MuseenEinen Leo will ich auch
Ein Militärhistoriker baut im Auftrag der bayerischen Landesregierung in Ingolstadt eine große Kriegsschau auf. Er übertreibt ein bißchen.
Im Schützengraben ist es gemütlich. Akkurat haben Zimmerleute die Wände mit Fichtenholz verkleidet, als wär''s von Ikea. Frieren muß keiner. Die Zentralheizung wärmt angenehm. Im Bayerischen Armeemuseum zu Ingolstadt findet das Grauen von Verdun im Saale statt.
In einer Nische glänzt grün-grau ein Granatwerfer, gefährlich schwarz dräut ein Geschütz. Am grauen Winterhimmel unter der Decke, den hier und da Blitze von Bombeneinschlägen durchzucken, pinseln noch die Maler. "Anfang Mai", verkündet Museumschef Ernst Aichner, 49, soll die neue Abteilung Erster Weltkrieg eröffnet werden.
Die Welt rüstet ab, Ingolstadt rüstet auf. Das Armeemuseum, bislang weitgehend unbeachtet im Neuen Schloß untergebracht, soll zur bayerischen Attraktion aufgemotzt werden. Vier zusätzliche Gebäude sind für allerlei Kriegsmaterial vorgesehen.
Im Endausbau kann sich die Ingolstädter Sammlung durchaus mit dem Imperial War Museum in London messen. Mit über 10 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, etwa für Türkenkriege, Napoleons Schlachten, sämtliche Schulterklappen der Armee zu Kaisers Zeiten und einen ausgestopften Meldehund, nimmt dann das Militär wesentlich mehr Raum ein als die alten Meister in der Münchner Pinakothek.
Das Militärprojekt, ein Lieblingskind des bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair (CSU), löst unter Historikern wie Friedensfreunden Empörung aus. "Weltweites Entsetzen" über die Nachrüstung in Ingolstadt prophezeit etwa Karl-Heinz Rumpf, PR-Chef beim Ingolstädter Autohersteller Audi.
Doch das Museum paßt gut ins Konzept bayerischer Bildungspolitik. Oberschulmeister Zehetmair hat angeordnet, daß die bayerischen Schüler sich verstärkt mit der Nachkriegszeit, mit Bundeswehr _(* Mit einem ausgestopften Meldehund aus ) _(dem Ersten Weltkrieg. ) und Nato befassen. Was liegt näher als ein Schulausflug nach Ingolstadt.
So ist Museumsdirektor Aichner gar nicht mehr zu bremsen. Mit ministerieller Ermutigung hat er alles zusammengeholt, was alten Kameraden leuchtende Augen macht: Im Museumsdepot ruhen ein Düsenjäger Typ Fiat C-91 und ein Starfighter. Das Deutsche Museum in München entsandte zwei Mini-U-Boote, aus Chemnitz hat Aichner den Panzer T-34 anrollen lassen, den die Russen dort als Mahnmal aufgestellt hatten. "Einen Leo der Bundeswehr will ich auch noch haben", sagt der Waffenfreund.
Aus Platzmangel kann Aichner viele seiner Prunkstücke nicht einmal vorzeigen. Trotzdem habe er, sagt Aichner, "Himmel und Hölle" mobilisiert, um auch noch eine Uniform vom Einsatz des Bundesgrenzschutzes in Namibia zu ergattern. Künftige Blauhelm-Missionen deutscher Soldaten für die Uno müßten ebenfalls dokumentiert werden.
Ingolstädter Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer und Künstler haben gegen Aichner, der immer noch den Krieg als "Vater vieler Dinge" feiert, eine Initiative "Kultur statt Kanonen" gegründet. Schon der Name sei, so Aichner, eine "gezielte Provokation". Auch in einer Kanone stecke Kultur.
Vor allem die Ingolstädter SPD wendet sich, unter Führung des Landtagsabgeordneten Manfred Schuhmann, gegen Aichners Waffenlager. Schon seit Jahren fordert Schuhmann ein museumspädagogisches Konzept für die martialische Schau. Nun will er eine Generaldebatte im Landtag herbeiführen.
Da wird er Unterstützung sogar von der CSU bekommen. "Wo soll das denn alles enden?" fragte aus der Regierungspartei schon der Landtagsabgeordnete Hermann Regensburger. Schließlich horte Aichner bereits in großem Stil "Russenmützen" und den "Plunder von der NVA". Einmal müsse "doch Schluß sein", meint Regensburger.
Daß in Ingolstadt ein bißchen viel Krieg zu sehen ist, meint auch Diethard Herles vom Museumspädagogischen Zentrum in München. Dabei sei der Gegenstand der Militärhistorie doch recht begrenzt.
Im Kern, sagt Kriegskenner Herles, gehe es immer um denselben widerwärtigen Vorgang: "Menschen schlagen Menschen tot." o
* Mit einem ausgestopften Meldehund aus dem Ersten Weltkrieg.
