KriminalitätSchwarz vor Augen
Raub auf offener Straße ist zum Massendelikt geworden. In der Mehrzahl sind die Täter Drogenabhängige.
Johann Missalla, 80, Küster der katholischen Kirchengemeinde "Verklärung Christi" im hessischen Bad Vilbel, war morgens um 5.40 Uhr auf dem Weg zur Frühmesse, als er von zwei übernächtigten Kerlen, 17 und 19, aus Frankfurt angemacht wurde: "Opa, haste mal e Mark?"
Missalla wollte weitergehen, doch das Portal des Gotteshauses erreichte er nicht mehr. Minuten später fanden Messebesucher den Greis auf dem Kirchplatz - erschlagen und ausgeraubt: Die Schlüssel fehlten, ebenso Kamm und Streichhölzer. Geld hatte der Küster nicht dabeigehabt. Die Täter bettelten an der nahen Bushaltestelle ungerührt weiter. Dann fuhren sie "vollgesoffen", so ein Zeuge, heim in die City.
Die Bluttat von Bad Vilbel zählt zu einer Form von Gewaltkriminalität, die in Deutschland um sich greift wie nie zuvor. Diethard Wermter, 49, Kripo-Chef in der Wetterau, hat beobachtet, daß sich bei den meist jugendlichen Tätern oft "ein Aggressionsstau" entlädt: "Das Opfer wird regelrecht niedergemacht."
So wie in der Wetterau nördlich von Frankfurt, wo sich die Zahl der Raubdelikte binnen Jahresfrist verdoppelt hat, geht es nach Erhebungen des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA) fast überall in der Bundesrepublik zu.
In Frankfurt, wo mehr als 20 000 Straftaten auf 100 000 Einwohner kommen, hat sich die Zahl der Raubdelikte binnen zwei Jahren von 1000 auf 2000 verdoppelt. Berlin, die größte Stadt zwischen Paris und Moskau, meldete in der Deliktsparte "Raubüberfälle auf öffentlichen Straßen, Wegen oder Plätzen" schon 1990 für den Westteil eine Zunahme um 158 Prozent (von 994 auf 2568 Fälle). Für 1991 registrierte die Polizei für Gesamt-Berlin eine weitere Steigerung um 21 Prozent. Drei von vier Tätern, meldet Polizeipräsident Georg Schertz, seien jünger als 21 Jahre.
Auch in den Städten Nordrhein-Westfalens (plus 33 Prozent), in Hannover (plus 25), Stuttgart (plus 25,5) und München (plus 30) wird mehr geraubt denn je. Hamburg und die Ost-Bundesländer ermittelten ähnliche Werte.
Die neue Welle von oft brutalen Raubdelikten ist, so paradox es klingt, Folge von verschärften Sicherheitsmaßnahmen: Die Täter haben Absatzmärkte verloren oder scheuen das erhöhte Risiko in anderen klassischen Deliktsparten.
So sind Autoradios, jahrelang hochbegehrte Hehlerware, mittlerweile vielfältig gesichert und kaum noch abzusetzen. Viele Kaufhäuser setzen verstärkt Detektive gegen Ladendiebe ein. Und Banken sind durchweg mit versteckten Videokameras ausgerüstet und halten registrierte Geldscheine bereit.
Riskanter sind auch Einbrüche in Boutiquen und Villen geworden, die nach Angaben des BKA "mit immer raffinierterer Technik" gesichert werden. Deshalb sei "eine ganz logische Entwicklung" eingetreten: Junkies, Ganoven und Brutalos halten sich mehr und mehr an Alleinstehende, Schwache oder Alte, "bei denen man noch schnell und ohne Risiko an das Geld kommt".
Bevorzugte Opfer: Rentner an der Wohnungstür, Schüler in einsamen S-Bahn-Abteilen, alte Frauen im Park, unbewaffnete Taxifahrer und Geschäftsleute, die mit Geldbomben in der Plastiktüte unterwegs sind.
"Weitaus mehr als die Hälfte der Fälle von Straßenraub", schätzt der Stuttgarter Polizeipräsident Volker Haas, 54, "ist der Geldbeschaffung für Drogen zuzuordnen." Um ihren Rauschmittel- und Lebensbedarf zu decken, begehen Abhängige nach BKA-Ermittlungen mindestens vier Straftaten täglich.
