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DER SPIEGEL

UnternehmenPrügel vom Handel

Die Sportschuhfirmen Adidas und Puma fallen immer weiter zurück. Die US-Konkurrenz ist übermächtig.
Rene Jäggi sieht eine Gefahr für seine Firma, die er selbst lange Zeit unterschätzt hat. Sie abzuwehren, meint der Chef der Sportschuh-Firma Adidas nun, "braucht es einen Supermann".
Jäggi, 43, ist bisher eher als Strahledenn als Supermann aufgefallen. Seit 1987 hat der Dynamiker den Sportartikel-Konzern zu sanieren versucht, mit nur mäßigem Erfolg. Sein Vertrag läuft Ende des Jahres aus, verlängern will er ihn nicht mehr.
Beim Herzogenauracher Lokal-Rivalen Puma sieht es ähnlich trübe wie bei Adidas aus. Auch dort kommen Sanierungsbemühungen nur schwer voran.
Es sind zwei Konkurrenten aus Amerika, die den beiden Firmen aus Franken zu schaffen machen. Einst beherrschten die deutschen Sportschuster den Weltmarkt, inzwischen werden sie von den US-Firmen Nike und Reebok sogar auf dem Heimatmarkt hart bedrängt. _(* Vor einem Porträt des Firmengründers ) _(Adi Dassler. )
83 Prozent (Reebok) und 70 Prozent (Nike) legten die amerikanischen Sportartikler 1991 in Deutschland zu. "Die US-Welle rollt", stellt Puma-Vize Bernd Szymanski trocken fest.
Die Puma-Verkäufer hatten im vergangenen Jahr ebenfalls große Ziele. Am Ende mußten sie sich mit vergleichsweise bescheidenen acht Prozent Zuwachs begnügen. Der Inlands-Umsatz von Adidas, der um sieben Prozent wachsen sollte, sackte sogar um eben diese Rate ab.
Nun müssen die Franken aufpassen, daß sie den Anschluß nicht für immer verlieren. Die Amerikaner stecken riesige Summen in die Entwicklung neuer Produkte und in die Werbung, die Deutschen dagegen müssen sparen.
Der Niedergang der deutschen Sportschuster begann, als der Turnschuh zum Modeartikel wurde. Unbeirrt produzierten die Franken weiterhin Spezialschuhe für fast jede Sportart. Das trieb vor allem die Kosten in die Höhe.
Die Newcomer Nike und Reebok verstanden es weit besser als die Deutschen, auf die Bedürfnisse jener Turnschuhträger einzugehen, die nur gelegentlich oder überhaupt keinen Sport treiben. Nike-Gründer Philip Knight, ein ehemaliger Mittelstreckler, erzielte vor allem bei Joggern Verkaufserfolge. Reebok-Chef Paul Fireman traf mit bunten, bequemen und billigen Modellen besonders den Geschmack von Frauen und Jugendlichen.
Binnen weniger Jahre stiegen Nike und Reebok zu den stärksten Anbietern auf dem US-Markt auf. Adidas und Puma dagegen verpulverten Millionen und Abermillionen in verlustreichen Rückzugsgefechten auf diesem wichtigsten Sportartikelmarkt der Welt.
Während die Amerikaner ständig hohe Gewinne einfuhren, schlitterten die Deutschen schließlich tief ins Minus. Nach einem existenzbedrohenden Verlust von über 73 Millionen Mark im Jahre 1987 wurde Puma, die weit kleinere und schwächere der beiden Herzogenauracher Firmen, nur durch den rigorosen Sparkurs eines neuen Managements vor dem Ruin gerettet.
Dem Adidas-Konzern, seit dem Tode des Gründersohnes Horst Dassler im Jahre 1987 ebenfalls unter neuer, familienfremder Leitung, ging es nicht besser. 1989 betrug der Verlust sogar 130 Millionen Mark.
Notgedrungen gab Puma-Haupteigner Armin Dassler, der inzwischen verstorben ist, seine Firmen-Anteile 1989 an die Schweizer Handelsgruppe Cosa Liebermann ab. Von dort gelangte das Puma-Paket ein Jahr später an den schwedischen Mischkonzern Aritmos.
