Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Dreckiges Geld, saubere Helfer

Die Millionen kommen in Koffern per Kurier oder strömen über Konten von Scheinfirmen ins Land: Überseeische Verbrecherkartelle - so die Erkenntnis der Fahnder - waschen ihr schmutziges Geld aus Drogendeals mehr und mehr in Deutschland. Die Banken spielen mit, Bonn kann sich nicht zu harten Aktionen entschließen.
Das Gewerbe des Arif Temel, 33, ist nach den Gesetzen der Ökonomie nicht zu begreifen: Der türkische Kaufmann aus München zahlt Millionensummen für wertlose Warensendungen, die meistens sogar vernichtet werden.
Temel läßt zum Beispiel Lastwagen aus der Türkei anrollen, die angeblich Damenkleider geladen haben. Bei einer Stichprobe fanden die Zöllner in holzverstärkten Pappkartons aber nur Hohlblocksteine. Manchmal werden statt hochwertiger Kleidung nur Lederfetzen, statt genießbarer Lebensmittel nur verrottete Konserven transportiert.
Wenn doch mal einer von Temels türkischen Kunden eine Fuhre ordentlicher Ware erhielt, wurde dem Empfänger Erstaunliches mitgeteilt: Zu zahlen sei nichts. Das besorgte jedesmal Temel, allein für eine Fuhre minderwertiger Hemden zahlte er 799 000 Mark; aus London wurden für die Ramschware zusätzlich 562 800 Dollar überwiesen.
Jahrelang haben sich die Zollfahnder für die seltsamen Geschäfte des Arif Temel interessiert. Einige Monate beschattete ihn ein Sondertrupp des Bayerischen Landeskriminalamts.
Temel hauste in einer kleinen teilmöblierten Münchner Wohnung. Bei Fahrten wechselte er schon mal das Taxi. Viele seiner Wege führten zu Banken. Bis zu drei Millionen Mark zahlte der Türke manchmal an einem Tag ein.
Souverän hantierte Temel mit großen Summen. Nach Erkenntnis der Ermittler hat der türkische Händler, der so seltsame Geschäfte betrieb, in nur vier Jahren rund 350 Millionen Mark in 15 Länder transferiert, hauptsächlich in die Türkei, aber auch auf Konten in die Schweiz.
Inzwischen glauben die Ermittler zu wissen, wie der Türke die schnellen Millionen machte. Temel soll nach Einschätzung der Fahnder der Deutschland-Statthalter einer europaweiten türkisch-kurdischen Geldwäscher-Riege sein, die in den vergangenen Jahren mehr als zwei Milliarden Mark an schmutzigem Geld bewegt haben soll.
Schleichend, aber mit zunehmender Intensität hat sich diese Verbrecher-Riege, gesteuert aus Übersee, für ihre Drogengelder Kanäle und Firmen geschaffen, die aus verdächtiger Beute saubere, legale Geldscheine machen. Und der bevorzugte Waschplatz ist das reiche Deutschland geworden.
"Unser Land hat sich zu einem Dorado der Geldwäscher entwickelt", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Meyer, Rechtsprofessor in Freiburg.
Das Geld, das aus Verbrechen stammt, vor allem aus den Geschäften der Drogenmafia, wird seit Jahren auch und vor allem in der Bundesrepublik so lange durch Banken und andere Firmen geschoben, bis es als scheinbar seriöse Investition angelegt werden kann. Die Methoden (siehe Kasten Seite 134) sind vielfältig: Es wird durch Banken geschleust und ist hinterher wieder blütenrein, es dient dem Erwerb von Grundstücken und von Firmenbeteiligungen.
Teile der deutschen Wirtschaft, so fürchten Fahnder und Staatsanwälte, sind bereits von Verbrecherkartellen unterwandert, viele Firmen von den kaum kontrollierbaren Strömen illegalen Geldes durchzogen. Fast alle Banken sind an der Geldwäsche für die internationale Drogen AG beteiligt, einige kleinere Geldhäuser sind hauptsächlich mit der Säuberung von Schmutzgeldern beschäftigt.
Deutschland ist unter die Räuber gefallen. In den frühen achtziger Jahren wurden in der Bundesrepublik etwa vier bis sechs Milliarden Mark Drogengeld gewaschen, heute ist es - geschätzt - ein Vielfaches davon. Das Geld strömt durch dunkle Kanäle aus Südamerika, der Türkei, Italien, den USA.
