„Alles durch den Ausguß“
Ein See von Giftglibber, neuentdeckte Arsen-Schlämme im Flußbett und gefährliche Lagerhallen, die jederzeit nach Art der Sandoz-Katastrophe in Brand geraten können - die ostdeutschen Behörden schaffen es nicht, ihre Umweltprobleme unter Kontrolle zu bringen. Der Abriß der alten Dreckschleudern vollzieht sich chaotisch.
In den staubigen Büros des Bitterfelder Landratsamtes sind die hauptamtlichen Umweltschützer an Katastrophennachrichten gewöhnt. Wird wieder einmal eine verdächtige Schmutzablagerung gemeldet, kann der Leiter des Umweltamtes, Fred Walkow, 41, nur müde lächeln - in seinem Computer hat er bereits 3205 solcher mehr oder weniger gefährlichen Altlasten im Kreisgebiet registriert.
Die Entdeckung am Spittelwasser jedoch versetzte den studierten Chemiker in Alarmstimmung. Entlang des Bachlaufes, in den sich die Schmutzfrachten der ortsansässigen Chemiebetriebe ergießen, waren Walkow und ein westdeutscher Öko-Wissenschaftler auf Millionen und Abermillionen von kleinen Kügelchen gestoßen - die schimmerten giftig in den Regenbogenfarben.
Die gallertartige Masse hatte sich, teilweise kniehoch, einige Kilometer weit zwischen Birkenstämmen und Schilfgras abgesetzt. Die Gegend sah aus, _(* Im Staatlichen Umweltamt Wittenberg. ) als wäre ein Container mit Kaviar über einer Spielzeuglandschaft ausgegossen worden.
Entdeckt wurde das Zeug vor etwa einem halben Jahr, doch der Perlenfund am Spittelwasser ist bis heute nicht gehoben. Zwar ist der Verursacher längst bekannt und das Gefährdungspotential abgeschätzt: Die Glibberpillen, Überschüsse aus der Produktion von Ionenaustauschern in der bachaufwärts gelegenen Chemie AG, sind hoch mit Dioxinen belastet. Trotzdem wurde bislang nicht mal ein Zaun um den gefährlichen Klickersee gezogen.
Lag es am Geldmangel oder an den Beschwichtigungen der Chemie AG, die wie üblich erklärt hatte, alles sei halb so schlimm? Die Untätigkeit der Behörden kann niemand so recht erklären. Amtsleiter Walkow blickt souverän über die Aktenberge auf seinem Schreibtisch: "Es gibt hier noch''n bißchen Kuddelmuddel."
Das erklärt manch eine Panne, nicht nur in Bitterfeld. Binnen weniger Monate hatten die Ostländer im vergangenen Jahr eigene Umweltverwaltungen aufbauen müssen.
Für die neuen Behörden, vom Landkreis bis hinauf zum Ministerium, gab es besonders in den von Umweltschäden schwer belasteten Industrieregionen um Halle, Leipzig, Dresden und Cottbus praktisch keinen Tag Schonzeit. Sie mußten plötzlich *___Berge von Hausmüll bewältigen, Sonderabfälle ____unterbringen und zugleich die häufig völlig ____ungesicherten Altdeponien auf mögliche Gefahrenquellen ____für Mensch und Umwelt untersuchen lassen; *___Tausende von Uraltbetrieben ermitteln, Industrieanlagen ____nach den komplizierten Vorschriften des ____Bundesimmissionsschutzgesetzes durchchecken und ____gegebenenfalls Stillegungen anordnen; *___Umweltauflagen für Straßenbauvorhaben, Supermärkte und ____Möbel-Center auf der grünen Wiese formulieren, ____Abwasserbescheide und Emissionsgenehmigungen für ____Neubetriebe erteilen und zugleich den Abriß von ____giftenden Altanlagen kontrollieren sowie ein ____umfangreiches Öko-Überwachungsnetz installieren.
Schon die westdeutschen Umweltverwaltungen, meint der Berliner Öko-Rechtler Klaus Martin Groth, wären mit solch einem Pensum "hoffnungslos überfordert". Anzunehmen, daß die Ostbehörden derzeit eine wirksame Umweltkontrolle ausüben könnten, sei "völlig illusorisch".
Groth, der das Umweltministerium Brandenburg bei der Abfassung von Landesgesetzen berät, befürchtet vielmehr, daß Natur und Umwelt während der wirtschaftlichen Umbruchphase im Osten noch erheblich mehr geschädigt würden. "In manchen Gegenden", warnt der Umweltanwalt, "findet jetzt die eigentliche Zerstörung statt."
