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DER SPIEGEL

„Und dann in die Kanalisation“

Betrüger, Scharlatane und gescheiterte Existenzen verdienen in der Blutbranche gutes Geld. Sie verschachteln ihre Firmen und verschleiern die wahre Herkunft der Produkte. Die amtlichen Kontrollen sind lasch.
Eng sind die Täler und steil die Felswände des mächtigen Glärnisch, von Tödi und Zindelspitz über den Dörfern im schweizerischen Glarus. Jeder kennt in dem urigen Kanton der Eidgenossenschaft jeden, aber die wirklich wichtigen Dinge im wahren Leben bleiben hier noch geheim: die Geschäfte.
Versteckt hinter ihren Gipfeln managen die cleveren Bergler effizient und verschwiegen Hunderte von Holdings und Sitzgesellschaften - alles ganz legal, selbstverständlich. Günstige Steuersätze und ein luftiges Gesellschaftsrecht machen den Kanton zum Geheimtip für Gschaftlhuber aus aller Welt, die es früher mehr in die Kapital-Fluchtburgen Zug oder Vaduz zog.
Steuerflüchtlinge suchen dort Asyl, Waffenhändler flanieren friedlich in Netstal oder Schwanden. Und immer wieder führen Spuren eines deutschen Wirtschaftskrimis in das alte Bauernland: Hinter der Fassade der Gemeinnützigkeit läuft in der Bergwelt _(* Bei seiner Festnahme am Freitag ) _(vorvergangener Woche in Koblenz. ) ein atemberaubendes Millionenspiel ab.
Auf Konten in Glarus überwiesen Bluthändler Bestechungsgelder für deutsche Ärzte, obskure deutsche Plasmafirmen ließen dort ihre Tarnadresse eintragen. Die Mächtigen der Blutbranche schmieden zwischen Näfels und Glarus ihre Schlachtpläne.
Immer geht es um Geld, viel Geld. Blut ist ein wichtiger Rohstoff für lebensrettende Medikamente. Der besondere Saft ist aber auch der Stoff für einen milliardenschweren Markt, auf dem das marktwirtschaftliche Prinzip des Laisser-faire herrscht.
Paradies für Bluthändler aus aller Welt ist die reiche Bundesrepublik mit ihrem vergleichsweise glänzenden Gesundheitssystem. Die Deutschen sind Weltmeister beim Pro-Kopf-Verbrauch an Blutkomponenten und Blutplasma. Sie konsumieren soviel wie alle anderen Länder Europas zusammen.
Beherrscht wird das einträgliche Geschäft mit den Blutspenden von angesehenen pharmazeutischen Branchenriesen wie Behring, Immuno, der Bayer-Tochter Tropon-Cutter und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK). Aber auch Außenseiterfirmen, wie die im rheinischen Langenfeld und im glarnerischen Ziegelbrücke ansässige Octapharma schaffen leicht hohe Millionenumsätze.
Beschwingt vom blühenden Geschäft geht eine bunte Schar ans Werk. Seriöse Pharmakaufleute, aber auch ziemlich sinistre Mehrfachbegabungen aus jenem Panoptikum, in dem das dicke Auto den schlechten Leumund kompensieren hilft.
Bei einer Anhörung des Berliner Bundesgesundheitsamtes in den achtziger Jahren trat die Blutbande mal fast komplett auf. Abenteurer und tätowierte Desperados waren darunter. Etliche traten so auf, als hätten sie einst mit geschmuggeltem Rum ihr Geld verdient. Oder mit grenzüberschreitendem Gold- und Mädchenhandel. Eine angemessene Ausbildung - Arzt, Biologe, Chemiker - war nur den wenigsten zuteil geworden.
Es ist eine Welt der Haussiers und Baissiers, der Fixer und Spekulanten. In dieser Branche ist es gang und gäbe, daß betrogen, finassiert und getrickst wird. Natürlich hat sich auch der kenntnisreiche Ost-West-Schieber Alexander Schalck-Golodkowski, der für DDR-Staatschef Erich Honecker die Devisen scheffeln mußte, an dem schmutzigen Geschäft beteiligt.
Da wird mit harten Bandagen gekämpft. Im Frühjahr 1990 brach beim hessischen Pharmaunternehmen Biotest Panik aus - eine Charge Blutprodukte mit der Nummer 160 1089 war mit HIV-Erregern verseucht worden, elf Menschen zogen sich die tödliche Infektion zu.