Oft kommen die Millionen durch Kuriere ins Land, manchmal durch Banktransaktionen. So merkwürdige Geschäfte, wie sie der Türke Temel jahrelang in München betrieb, lassen dann das Geld für vermeintliche Güter wieder abfließen.
Bei Geldwäsche, warnte der Bundesnachrichtendienst (BND), kenne die Phantasie der Gangster kaum Grenzen. "Über- und Unterfakturierungen von Rechnungen" seien ebenso üblich "wie fiktive Waren- und Dienstleistungsgeschäfte".
Mit Sorge beobachten amerikanische Drogenfahnder, wie die Geldströme zunehmend in die Bundesrepublik fließen. Die Geldwäsche, lebenswichtig für die Drogenkartelle, sei in Europa zu einer bedrohlichen Operation geworden, sagt Tom Cash, Chef-Agent der Drogenbekämpfung im US-Staat Florida: "Und da sitzen die Deutschen in der ersten Reihe."
Cash, der in Miami und in der Karibik 450 Spezialfahnder der Drug Enforcement Administration (Dea) führt, war von 1976 bis 1979 der verantwortliche Drogenbekämpfer in Bonn. Er wurde im Oktober 1990 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, unter anderem auch für seine Unterstützung bei der Ausbildung deutscher Fahnder.
Doch Geldwäsche aus Drogengeschäften ist zumeist nur schwer nachzuweisen. Der juristisch erforderliche Beleg, daß der Türke Temel für ein konkretes Rauschgiftgeschäft an einer bestimmten Stelle und an einem bestimmten Ort eine bestimmte Summe gezahlt hat, war bislang nicht zu erbringen. Die Staatsanwaltschaft hat deshalb das Verfahren eingestellt.
Die Ermittlungen wurden zudem durch die fehlende Kooperationsbereitschaft der türkischen Regierung erschwert. Trotz drängender Bitten war Ankara nicht bereit, nach Hintermännern zu suchen. Temel selbst versichert treuherzig, er habe nur völlig legale Geschäfte abgewickelt.
Über den Türken und seine beschlagnahmten Bankunterlagen bekamen die Fahnder jedoch Einblick in ein gewaltiges Millionenspiel. Einer der Teilnehmer ist Recep Demir, 42, ein Mann mit einem perfekten Doppelleben.
Demir war offiziell Angestellter einer kleinen Firma in München. Hauptberuflich aber wusch er Geld.
Bei einer Kontrolle auf dem Flughafen München-Riem wurden am 15. Mai 1989 in seinem Gepäck 350 000 Mark in Bündeln gefunden. Zwei Monate später entdeckte der Zoll in seinen Taschen Bargeld verschiedener Währungen: 107 000 Mark, 39 000 Schweizer Franken, 20 000 holländische Gulden und 12 000 englische Pfund.
Aber erst auf Ersuchen der italienischen Behörden wurde Demir im August 1989 wegen des Verdachts der Beteiligung am Rauschgifthandel verhaftet. Bei seiner Vernehmung verblüffte er die Beamten mit einem Geständnis: Er habe in den letzten fünf Jahren ungefähr 500 Millionen Mark transportiert.
Das Legalisieren des Geldes, das skrupellose Verbrecher zusammengerafft haben, ist ein ganz normales Alltagsgeschäft geworden. Wichtigste Anlaufstelle für die Geldwäscher sind die Banken, die oft arglos sind, sich zumeist aber blind und taub stellen. Schon vor Jahren, sagt der deutschsprachige amerikanische Drogenfahnder Gregory Passic, hätten seine Leute die Gelder der Drogenkartelle aus den USA, aus Kolumbien und Panama zu deutschen Banken verfolgt. Passic, Chef der Dea-Abteilung Geldwäsche, der schon 1975 mit dem Bundeskriminalamt (BKA) in Deutschland nach Dealern fahndete, prophezeit der Bundesrepublik zunehmenden Ärger mit Drogengeldern.
"Jedes Kilo Kokain, das die Dealer absetzen, bedeutet drei Kilo Geld", sagt Passic. "Je mehr der Kokain-Handel zunimmt, desto häufiger werden deutsche Banken mit schmutzigem Geld zu tun haben."
