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DER SPIEGEL

„Es wird noch viel Blut fließen“

Scheich Mohammed Hussein Fadlallah, 66, ist das geistige Oberhaupt der proiranischen Hisb-Allah-Miliz.
SPIEGEL: Scheich Fadlallah, Sie haben nach dem Tod von Scheich Abbas Mussawi alle Moslems aufgerufen, gegen Israel an allen Fronten vorzugehen. Droht ein neuer Krieg im Nahen Osten?
FADLALLAH: Was erwarten Sie von den Moslems, wenn man ihr Blut fließen läßt? Sollen wir tatenlos zuschauen und auf die Verbrechen der Israelis nicht reagieren?
SPIEGEL: Der israelische Verteidigungsminister Mosche Arens sagt, Scheich Abba Mussawi habe Blut an seinen Händen gehabt.
FADLALLAH: Klebt an den Händen der Zionisten kein Blut? Die Ermordung des Generalsekretärs der Hisb Allah ist ein Beweis, wie sehr die Juden uns hassen und das Leben der Moslems verachten. Die Juden glauben, daß sie islamisches Blut ungesühnt und ungestraft vergießen können. Da irren sie sich gewaltig. Sie haben diese Aktion unternommen, nachdem sie grünes Licht von ihren Meistern in Amerika bekamen. Die Zionisten sollen zur Kenntnis nehmen, daß es zwischen uns noch viele Schlachten geben wird. Wir werden ihnen zeigen, wer den längeren Atem hat.
SPIEGEL: Wie erklären Sie, daß die Israelis so gut über die Route der Wagenkolonne von Scheich Mussawi informiert waren? Haben sie Informanten in den Reihen der Hisb Allah?
FADLALLAH: Das glaube ich nicht. Den Israelis ist die mörderische Tat gelungen, weil Abbas ein sehr mutiger Mann war und nichts fürchtete. Das hat ihn veranlaßt, die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu vernachlässigen. Die israelischen Hubschrauber unternehmen täglich Aufklärungsflüge über unserem Gebiet. Zufällig entdeckten sie die ungeschützte Kolonne des Generalsekretärs. Das ermutigte die israelischen Piloten zu ihrem Angriff.
SPIEGEL: Der wieder einmal Israels militärische Überlegenheit bewies.
FADLALLAH: Die Juden wollen, daß die gesamte islamische Nation in Angst und Schrecken versetzt wird. Sie wollen uns einschüchtern und am Ende zwingen, vollendete Tatsachen anzuerkennen. Aber wir werden uns dem Terror nicht beugen und die jüdische Gesellschaft weiterhin in Sorge und Gefahr leben lassen.
SPIEGEL: Welche politischen Folgen hat die Ermordung Mussawis für den Libanon?
FADLALLAH: Es geht nicht um die Tötung eines einzelnen Menschen, sondern um die Existenz eines Volkes und einer Nation. Dieses Verbrechen wird uns nicht den Mut rauben oder unseren Widerstand schmälern, im Gegenteil, unser Widerstand wird noch stärker und gewaltiger. Die Juden müssen begreifen, daß es keine Macht auf dieser Erde gibt, die in der Lage ist, die Moslems und ihre Nation zu vernichten.
SPIEGEL: Der Aufmarsch israelischer Truppen im Südlibanon hat eine Massenflucht ausgelöst. Wäre es nicht auch für Ihr Volk klüger, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen?
FADLALLAH: Dieser Einmarsch ist Show und Propaganda für den israelischen Wahlkampf. Er soll die jüdische Gesellschaft wieder beruhigen, nachdem es moslemischen Widerstandskämpfern vor ein paar Tagen gelungen war, im Herzen Israels eine Militärkaserne anzugreifen und israelische Soldaten mit Äxten und Messern zu töten. Der Erfolg solcher Angriffe entmutigt die Einwanderung sowjetischer Juden nach Israel. Sollten die Israelis den Südlibanon wirklich überrennen, werden ihre Probleme nur noch größer.
SPIEGEL: Warum ist ausgerechnet Scheich Abbas Mussawi, der als gemäßigt und pragmatisch galt, zur Zielscheibe der Israelis geworden?
FADLALLAH: Bislang gelang es den Israelis nicht, die arabischen Widerstandskämpfer zu erwischen, die ihre Kaserne angegriffen haben. Diese Aktion hat ihr Selbstbewußtsein angeschlagen und vor allem die vielgepriesene Stärke der Israelis unterminiert. Israel fürchtet um seine Autorität, deswegen tötete es den Generalsekretär auf spektakuläre Weise, um das verlorene Vertrauen in der jüdischen Gesellschaft wiederherzustellen. Trotz aller Friedensappelle aus USA und Europa sage ich voraus: Zwischen uns wird noch viel Gewalt herrschen und viel Blut fließen.
SPIEGEL: Ist die Fortsetzung der Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Arabern in Washington jetzt gefährdet?
FADLALLAH: Das Verbrechen der Israelis war eine eindeutige Botschaft. Wir werden sie entsprechend beantworten - alle Moslems werden darauf antworten.
SPIEGEL: Heißt das auch, daß die Anhänger der Hisb Allah wieder westliche Ausländer als Geiseln entführen werden?
FADLALLAH: Ich glaube nicht, daß irgend jemand daran interessiert ist, Geiseln zu entführen. Die westlichen Bürger haben im Libanon nichts zu befürchten.
SPIEGEL: Sind denn die Aussichten auf die Freilassung der zwei deutschen Geiseln im Libanon schlechter geworden?
FADLALLAH: Nein. Ich sehe die Lösung darin, daß Deutschland zu der alten, bewährten Geheimdiplomatie zurückkehrt. Nach meinen Erkenntnissen waren schon große Fortschritte erreicht worden. Dann ist alles zum Stillstand gekommen, weil die deutsche Regierung in der Öffentlichkeit eine starre Haltung einnahm. Das deutsche Volk ist unser Freund, es war genauso unterdrückt, wie wir es heute noch sind. Wir haben überhaupt nichts gegen die Deutschen. Deshalb fordern wir die Bundesregierung auf: Kehren Sie zurück zu geheimen Verhandlungen, das gibt große Hoffnung.
SPIEGEL: Trifft es zu, daß der im Libanon gefangene israelische Navigator Ron Arad zur Vergeltung hingerichtet wurde?
FADLALLAH: Diese Frage kann nicht an mich gerichtet werden.
SPIEGEL: Mit Gegengewalt wird die Hisb Allah nichts erreichen. Wann setzt sich die Bereitschaft zur Suche nach einer friedlichen Lösung durch?
FADLALLAH: Zur Zeit ringen viele in und außerhalb dieser Region um eine Kompromißlösung. Die Moslems wollen ihre Freiheit, sie wollen ihr Land zurückhaben. Solange wir das nicht bekommen, wird der Kampf fortgesetzt, und er wird noch sehr, sehr lange dauern. Die Friedensverhandlungen, in Washington oder woanders, sind nicht das Entscheidende, es geht um die Würde und die Freiheit der islamischen Nation. Es läßt uns gleichgültig, wie viele Opfer wir bringen müssen, bis wir diese Ziele erreicht haben. Die Geschichte lehrt uns, daß kein Volk seine nationale Freiheit ohne Blutvergießen erreicht.

DER SPIEGEL 9/1992
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