NahostHerde von Hammeln
Wahlkampfauftakt in Israel: Mit dem militärischen Schlag gegen die Hisb Allah gefährdete Jerusalem den Fortgang der Friedensgespräche.
Jahrelang lebten die Bewohner der israelischen Grenzorte Metulla und Kirjat Schmone in ständiger Angst vor nächtlichen Raketenangriffen und palästinensischen Terrorkommandos. Doch in letzter Zeit schien die Lage entspannt.
Die Jerusalemer Regierung hob sogar vor kurzem die Vorschrift auf, daß in jedem neuerrichteten Haus entlang der Grenze zum Libanon ein Schutzraum eingebaut werden müsse.
Auch auf der anderen Seite war bei der überwiegend schiitischen Bevölkerung des Südlibanon Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft eingekehrt - zum erstenmal nach 15 Jahren Bürgerkrieg, Einfällen israelischer Soldaten und Willkürherrschaft palästinensischer Milizionäre.
Vergangene Woche zeigte sich wieder einmal, wie schnell nahöstliche Friedensaussichten in einer neuen Welle von Gewalt enden können. Während Israelis und Araber zur dritten Runde der Friedensgespräche nach Washington abreisten, drohte der Region eine gefährliche Explosion.
Aus der Luft und vom Boden bombardierte die israelische Armee Dörfer und Siedlungen innerhalb der bis zu 20 Kilometer breiten Sicherheitszone entlang der Grenze. Truppen rückten immer tiefer auf libanesisches Territorium vor - so hatte 1982 der Libanon-Feldzug des damaligen Verteidigungsministers Ariel Scharon begonnen, der mit der Eroberung Beiruts und dem Massaker Hunderter Palästinenser in den Lagern von Sabra und Schattila endete.
Ein gewaltiger Flüchtlingstreck - die libanesische Polizei zählte mindestens 75 000 Menschen - strömte nach Norden in die Hafenstädte Sidon und Tyrus. In den Dörfern Jatar und Kafra blieben nur wenige Alte zurück. Einer von ihnen berichtete: "Die ganze Zone liegt unter Feuer. Keiner wagt sich heraus."
Angst und Leid gab es auch auf der anderen Seite: Im israelischen Grenzgebiet schlugen tagelang Granaten ein, abgefeuert aus Stellungen der schiitischen Hisb-Allah-Miliz. Vorigen Freitag starb ein fünfjähriges Mädchen durch Granatsplitter. Ein Einwohner von Kirjat Schmone: "Ein Wunder, daß nicht mehr passiert ist."
Premierminister Jizchak Schamir, der sich vergangenen Mittwoch auf Inspektion in den nördlichen Grenzabschnitt begab, beruhigte die verängstigte Bevölkerung: "Wir werden die Feinde überwältigen und entwaffnen."
Ob das so schnell geht, wie es der Premier verspricht, ist fraglich. Denn um die Milizionäre der Hisb Allah (Gottespartei) zu stellen, müßten die Israelis tiefer in den Libanon eindringen, als ihnen lieb sein kann.
Nach der Auflösung der christlichen wie moslemischen Milizen ist die Hisb Allah neben der regulären libanesischen Armee und den Syrern die einzige organisierte bewaffnete Macht im Libanon.
Finanziell und militärisch vom Iran unterstützt, gelten die Gotteskämpfer als fanatische Krieger. Der Tod ihres Generalsekretärs Scheich Abbas Mussawi, 39, der vorletzten Sonntag bei einem israelischen Luftangriff im Südlibanon ums Leben kam (mit ihm starben seine Frau, ein kleiner Sohn sowie mehrere Leibwächter), drohte zum Auftakt einer erneuten Terrorwelle zu werden.
Angehörige der Hisb Allah, bislang vor allem als Kidnapper westlicher Geiseln in Verruf geraten, haben in den vergangenen Jahren immer wieder Selbstmordkommandos gegen israelische Armeeangehörige unternommen.