Bis heute ist nicht geklärt, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte: War menschliches Versagen bei der Inaktivierung der Präparate - also dem Zerstören der Erreger - schuld? Oder wollte ein Böswilliger vorsätzlich Biotest schädigen?
Ein Vertreter der Firma suchte im August 1990 in Nordrhein-Westfalen einen Heilkundigen auf, der Bluterkranke behandelte. Der hatte zuvor mit einem Plasmalieferanten und Biotest-Konkurrenten geredet. Der Firmenvertreter fertigte über das Gespräch eine Aktennotiz: _____" Herr . . . ist immer mehr der Ansicht, daß es sich " _____" bei der Verunreinigung der Charge 1089 um einen " _____" Sabotageakt handelt. Herr . . . hält Herrn . . . für " _____" durchaus fähig, sich krimineller Methoden zu bedienen . . " _____" . habe ihm im letzten Jahr auf dem Frankfurter Flughafen " _____" gesagt, man wolle sich jetzt auf Biotest einschießen und " _____" die Firma fertigmachen. "
Spätestens seit voriger Woche weiß die Republik, daß der Deal mit Blutkonserven und Blutprodukten nicht nur einträglich ist, sondern auch kriminell sein kann. Die Staatsanwaltschaft nahm den Geschäftsführer der Koblenzer Blutfirma UB Plasma, Ulrich Kleist, 46, seinen Assistenten Bernhard Bentzien, den Laborarzt und den Kontrolleiter der Firma fest.
Das Unternehmen soll verdächtige Proben mehrerer Blutspenden, deren Einzelbehandlung teuer gewesen wäre, zu einer einzigen Blutsuppe, einem sogenannten Pool, verquirlt und dann erst getestet haben. Durch diesen Trick wird möglicherweise belastetes Blut verdünnt, Tests sprechen nicht mehr präzise an. Aber einer der üblichen und teuren Farbtests reicht für mehrere Proben. Der Skandal, auf den der SPIEGEL die Behörden aufmerksam gemacht hatte (36/1993), wurde europaweit zum Politikum.
Frankreich, Italien, Schweden, die Schweiz und Österreich nahmen vorige Woche Blutprodukte der Pharmaklitsche vom Markt. Die griechische Regierung drohte deutschen Firmen mit Klagen. Das amerikanische Verteidigungsministerium befahl alle GIs, die in deutschen Krankenhäusern mit Blutprodukten behandelt wurden, zum HIV-Test.
Skandalös im Fall UB Plasma ist nicht allein die individuelle Verfehlung. Es zeigt sich, daß die Blutpanscher eingebettet sind in ein Kartell des Vertuschens.
Schlampereien bei UB Plasma waren von den Behörden leichtfertig ignoriert worden, frühzeitigen Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten wurde nicht entschieden genug nachgegangen.
Bereits Mitte Dezember 1986 alarmierte eine ehemalige Laborantin der Firma das Koblenzer Gewerbeaufsichtsamt. Sie selbst, erklärte sie, habe bei Analysen "leicht positiv HTLV ,Aids'' mehrmals festgestellt". Dieses verseuchte Plasma sei jedoch, trotz "Rücksprache mit der Firmenleitung", verkauft oder aber "mit Salzsäure behandelt und dann in die öffentliche Kanalisation gegeben" worden.
Einen Teil dieses Plasmas, so der Bericht der Zeugin, habe sie eingefroren und nach einem halben Jahr wieder aufgetaut: "Dabei wurde stark positiv HTLV festgestellt." Bis zu 50 Spendern, darunter auch Suchtkranken, werde bei UB Plasma täglich Blut entnommen.
Nachdem die Frau ihre Aussage per Unterschrift bezeugt hatte, entschloß sich die Behörde zu einer Sonderkontrolle. Dabei sollte vor allem geprüft werden, "wie die Firma das infektiöse Material entsorgt", so ein amtlicher Vermerk.
Als Pharmazierat Gerhard Frick am 13. März 1987 mit drei Kollegen bei UB Plasma auftauchte, registrierte er einen regen "Andrang von potentiellen Spendern". Alle Ruheliegen waren belegt, im Vorraum warteten weitere zehn Personen.
Der Beamte wurde schnell fündig. Die Lagerung von Plasma, notierte er nach dem Rundgang, entspreche nicht den einschlägigen Vorschriften. Plasma mit erhöhten Leberwerten wurde gefunden.
