ÖsterreichZweite Mutter
Ein Mörder erschrieb sich in der Haft seine Freiheit. Schlug der „Hurenwürger“ nach der Entlassung auf Bewährung nun wieder zu?
Die grausige Serie begann im Oktober 1990. Auf ihrem gewohnten Standplatz in Graz tauchte die Prostituierte Brunhilde Masser plötzlich nicht mehr auf. Drei Monate danach wurde die Frau in einem Wald gefunden, nackt und erdrosselt. In der Folge verschwanden noch sechs weitere Dirnen in Bregenz, Graz und Wien - ihre unbekleideten Leichen wurden meist erst Wochen später entdeckt.
Nun wird nach dem Ex-Sträfling und "Häfenpoet" (österreichisch für "Knastdichter") Jack Unterweger, 41, gefahndet. Er steht im dringenden Verdacht, der langgesuchte Dirnenkiller zu sein.
Der Mann hat eine einschlägige Vorgeschichte: 1976 war er wegen Mordes an einer deutschen Prostituierten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Gefängnis debütierte er als Schriftsteller - und wurde im Mai 1990 vorzeitig auf Bewährung freigelassen.
Bei den ersten Verhören bot Unterweger Alibis an, die einer genaueren Prüfung nicht standhielten. Als er jetzt wieder vernommen werden sollte, setzte sich der Dichter ab. Seine Flucht löste in Österreich eine beispiellose Medienhatz aus, die zu einem Rundumschlag gegen die Literaturszene insgesamt auszuarten droht.
Seine literarische Karriere hatte "Jack der Schreiber" (Kurier) mit dem autobiographischen Roman "Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus" begonnen, der auch erfolgreich verfilmt wurde.
Bald wurde die Literaturszene aufmerksam auf den Kollegen im Knast. Faszinierend schienen weniger die - eher kümmerlichen - literarischen Qualitäten des Werks als die ungehemmte Brutalität, mit der Unterweger seine Taten und den Gefängnisalltag schilderte. Intellektuelle sahen in ihm ein Paradebeispiel für erfolgreiche Resozialisierung; Psychologen befanden, der Häftling habe es geschafft, seine aggressiven Energien in Literatur zu sublimieren.
Solches Interesse für einen Gewalttäter, der "um sein Leben schreibt" (Wiener Zeitung), ist nicht neu. In Deutschland hatte es Burkhard Driest nach seiner Haftentlassung als Autor und Schauspieler zu Ruhm gebracht - nicht zuletzt deshalb, weil er sein Image als Brutalo mit Charme effektvoll einzusetzen verstand.
Ähnlich trat Jack Unterweger auf: Im blütenweißen Anzug, mit roter Blume im Knopfloch und schweren Goldringen an den Fingern bot er das Inbild des schönen Strizzi, der er ja wirklich gewesen war.
Johann ("Jack") Unterweger wurde 1950 als unehelicher Sohn einer Prostituierten und eines amerikanischen Besatzungssoldaten geboren. Er wuchs im Prostituierten- und Trinkermilieu, dann in Erziehungsanstalten auf. Insgesamt 15 Vorstrafen hatte der 25jährige Unterweger auf seinem Konto, als er 1976 lebenslang bekam.
Anfang der achtziger Jahre adoptierte die Kulturszene den mißratenen Sohn: Die Grazer Autorenversammlung engagierte sich ebenso für die vorzeitige Entlassung des milieugeschädigten Kollegen wie der Pen-Club.
Eine erbauliche Solidarität - aber auch eine große Verantwortung, wie der linke Publizist Günther Nenning bereits 1983 feststellte. Nach einer Lesung im Gefängnis, zu der zahlreiche Prominente gekommen waren, die für die Freilassung Unterwegers kämpften, warnte Nenning: "Die Kulturprominenz, die sich hinter Unterweger solidarisch versammelt hat, muß jetzt aufpassen, daß sie nicht seine zweite, ebenso geartete Mutter wird."
Zunächst ging alles gut. Doch draußen mußte Unterweger bald erkennen, daß es leichter war, als Knastbruder berühmt zu werden denn als freier Dichter.
Nun ist er noch einmal in die Schlagzeilen gekommen. Ob schuldig oder nicht - für die meisten österreichischen Medien liegt der Fall klar, sie setzen die Literatur mit dem Leben gleich. Neben die blutrünstige Auflistung der Dirnenmorde, die Unterweger begangen haben soll, stellt etwa die Neue Kronen-Zeitung zum Beweis die passenden Textstellen aus den Werken des "Hurenwürgers":
"Wieder schlug ich zu. Gemeine Ohrfeigen, Blut kam aus der Nase. Ich zerrte sie ins Bad und holte das Pillenglas . . ."
Gerhard Ruiss von der Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren, der jahrelang für eine vorzeitige Entlassung Unterwegers gekämpft hatte, befürchtet Schlimmes. Daß sich so viele Schriftsteller für Unterweger einsetzten, "schlägt jetzt bereits um in eine pauschale Stigmatisierung", so Ruiss: Der Literatur "sollen in Österreich wieder einmal die Flügel gestutzt werden". o