Schon jetzt sind die Schmutzspuren in vielen Häusern deutlich zu sehen - selbst in der tiefsten Provinz. In den Commerzbank-Filialen in Hannover-Vahrenwald und im ostfriesischen Leer legte das kolumbianische Kokain-Kartell jahrelang Millionen an, ganz ohne Tarnung. Die Kunden gaben allesamt das berüchtigte MedellIn in Kolumbien als Wohnort an.
Zeitweilig unterhielt die Drogenmafia bei den Commerzbank-Zweigstellen etwa ein Dutzend Konten. Vollmacht hatte beispielsweise der berüchtigte Gerardo Moncada alias "Kiko", einer der großen Bosse der MedellIn-Mafia. Immer noch sind Spezialfahnder aus den USA hinter ihm her.
Im Frühjahr 1988 flossen insgesamt 6,5 Millionen heiße Dollar aus Panama an die Commerzbank-Filiale in Vahrenwald, dort war das Drogengeld vorerst sicher. Im Oktober wurde es weiter transferiert: sauberes Geld aus Deutschland.
Die meisten Eingänge legte Filialleiter Jörg Möller als Festgelder mit gutem Zinssatz an. Er bot auch sonst perfekten Service.
Als Luis Carlos Hernandez Salinas, ein führender Kopf der MedellIn-Gangster, 1988 bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte, war gleich ein Kolumbianer mit zwei Blankoschecks zur Stelle. Die wurden vordatiert, und ehe der deutsche Fiskus sich um eventuell anfallende Erbschaftsteuern kümmern konnte, waren mit Möllers Hilfe Salinas'' hinterlassene 1,7 Millionen Mark auf einem MedellIn-Konto verschwunden.
Als das Versteck für Drogengelder 1990 durch Ermittlungen des BKA und Revisoren der Bank enttarnt wurde, gab sich Möller arglos. Es habe sich um geschäftlich höchst interessante Einlagen gehandelt. Er habe sich lediglich nach den Wünschen der Kunden gerichtet.
Weil viele Bankiers sich ebenso dumm stellten, konnten in den vergangenen Jahrzehnten Billionenbeträge in das internationale Finanzsystem einsickern. Weltweit setzen die Drogensyndikate schätzungsweise bis zu 800 Milliarden Mark jährlich um. Das entspricht fast dem Volumen der beiden Staatshaushalte von Deutschland und Frankreich zusammen.
Vorstellbar sind solche Summen kaum noch. In Zehn-Dollar-Noten entsprächen sie einem Gewicht von 50 000 Tonnen. Für den Abtransport eines solchen Geldgebirges wären 1667 Güterwagen erforderlich - 34 Züge mit einer Gesamtlänge von 24,2 Kilometern.
Der Vertrieb von Heroin und Kokain, der sich wie eine Seuche weltweit ausgebreitet hat, schwemmt den Drogenbossen immer größere Beträge zu. Gleichzeitig wächst damit ihr entscheidendes Problem: Sie müssen das Geld als legal erworben tarnen und womöglich gewinnbringend anlegen.
Bevorzugt werden dabei Länder mit rigorosem Bankgeheimnis und lückenhaften Gesetzen. Beides kann der langjährige Exportweltmeister Deutschland bieten. In der Bundesrepublik ist - anders als in den USA, den anderen EG-Ländern und selbst in der Schweiz - das Waschen von kriminell erworbenem Geld nicht strafbar.
"Jedes Land", sagt Edward Jurith, Drogenexperte im US-Repräsentantenhaus, "das nicht strikte Kontrollen und Gesetze über die Geldbewegungen hat, ist ein automatisches Ziel für die Geldwäscher."
Die laxe Haltung der Bonner Regierung gegenüber den Drogenbanden und ihren Milliarden hat die Amerikaner schwer verstimmt. Bei Besuchen von hohen Beamten und Politikern aus Bonn drohen sie unverhohlen damit, die Bundesrepublik wie bei den Rüstungsskandalen weltweit an den Pranger zu stellen.
Bereits im November 1988 hatte der Leiter der US-Zollverwaltung mit großem Nachdruck die Bundesregierung zu gesetzgeberischen Initiativen aufgefordert. Das war ihm so wichtig, daß er sich knapp einen Monat später in Bonn "nach den inzwischen veranlaßten Maßnahmen" erkundigte. Er wurde ausweichend vertröstet.