Die Kontrolleure aber ließen sich mit der Erklärung abspeisen, das vergammelte Plasma ("out dated Plasma") gehe nach Österreich. Es sei "nicht für den Humangebrauch bestimmt", sondern komme "nur für die Gewinnung von Diagnostika in Frage", so die Auskunft der Firmenmanager.
Frick und seine Helfer machten auch andere alarmierende Entdeckungen. In einer Kühltruhe fanden sie 447 Packungen "fix und fertig abgepacktes Plasma". Nach Fricks Ansicht handelte es sich dabei schon "um Fertigarzneimittel". Wer solche Präparate herstellt oder vertreibt, benötigt jedoch eine Genehmigung. UB Plasma hatte sie damals nicht.
Geschäftsführer Kleist behauptete, diese Packungen seien "nicht für Krankenhäuser", sondern "nur zu Testzwecken an die Firmen Biotest und Octapharma in Düsseldorf verschickt" worden. Frick protokollierte dennoch "den Verdacht, daß hier entgegen den Vorschriften Fertigarzneimittel in den Verkehr gebracht werden" - eine mögliche "Straftat".
Statt den Ermittlungsbehörden seine Vermutungen mitzuteilen, ließ sich Frick von den Bluthändlern mit Ausflüchten abspeisen - und legte den Vorgang zu den Akten.
Trotz dieser Erkenntnisse versuchte der Koblenzer Regierungspräsident Gerd Danco (SPD), zuständig für die Gewerbekontrolle von Kneipen, Imbißbuden und eben auch Blutlabors, den Fall selbst vorige Woche noch zu vernebeln. Außer Verstößen gegen Hygiene- und Lagerungsvorschriften, behauptete Danco, habe sich keinerlei Verdacht auf gesetzeswidrige und kriminelle Machenschaften ergeben.
Dabei hätte der Regierungspräsident die Grusel-Protokolle, die in seinem Amt gehortet wurden, nur genauer lesen müssen. So hielten seine Beamten in einem Vermerk fest, daß *___"Dokumentationshinweise für eine ausreichende ____körperliche Untersuchung der Spender . . . nicht ____vorliegen", *___"bei der Anzahl der Spender es als nicht vertretbar ____angesehen wird, daß Plasma mit zweifelhaften Befunden ____bei infektionsserologischen Untersuchungen nicht ____generell ausgeschlossen wird".
Offenbar hielten sich die Koblenzer Bluthändler nicht einmal an die einfachsten Grundregeln. So protokollierten die Kontrolleure, daß Spenderausweise "nicht obligatorisch ausgegeben" wurden. Bei etlichen befragten Mitarbeitern der Firma offenbarten sich den Beamten zudem "erhebliche Wissensdefizite bezüglich wichtiger hygienischer Fragen". Die Kontrolleure zogen ein bestürzendes Fazit: _____" Insgesamt ist die Dokumentation der Befunde, " _____" Untersuchungsergebnisse, usw. mangelhaft und lückenhaft, " _____" also unzureichend. (Damit liegt der) Verdacht . . . nahe, " _____" daß die regelmäßige gesundheitliche Überwachung der " _____" Spender unzulänglich durchgeführt wird. "
Pech für die UB-Manager auf der ganzen Linie. Bei ihrem ersten Engagement im Ausland fielen sie prompt auf die Nase: Zwar baute UB Plasma in Rumänien vor zwei Jahren eine Blutsammelstelle auf, um bis zu 5000 Spender im nächsten Jahr anzapfen zu können. Doch Gewinne, sagte Geschäftsführer Kleist, seien bislang nicht gemacht worden, "wir haben nur Geld reingesteckt".
Für das Rumänien-Geschäft zuständig war Kleists Assistent Bentzien. Präzise konnte der zumindest in seiner ersten Vernehmung dazu nichts sagen. "Der Mitbeschuldigte Bentzien", schrieb Kleists Kölner Anwalt Uwe Hohmann in einer Haftbeschwerde vorige Woche an die Koblenzer Staatsanwaltschaft, sei bei der Befragung "in betrunkenem Zustand" gewesen.
Kleist, so höhnten Kenner der Blutbranche, habe eben kein Format - ein Krauter, dem die Gier nach der schnellen Mark zum Verhängnis wurde.
Wie der Handel erfolgreich laufen kann, führt einer vor, mit dem Kleist zumindest von April 1992 bis Mitte September dieses Jahres Geschäfte machte: Wolfgang Marguerre, Kaufmann mit Sitz in Paris.