Die Ermordung des als moderat geltenden Hisb-Allah-Generalsekretärs, der sich zuletzt für die Freilassung der verschleppten Amerikaner und ein baldiges Ende des Geiseldramas der beiden Deutschen Heinrich Strübig, 50, und Thomas Kempter, 29, eingesetzt hatte, rechtfertigte Jerusalem als Vergeltungsaktion für den Tod dreier israelischen Rekruten, die vorletzte Woche in einem Armeelager im Schlaf überfallen und umgebracht worden waren. Doch die Täter, die flüchten konnten, waren Palästinenser.
Dennoch benutzte Schamir, der vorigen Donnerstag als Spitzenkandidat des Likud für die Parlamentswahl im Juni bestätigt wurde, das Attentat als Vorwand für eine längst geplante Kommandoaktion gegen die Hisb-Allah-Führung. Schon Ende Dezember 1991 waren israelische Hubschrauber im südlibanesischen Dschibschit gelandet und hatten drei Männer entführt. Doch schnell erwiesen sich die Gekidnappten als harmlose Dorfbewohner, die mit Hisb Allah nichts zu tun hatten.
Diesmal klappte der Schlag gegen die "mörderische Terroristen-Organisation" (Verteidigungsminister Mosche Arens). Nur Stunden nach dem Tod ihres Chefs meldete die Beiruter Hisb-Allah-Zentrale die "Exekution" von Ron Arad. Der Navigator der israelischen Luftwaffe war 1986 im Südlibanon gefangengenommen worden. Die Tel Aviver Tageszeitung Chadaschot: "Individuen können vergeben, aber Staaten dürfen es nur eine kurze Zeit hinnehmen, beleidigt zu werden."
Der erneute Gewaltausbruch traf vor allem ein Land, das schon häufig den Preis für arabisch-israelische Auseinandersetzungen zahlen mußte. Nur mühsam war es der libanesischen Regierung gelungen, unter der Schutzherrschaft des Nachbarn Syrien eine neue staatliche Ordnung wiederherzustellen.
Die Beiruter Führung, deren Ziel der bedingungslose Abzug der israelischen Armee aus der südlibanesischen Sicherheitszone ist, benutzt die Hisb-Allah-Miliz als Karte im nahöstlichen Friedenspoker. Ministerpräsident Omar Karame: "Wir werden die Hisb Allah nicht entwaffnen, im Gegenteil. Wir werden sie gerade jetzt unterstützen, während wir in Washington Friedensverhandlungen führen. Denn der bewaffnete Widerstand im Südlibanon ist ein Trumpf in unserer Hand."
In Washington, auf dessen Hilfe beim Wiederaufbau die Beiruter Regierung baut, stieß diese Haltung auf wachsenden Mißmut. Von der Hisb Allah, die nicht nur jahrelang Amerikaner als Geiseln gehalten hatte, sondern auch für die Ermordung des Beiruter CIA-Chefs William Buckley sowie des US-Offiziers William Higgins verantwortlich gemacht wird, fühlen sich die USA ganz besonders herausgefordert.
Erst vergangenen Monat drohte US-Botschafter Ryan Crocker dem Beiruter Regierungschef mit "ernsthaften Konsequenzen", wenn er die Hisb Allah nicht schleunigst entwaffne. Crocker: "Glauben Sie, daß wir Amerikaner eine Herde dummer Hammel sind?"
In Beirut verstärkte sich deshalb der Verdacht, daß Israel den Mordanschlag auf Mussawi mit Billigung Washingtons geplant habe (siehe Interview Seite 160).
Obwohl die israelische Führung Ende vergangener Woche den Rückzug ihrer Truppen anordnete, gibt es für den Schamir-Konkurrenten und derzeitigen Wohnungsbauminister Ariel Scharon nur eine Lösung: Israel müsse seine Sicherheitszone im Libanon "erweitern" - also noch größere Teile des Nachbarlandes besetzen.
