GrenzenHeimatmäßig nach Hause
Die mecklenburgischen Gemeinden des Amtes Neuhaus möchten zu Niedersachsen wechseln. Hannover wie Schwerin versuchen, daraus Profit zu schlagen.
Wenn die Kirche schneller handelt als die Politik, kann sie ausnahmsweise mit vollem Haus rechnen. Mehr als 500 Menschen drängelten sich letzten Monat über Treppenstufen aus alten Grabsteinen in die Kirche von Neuhaus. Dort feierten sie die Rückkehr von mehreren Kirchengemeinden jenseits der Elbe in den Schoß der hannoverschen Landeskirche.
Die meisten der 6100 Bewohner des Amtes Neuhaus wollen Mecklenburg-Vorpommern nun auch politisch verlassen; ihre Felder und Hecken sollen statt dessen dem niedersächsischen Landkreis Lüneburg zugeschlagen werden. Denn zu Lüneburg gehörten die 17 Dörfer mit der altertümlichen Bezeichnung Amt jahrhundertelang, obwohl zwischen ihnen und der alten Hansestadt die Elbe fließt (siehe Schaubild).
Bundesweit wollen knapp zehn Gemeinden von Ost nach West wechseln. Aber nirgendwo sind die Pläne schon so konkret wie im Amt Neuhaus - und so verworren: Die Bundesländer liefern sich einen skurrilen Kleinkrieg um den Text des Staatsvertrages, der den Wechsel besiegeln soll.
Den Niedersachsen wäre es am liebsten, wenn ihre armen Verwandten aus dem Osten eine kräftige Mitgift vorzuweisen hätten. Auch die Landesregierung in Schwerin versucht, an den Abtrünnigen Geld zu verdienen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten das Amt Neuhaus der Ostzone zugesprochen. Als die DDR zusammenbrach, packte die älteren Neuhauser sentimentales Sehnen: "Wir wollen heimatmäßig nach Hause", sagt Hans Ebeling, Kreistagsabgeordneter der CDU.
Profaner sind die Motive der jüngeren Neuhauser: Sie hoffen, auf kurzem Wege zu westlichem Wohlstand zu kommen, wenn sie erst zum vergleichsweise geordneten Kreis Lüneburg gehören.
Die Landesregierung in Schwerin will die Abtrünnigen gern loswerden. Aber sie fordert, daß die Marschbauern ihre 53 Lehrer mitnehmen, damit die überflüssigen Pauker aus DDR-Zeiten nicht mecklenburgische, sondern niedersächsische Steuergelder vertilgen. Die Niedersachsen möchten von den meisten Pädagogen aber nichts wissen und sie schon gar nicht bezahlen.
Das federführende hannoversche Innenministerium verlautbart zwar offiziell, die Neuhauser seien willkommen, und noch in diesem Jahr werde der Staatsvertrag fertig sein. Tatsächlich aber versucht Niedersachsen, die Mecklenburger über den Tisch zu ziehen.
So will die niedersächsische Regierung das Amt Neuhaus nur aufnehmen, wenn in demselben Vertrag die strittige Frage der Elbgrenze in ihrem Sinne gelöst wird: Die Niedersachsen wünschen, daß die Grenze zwischen den beiden Ländern in der Flußmitte verläuft - und nicht am mecklenburgischen Ufer.
Dann nämlich müßten die Hannoveraner die teuren Schiffe der Wasserschutzpolizei nicht allein bezahlen. Sie könnten vielmehr die ostdeutschen Nachbarn mit in die Pflicht nehmen.
Der Schweriner Innenminister Georg Diederich aber mag nicht einsehen, was das Amt Neuhaus mit der Flußgrenze zu tun hat. Die Dörfer hätten nach der Rückgliederung "ja keine Elbgrenze mehr", stellt der Minister spitzfindig fest. Sie lägen zwar am Ufer; doch hüben wie drüben wäre nach Abschluß des Staatsvertrages Niedersachsen.
Querschüsse kommen auch von Wolfgang Schurreit, dem Landrat des Kreises Lüneburg. Er möchte beim Schacher um das Amt Neuhaus nicht nur die 230 Quadratkilometer Land gewinnen, sondern auch noch Bargeld. "Ich will Neuhaus nur", sagt der Sozialdemokrat, "wenn ich weiß, wie was zu bezahlen ist."
Schurreit setzt auf das Kopfgeld aus dem Fonds Deutsche Einheit: 600 Mark Entwicklungshilfe pro Jahr und Neuhauser. Damit möchte der Landrat in Neuhaus Kläranlage, Sporthalle und Müllabfuhr finanzieren.
Laut Einigungsvertrag kann diese Stütze aber nur an die neuen Bundesländer ausgezahlt werden - nicht an das Altland Niedersachsen. Besteht Schurreit auf seiner Idee, muß für die Dörfer zwischen Marsch und Wald eigens _(* Während einer Feier aus Anlaß der ) _(Rückkehr zur hannoverschen Landeskirche ) _(am 12. Januar. ) ein neues Bundesgesetz her, eine Lex Neuhaus.
Klar ist schon, daß die Neuhauser weiterhin Ostrenten und -löhne beziehen würden. Auch nach dem Landeswechsel wäre das Amt Neuhaus Beitrittsgebiet, der Zipfel jenseits der Elbe für die Niedersachsen eine Billiglohn-Exklave.
Noch beim Ball der Tierzüchter kurz vor Weihnachten hatten die Neuhauser stolz das Lied ihrer Wunschheimat geschmettert: "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen."
Das war womöglich voreilig. Inzwischen hat sich in Neuhaus die Erkenntnis breitgemacht, daß der geplante Wechsel mehr Probleme macht als löst. Trotzig verkündete schon Till Backhaus, Neuhauser SPD-Abgeordneter im Schweriner Landtag: "Auf Knien kriechen wir nicht nach Niedersachsen."
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__76_ Grenzen: Mecklenburg-Vorpommern: Amt Neuhaus
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* Während einer Feier aus Anlaß der Rückkehr zur hannoverschen Landeskirche am 12. Januar.