Im Öko-Katastrophengebiet Bitterfeld, zwischen Leipzig und Dessau, ist das Ausmaß der Belastung mittlerweile bis ins einzelne festgestellt. Bitterfeld, urteilt der Berliner Altlasten-Experte Hans-Peter Lühr, sei heute "der bestuntersuchte Standort in der ganzen Bundesrepublik".
Da wurden Schlammproben aus dem Spittelwasser gezogen und der Inhalt von Mülldeponien durchforstet; Chemiker fahndeten nach Chlorverbindungen in der Muttermilch, Umweltmediziner untersuchten Kinder auf spezifische Krankheitssymptome. Und sowohl in der Chemie AG als auch in der Filmfabrik ("Orwo") im benachbarten Wolfen, den beiden Hauptverursachern der Öko-Schäden neben dem Braunkohletagebau, inspizierten Fachleute die uralten Reaktionskessel und Rührmaschinen; sie testeten Abgasfahnen und bohrten nach versickerten Giftstoffen.
Ihre Befunde werden auf der "Ersten Bitterfelder Umweltkonferenz" in dieser Woche vorgestellt - Grund für neuen Umwelt-Alarm: Nicht nur ist die Dioxin-Belastung der Region so auffallend hoch, daß bei mehr als einem Drittel der Proben jeglicher Pflanzenanbau ausgeschlossen werden müßte; auch die Verseuchung mit giftigen Schwermetallen wie Arsen und Cadmium ist erschreckend (siehe Grafik Seite 85).
Die etwa 50 Einzelberichte verspottet Lühr jedoch auch als "Heerschau der Leistungsfähigkeit unserer Ingenieurbüros". Jeder versuche sich "mit Detailmaßnahmen zu profilieren" - vor allem, um neue Aufträge zu erhaschen, wie der Professor argwöhnt.
Über 20 Millionen Mark haben die Behörden bislang für die Bitterfeld-Studien ausgegeben. Umweltamtsleiter Walkow kann sich jetzt mittels digitalisierter Landkarten Wasser-, Luft- und Bodenmeßwerte auf den Bildschirm holen. Doch wenn er aus dem Fenster schaut und sich die Abrißarbeiten in der Chemie AG vor Augen führt, wird dem Chemiker "manchmal himmelangst".
Für die Öko-Kontrolleure kaum überschaubar, reißen derzeit - als von Bund und Land finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) - einige tausend Arbeiter die alten Fabrikhallen ein. Augenzeugen berichteten, manch ein gefährlicher Giftstoff sei dabei einfach weggekippt worden. "Hier wird die ganze Chemieindustrie durch den Ausguß gejagt", sagt Walkow.
Elbaufwärts bei der Lutherstadt Wittenberg ist das nicht anders. Die Stickstoffwerke Piesteritz, unter dem Kombinatsnamen "Agrochemie" einstmals ein bekannter DDR-Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, legten mit den Abrißarbeiten auf eigene Faust los: Die zuständige Überwachungsbehörde wurde gar nicht erst verständigt.
Gefährlich sind auch die alten Lagertanks, die häufig mit umweltschädlichen Methoden leergefahren werden. Ein Plaste-Werk in Halle warf eigens eine noch aus den dreißiger Jahren stammende Chlorkautschukanlage wieder an, um größere Mengen des Gefahrstoffes Tetrachlormethan wegzuarbeiten: Statt die Giftsülze, die die Leber angreift, ordentlich zu entsorgen, wird sie nun durch den Schornstein in die Umgebung gepustet.
Mit Personalmangel sind die Defizite beim Umgang mit den Altlasten kaum zu erklären. Allein in den verschiedenen Landesbehörden arbeiten rund 1800 Öko-Bedienste, manche Landkreise haben sich eigene Meßlabors zugelegt.
So kommt es zu absurden Widersprüchen: Die Mulde, ein Nebenfluß der Elbe, wird gleich doppelt kontrolliert - und ist trotzdem, weil Abwasserbestimmungen fehlen, stärker belastet, als nach West-Standard erlaubt. Stromabwärts an der Meßstation Schnackenburg fanden westdeutsche Wasserkontrolleure letztes Jahr höhere Cadmium-Gehalte im Elbewasser als etwa 1988, in der Vorwendezeit. Auch die Konzentrationen von Quecksilber kletterten auf Werte, die in den fünf Jahren zuvor nie erreicht wurden.
