„Helft uns, wir sind am Ende“
Vor dem verstaubten Eingang des historischen Chan-Mordschan-Restaurants in der Altstadt von Bagdad hofft Fatima, 6, auf Mitleid. Mit traurigem Blick streckt sie Passanten, die vom Abendgebet in der nahe gelegenen Chulafa-Moschee kommen, ihre Händchen entgegen. "Bei Allah, ich habe heute noch nichts gegessen", ruft das Kind mit weinerlicher Stimme einem vornehm gekleideten Ehepaar zu, das an dem schmutziggelben Lokal - früher das feinste in Bagdad - vorbeischlendert.
Fast ungläubig greift das dünne Kind nach der viereckigen Münze, die ihr der wohlhabende Effendi zuwirft: 250 Fils, ein Viertel Dinar - genug immerhin für ein paar kleine Fladenbrote.
Solche Großzügigkeit können sich nur noch wenige Iraker leisten. Der Golfkrieg und die Wirtschaftssanktionen der Vereinten Nationen haben das Land ruiniert.
Die herausfordernden, sorgfältig inszenierten Auftritte des Staatschefs Saddam Hussein, die offiziellen Bilder von gelungener Wiederaufbauarbeit und jubelnden Massen täuschen. Die Kriegswut ihres Diktators hat die Bewohner des Ölstaates, die sich an einen hohen Lebensstandard, an eine funktionierende Verwaltung und vorbildliche Sozialleistungen gewöhnt hatten, in einem knappen Jahr zu einem Volk von Bettlern gemacht.
Um Almosen flehende Kinder wie Fatima waren früher in Bagdad unvorstellbar - jetzt laufen sie in Scharen herum. Zu den Gebetszeiten zieht es die Bedürftigen in die Nähe der Gotteshäuser. In der Innenstadt bitten selbst ordentlich gekleidete Männer und Frauen mit gesenktem Blick und flüsternder Stimme wohlhabend aussehende Passanten um "mussaada", eine Unterstützung.
Die zunehmende Verelendung hat einen für das Regime gefährlichen Effekt: Sie schürt keineswegs nur den Zorn auf US-Präsident George Bush, den Saddam als Verbrecher am irakischen Volk anprangert. Mit dem Hunger wächst der Groll, und damit auch die Bereitschaft zur Kritik am einst unantastbaren Feldherrn.
"Wir haben unsere Zukunft in Kuweit verspielt", bekennt ein Regierungsbeamter in einem ungewohnt offenen Gespräch mit einer Handvoll übriggebliebener Auslandsdiplomaten. Ein hochgestellter Funktionär der Baath-Partei spricht aus, was vor kurzem noch lebensgefährliche Ketzerei gewesen wäre: "Was hatten wir in Kuweit zu suchen?"
Derart krasse Formen nimmt der Verfall an, daß nicht einmal mehr die Pflichtoptimisten im Informationsministerium Mühe darauf verwenden, ausländische Besucher von der Existenz eines glaubwürdigen Aufbauprogramms zu überzeugen. "Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll", räumt der Leiter des staatlichen Informationsamtes, Amir el-Hulw, ein. Daß Saddam Hussein die Schuld daran trage, sagt el-Hulw nicht.
Auf den ersten Blick sieht das Stadtzentrum der Tigris-Metropole nicht nach Elend und Not aus. Um Besucher zu blenden, führen die staatlichen Propagandisten gern die in Bagdad mit Vorrang betriebene Beseitigung der Bombenschäden vor. Zwei der drei zerstörten Tigris-Brücken konnten schnell repariert werden - aber nur, weil die US-Bomber Präzisionsarbeit geleistet und lediglich die Mittelstücke der Brücken aus den Stahlrahmen gesprengt hatten.
Auch die Erdölraffinerie von Daura im Süden der Hauptstadt ist wieder intakt; die Feindflugzeuge hatten nur die Abfüllanlagen zerstört. Von den Angriffen der Alliierten sind deshalb nur noch wenige Spuren zu sehen, wie die Ruinen des Alwija-Fernmeldezentrums und des Ministeriums für Lokale Selbstverwaltung am Gamal-Abd-el-Nasser-Platz. Trümmerfelder wie im bürgerkriegsverwüsteten Beirut gibt es in Bagdad nicht.
Am schwer getroffenen Bunker im Villenvorort Amiria, in dem durch gezielten Einsatz von Spezialbomben über 400 Menschen umkamen, räumen Arbeiter allerdings noch demonstrativ auf. Daß die Raketenangriffe der Iraner während des achtjährigen Golfkrieges siebenmal mehr zivile Opfer forderten als die Lufteinsätze der anti-irakischen Allianz, verschweigen die beamteten Stimmungsmacher des Regimes, die Besuchern einen Abstecher zum Katastrophenbunker eifrig empfehlen.
