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DER SPIEGEL

ProfessorenTiger in der Ebene

Ein Freiburger Professor hat ein Buch über die Kriegslisten der alten Chinesen verfaßt. Interessierter Leser: Helmut Kohl.
Kong Ming, der Kanzler des Reiches, war in großer Bedrängnis. Reitende Boten hatten ihm berichtet, General Sima Yi sei im Anmarsch, mit 150 000 Mann.
Als Staubwolken am Horizont schon von einem bevorstehenden Angriff kündeten, befahl Ming, die Tore der Stadt Xicheng weit zu öffnen. Er selber setzte sich, mit einem Umhang aus Kranichfedern, auf die Stadtmauer und begann, sanft lächelnd, auf seiner Wölbbrettzither zu spielen.
Verdutzt ließ der feindliche General den Angriff abblasen. Die heitere Gelassenheit des Kanzlers hatte ihn zu der Annahme verleitet, ein wohlvorbereitetes Verteidigungskommando erwarte ihn - obwohl in Wahrheit nur 2500 Soldaten in der Stadt waren. Der Zitherauftritt war eine List in auswegloser Lage.
Etwa 17 Jahrhunderte nach der rettenden Kriegslist erfährt der Trick des Kanzlers Kong Ming weltweite Verbreitung - durch den Sinologen Harro von Senger, 47, der im baden-württembergischen Freiburg lehrt und ein Buch über die "36 Strategeme" verfaßt hat, einen altchinesischen Katalog klassischer Listen und Winkelzüge*.
Das Werk verspricht zum Bestseller zu werden. Die deutsche Ausgabe hat nach kurzer Zeit die sechste Auflage erreicht. Italienische und holländische Ausgaben liegen schon vor, eine chinesische wurde bereits 200 000mal verkauft. Französische, russische und amerikanische Übersetzungen erscheinen demnächst.
Im Abendland war die List im Kriege bislang kaum ein Thema gewesen, nach Ansicht Sengers ist sie "das letzte Tabu der westlichen Zivilisation". Zwar sind Beispiele listigen Verhaltens in Fülle überliefert - von antiken Sagengestalten wie dem fintenreichen Odysseus, der dem Dichter Homer zufolge ein hölzernes Pferd ("Trojanisches Pferd") bauen ließ, um Truppen in die belagerte Stadt Troja zu schleusen, bis zu dem US-Feldherrn Norman Schwarzkopf, der im Golfkrieg eine See-Attacke vortäuschte und dann überraschend über die linke Flanke zu Lande in den Irak einfiel.
Gleichwohl wurde die List im Westen - als Arglist oder Hinterlist - eher verteufelt. _(* Harro von Senger: "Strategeme. Der ) _(erste Band der berühmten 36 Strategeme ) _(der Chinesen". Scherz Verlag, München; ) _(445 Seiten; 42 Mark. ) Im Rechtsleben gilt "arglistige Täuschung" als sittenwidrig.
Das könnte sich ändern. Zu einem Kongreß in Amsterdam, der sich ausschließlich mit der List und mit Sengers Strategem-Sammlung beschäftigt, reisten neben Philosophen und Soziologen auch Betriebswirtschaftler und Pädagogen an.
In China gehören die "Lebens- und Überlebenslisten aus drei Jahrtausenden" (Untertitel) zur Alltagskultur. Beim Streit der Mao-Nachfolger mit der Viererbande 1976, bei der Ping-Pong-Taktik chinesischer Tischtennisspieler, die durch ihre meisterliche Defensivtechnik auch stärkste Gegner entnervten, oder bei der außenpolitischen Analyse findet die klassische Sammlung überlieferter Tricks Verwendung.
Entsprechend der Tradition chinesischen Denkens sind die Strategeme bildhaft formuliert: So fordert Strategem Nummer 13 ("Auf das Gras schlagen, um die Schlange aufzuscheuchen"), den Feind durch lautes Getöse einzuschüchtern, Strategem Nummer 15 ("Den Tiger vom Berg in die Ebene locken") leistet Hilfe, wenn es gilt, den Gegner aus einer strategisch überlegenen Position in offenes Terrain zu locken.
Senger hat, erstmals und abendländisch-abstrakt, die bildhaften Erfolgsregeln in Formeln übersetzt. Regel Nummer 6 etwa, das Erfolgsstrategem des Golf-Siegers Schwarzkopf ("Im Osten lärmen, im Westen angreifen"), definiert er als "Ablenkungsmanöver zur Verschleierung der Stoßrichtung eines Angriffs". Senger: "Davon sind die Chinesen begeistert. Das finden die großartig." Tatsächlich ist sein Werk bereits auf Platz 4 der Bestsellerliste des Buchmagazins Dushu Zhubao gelandet.
Senger war bei einem China-Aufenthalt 1964 auf die klassische Kultur der Tricks und Finten gestoßen. Doch die Recherchen erwiesen sich als schwierig: Der Katalog galt als Geheimwissen.
Zwar waren die "36 Strategeme des ehrenwerten Herrn Tan" schon in der "Geschichte der Südlichen Qi-Dynastie" im 5. Jahrhundert nach Christus erwähnt worden. Und auch das berühmte "I Ging", das Buch der Wandlungen, deutet die 36 klassischen Muster-Tricks an; Listen ordnete es, als Verhaltensform von subtiler Raffinesse, dem weiblichen Prinzip "Yin" zu. Doch im 17. Jahrhundert wurde der komplette Katalog vom Hongmen-Geheimbund, einer Art Freischärler-Vereinigung zur Befreiung Chinas von der mandschurischen Qing-Dynastie, zu strategischem Geheimwissen erklärt.
Sengers Buch befriedigt offenbar den List-Bedarf diverser Branchen. "Sofort auf Verhandlungen und Prozeßführung anwendbar", befand die Schweizerische Juristenzeitung. Das Bonner Militär-Journal Truppenpraxis entnahm dem Werk "unkonventionelle Ideen" für die Lösung soldatischer "Herausforderungen".
Auch der deutsche Kanzler Helmut Kohl hat in dem Büchlein bereits Lebensrat gefunden. Er habe das Werk, so schrieb er dem Autor, "mit Interesse, gelegentlich auch mit Schmunzeln angeschaut".
Für Politiker "besonders beherzigenswert" erschien dem großen Aussitzer das 4. Strategem: "Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten."
* Harro von Senger: "Strategeme. Der erste Band der berühmten 36 Strategeme der Chinesen". Scherz Verlag, München; 445 Seiten; 42 Mark.

DER SPIEGEL 9/1992
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