Was immer der schräge Tausendsassa der Branche, früher Manager der Kosmetikfirma Revlon, auch anpackte, es war gut gefummelt, hatte Format. Seine Karriere ist ein Lehrstück über das Metier, in dem große Schiebereien alltäglich sind. Der Aufstieg des Wolfgang Marguerre begann im beschaulichen Glarus, er ist Teil des bislang größten Kriminalfalles im deutschen Blutbusiness.
Am 29. März 1979, Punkt 14.30 Uhr, erschienen in der Kanzlei des Glarner Rechtsanwalts Friedrich Baumgarter drei fein gewandete Herren, um "nach den Bestimmungen des Schweizerischen Obligationsrechtes" ein Unternehmen zu gründen. Sie nannten es Medizinalia A. G., was durchaus professionell klingt - aber die Medizinalia war nur eine Briefkastenfirma.
Fünf Monate später, am 24. August, fuhr ein Bonner Oberarzt, heute 53, in die Berge nach Glarus. In den Räumen der Schweizerischen Kreditanstalt zeichnete er das bereits für ihn eröffnete und mit 287 699 Mark gut gefüllte Konto 2503-92-1 gegen.
Beide Vorgänge haben, auf den ersten Blick, nichts miteinander zu tun. Doch dahinter steckte ein Stilmittel, das die Akteure der Branche virtuos beherrschen: Die Landschaft der Mediziner und Hospitäler muß gepflegt werden, es wird geschmiert und bestochen.
Der Oberarzt wurde im Blutmetier sehr umworben. Der Sohn eines früheren deutschen Bundesministers war an der Bonner Uni-Klinik zuständig für den Einkauf teurer Medikamente (Faktor VIII, Faktor IX), die bei der Behandlung von Blutern eingesetzt werden.
Nirgendwo sonst wurden jemals so hohe Dosierungen dieser Faktor-VIII-Konzentrate verabfolgt, wie an der Bonner Klinik, dem weltweit größten Bluter-Zentrum.
Der Etat, den der Doktor für den Lehrstuhlinhaber Professor Hans Egli verwaltete, belief sich auf 122 Millionen Mark. Ende der siebziger Jahre beispielsweise orderte allein das Bonner Hämophilie-Institut soviel Faktor-VIII-Produkte wie alle französischen Zentren zusammen.
Die Medizinalia wiederum war die Muttergesellschaft der Kölner Klitsche Pro Plasma, die mit preiswert erstandenen Produkten aus amerikanischen Beständen in Eglis Therapiezentrum großen Umsatz machte.
Hinter diesem Coup steckte der "Hansdampf in allen Gassen der Plasmaindustrie", wie ihn der Buchautor Egmont R. Koch* nennt: Wolfgang Marguerre.
Hansdampf in allen Kassen hätte auch gepaßt. Denn schon im zweiten Jahr des Bonner Engagements zockte Pro Plasma _(* Egmont R. Koch: "Böses Blut, Die ) _(Geschichte eines Medizin-Skandals". ) _(Hoffmann und Campe; 304 Seiten; 28 Mark. ) sieben Millionen Mark Gewinn ab. Bei den Blutern aber zog der Infektionsskandal herauf. Von den 4000 regelmäßig mit Plasmaprodukten verschiedener Firmen behandelten Bluter-Patienten in den alten Bundesländern sind mehr als 50 Prozent mit dem HIV-Virus infiziert worden. 400 aidskranke Bluter starben bereits, darunter etliche aus dem Bonner Hämophilie-Zentrum. Und jede Woche stirbt noch einer.
Der korrupte Bonner Arzt bunkerte, an der Steuer vorbei, auf seinem Schweizer Konto knapp 2,1 Millionen Mark Bestechungsgelder. Die eingezahlten Einzelbeträge lagen zwischen 592 699 Mark und 800 000 Mark. 1984 verurteilte ihn das Landgericht Bonn wegen Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung rechtskräftig zu 22 Monaten Haft zur Bewährung und einer Geldstrafe von 600 000 Mark.