Bald darauf fiel auch die von Sportschuster Adi Dassler gegründete Firma Adidas in ausländische Hand. In zwei Schritten sicherte sich Mitte 1990 und Anfang 1991 der französische Unternehmer Bernard Tapie 95 Prozent des Unternehmens.
An seiner Adidas-Holding mußte der schillernde Franzose inzwischen jedoch noch Finanzhäuser aus seiner Heimat und den britischen Konsumgüter-Konzern Pentland, den ehemaligen Hauptaktionär von Reebok, beteiligen. Sonst hätte er nicht genügend Geld für die erste Rate jenes Kredits zusammenbekommen, den er zur Finanzierung seines Adidas-Kaufs aufgenommen hatte.
Die US-Konkurrenten Nike und Reebok, die sich zunächst auf ihren großen Heimatmarkt konzentriert hatten, griffen derweil auch erfolgreich auf den internationalen Märkten an. Vor drei Jahren jagte Nike dem Adidas-Konzern den Rang des größten Sportartikelunternehmens der Welt ab. Im vergangenen Jahr zog auch Reebok an den Herzogenaurachern vorbei.
Viel Widerstand hatte Adidas der Konkurrenz nicht entgegenzusetzen. Das Kapital war knapp. Bei Eigenmitteln, die nur noch 13 Prozent der Bilanzsumme betrugen, wären teure Gegen-Offensiven gegen die kapitalstarke Konkurrenz zu riskant gewesen.
Der neue Großaktionär brachte keine Hilfe. Vor seinem Einstieg bei Adidas hatte Tapie zwar versprochen, er werde die Finanzkraft des Konzerns mit einer Kapitalspritze von 300 Millionen Mark stärken. In Wahrheit aber konnte er nicht eine einzige Mark aus eigener Tasche in seine deutsche Firma stecken.
Statt dessen ordnete Tapie den Verkauf von Neben-Marken des Adidas-Konzerns wie Arena, Le Coq Sportif und Pony an. Das brachte der fränkischen Firma wenigstens etliche Millionen außerordentliche Erlöse ein.
Immerhin schien das Schlimmste überstanden. Das Jahr 1990 endete mit einem bescheidenen Gewinn, und 1991, versprach Optimist Jäggi, sollte es weiter aufwärtsgehen.
Der Nachbar aus Herzogenaurach machte ebenfalls Fortschritte. Puma hatte in dem Schweden Aritmos einen grundsoliden, im Sportartikelgeschäft erfahrenen Eigentümer gefunden. 1991 sollte es endlich wieder einen zweistelligen Millionen-Gewinn geben.
Doch es kam anders. In der zweiten Jahreshälfte brach bei Adidas wie Puma plötzlich der Absatz auf dem deutschen Markt weg. "So einen extremen Einbruch hat es noch nie gegeben", meint Puma-Finanzchef Szymanski. "Das war ein fürchterlicher Hammer", klagt Adidas-Chef Jäggi.
Die Schuld geben beide vor allem den Amerikanern. Nike und Reebok könnten daheim nicht mehr so viele Schuhe absetzen wie geplant, behaupten die Deutschen. Sie würden ihre Produkte daher in den deutschen Markt drücken.
Der neue Puma-Chef Stefan Jacobsson und dessen Mannen setzen nun all ihre Hoffnung auf ein neues Modell. Nächsten Monat wird Puma erstmals in seiner Firmengeschichte eine echte Innovation in den Handel bringen.
Mit seinem "Disc System" hat die Firma einen Sportschuh entwickelt, der nicht mehr durch Schnüren, sondern durch Drehen einer Scheibe angepaßt wird. Um den Schuh zu öffnen, genügt ein Druck auf die Scheibe.
"Unsere Außendienstler, die in den letzten Jahren immer nur Prügel vom Handel bekommen haben, fangen an, wieder aufrecht zu gehen", sagt Szymanski. "Jeder weiß, daß der neue Schuh die Chance für Puma ist."
Bei Adidas dagegen zieht sich nun selbst ein so kämpferischer und notorisch optimistischer Typ wie der Ex-Judoka Jäggi zurück - möglicherweise gerade noch rechtzeitig. "Deutschland ist die letzte Bastion von Adidas", meint Reebok-Manager Litzel, "und die wird wohl auch noch fallen."
* Vor einem Porträt des Firmengründers Adi Dassler.

DER SPIEGEL 9/1992
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