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DER SPIEGEL

„Als Frau hätte ich gelacht“

Kein Wort darüber, daß sie sich schlecht fühlt. Die Augen sind verquollen, die Nase ist zu, die Miene matt. Kampfkraft muß an diesem Tag die Hülle markieren: Signalrot ist der Blazer, den die Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) wohl mit Bedacht angezogen hat.
Den ersten Verhandlungstermin mit den Arbeitgebern des Öffentlichen Dienstes, den Beginn der Tarifgespräche durfte sie sich nicht entgehen lassen. Die Fernsehkameras laufen sich warm, und die Mitarbeiter der ÖTV-Vorsitzenden sind unruhig: "Die Monika ist krank."
Es ist kein guter Start in die diesjährige Tarifrunde an diesem 7. Februar in Stuttgart-Degerloch. Die Auseinandersetzung um mehr Geld für ihre Klientel wird ohnehin wohl für Monika Wulf-Mathies eine der schwierigsten.
Sie soll 9,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt plus 550 Mark Urlaubsgeld für die 2,3 Millionen Lagerarbeiter, Krankenschwestern und Verwaltungsangestellten herausholen, in der Summe rund 37 Milliarden Mark. Doch die öffentlichen Kassen sind leer, über mehr als vier oder allenfalls fünf Prozent, so wurde schon im Vorfeld klar, wollen die Arbeitgeber nicht mit sich reden lassen.
Der Aufbau im Osten verschlingt Milliarden, und um diese Ausgabe kommt der Staat gar nicht herum. Erstaunt und entsetzt verfolgen Wirtschaft und Öffentlichkeit die Chuzpe, mit der Monika Wulf-Mathies auf ihrer hohen Forderung beharrt.
Begreiflich ist das schon, da sie auch Ärger in der eigenen Organisation verkraften muß. Vielen der jüngeren Funktionäre passen Führungsstil und Politik der Chefin nicht mehr. Der Unmut sei so laut, sagt der Hamburger Bezirksvorsitzende Rolf Fritsch, "daß es auf dem Gewerkschaftstag im Juni Konsequenzen geben wird".
Erst einmal will Wulf-Mathies die Tarifrunde bestehen. Das Fernsehen zeichnet den Schlagabtausch mit Bundesinnenminister Rudolf Seiters auf: Wie ein Pflock steht Wulf-Mathies trotz Grippe da und drückt der Nation mit entschlossener Miene die Position der ÖTV ins Bild.
Die Frau, sagen Kritiker, sei so starr wie der Gewerkschaftsapparat, den sie repräsentiert - fleischgewordene Erwartungshaltung einer öffentlich bediensteten Klientel, die trotz leerer Kassen kräftige Zuschläge sehen will. Vielleicht ahnt sie, daß die Kritik gute Gründe hat - anzumerken ist es der 49jährigen ÖTV-Chefin nicht.
Wulf-Mathies, Doktor der Germanistik, kann schließlich gar nicht anders. Die Formel, die sie aushandeln muß, soll Arbeitern und Angestellten aus 400 Berufen gefallen. Da bleibt wenig Spielraum für lockeren Charme.
Wenn es in die heiße Phase der Tarifrunde geht, vielleicht schon in den nächsten Tagen, muß nicht nur die Chefin unerschütterlich stehen. Auch die vielen Interessen und Meinungen, die sie ja alle vertreten soll, müssen auf Kurs gehalten werden.
Harsch schlägt Wulf-Mathies deshalb jede Kritik weg, die in dieser Zeit nicht der beschlossenen Tariflinie dient. "Zu einem bestimmten Zeitpunkt", dekretiert sie, "muß einfach Schluß sein mit der internen Diskussion."
Ihre aufmüpfigen Bezirksleiter mögen solche Anweisungen nicht. Als die Vorsitzende vor Beginn der Tarifrunde durch die Bezirke reiste, wurde sie häufig kritisiert: Mangelnde Streikbereitschaft warfen ihr die Funktionäre vor, das Fehlen tarifpolitischer Perspektiven und Konzepte.