Im Urteilstext tauchte, leicht verfremdet, auch der Mann im Hintergrund auf: _____" Am 10. November 1981 trat ein Herr Mageer an den " _____" Angeklagten heran, offenbarte ihm, daß auch er an dem " _____" Parallelimport und den Zahlungen an den Angeklagten " _____" beteiligt sei, und bat ihn um Rückfluß aus den auf das " _____" Schweizer Konto gezahlten Geldern, da er . . . eine " _____" Lieferung an ihn nicht bezahlt habe und er sich deshalb " _____" in Schwierigkeiten befinde. Der Angeklagte veranlaßte " _____" daraufhin, daß von der Schweizer Bank am 10. November und " _____" 02. Dezember 1981 insgesamt 600 000 Schweizer Franken, " _____" das entspricht etwa 750 000 DM, an Mageer überwiesen " _____" wurden. "
Einen Amtsträger zu schmieren blieb für Marguerre ohne rechtliche Folgen. Obschon das Urteil gegen den bestechlichen Arzt unmittelbar Rechtskraft erlangte, schoben zwei Staatsanwaltschaften den Fall hin und her: Bonn gab es nach Köln, Köln aber hielt Bonn für zuständig. Im Kompetenzkreisel wurde die Affäre vergessen. Solchen Dusel haben nur die Erfolgreichen.
Pro Plasma, wo eine Cousine Marguerres als Strohfrau im Hintergrund werkelte, wurde "wegen Vermögenslosigkeit" aus dem Handelsregister gestrichen. Der vielseitige Manager Marguerre partizipierte jedoch weiter am Bonner Blutboom - nun hieß sein Unternehmen Pharmimpex.
Wie auch Pro Plasma besaß Pharmimpex nicht die Herstellungslizenz für Blutpräparate, die vom Bundesgesundheitsamt auch für den Plasmaimport gefordert wird. Das allerdings störte Egli und seine Mannen offenbar nicht sonderlich.
Die Medil GmbH im niederrheinischen Erkrath ist die dritte Briefkastenfirma Marguerres, die in Bonn für Umsatz sorgte. Als nomineller Geschäftsführer fungierte Branchenkollege Robert Taub, ein Belgier mit französischem Wohnsitz und, wie Marguerre, Geschäftspartner des Bluter-Papstes Egli.
Parallel zu seinen rheinischen Handelsgeschäften wird Marguerre auch in der Schweiz wieder rührig - natürlich in Glarus. Ein Treuhänder bastelte ihm die Firma Lecarsa ("Handel mit sämtlichen pharmazeutischen, chemischen und kosmetischen Erzeugnissen") zusammen.
Das verwinkelte Reich des Wolfgang Marguerre gestattete Fremden keinen Einblick. Und selbst Branchenkenner standen vor mancherlei Rätseln.
Natürlich blieb es nicht bei Lecarsa. Marguerres Liechtensteiner Etablissement Communication Europeenne (ECE) gründete in Düsseldorf die Octapharma GmbH. Das Verstecken und Verschachteln machte aus Sicht der Bluthändler Marguerre und Taub Sinn: Octapharma hatte in New York die Lizenz für ein neues, von unabhängigen Fachleuten gepriesenes Verfahren für die Herstellung des Bluter-Präparates Faktor VIII erstanden. Die Firma brauchte nun, um ordentlich Kohle zu machen, dringend den Absatzmarkt Bonn.
Um den zu kriegen, verschaffte sich Marguerre eine nahezu perfekte Tarnung. Zwar war seine Verwicklung in die Schmiergeldaffäre einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, wohl aber in der Branche ruchbar geworden. Autor Koch: "Von der Konkurrenz drohte also die größte Gefahr. Sie würde gewiß nicht tatenlos zusehen, wenn er zu ihren Lasten einen neuen Deal einfädelte."
Aber Marguerre und Konsorten schafften es - wie immer. Schon wenige Wochen nach Einführung des neuen Präparates lag es gut im Bonner Markt. Heute, über 14 Jahre nach der ersten Rate Bestechungsknete an Eglis Oberarzt, stammt jedes fünfte Produkt in Bonn aus der Octapharma-Produktion.
Das Marguerre-Unternehmen hat die Schatten der Vergangenheit verdrängt: Die deutsche Octapharma schafft 63 Millionen Mark Umsatz, die AG im Kanton Glarus gibt 110 Millionen Franken an, und die Zahl der Mitarbeiter liegt bei 260.
Manch andere Karriere in der Blutbranche lief nicht so erfolgreich. Ganz im stillen Kämmerlein ist einer gescheitert, der möglicherweise nicht die richtigen Wege kannte - der Hamburger Optikermeister Günther Fielmann, 54. Mit Kampfpreisen hatte es Fielmann in den Achtzigern zum größten Optiker Deutschlands gebracht, nun versuchte er sich als Preisbrecher im Blutgeschäft.