Den Rest der Täter stellen Sauf- und Hooligan-Cliquen, entwurzelte Jugendliche und Arbeitslose. "Wer einmal erfolgreich war", weiß der hannoversche Kriminaloberrat Helmut Pieper, 37, "macht das wahrscheinlich immer wieder."
Schon seit drei Jahren, so ergab kürzlich eine Expertenanhörung in Frankfurt, steigt die Zahl straffälliger Jugendlicher stark an. Minderjährige Räuber, mit denen sich der Jugendgerichtshelfer Filippo Vullo von der Frankfurter Caritas beschäftigt hat, sind meist auf sich allein gestellt, weil beide Eltern arbeiten; ihre Wohnungen sind so klein und in so schlechtem Zustand, "daß die Kinder auf die Straße flüchten" (Vullo).
Bei solchen Heranwachsenden hat die Frankfurter Jugendrichterin Hilke Sabel, 55, eine stark zunehmende "Tendenz der Verrohung" festgestellt. Oft gehen die jugendlichen Schläger, unter denen sich nach Berichten von Polizisten und Opfern auch viele sozial schwache Einwanderer-Kinder befinden, äußerst brutal vor.
"Vier Türken gingen an mir vorbei", erinnert sich der Frankfurter Student Jörg Hemmes, 26, "und mir wurde schwarz vor Augen." Einer der Täter sei ihm mit einem stahlbesetzten Stiefel "an den Hals" gesprungen. Hemmes: "Ich fiel um, sie traten mehrfach auf mich ein, raubten mir 80 Mark."
In einem Frankfurter Park nahmen drei junge Türken einem 14jährigen afghanischen Asylbewerber zehn Mark und eine Sonnenbrille ab - dann schlugen sie den Jungen zusammen. Der Verletzte blieb eine ganze Winternacht lang bewußtlos unter Sträuchern liegen, bis er am nächsten Morgen, stark unterkühlt, gefunden wurde.
In Hannover machten zwei Handtaschenräuber eine 80 Jahre alte Rentnerin zum Pflegefall. Als sie in der Dannenbergstraße zu Boden gerissen wurde, erlitt sie einen Oberschenkelhalsbruch. Wegen nachfolgender Thrombose und weiteren Komplikationen mußten ihr beide Beine abgenommen werden. Die Beute der Räuber: sechs Mark.
Selbst Schwerbehinderte finden vor solchen Tätern keine Gnade. So fuhren zwei Typen mit Fahrrädern auf der Hamburger Rodigallee einen halbblinden Malermeister über den Haufen. Als er am Boden lag, so gab der Wehrlose später zu Protokoll, prügelten die Rowdys auf ihr Opfer ein: "Mit bloßen Fäusten immer ins Gesicht." Aus Wut, daß der Behinderte nur drei Mark im Portemonnaie hatte, brachen die Räuber schließlich seine Krücken entzwei, ehe sie weiterradelten.
In Halle schlugen zwei Männer und ein Mädchen einen betrunkenen Westdeutschen mit einer Kette nieder und raubten ihm 200 Mark nebst Armbanduhr. Als sich der Mann vor Schmerzen krümmte, traten ihm die Täter so lange in den Bauch, bis er still war.
Straßenraub ist im Osten häufig "Bedürfniskriminalität, ein typisches Sozialdelikt", so der Hallenser Polizeichef Helmuth Wolters, der aus dem ostfriesischen Leer kommt. Die Überfälle in den neuen Ländern würden, wie er meint, "gewaltsamer und primitiver" ausgeführt als im Westen.
Oft wird den Räubern, im Osten wie im Westen, durch Sorglosigkeit das Inkasso erleichtert. Firmen sollten, empfiehlt die Polizei, darauf achten, daß Geldtransporte von immer anderen Mitarbeitern besorgt werden, die mit den Geldbomben auf wechselnden Routen zur Bank fahren. Älteren Leuten rät der Frankfurter Kriminaloberrat Roland Desch, "sich zusammenzutun, wenn sie zur Bank gehen".
Und niemals sollte das Opfer bei einem Überfall "den Helden spielen", sondern die Räuber gewähren lassen: "besser die Handtasche hergeben, als hinfallen".