Da werden die Kollegen bisweilen auch recht deutlich. "Alles einheitlich und zentralistisch zu regeln", so der hessische Bezirksleiter Herbert Mai, "entspricht eher preußischen Ordnungsvorstellungen als einer modernen Tarifpolitik."
Solche Angriffe ärgern Wulf-Mathies, nicht wegen der Inhalte, sondern weil sie sich "ungerecht behandelt" fühlt. "Ich hätte gern mehr Entlastung", sagt sie. "Aber kluge Ideen allein reichen nicht, die müssen auch mehrheitsfähig sein."
Nur herumzunölen findet die ÖTV-Vorsitzende unpolitisch. Wer was ändern will, soll sich ihrer Meinung nach auf den mühevollen Weg machen: für Mehrheiten werben, Kompromisse suchen und dazu stehen.
Auf ihrer Reise durch die Bezirke hat die ÖTV-Chefin den Delegierten wieder und wieder klargemacht, daß die diesjährige Tariflinie ein Kompromiß sei - nicht zuviel verlangt, aber auch nicht zu wenig. Es helfe nicht weiter, jenseits der ökonomischen Vernunft Politik zu machen. Streik ist für Wulf-Mathies nur ein allerletztes Mittel, um Forderungen durchzusetzen, aber nichts, "was den Menschen per se eine höhere Lebensqualität gibt".
Weil sie weiß, daß sie diese Einsichten ihrer Mitgliederschaft nicht einfach so hinwerfen kann, saugt Wulf-Mathies sich an ihren Manuskripten fest, die sie sorgsam vorbereitet hat, Positives und Kritisches austarierend, für jeden die Bröckchen, die er braucht. "Die Mitglieder", sagt sie, "erwarten das."
"Wir lassen es nicht zu, daß Tarifverhandlungen zur Strafexpedition gegen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen umfunktioniert werden", sagt Wulf-Mathies, und sie liest die Sätze so hölzern vom Blatt ab, als sei es eine Plichtübung. "Bei uns müssen die Zeichen auf Sturm stehen, wenn wir die Mauer der Verweigerung durchbrechen wollen." Ein Agitationstalent ist sie nicht, hastig sammelt sie ihre Blätter wieder ein.
Minuten dauert es, bis sie sich, auf ihren Platz zurückgekehrt, entspannt. Die Sprödigkeit, die ihr Gesicht überzog, weicht allmählich. Sie zieht die Füße aus den Pumps, stützt das Kinn in die Hand und wartet auf die Diskussion.
Für eine Streitkultur wirbt sie, "in der man sich nicht gleich das Schlechteste unterstellt". Nicht immer, so denken wohl manche in diesem Augenblick, wirkt ihr Umgang mit Kritikern beispielhaft in diesem Sinne.
Der Münchner Funktionär Michael Wendl, der öffentlich ihre Tarifpolitik anprangerte, bekam die fristlose Kündigung. "Einer, der gegen Mehrheitsbeschlüsse ständig angeht", wetterte die Chefin, "gehört nicht dahin."
Nach einem gerichtlichen Vergleich, in dem Wendl seine Aussagen zurückzog, durfte er bleiben. Die Rechnung bekam die Vorsitzende: Vor wenigen Wochen wählten die bayerischen Delegierten Wendl zum stellvertretenden Bezirksvorsitzenden.
Erschrocken registrieren Beobachter, wie unwillig und grantig Wulf-Mathies Funktionäre und Journalisten mitunter abbügelt. Doch ausgerechnet harte Kontrahenten wie Michael Wendl scheint die ruppige Attitüde nicht zu schrecken. "Wenn man sich davon nicht beeindrucken läßt", sagt er, "zeigt sie sich sehr flexibel." Ihr Verantwortungsgefühl sei zu groß.
Statt bei bockigen Funktionären ist die ÖTV-Vorsitzende lieber unter Mitgliedern. Da taut sie richtig auf. Konzentriert hört sie sich auf der Essener Bezirkskonferenz die Klagen der Delegierten an und eilt zum Podium.
"Ho ho", raunt das Delegiertenvolk, Wulf-Mathies zwinkert zurück. Während sie einem Frager antwortet, sucht sie seinen Blick und spricht mit mütterlich-sonnigem Lächeln auf ihn ein. "Am Schluß entscheiden die Mitglieder, nicht die Vorsitzenden", sagt sie milde. "Und ich denke, das ist richtig so."
