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DER SPIEGEL

ManagerWie eine Hinrichtung

Kompromiß im Machtkampf um die VW-Spitze: Die beiden Kontrahenten sollen den Konzern gemeinsam führen.
Unterschiedlicher können Menschen kaum sein. Der eine schwärmt von einem Auto mit 20 Zylindern, drei Turboladern und mehr als 1000 PS: "Das hat noch keiner gemacht."
Der andere findet es schrecklich, daß neue Autos "immer schneller und schwerer" werden, und könnte gar "mit einem Tempolimit leben".
Demnächst werden die beiden gegensätzlichen Typen eng zusammenarbeiten müssen. Audi-Chef Ferdinand Piech, 54, der PS-Begeisterte, und VW-Vorstand Daniel Goeudevert, 50, der Umwelt-Besorgte, sollen die Führung des VW-Konzerns übernehmen.
Aufsichtsratschef Klaus Liesen will noch vor der nächsten Hauptversammlung am 2. Juli das Gerangel um die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden Carl Hahn, 65, beenden. Lange Zeit galt der Franzose Goeudevert als klarer Favorit. Zuletzt aber setzte sich Audi-Manager Piech durch, der kaum ein Mittel scheute, um an den begehrten Posten zu kommen.
Piech soll Vorstandsvorsitzender und Goeudevert stellvertretender Chef von Europas größtem Automobilhersteller werden. Zum Konzern gehören die Marken VW und Audi, Seat und Skoda, er setzt mit 269 000 Mitarbeitern 77 Milliarden Mark um.
Wenn der Aufsichtsrat den Vorschlag akzeptiert, können die beiden ungleichen Partner ihre Arbeit früher als erwartet aufnehmen. Vorstandschef Carl Hahn, dessen Vertrag 1993 ausläuft, wird dann vorzeitig in den Aufsichtsrat wechseln.
Mit Ferdinand Piech übernimmt ein Vorstand die Verantwortung bei VW, der unter Automobil-Managern als krasser Außenseiter gilt. Kollegen bei BMW und Mercedes-Benz loben den Porsche-Enkel Piech zwar als "hervorragenden Techniker". Näheren Kontakt hält freilich kaum einer zu ihm.
Vorsichtige beschreiben Piech als einen "extrem ich-bezogenen" und "sehr merkwürdigen" Menschen. Boshafte sagen ihm nach, er sei "menschenscheu" und von "Verfolgungsängsten geplagt".
Für Irritationen sorgt Piech vor allem in persönlichen Gesprächen. Der in Wien geborene Manager redet mit leiser und flacher Stimme. Zwischen den einzelnen Worten legt Piech oft lange Pausen ein. Erst wenn seine Zuhörer kaum noch damit rechnen, daß er den Satz beendet, redet Piech plötzlich weiter.
Respekt nötigt der Österreicher auch den schärfsten Kritikern durch seine Arbeit als Autoentwickler ab. Mit der Allradtechnik und vollverzinkten Karrosserien begründete er den Audi-Werbespruch "Vorsprung durch Technik". Und im Herbst vergangenen Jahres sorgte Piech auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt mit der Sportwagen-Studie Audi Spyder für Aufsehen.
Sein selbstgestecktes Ziel erreichte Piech dennoch nie: Der Ingenieur wollte Audi als dritte Nobelmarke neben Mercedes und BMW in der Oberklasse etablieren. Vom Spitzenmodell V 8 können die Ingolstädter aber, trotz großzügiger Rabatte, nicht mal 5000 Wagen im Jahr verkaufen. 15 000 waren Piechs Ziel.
Das Feingefühl, das Piech im Umgang mit Nockenwellen an den Tag legt, läßt er bei der Auswahl und Motivation seiner Mitarbeiter häufig vermissen. Mehrere Manager verließen wegen Piech bereits fluchtartig das Unternehmen, drei Vorstandsmitglieder warf der Chef persönlich raus. Manche Entlassung zelebrierte der Österreicher wie eine Hinrichtung.