Mächtig geschludert wird einstweilen auch bei der Beseitigung von Giftmüll. Nach einer Untersuchung des TÜV Rheinland bei 60 Großbetrieben im Industriedreieck Halle/ Leipzig/Bitterfeld wurden im letzten Jahr nur 40 000 Tonnen Sondermüll an Entsorgungsunternehmen abgegeben, knapp ein Fünftel der anfallenden Menge. Den Rest hatten die Firmen, an jeglicher Kontrolle vorbei, "in Eigenregie abgelagert", wie die TÜV-Abgesandten tadelten.
Außerdem fanden die TÜV-Experten etwa 150 Produktionsanlagen, die krebserregende Stoffe in die Luft blasen oder ein Sicherheitsrisiko darstellen. Für mehr als 330 Lagerhallen, in denen Düngemittel oder andere Chemikalien aufbewahrt werden, besteht die Gefahr von schweren Betriebsunfällen, bis hin zum Großbrand nach Art der Sandoz-Katastrophe im Jahre 1986.
"Angesichts der prekären Lage", so die Forderung des TÜV, müßten die gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsanalysen solcher Gefahrenherde dringend vorgezogen werden, obwohl sie laut Einigungsvertrag eigentlich erst zum Jahresende fällig sind.
Wegen der gespannten Arbeitsmarktlage im mitteldeutschen Industriedreieck überlegen es sich die Öko-Kontrolleure zweimal, ehe sie einen Betrieb aus Umweltgründen dichtmachen.
Zwar ist die Luft in der Region inzwischen spürbar besser geworden - aber nicht weil Umweltschützer Anlagen stillgelegt hätten. "Der Zusammenbruch der Industrie war das Entscheidende", sagt der Chemiker Gunter Otto, 47. Früher war Otto in der Umweltabteilung der Wolfener Filmfabrik beschäftigt, jetzt schlappt er mit seinen Gummistiefeln am Ufer der Aschegrube Johannes entlang, dem Kloakeloch der Filmfabrik, das im Volksmund Silbersee genannt wird.
Der Chemiker überwacht die ersten Sanierungsarbeiten der gefährlichen Schlammhalde: "Ich habe hier meine Mitschuld abzuarbeiten." Zentimeter um Zentimeter wird gerade das Aschefundament der Grube zusammengeschoben, von ursprünglich knapp 30 Hektar Fläche soll der Giftsee auf die handliche Größe von 23 Fußballfeldern (17 Hektar) schrumpfen.
Was dann passiert, ist noch unklar. Die derzeit gewünschte Radikalkur - alle verbliebenen Giftablagerungen auszubaggern - wird sich kaum realisieren lassen, weil der Landesetat von Sachsen-Anhalt für Umweltmaßnahmen schon jetzt mächtig strapaziert ist.
Hinzu kommen neue Belastungen, als Folge geplanter Industrieansiedlungen. So will der Weltkonzern Bayer Leverkusen in der traditionellen Chemiestadt Wolfen drei neue Produktionsbetriebe für Kleister, Lacke und Kosmetikartikel bauen. Zuvor müßte Sachsen-Anhalt für 350 Millionen Mark eine neue Kläranlage errichten - und die Industrie sperrt sich, das vom Land gewünschte Finanzierungs-Drittel zu übernehmen.
Mit dem Köder, 500 neue Arbeitsplätze zu schaffen, kann Bayer ordentlich Druck ausüben: Die Kläranlage müsse fertig sein, bevor die erste Bayer-Fabrik zu produzieren beginnt. Wenn nicht, müsse Sachsen-Anhalt Sondergenehmigungen dafür erteilen, daß Bayer seine Schmutzfracht ungeklärt in das Spittelwasser leiten darf, auch wenn dabei gesetzliche Grenzwerte überschritten würden.
Dann setzte der Chemie-Multi - der ohnehin ein Drittel seiner Investitionen für die geplanten Werke vom Bund erstattet bekommt - noch eins obendrauf: Sollten "aus Rechtsgründen" (Bayer) solche Grenzwertüberschreitungen am Ende doch untersagt werden, verlangt der Konzern Schadensersatz - aus den Kassen des Landes Sachsen-Anhalt. o
[Grafiktext]
__85_ Sondermüll: Giftlast im Raum Bitterfeld
[GrafiktextEnde]
* Im Staatlichen Umweltamt Wittenberg.