Schon 1989 hatten die größten Industrienationen, die sogenannten G-7-Staaten, auf ihrem Gipfel in Paris schnelles Handeln vereinbart. Die Geldwäscherei, heißt es in einem Kommunique, habe "ein verheerendes Ausmaß angenommen".
Auch Landeskriminalämter, Zollfahnder, BKA und BND weisen seit Jahren auf die wachsende Bedrohung hin. Die Verwendung der immensen Drogengelder, warnte der BND Mitte 1991 in einem Bericht an die Bundesregierung, könne zu einer "wirtschaftlichen und politischen Macht" führen, die "nicht demokratisch kontrollierbar" sei.
Nicht einmal solche ernsten Warnungen haben die Bonner Politiker zu größerer Eile antreiben können. Erst die Geheimberichte über den Fall Temel haben die Abwiegler in Bonn davon überzeugt, daß etwas getan werden muß. Die Bundesregierung ist mit Gesetzesplänen um Jahre in Verzug und liegt, wie der SPD-Rechtspolitiker Hans de With beklagt, "am Ende des internationalen Geleitzuges".
Ende Januar wurden abermals Experten zum Thema Geldwäsche gehört. Erst im Sommer will das Kabinett über den Entwurf eines sogenannten Gewinnaufspürungsgesetzes entscheiden.
Die Gelassenheit angesichts der brutalen Wirklichkeit ist bemerkenswert. Über 2000 Drogentote wurden 1991 allein in Deutschland registriert - ein trauriger Rekord.
In Deutschland werden mittlerweile rund 120 000 Konsumenten harter Drogen vermutet. Immer mehr Junkies werden zu Dieben, Räubern und Erpressern, um ihre Sucht finanzieren zu können.
Die Tatsachen sind in Bonn bekannt, Schlüsse werden nicht gezogen. Finanz- und Wirtschaftsministerium zeigen sich nach wie vor von den Argumenten der Banken beeindruckt, die auf das Bankgeheimnis pochen.
Soll der Geldwäsche Einhalt geboten werden, müssen die Geschäfte der Banken stärker reglementiert werden. Noch immer geschockt von der Diskussion um die Quellensteuer, möchten die Bonner jedoch alles vermeiden, was Kapital in die Flucht treiben könnte.
Die USA und selbst die Schweiz, deren Banken sich über Jahrzehnte für keinen noch so kriminellen Kunden zu schade waren, lassen sich mittlerweile von ihren Bankiers nicht mehr einschüchtern. Allein in den USA werden Jahr für Jahr schätzungsweise 500 Millionen Dollar von Geldwäschern beschlagnahmt.
"Geld ist das Lebensblut der Drogenhändler", sagt der ehemalige US-Justizminister Dick Thornburgh. "Wenn wir es beschlagnahmen, dann können wir ihre Operationen abwürgen."
"Aber wie geraten letztlich die Drogen in die Venen unserer Kinder?" fragte der amerikanische Senator John Kerry in einem Hearing des US-Kongresses. Und er gab selbst die Antwort: "Banken erleichtern die Arbeit der Dealer."
Der Vorwurf trifft inzwischen vor allem auch deutsche Institute. Die sehen gern an der düsteren Wirklichkeit vorbei, wenn die Summen nur groß genug sind, die über ihre Konten laufen: Wie kann Geld schmutzig sein, wenn es sauber gebündelt ist?
Gut ein Dutzend Mal in knapp zwei Jahren hatte Mitte der achtziger Jahre eine junge Frau eine Filiale der BfG-Bank in Frankfurt aufgesucht. Sie kam aus Madrid mit den Taschen voller Heroin-Geld aus Spanien, zuweilen kam sie auch zweimal am Tag.
Genau 4 330 940,27 Mark hat die Frau für ihre Pesetas eingetauscht, und keiner der Angestellten fragte nach der Herkunft des Geldes. Als sie nach einem Autounfall in Frankreich die durchweichte Tasche mit feuchten und zusammengeknüllten Noten auf den Tisch stellte, halfen Angestellte sogar, das Geld glatt zu streichen.
