FilmRettendes Fegefeuer
„Kap der Angst“. Spielfilm von Martin Scorsese. USA 1991; 120 Minuten; Farbe.
Florida ist sauber. Frisch gewaschen sind die Limousinen, frisch gebügelt die Anzüge, frisch gestrichen die Villen. In dieser sauberen Welt leben saubere Menschen.
So wie die Bowdens. Ehemann Sam verteidigt als Rechtsanwalt die Ordnung der Dinge, Ehefrau Leigh entwirft Werbung, und Teenager-Tochter Danielle trödelt in den Tag hinein.
Die Bowdens gab es schon einmal. Vor 30 Jahren drehte J. Lee Thompson die erste Fassung der Familiengeschichte um Rache, sexuelle Gewalt und Mord. Der Film war ein gutgemachter Thriller der B-Klasse und hielt sich an die Spielregeln des Genres: Die Guten sind gut, die Bösen sind böse.
In Martin Scorseses Remake "Kap der Angst" werden diese Regeln nun außer Kraft gesetzt. Der Star-Regisseur ("Taxi Driver", "Goodfellas") will beweisen, daß Hollywood eine Lektion Psychologie gelernt hat und jetzt die Zwischentöne zwischen sauber und dreckig beherrscht.
Deshalb wird Sam Bowden nicht - wie 1962 - von einem Typ wie Gregory Peck verkörpert, der als Säule der amerikanischen Rechtschaffenheit in die Kinogeschichte _(* Mit Nolte, Lange, Lewis. ) eingegangen ist, sondern von Nick Nolte, der auch mal für zwielichtige Charaktere gut ist.
Das Familienglück der Bowdens, auch das anders als in der Originalfassung, hat Flecken. Eine Affäre Sams bahnt sich an, und sie wäre nicht die erste. Doch Leigh, diesmal kein hausbackenes Mittelstandsblümchen, sondern von Jessica Lange als kämpferische Frau gespielt, rebelliert. Wenn sich die Eltern streiten, flüchtet die Tochter, Juliette Lewis, in ihr Zimmer.
Die vom Alltag zermürbte Kleinfamilie, will Scorsese nun den Zuschauern vorführen, ist anfällig für den Übergriff des Bösen. Sowohl die frustrierte Leigh als auch die pubertierende Danielle sprechen auf den brutalen sexuellen Reiz jenes Mannes an, der gekommen ist, um die Bowdens zu zerstören.
Sein Name ist Max Cady. Er verdankt Sam Bowden 14 Jahre Gefängnis, denn Sam, sein Anwalt, ließ eine Akte verschwinden, die den Schläger und Vergewaltiger Max entlastet hätte.
Dafür will Max sich jetzt rächen. Zunächst taucht er einfach nur auf, immer wieder. Dann stirbt plötzlich Leighs Hund. Dann lockt Max Danielle in seine Nähe. Schließlich bringt er nachts zwei Menschen in der Küche der Bowdens um. Und nie ist ihm beizukommen.
Robert De Niro schuftet sich an der Charakterstudie eines zugleich vulgären und hyperintelligenten Max Cady ab, der seine Vergeltung sorgfältig ausklügelt und sogar moralisch untermauert: Max sieht sich als christlicher Rächer, der die Bowdens ins seelenrettende Fegefeuer stürzt.
Mit solchen religiös-moralischen Schleifen, in die gradlinig erzählte Geschichte des Originals eingeflochten, versucht "Kap der Angst", Gut und Böse immer weiter einander anzunähern - bis in der letzten, schier endlosen Schlacht alle Schranken der Zivilisation zwischen Sam und Max fallen. Dann hocken Nick Nolte und Robert De Niro wie zwei Neandertaler im Urschlamm und bewerfen sich mit großen Steinbrocken.
Gescheitert ist der Film schon lange vorher - am angestrengten Versuch, einen alten Genre-Stoff zu psychologisieren. Denn die Bowdens haben Max Cady nicht verdient. Ihre biederen Bürgersünden erscheinen läßlich gegenüber dem Strafgewitter, das dieser ungemein gewalttätige Film ihnen zudenkt.
Gut und Böse liegen manchmal eben doch sehr weit auseinander.
* Mit Nolte, Lange, Lewis.