Audis PR-Manager, stets besorgt um das Image ihres Chefs, hatten es nach solchen Aktionen besonders schwer. Sie baten mitunter schlicht um Nachsicht. Man könne Piech doch "nicht ewig vorhalten", daß er einst mit der Stoppuhr vor der Toilette stand, um festzustellen, wieviel Zeit Angestellte auf derart unproduktive Weise verbringen.
Unvorstellbar schien lange Zeit, daß einer Konzernchef in Wolfsburg wird, der seine mangelnden Führungsqualitäten schon derart häufig unter Beweis gestellt hat. Doch Piech profitiert nun ausgerechnet von einer Machtkonstellation im VW-Aufsichtsrat, die eigentlich seinem Konkurrenten Daniel Goeudevert die besseren Chancen bringen müßte.
Seit in Hannover eine rot-grüne Koalition regiert, sitzen für das Land Niedersachsen der Sozialminister Walter Hiller (zuvor VW-Betriebsrat) und der SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder im Aufsichtsrat. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern können sie die Geschicke des Konzerns entscheidend bestimmen.
VW-Vorstand Daniel Goeudevert liegt mit seinen Ideen von umweltfreundlicheren Autos und Verkehrssystemen zwar genau auf der Linie des Ministerpräsidenten Schröder. Doch der Sozialdemokrat ist ungewöhnlich zurückhaltend, wenn es um Wirtschaftsfragen geht. Schröder agiert, als sei er unter Rechtfertigungszwang: Auch ein SPD-Ministerpräsident kann gut mit der Industrie auskommen.
Schröder ziert sich deshalb, von seiner Macht bei VW Gebrauch zu machen. "Es ist Sache des Aufsichtsratsvorsitzenden", sagt der Ministerpräsident, "einen konsensfähigen Vorschlag zu machen."
Aufsichtsratschef Liesen, im Hauptberuf Chef der Ruhrgas, sind die fortschrittlichen Ideen des Daniel Goeudevert nicht ganz geheuer. Piech dagegen kann bei Audi zwar Rationalisierungserfolge und eine gute Rendite vorweisen. Andererseits blieben Liesen die Schwächen des Technikfreaks Piech ebenfalls nicht verborgen.
Liesen überlegte deshalb, ob nicht jemand ganz anderes den Konzern steuern soll: Treuhand-Chefin Birgit Breuel und Bosch-Geschäftsführer Friedrich Schiefer standen eine Zeitlang auf der Kandidatenliste.
Weil er sich nicht so recht entscheiden kann, neigt Liesen nun einem Kompromiß zu: Piech soll zwar Konzernchef werden, aber nicht als Alleinherrscher in Wolfsburg einziehen. Goeudevert, bislang für die Marke VW zuständig, soll ihm als Stellvertreter zur Seite gestellt werden.
Die beiden unterschiedlichen Typen könnten sich theoretisch hervorragend ergänzen. Goeudevert wäre dann, wie ein Aufsichtsrat sagt, "der Außenminister". In den Verhandlungen um die Skoda-Übernahme hat der Franzose sein Geschick auf diesem Feld bereits hinreichend bewiesen. Und Piech müßte harte Sparmaßnahmen im Konzern durchsetzen.
Für kollegialen Führungsstil fehlen Piech fast alle Voraussetzungen. Getrieben von einem grenzenlosen Ehrgeiz, wird er wohl bald versuchen, seinen Stellvertreter herauszuboxen.
Möglich ist allerdings auch, daß er über seinen Ehrgeiz stolpert. Goeudevert wird sich wohl etwas dabei denken, wenn er die undankbare Vize-Position akzeptiert: Der eigentliche Machtkampf in Wolfsburg steht erst noch bevor.

DER SPIEGEL 9/1992
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