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DER SPIEGEL

Haken aufs Herz

Ein Münchner Bordell- und Peepshow-Unternehmer ließ sich vom Dichter Wolf Wondratschek in einem Heldenepos besingen.
In einem Kunstmuseum war "die Alarmanlage alles, was ihn interessierte". Der Lektüre eines Buches zog er "Spiegeleier, Brot, Wurst und ein Bier" entschieden vor. Nur einmal im Leben betrat er eine Buchhandlung - "aber die hatten kein Telefonbuch".
Leute seines Schlages nahmen sich tatsächlich ein wenig aus wie die "Freunde der italienischen Oper" - jenes hinter Rigoletto versteckte Verbrechersyndikat aus dem Film-Klassiker "Manche mögen''s heiß". Nur hießen die Gauner hierzulande nicht Gamaschen-Colombo oder Zahnstocher-Charlie, sondern "Nasen-Peter", "Glatzen-Horst", "Keulen-Karl" oder auch mal "Titten-Ilse".
Der Boß der Bande firmiert ganz bürgerlich als Gustav Michael Berger, Sohn eines Kunstmalers, Stiefsohn eines Gefängnisbeamten, geboren am 16. Februar 1942 in der Dachauer Straße zu München.
Seinen Kriegsnamen "Tabarin-Johnny" erwarb er sich früh und mühsam - laut Anklageschrift durch "Autodiebstahl, Körperverletzung, Bandenbildung, Nötigung zur Unzucht, Fahren ohne Führerschein, Widerstand gegen die Staatsgewalt und räuberische Erpressung".
Gustav alias Johnny ist der Held eines vorletzte Woche veröffentlichten Romans des Münchner Schriftstellers Wolf Wondratschek, 48 - "Einer von der Straße"*. Daten, Herkunft, Karriere, besondere Kennzeichen der Romanfigur - das alles harmoniert freilich paßgenau mit dem wirklichen Leben, passagenweise fast wie ein Steckbrief. Und der Gesuchte ist leicht dingfest zu machen; das Buch ist ihm gewidmet.
Walter Staudinger, der genau wie der Buch-Held Johnny am vorletzten Sonntag seinen 50. Geburtstag feiern konnte, hatte sich von früher Jugend an durch das Münchner Nachtleben geschlagen - mit der "Faust in den offenen Mund" jedes Widersachers, dessen Gesicht am Ende "vom rechten Mundwinkel bis zum Ohr aufgeschlitzt" war. Während einer vierjährigen Haft entwickelte er seine Schlagkraft zu einer "neuen Wunderwaffe: ein kurzer Haken direkt aufs Herz".
Eine Lehrstelle bei Mercedes verließ "Johnny" nach fünf Wochen. In einer Fabrik für Weihwasserkessel und Kruzifixe hielt es ihn auch nicht länger. Er wollte einfach nicht "wie einer aussehen, der arbeiten geht". Am wohlsten fühlte _(* Wolf Wondratschek: "Einer von der ) _(Straße". C. Bertelsmann Verlag, München; ) _(484 Seiten; 44 Mark. ) er sich in der Gesellschaft von "Jungs mit einem Vorstrafenregister, lang wie der Hals einer Giraffe".
So formuliert das jedenfalls Staudingers Barde Wondratschek. Der sentimentalische Pop-Lyriker ("Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre"), der Huren und Besoffene als Helden verehrt und gern Boxweltmeister geworden wäre, war wohl der adäquate Autor für den umtriebigen Schläger aus der Dachauer Straße.
In seiner Schwabinger Dachstube (5. Stock, kein Lift) hat der Protest-Poet der Apo-Jahre einen Sandsack hängen, an dem er die Schläge seiner Helden erproben und nachempfinden kann. Ein Holzbett, das ihm der Bestseller-Kollege Patrick Süskind ("Das Parfüm") gezimmert hat, erleichtert die Eingebungen.
"Für Johnny", so dichtet Wondratschek einfühlsam in seinem Buch, "war das Betreten der Großen Freiheit wie das Eintauchen in die explodierende Gischt einer Brandung." Denn beizeiten hatte Walter Staudinger, der es zuletzt bis zum Nachtlokal-Geschäftsführer bei einem "slowenischen Juden, einer Schießbudenfigur, nicht größer und schöner als eine Zwergratte" gebracht hatte, München verlassen, um im Hamburger Hafenviertel St. Pauli die Gesellenreife zu erwerben.