Niemand auch wunderte sich darüber, wie ein kleiner Gemüsehändler mit schmalen Umsätzen in kurzer Zeit zu einem Kontostand von 14 Millionen Mark kommen konnte. Rauschgiftkuriere aus ganz Europa hatten ihm aus grenznahen Städten die Millionen überwiesen. Der Fall flog auf, als BKA-Beamte einen Drogenkurier mit 460 000 Gulden bei der Deutschen Bank in Emmerich festnahmen.
"Die Kriminellen", sagt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Harald Hans Körner, "werden leider immer noch weit unterschätzt. Das ist um so bedauerlicher, als unsere Kundschaft unter Hochdruck arbeitet."
Die Geldkuriere kommen auf allen Wegen: Zöllner auf sämtlichen deutschen Flugplätzen entdecken bei Routinekontrollen immer wieder Koffer und Taschen, berstend gefüllt mit Notenbündeln. Einfuhr von Geld ist nicht strafbar.
Ein in den USA eingesetzter - deutscher - Fahnder resümiert: "Wir, die Deutschen, sind äußerst beliebt - die Lufthansa liefert pünktlich die geldgepackten Koffer an, bei Hapag-Lloyd geht keiner der kokainbeladenen Container verloren, und die Deutsche Bank legt das Geld sicher an."
Oft wird das Geld von harmlos wirkenden Reisenden transportiert. Der Schwetzinger Maschinenschlosser Bernd Rolf Wiedenmann holte in Madrid 7 245 000 spanische Peseten ab, die aus Heroin-Geschäften stammten.
Mit einem Arbeitskollegen brachte Wiedenmann das Geld zur Filiale der Bayerischen Vereinsbank in Heidelberg. Dort packten sie die Peseten aus einer Sporttasche auf den Tresen. Wegen der großen Summe wechselten die Banker über Tageskurs. Insgesamt setzte die Organisation, bei der die beiden Deutschen nur kleine Mittäter waren, in kurzer Zeit rund fünf Millionen Mark um.
Die Geldwäscher setzen nicht nur Kuriere ein. Viele Millionen strömen über getarnte Konten auf Umwegen ins deutsche Bankensystem - zum Beispiel über Luxemburg.
So hatte der kolumbianische Drogenzar Gonzalo RodrIguez Gacha, der vor zwei Jahren auf seinem Landgut von Polizeitruppen getötet wurde, regelmäßig Geld in Luxemburg deponiert. Dea-Fahnder beschlagnahmten insgesamt 132 Millionen Dollar Gacha-Gelder, 34 Millionen davon in Luxemburg.
Der "Mexikaner", wie Gacha wegen seiner breitkrempigen Hüte genannt wurde, hatte dort auch die Töchter deutscher Banken für seine Geschäfte benutzt. Bei dem Luxemburger Ableger der Dresdner Bank etwa, so ermittelten Dea-Fahnder, schob er Millionensummen über die Konten von Scheinfirmen, etwa der Preston Trading Company (Firmensitz: Isle of Man), Xayar International (Panama), Haverstock Ltd (Isle of Man), First Interstate, Transcontinental Traders.
Bei der Deutschen Bank und der BfG-Bank hatte der Drogenboß in Luxemburg, behauptet die Dea in Washington, ebenfalls Konten für seine Scheinfirma Haverstock eingerichtet. Direktoren des Unternehmens waren ein Gacha-Neffe und dessen Frau.
Manche Banken haben Pech mit ihren zweifelhaften Kunden. Die Deutsch-Südamerikanische Bank in Hamburg etwa, eine Tochterfirma der Dresdner Bank, geriet durch die ihr anvertrauten Schmutz-Millionen in ein böses Licht.
Gut 20 Millionen Dollar Drogengeld flossen 1989 auf das Konto Nr. 131-775 00-400 bei der Deutsch-Südamerikanischen Bank. Das Geld kam von dem verrufenen Banco de Occidente aus dem Dealer-Paradies Panama. Dann schlug das BKA zu.
Im April 1989 pfändete ein Gerichtsvollzieher die Einlage, von der 16 Millionen Dollar auf die Schweizerische Bankgesellschaft umgeleitet werden sollten. Obwohl US-Behörden um Überlassung der Drogengelder nachgesucht hatten, gab ein Richter in Hamburg auf Empfehlung des zuständigen Staatsanwalts die schmutzigen Dollar-Millionen wieder frei.