Die Mitglieder mögen das natürlich. Berührungsangst gibt es nicht, wenn sich die strubbelhaarige Frau unter Männer mischt. Die tätscheln ihr die Schulter, legen ihr die Hand beim Reden auf den Arm. Sie sucht diese Nähe.
Den ehemaligen Innenminister Friedrich Zimmermann allerdings, der in seinen Memoiren Monikas Knie eine Anekdote widmete, hat sie grob zurechtgewiesen. "Na, Madl, sag: Wie weit kannst denn gehen", will Zimmermann sie in einem Cafe gefragt haben, die Hand auf ihrem Knie. Bei Gott, schreibt er, die Dame sei richtig rot geworden.
"Als Frau", sagt Wulf-Mathies, "hätte ich, wenn es denn so stimmte, darüber lachen können. Aber er hat mich als Institution bloßgestellt. Das darf er nicht." Daß auch die Kritiker aus ihrer eigenen Truppe diese Linie zwischen Mensch und Institution nicht beachten, trifft sie. Der Vorwurf, nicht kritikfähig, nicht diskussionfreudig zu sein, Neuerungen abzublocken, scheint sie tatsächlich zu schmerzen.
Als ihr Vorgänger Heinz Kluncker die in der Organisation wenig erfahrene Kollegin zur Kandidatur für den Vorsitz überredete, waren traditionelle Gewerkschafter geschockt. Klunckers Stellvertreter Siegfried Merten und einige seiner Anhänger zogen sich verbittert aus der Organisation zurück.
Wulf-Mathies wurde gewählt, und von diesem Tag an wartete die Organisation auf ihr Scheitern. Zu groß schien die Lücke, die der schwergewichtige Kluncker hinterlassen hatte, der die Getreuen auch schon mal mit einem Fausthieb auf den Tisch zu überzeugen verstand.
"Die Monika" - wie wohlgesinnte Mitstreiter sie nennen - trank Bier mit den Arbeitern von der Müllabfuhr, schlug sich mit 40 Grad Fieber am Verhandlungstisch. Kippt sie um? Sie kippte nicht. Auch nicht, als ein Schiffsmonteur kräftig ins Taschentuch spuckte und ihr einen Rußfleck von der Nase putzte. Warum auch, sagt sie, es war freundlich gemeint.
Doch die Rolle der Übermutter, in die Wulf-Mathies sich manövriert hat, macht ihr auch zu schaffen. In ihrem Vorstand umgebe sie sich mit Technokraten, sagen ihre Kritiker. Starke Leute hätten es schwer, neben ihr hochzukommen. Er verstehe nicht, wundert sich der Hamburger Bezirksleiter Fritsch, warum sie hinter Kritik gleich den Mangel an Loyalität wittere.
Vielleicht ist sie auch so empfindlich, weil sie sich zu viel vorgenommen hat. Den Öffentlichen Dienst will Wulf-Mathies reformieren, die Tarifpolitik ausdifferenzieren, die traditionelle Organisation erneuern. Es sind verdienstvolle Vorhaben, die nur langsam vorankommen, weil sie niemandem wehtun sollen.
Während der IG-Metall-Chef Franz Steinkühler seine Zukunftsvisionen über die Gesellschaft im allgemeinen und die Metaller im besonderen prunkvoll inszeniert, muß Wulf-Mathies bei mißmutigen Funktionären Stimmung machen, die lieber ihr gewohntes Einwohnermeldeamt behalten wollen und keinen kundenfreundlichen Bürgerladen akzeptieren.
"Bei uns laufen die Dinge eben nicht so glatt", sagt die ÖTV-Chefin trocken. "Das sieht auf den ersten Blick nicht so strahlend aus wie bei der IG Metall."
Das nimmt sie in Kauf. Aber wenn aus dem Landesbezirk Hamburg der Antrag gestellt wird, sie solle wegen ihres letzten Tarifabschlusses zurücktreten, ist sie irritiert. Hat sie nicht das Beste versucht?

DER SPIEGEL 9/1992
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