Der Bayer auf dem Weg nach oben - jedenfalls im Wondratschek-Buch. Auf Seite 170 ist er "mit seinen zweiundzwanzig Jahren Deutschlands jüngster Bordellbesitzer" (der freilich wegen seiner Vorstrafen Hausverbot im eigenen Laden hat). Auf Seite 177 fährt er schon einen Chevrolet Impala. Neun Seiten weiter beherrscht er bereits einen 23-Zimmer-Puff auf der Reeperbahn und wundert sich, "daß Geld so einfach zu verdienen war".
So gerüstet kehrte er schließlich zurück nach München - für den frischgebackenen Nachtlebemann damals "ein Entwicklungsland". Alsbald hielt er in seinem "Leierkasten" 65 Frauen auf Trab ("Krank gibt es nicht! Entweder tot oder arbeiten!") und lernte allmählich auch die Isar-Society näher kennen - "Direktoren in Unterhosen, Rechtsanwälte nackt mit steifem Glied, Familienväter mit nichts an als Socken".
Schließlich schlüpfte Johnny in München noch einmal in ein Kellnerjackett. Ein Gast vergnügte sich im Hinterzimmer mit "insgesamt fünf Grazien, nackt bis auf die Zimmerbeleuchtung". Es war der "Chef höchstpersönlich", ein "Vollblutpolitiker, den es zum Weibe zieht". Jedenfalls katholisch. Doch der falsche Kellner sah "nicht mehr als die Füße, beide Arme, den Kopf und die nackten Schultern".
Der reale Staudinger wurde auch später seinen Ruf als brutaler Haudegen nicht mehr los. Ein Klinik-Chef wollte ihn als Schläger anheuern. Arndt von Bohlen und Halbach schickte einen Scheck, um Sicherheit zu kaufen. Nach dem Entführungsfall Oetker im Dezember 1976 ließ die Polizei Staudinger zum Stimmenvergleich den telefonischen Erpressertext nachsprechen - offenbar ergebnislos.
Nach ersten Anfällen von "Angst, Platzangst, Lebensangst" wollte Staudinger plötzlich "mehr als nur Bordelle betreiben" - nämlich einen "erotischen Großbetrieb". Trotz eines "unerbittlichen Gegners" im Amt für öffentliche Ordnung, Dr. Kohler, "dieses schlauen, von höchster Stelle gedeckten Politikers" - Dr. Gauweiler, heute Umweltminister in Bayern, hat sich das Buch noch am Tag des Erscheinens besorgt -, konnte sich der Industrielle des Nachtlebens durchsetzen.
Er importierte aus den USA die ersten 32 Peepshow-Kabinen und bescherte den Münchnern eine "Las Vegas City" (im Buch: "Nevada City") - direkt neben einer traditionsschweren Bierhalle am Stachus. Von einem Büro im ersten Stock aus überwachte er fortan den Kundenverkehr und die Kassen.
Beinahe hätte der Peep- und Porno-König den Freistaat Bayern auch noch mit einem bayerischen Disneyland beglückt. Doch die auf sieben Jahre kalkulierte Bauzeit für das "Königreich Bayern" war ihm zu lang: "Dann bin ich fünfzig! Dann interessiert mich das alles vielleicht überhaupt nicht mehr."
Statt der nötigen 500 000 Quadratmeter Land am Schliersee hat sich Walter Staudinger schließlich lieber einen Bauernhof am Ammersee, ein Haus in St. Tropez, ein Rennboot, einen Acht-Liter-Excalibur, einen Mercedes 450 sowie einen Rolls-Royce gekauft - und Kult-Autor Wolf Wondratschek durfte dem kulturellen Abstinenzler ("Leute, die lesen, leben nicht") das ganze Werk vor dem Erscheinen auch noch vorlesen.
* Wolf Wondratschek: "Einer von der Straße". C. Bertelsmann Verlag, München; 484 Seiten; 44 Mark.

DER SPIEGEL 9/1992
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