Die Taten seien ja von Ausländern im Ausland begangen worden, meinte der Richter. Es läge daher kein "irgendwie geartetes Interesse" vor, die Gelder einzubehalten.
Ein Interesse gab es schon. Die Amerikaner zumindest hatten im Occidente-Fall gute Gründe, die Herausgabe des Geldes zu verlangen. Die "Südamerikanische", die in Südamerika über Dutzende von Filialen verfügt, gilt bei den Dealern als feine Adresse: Bei einem Undercover-Einsatz von zwei amerikanischen Drogenfahndern auf der Karibikinsel Aruba war beispielsweise im März 1988 ein Gespräch mit Eduardo MartInez, einem der Geldwäscher des kolumbianischen Kokain-Kartells in MedellIn, abgehört worden. Und das war eindeutig.
MartInez: " . . . ich werde meinen Partner fragen, ob er . . . da er das größte Geldvolumen darstellt . . . vielleicht möchte, daß ein Teil des Geldes nach Europa geht. Da alles in New York konsolidiert wird, für seine Bank, das ist, glaube ich, die Deutsch-Südamerikanische Bank in Deutschland . . ."
Nach Ermittlungen der Amerikaner sollen in Hamburg im Juli 1988 genau 11 838 866,49 Dollar des panamaischen Ex-Diktators Manuel Antonio Noriega eingegangen sein. Das Geld sei von der Luxemburger Filiale der Bank of Credit & Commerce International (BCCI), der Hausbank des Verbrechens, überwiesen worden.
Doch die Manager der Deutsch-Südamerikanischen dementierten, Konten auf den Namen Noriega geführt zu haben. Vielleicht hieß der Drogengeneral dort Smith oder Miller.
Mit Geldwäsche hätten sie nichts zu tun, behauptete das damalige Vorstandsmitglied Herbert Mittendorf. "Wir schließen Konten sofort, wenn wir das Gefühl haben, daß der Kunde nicht integer ist."
Der Auswärtige Ausschuß des US-Senats allerdings ist sicher - das Geld kam in Hamburg an, auf einem Konto des Banco Nacional de Panama. Die Bundesrepublik, so monieren US-Drogenexperten, sei das einzige Land in Europa, in dem noch kein kolumbianisches Mafia-Geld beschlagnahmt worden sei. In der Tat waren deutsche Fahnder zwar oft genug dicht dran, aber sie konnten sich bei den zuständigen Richtern nicht durchsetzen: Denen reicht allein die Behauptung, das Geld auf einem bestimmten Konto stamme aus dem Drogenhandel, nicht für eine Beschlagnahme.
"Wenn ich Drogendealer wäre", sagt US-Fahnder Passic, "würde ich für die Geldwäsche Deutschland wählen." Passic hat außer der laschen Gesetzgebung noch andere Gründe für den Run auf Deutschland ausgemacht: "Die D-Mark ist stabil, Inflation existiert praktisch nicht, und das Bankensystem ist eines der besten, wenn nicht das beste in der Welt."
Verheerender noch als die erste Stufe der Geldwäsche ist nach Meinung von Experten die weitere Verwendung der Gelder. Multi-Milliarden-Summen, von der Unterwelt in allen Etagen der Gesellschaft zusammengestohlen, werden quer durch die Wirtschaft investiert.
Gut getarnt, versteht sich. Die Verzahnung von verbrecherischen Aktionen und scheinbar ehrbarer kaufmännischer Tätigkeit ist perfekt. Banken, Briefkastenfirmen, Treuhandgesellschaften, Beratungsfirmen und Holdings mit Phantasienamen saugen die Milliarden auf.
Schon 1984 wurde ein Konstanzer Geschäftsmann enttarnt, der für die Freunde der amerikanischen Cosa Nostra Dollar-Millionen so lange hin und her bewegt hatte, bis sie sauber waren. Der Finanzjongleur unterhielt ein ganzes Firmenimperium einschließlich Diamantenhandel. Die Unternehmen dienten ausschließlich dem Zweck, die vielen Geldbewegungen auf seinen Kontoauszügen zu erklären.
Oft sind es Rechtsanwälte, die, geschützt durch anwaltliche Schweigepflicht, für ihre kriminelle Mandantschaft die Holdings halten. Drei solcher Dachgesellschaften, die von der US-Rauschgiftbehörde Dea als "Geldschleusen" für das Kokain-Geschäft bezeichnet werden, sollen allein in Hamburg ihren Sitz in Anwaltskanzleien haben.