An seinem Wohnort Lütjensee bei Hamburg fand Fielmann eine passende Unterkunft für seine MPA Vertriebsgesellschaft mbH, die er zusammen mit Jürgen Henning, früher Mitarbeiter einer Krankenkasse, gründete: einen vergammelten Anbau an dem Haus Ötjendorfer Weg 1, von Firmenmitarbeitern "die Garage" genannt.
Henning kannte sich aus, er hatte mal für die Kassen eine Bluter-Studie erarbeitet. Fielmann ließ den Sperrmüll und den Schutt wegkarren, von dem Schlichtbau mit Steinfußboden und Plumpsklo aus begann der Optiker mit dem Import von amerikanischen Faktor-VIII-Präparaten.
Im Sommer 1981 kurbelte Fielmann persönlich den Vertrieb an und offerierte der Universitätsklinik Bonn Faktor-VIII-Lieferungen der US-Hersteller Cutter und Armour Pharma. "Der Transport", lobte der Optiker seine Arbeit, "erfolgt durch Fachunternehmen unter Aufrechterhaltung der Kühlkette und unter Aufsicht unseres Herstellungsleiters."
Doch ein guter Teil der Präparate kam nicht in den Kliniken an, sondern landete auf dem Sondermüll. Trotz seiner Billigpreise blieb Fielmann auf einem Teil der verderblichen Ware sitzen - Anfang 1983 zog er sich aus dem Blutgeschäft zurück.
Am knallharten Handel mit Blut beteiligten sich damals auch die DDR und die Schweiz, abgedeckt vom allmächtigen Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit. Der DDR-Außenhandelsbetrieb Transcommerz, der zum Dunstkreis der Schalck-Unternehmungen gehörte, schloß 1984 mit dem schweizerischen Ortho-Diagnostic-System (OTS) einen Vertrag über die Lieferung von Plasma und roten Blutzellen.
OTS sollte, so dokumentiert ein Stasi-Papier, nur Durchlaufstation sein. Tatsächlicher Empfänger war das Bayerische Rote Kreuz. Kenntnis über die wahre Herkunft aber durften die bajuwarischen Helfer nicht haben: Ein "entsprechender Vertrag", notierte ein Stasi-Offizier, sei "abgeschlossen".
Der Chef der Hauptabteilung XX (Ideologische Diversion), General Paul Kienberg, bat daraufhin die zuständige Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt, "mit operativen Mitteln" den Deal zu kontrollieren. Die Stasi fingerte mit beim Bluthandel, "damit keine Schäden zum Ansehen der DDR entstehen".
Heute läßt sich nicht mehr nachvollziehen, wer damals so alles spendete. Eine "Erfassung der Personalien des Spenders", so ein Stasi-Vermerk, sei nicht erfolgt. Auf den sogenannten Erfassungsbögen mußten die Mediziner die Frage 42 "grundsätzlich mit nein" beantworten, sie lautete: "Kontakte mit Aids/Kontakte mit Homophilen?"
Heute ist die einst unterentwickelte frühere DDR natürlich der Markt überhaupt für die Blutbranche - Marguerre ist auch schon da. Aus Dessau in Sachsen-Anhalt wickelt er den Versand der Blutprodukte ab, in Leipzig steht ein Kühlhaus für die wertvolle Ware.
Nur der ganz große Coup ist gescheitert, weil die Ostdeutschen, in der Branche noch nicht sonderlich kundig, schlichte Zweifel äußerten. 1990 bot Octapharma generös Heilkundigen in den neuen Bundesländern die Beteiligung an einem gemeinsamen Unternehmen an.
Am 28. Mai 1990 sagte der Hallenser Obermedizinalrat Norbert Lahmann im Namen seiner anderen 21 Kollegen ab. "Ihre Firma", schrieb er nach Düsseldorf, sei "für die DDR ein Newcomer, die Akzeptanz der Produkte unsicher".
Und dann muß es dem ausgekochten Profi Marguerre in den Ohren geklungen haben. Lahmann, noch ganz verwoben in die sozialistische Vergangenheit: "Wir streben nicht den maximalen, sondern den fachlich optimalen Produkteinsatz an, ohne Profitorientierung." Der Doktor wird umlernen müssen. Y
Die Kontrolleure zogen ein bestürzendes Fazit
Die Stasi fingerte mit beim Bluthandel
* Bei seiner Festnahme am Freitag vorvergangener Woche in Koblenz. * Egmont R. Koch: "Böses Blut, Die Geschichte eines Medizin-Skandals". Hoffmann und Campe; 304 Seiten; 28 Mark.

DER SPIEGEL 45/1993
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