Das üppige Warenangebot gaukelt Normalisierung vor. Die Geschäfte im Einkaufsviertel Karrada oder um die quirlige Raschid-Straße halten amerikanische Zigaretten, japanische Kameras und italienische Modeschuhe feil - zum Teil noch Beutegut aus der "19. Provinz", zu der das annektierte Kuweit für sieben Monate gemacht worden war.
Frische Importe werden durch Lastwagenkolonnen herangeschafft, die vom jordanischen Hafen Akaba am Roten Meer ins 1300 Kilometer entfernte Bagdad rollen - teilweise über gut ausgebaute Autobahnen. Uno-Beobachter schätzen, daß die Sanktionsbrecher täglich 4600 Kubikmeter Frachtgut ins Land bringen. Etwa halb soviel transportieren die Laster aus der Türkei, die den gegen Saddam kämpfenden kurdischen Peschmerga-Verbänden einen hohen Wegzoll zahlen, um ungehindert nach Bagdad zu gelangen. Und gegen Gebühr dürfen auch die Tankzüge passieren, die irakisches Erdöl illegal in die Türkei bringen.
Doch auch wenn die Regale der Geschäfte gefüllt sind - ein Beweis für die Rückkehr zu normalen Zeiten ist das nicht. Der Masse der Bevölkerung fehlt das Geld. Menschenschlangen drängen sich vor den wenigen staatlichen Konsumläden, die subventionierte Grundnahrungsmittel verkaufen.
Die Inflation hat den Mittelstand enteignet. Während die Gehälter um 50 Prozent angehoben wurden, schossen die Preise ums Dreißigfache in die Höhe. Die Bezugsscheine berechtigen zwar zum Kauf künstlich verbilligter Waren, zu denen mittlerweile sogar Rasierklingen und Seife gehören. Doch die monatlichen Zuteilungen reichen bei weitem nicht aus.
So hat eine siebenköpfige Familie Anspruch auf nur sechs Kilogramm subventionierten Zucker und wenige Gramm Tee im Monat. Für die Iraker, die gewohnt sind, mehrmals am Tag ein Gläschen stark gesüßten Tee zu schlürfen, ist das lächerlich wenig.
Beschämt sehen sich immer mehr Bürger, die sich früher zur Mittelklasse zählten, zum Handaufhalten gezwungen. "Meine Frau hat seit drei Tagen nichts gekocht, wir verhungern. Helfen Sie uns, wir sind am Ende", fleht ein Mann Mitte 50 auf der Saadhun-Straße, der Hauptgeschäftsmeile Bagdads, in geschliffenem Arabisch.
In einer einst gepflegten Verkaufspassage unterhalb des Midan el-Tahrir, des Befreiungsplatzes im Zentrum der Hauptstadt, hocken apathisch dreinblickende Lumpengestalten; sie betteln die Passanten um ein paar Münzen oder auch nur um ein Stück Brot an.
Die Teuerung drückt ganze Familien ins Elend; nacheinander müssen sie Schmuck, Wohnungseinrichtung und sonstigen Besitz verkaufen, um sich Essen beschaffen zu können. Ein Gymnasiallehrer aus Baakuba westlich der Hauptstadt klagt, daß er seit über einem Monat kein Fleisch mehr gegessen habe. Bei einem Gehalt von 300 Dinar ist Fleisch ein kaum bezahlbarer Luxus; ein Kilo, das vor einem Jahr 9 Dinar kostete, ist heute nicht unter 50 Dinar zu haben. Ein Kilo Mehl, vor kurzem noch für 10 Fils im Angebot, kostet derzeit 3000 Fils, 3 Dinar.
Weil die Kunden ausbleiben, haben die meisten Restaurants geschlossen. Konditoreien mußten auf Druck der Regierung dichtmachen, weil Zucker zu knapp ist. Der Besitzer der stadtbekannten Zuckerbäckerei "el-Umara", gleich neben der deutschen Botschaft, bangt um seine Existenz.
Billig ist nur, weil es nicht exportiert werden darf, das Benzin: ein Pfennig pro Liter. Aber die roten und blauen MAN-Doppeldeckerbusse der Stadtwerke fallen immer öfter aus - wegen Ersatzteilmangels. Sammeltaxen sind zum wichtigsten Transportmittel geworden. Vor den Verkehrspolizisten, früher respektgebietende Autoritätspersonen, haben die Fahrer keine Angst mehr. Hohe Geldstrafen verhängen die Aufpasser nur noch selten; die unterbezahlten Staatsdiener bevorzugen die einträgliche Bakschisch-Regelung - vor dem Golfkrieg im strengen Irak verpönt.
