an allem schuld. Und auch da sollte er auf Eichmann hören, der allzu Naheliegendes dazu bemerkte: "Himmler muß hier seine ausdrückliche Weisung von Hitler gehabt haben; wenn Hitler das nicht angeordnet hätte, wäre Himmler ja mit Bomben und Granaten irgendwo abgesaust."
Der angeblich erst jetzt, und zwar in den Eichmann-Aufzeichnungen, entdeckte Hinweis auf den "Führerbefehl" bereitete Irving, wie er vorgibt, erst einmal "eine Menge Kopfzerbrechen". Anfangs war er "bereit zu glauben, daß Eichmann glaubt, es hätte einen Führerbefehl gegeben". Tags darauf war er wieder sicher, "daß Hitler keinen Befehl zur Vernichtung der Juden gegeben hat, was immer Eichmann auch glauben mag".
Experte Eichmann überlieferte: _____" Etwa um die Jahreswende 1941/42 teilte mir der Chef " _____" der Sicherheitspolizei und des SD, Heydrich, mündlich " _____" mit, daß der Führer die physische Vernichtung des " _____" jüdischen Gegners befohlen habe . . . " _____" Er teilte mir weiter mit, daß der Reichsführer den SS- " _____" und Polizeiführer Globocnik in Lublin beauftragt habe, " _____" die sowjetischen Panzergräben bei der Massenliquidierung " _____" der Juden zu benutzen. Ich selber solle hinfahren und " _____" Heydrich über den Fortgang der Operation Bericht " _____" erstatten . . . " _____" Die Endlösung selbst - die Tötung - war kein Reichsgesetz " _____" gewesen. Das war ein Führerbefehl . . . Führerworte haben " _____" Gesetzeskraft. Nicht nur in diesem Fall, sondern in allen " _____" Fällen. " _____" Wenn der Führer nicht selbst der Urheber der "physischen " _____" Vernichtung" gewesen sein kann, dann kann auch keine " _____" deutsche Stelle es gewesen sein. "
Diese Auslassungen finden sich in dem 1980, nach Eichmanns Tod, von seiner Familie veröffentlichten Buch "Ich, Adolf Eichmann". Sie sind so oder ganz ähnlich unter anderem aber auch in Hannah Arendts Werk "Eichmann in Jerusalem" nachzulesen, das schon 1964 erschienen und anhand von israelischen Gerichtsakten erarbeitet worden ist, ferner, mehrfach, in den 1982 von dem Journalisten Jochen von Lang publizierten Protokollen von Eichmanns Verhören in Jerusalem.
Irving, der sich als Faktenhuber ausgibt - und es auch gewesen ist -, kann diese Texte unmöglich übersehen haben; er hat sie wissentlich übergangen.
Mit den von ihm präsentierten Eichmann-Aufzeichnungen insgesamt verhält es sich ähnlich. Sie sind ein Sammelsurium von Notizen, Interview-Fetzen, längeren Darlegungen, apologetischen Ausflüchten und nichtssagenden Kurzbiographien der Eichmann-Chefs Himmler und Heydrich. Auf Hunderten von Schreibmaschinenseiten findet sich kaum etwas, was nicht längst veröffentlicht worden oder ohnedies ohne Belang ist. Auch das dürfte Irving nicht entgangen sein.
Und so erweist sich der eilige Schluß von Tilmann Koops - Sprecher des Koblenzer Bundesarchivs, dem Irving das Material zur Verwahrung überlassen hat - keineswegs als voreilig. Koops urteilte: "Irving hat sich damit geschickt ins Gespräch gebracht."
"Das ist alles kalter Kaffee", meint nun auch Eichmann-Sohn Dieter, 50. Gegenüber Irving pocht er auf das alleinige Verfügungsrecht an den Aufzeichnungen seines Vaters. Der flämische Ex-SS-Offizier, der dem Briten die Akte zugesteckt hatte, ging wohl davon aus, erklärt Dieter Eichmann sich die Panne, "wir sitzen in einem Boot".
* Auf einer Kundgebung von Rechtsradikalen in Halle, am 9. November 1991, dem Jahrestag des Judenpogroms ("Reichskristallnacht") von 1938.

DER SPIEGEL 9/1992
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