Die Täter sind keine finsteren Gestalten mit dem Revolver im Schulterhalfter. Der US-Staatsanwalt Buddy Parker aus Atlanta beschreibt den Manager der Geldwäscherei in der Beletage des Verbrechens als "scharfsinnig, gebildet, mit der internationalen Bankenwelt vertraut".
Diese gebildeten Leute kennen sich laut Parker nicht nur mit Bilanzen aus - sie müßten auch bereit sein, "ihr Leben aufs Spiel zu setzen, weil ja sie den großen _(* Mit sichergestellten Haschisch- und ) _(Kokain-Päckchen. ) Drogenhändlern die Geldbewegungen garantieren müssen".
Die Crime-Trusts gehören zur absoluten Spitze des Big Business. Während die 100 größten Konzerne der Welt 1990 insgesamt einen Gewinn von rund 180 Milliarden Mark erzielten, machten die Drogenbanden einen Profit, der nach Abzug der Kosten für Herstellung, Vertrieb, Personal, Spesen und Bestechung auf gut 500 Milliarden Mark geschätzt wird. Die Umsätze der Kriminellen sind inzwischen weit bedeutender als die des internationalen Erdölhandels.
Experten befürchten, daß der organisierten Kriminalität der Marsch durch alle Institutionen sehr rasch gelingen könnte. "Kriminelle internationale Syndikate", sagt Paul Münstermann, Vizepräsident des BND, "wollen Wirtschaft und Politik durchdringen." Wo Geld keine Rolle spiele, warnt der bayerische CSU-Politiker Peter Gauweiler, stelle sich die Machtfrage. "Wenn wir nicht endlich handeln", prophezeit der frühere Innen-Staatssekretär und jetzige Umweltminister, "sind wir verloren und gehören der Katz."
"Stellen Sie sich mal vor", schreckt BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert gern seine Besucher, "ein Verbrecher-Syndikat erwirbt Anteile von BMW, Siemens oder MAN." So abwegig jedenfalls ist die Vorstellung nicht. Es gibt deutliche Anzeichen, daß die Geheimorganisationen sich gezielt in Firmen einkaufen - auch in Großunternehmen.
Niemand will bestreiten, daß auch kriminelle Organisationen an der Börse Aktienpakete zusammenkaufen können - wie es etwa die Mafia gezielt an der Mailänder Börse getan hat. Die Kriminellen, meint der frühere BKA-Chef Heinrich Boge, könnten mit ihren gewaltigen Summen "seriöse Firmen verdrängen". Sie zahlen jeden Preis.
Goldgräberstimmung hat die Unterwelt in den neuen Bundesländern erfaßt. Seit dem Fall der Mauer, heißt es in einem BKA-Papier, gründeten die West-Gangster im Osten Unternehmen oder beteiligten sich an bereits bestehenden Firmen. Als Käufer würden Strohmänner vorgeschoben.
Als die Veba in den neuen Bundesländern ein Grundstück zu einem zweistelligen Millionenpreis erwerben wollte, hatte selbst der große Konzern keine Chance. Eine kleine unscheinbare Firma bot im letzten Moment das Dreifache - Fahnder vermuten, daß Drogengeld im Spiel war.
Der Jahresumsatz organisierter Kriminalität in Deutschland, die von Zuhälterei bis hin zu Schutzgeld-Erpressung und Großhehlerei reicht, ist möglicherweise größer als der von Siemens und Bayer zusammengenommen. Nach BKA-Schätzungen liegt er zwischen 50 und 100 Milliarden Mark jährlich. Der frühere baden-württembergische Landespolizeichef Alfred Stümper geht sogar von gut 150 Milliarden aus.
Auch dieses Geld, erklärt Erich Rebscher vom BKA, werde gewaschen und dann überwiegend investiert. Eine legale zweite Säule sei zum "A und O des Verbrechens" geworden.
Die versteckten Investitionen in der Wirtschaft erleichtern den Ganoven das Handwerk. Der Kauf von Immobilien dient dem Aufbau einer eigenen Infrastruktur. Touristikunternehmen oder Discos eignen sich zum Absatz und Vertrieb von Drogen, der Einstieg in Chemiefirmen macht es einfach, an Substanzen für die Herstellung von Rauschgift zu kommen. Der Erwerb von Transportunternehmen hilft beim Schmuggeln.