Wer kann, geht einer zweiten Beschäftigung nach. Der pensionierte Chef der Zollverwaltung etwa, der mit seiner Rente von 190 Dinar "nicht leben und nicht sterben" kann, fährt täglich sechs Stunden Taxi. Das bringt ihm ein Zubrot von etwa 400 Dinar: "Wie die anderen sich durchschlagen, weiß ich nicht."
Kein Tag, an dem nicht Betriebe schließen, an dem nicht Firmen wegen stockenden Nachschubs aufgeben müssen und die Zahl der Jobsuchenden weiter in die Höhe treiben. Selbst die Armee, bislang Hätschelkind und Stütze des Despoten Saddam, verstärkt das Heer der Arbeitslosen. Mehr als eine halbe Million Angehörige der Volksarmee, aber auch Rekruten der regulären Einheiten wurden in den letzten Monaten entlassen.
Einst wohlsituierte Familien schicken ihre Kinder zum Arbeiten auf die Straße oder lassen sie zumindest im Laden mit anpacken. Das ist billiger, als erwachsene Tagelöhner oder gar ägyptische und sudanesische Gastarbeiter anzuheuern. Der elfjährige Dschaafar trägt im Basar Stoffballen für einen Dinar am Tag. Dafür kann er sich nicht einmal eine Portion brauner Bohnen leisten.
Die Sozialleistungen, auf die Saddam Hussein früher so stolz war und auf die sich seine Popularität als Wohltäter gründete, sind fast wertlos geworden. Für das Kindergeld von zwei Dinar, das vor dem Währungsverfall eine willkommene Einkommensverbesserung darstellte, kann sich ein Familienvater nicht einmal mehr eine Tasse Tee leisten. Das Arbeitslosengeld reicht, wenn es denn gezahlt wird, gerade für zwei Suppenhühner.
Die einst im Nahen Osten als vorbildlich gerühmte medizinische Versorgung ist zusammengebrochen. In den Krankenhäusern fehlt es an Medikamenten; die muß sich der Patient auf dem freien Markt beschaffen. Selbst Heizgeräte, im kalten Bagdader Winter nahezu unverzichtbar, hat der Kranke auf eigene Kosten zu besorgen.
Doch anders als von Saddams immer noch funktionierendem Propaganda-Apparat dargestellt, sind die Mängel nicht so sehr Folge des Uno-Embargos. Die schwer angeschlagene Volkswirtschaft ist nicht mehr in der Lage, die vorhandenen Mittel angemessen zu verteilen.
Um die Vereinten Nationen und den Erzfeind Amerika anzuprangern, setzt Saddam seine Bürger unnötigen Qualen aus, wie der Chefarzt eines großen Krankenhauses in Bagdad zornbebend berichtet: Geheimpolizisten hätten ihn und zwei andere Chirurgen gezwungen, während des Besuchs eines amerikanischen Fernsehteams Patienten ohne Narkose zu operieren: "Die sollten schreien, um der Welt klarzumachen, wie grausam der Boykott ist."
Säuglinge und Kleinkinder leiden in irakischen Krankenhäusern vor den Kameras für die Weltöffentlichkeit. "Kein einziges Kind hätte sterben müssen", behauptet eine Schwester im südirakischen Basra. Als Opfer, sagt die Pflegerin, hätten Saddams Schergen vor allem "Bürgerkriegswaisen und Kinder von politisch unzuverlässigen Bürgern" ausgewählt.
Seit Kriegsende, so das irakische Gesundheitsministerium, seien 31 033 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Lebensmittel- und Medikamentenknappheit gestorben.
Gut leben kann nur, wer dem Diktator bei der Unterdrückung hilft. Die kilometerlange Front von Luxuswohnungen, die in Bagdad am Tigrisufer aufgebaut wurde, ist ausschließlich Armeeoffizieren vorbehalten.
Zudem wurden die Gehälter der Offiziere und der Funktionäre der Baath-Partei kräftig angehoben, um den Wertverfall des Dinar aufzufangen. Die verbliebenen 7000 Angehörigen der Präsidialgarde, die für den persönlichen Schutz des Diktators verantwortlich sind, beziehen einen Anfangssold von 1000 Dinar - ein Hochschulprofessor bringt es nur auf 600 Dinar im Monat.
Unter das geschundene Volk trauen sich die Gehilfen des Diktators seit dem kläglichen Ende des Kuweit-Abenteuers allerdings kaum noch. Selbst aus der Marmor-Bar des staatlichen Luxushotels Raschid, wo die Führungselite früher gern großspurig hof hielt, sind Saddams Schranzen verschwunden.
Die dünne Schicht skrupelloser Kriegsgewinnler stellt ihren frischen Reichtum dagegen ungeniert zur Schau. Ihre neuen Mercedes-500-Limousinen - Lieblingsfarbe Weiß - heben sich von den überalterten Wolga- und Moskwitsch-Modellen gewöhnlicher Iraker ebenso ab wie die Nerzstolen und perlenbestickten Abendkleider ihrer Begleiterinnen von den schwarzen Umhängen der einfachen Frauen.
Woher die Schätze stammen, lassen manche der Emporkömmlinge ungeniert erkennen: Der Besitzer eines Achtzylinder-Cadillacs legt Wert darauf, das Lagerzertifikat der "Kuwait Free Zone" ans Fenster zu kleben.
In den stets mit neuester Ware belieferten Geschäften der Herren- und Damenausstatter in der Raschid-Straße geben Bagdads neue Millionäre, die das einträgliche Importgeschäft an sich gerissen haben, für modische Garderobe kleine Vermögen aus.
Betuchte Familien mit alter Tradition ziehen es dagegen vor, ihr Geld ins Ausland zu bringen: Im Nachbarland Jordanien haben sich 40 000 Iraker niedergelassen und über eine Milliarde Dollar investiert.
Während die Aufsteiger den Haß verarmter Iraker auf sich ziehen, gibt sich Saddam, unlängst noch der größte Protz von allen, volksnah. Sein Sohn Udai, Chef des nationalen olympischen Komitees und Träger eines eigens für seine "vaterländischen Verdienste" geschaffenen Ordens, behauptete vor kurzem, genauso unter den schwierigen Lebensbedingungen wie das Volk zu leiden. Der für seine früheren Exzesse verrufene Diktatoren-Sproß tat in den Zeitungen den Verlust seiner Lebensmittelkarte kund und versprach dem ehrlichen Finder eine gute Belohnung.
Die immer tiefer aufreißende soziale Kluft treibt den Religiösen im laizistischen Irak neue Anhänger zu. Zwar versucht das Regime, gegenzusteuern. Allah ist größer als alles Ungemach, steht seit dem Krieg um Kuweit auf den irakischen Fahnen. Das Fernsehen unterbricht die Nachrichten, wenn es Zeit zum Gebet ist.
Doch für die wahrhaft Frommen ist das nur Heuchelei. Die Zerstörung zahlreicher Moscheen im Süden, als die Armee im vergangenen Jahr einen schiitischen Volksaufstand (laut offiziellem Sprachgebrauch: eine "Revolte des Pöbels") niederkämpfte, ist bei den Gläubigen unvergessen. Immer öfter kleben überzeugte Moslems islamische Parolen ("Es gibt keinen Gott außer Allah") auf ihre Wagen oder in die Fensterscheiben ihrer Geschäfte. Selbst auf überlebensgroßen Saddam-Postern, einst unberührbaren Ikonen, prangen gelegentlich provozierende Sprüche der Frommen wie: "Wo ist dein Islam, Saddam?"
Die Anzeichen mehren sich, daß die Diktatur ihr stahlhartes Regime nicht mehr überall aufrechterhalten kann. Offiziere vermeiden es, auf offener Straße zu flanieren; Symbole der Führung werden nicht mehr zum Verkauf angeboten. Nur in den Buchhandlungen stapeln sich die 18 Bücher über Saddam Hussein, die den Händlern ohne Anfrage geliefert werden.
Voller Hoffnung, daß ihre Leidenszeit womöglich bald ein Ende haben könnte, verfolgen viele Bürger die Erosion der Macht. Ein libanesischer Textilkaufmann, der schon lange im Lande lebt, findet es bezeichnend, daß die Iraker, "zum erstenmal in ihrer Geschichte", Witze über Saddam Hussein erzählen - und gibt gleich einen zum besten:
Der Geheimdienst hat den Erfinder der Saddam-Witze verhaftet. Der aufgebrachte Staatspräsident stellt den Todeskandidaten zur Rede: "Weißt du nicht, daß ich der Retter der Nation bin?" Der Missetäter schüttelt den Kopf: "Der Witz ist nicht von mir." o
Von Volkhard Windfuhr