Mancher Volkswirtschaft droht beim Entzug der Rauschgiftgelder schon der Kollaps. Das Verbrechertum ist teilweise schon zum Staat im Staate geworden. Mit ihren gewaschenen Drogenmilliarden hat beispielsweise die Mafia in Italien die Kontrolle über ganze Wirtschaftszweige an sich gerissen.
Zur Stützung der Lira, zur Stärkung des eigenen Einflusses und als Kapitalanlage hat das organisierte Verbrechen in riesigen Mengen Kreditbriefe des italienischen Schatzamtes und Staatsanleihen erworben. Damit wurde auch das chronische Defizit des italienischen Haushaltes verringert.
In den Ländern Lateinamerikas bleibt Bankiers oder Investment-Brokern oftmals keine Alternative mehr als jene, die ihnen die Rauschgifthändler aufzwingen: Plata o plomo, Geld oder Blei, Kooperation oder der Sarg.
Die Großen der Rauschgiftzunft, glaubt Frankreichs Staatschef Francois Mitterrand, üben "soviel Macht aus wie Regierungen". Die Uno befürchtet gar, daß politische Institutionen und Wirtschaftsorganisationen "unmittelbar bedroht" seien.
Die Banken wehren sich gegen Auflagen, die ihr Geschäft beeinträchtigen. Nur wer ein Konto oder ein Wertpapier-Depot eröffnet, muß seinen Ausweis vorlegen - wer aber auf ein Konto bar einzahlt, kann anonym bleiben.
In den USA müssen bei Bargeld-Einzahlungen ab 10 000 Dollar die Banken einen Identitätsnachweis verlangen und sind sogar gesetzlich verpflichtet, dem Finanzamt die Transaktion zu melden. Nach den Bonner Plänen sollte ursprünglich jeder, der 20 000 Mark und mehr am Bankschalter bar einzahlt, seinen Paß zeigen. Dann wurde die Grenze für einen solchen Nachweis auf 30 000 und schließlich auf 50 000 Mark hochgesetzt. Die Banken jedoch wollen allenfalls ab 100 000 Mark einen Paß des Einzahlers sehen und solche Bar-Überweisungen gesondert erfassen.
Das Registrieren von Finanzdaten und Personalien, so argumentierten Vertreter des Bankgewerbes in Bonn, bedeute eine "erhebliche Mehrbelastung". Rund sieben Millionen Einzelfälle müßten bei einem Grenzwert von 50 000 Mark erfaßt werden. Das sei viel Aufwand für hundert Fälle.
Die Verfasser des Grundgesetzes, intervenierten die Volks- und Raiffeisenbanken im Zentralen Kreditausschuß, hätten "keinen Überwachungsstaat" gewollt. Diesen Auftrag dürfe die Bundesregierung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Erschwert werden die Bonner Beratungen über Handhaben gegen die Geldwäsche, weil die Banken hartnäckig darauf bestehen, den Fahndern ihre Unterlagen nur in ganz klar begrenzten Fällen zur Verfügung zu stellen. Sie sorgen sich um das Bankgeheimnis, wenn Ermittler sich der Aufzeichnungen bemächtigen dürfen.
Es könne nicht angehen, schrieb der Zentrale Kreditausschuß der Banken Mitte Dezember an das Bundesinnenministerium, daß die Unterlagen der Banken "nicht nur, wie ursprünglich zugesagt, zur Strafverfolgung von Geldwäsche-Delikten aus Drogenhandel dienen, sondern im Extremfall auch zur Ermittlung gegen sogenannte Einbrecher- oder Autoknackerbanden".
Das klingt wie Satire, ist aber bitterernst gemeint. Nur bei "Delikten gegen das Leben oder ähnlich schwerwiegende Rechtsgutverletzungen" dürften, so die Bankenvertreter, die Aufzeichnungen zu Ermittlungen herangezogen werden.
Damit soll vor allem dem Fiskus jeglicher Einblick versperrt werden. Da erwies sich die Bankenstrategie als erfolgreich. In den Beratungen über das sogenannte Gewinnaufspürungsgesetz wurde vereinbart, daß die Unterlagen der Banken selbst in Fällen schwerster Steuerkriminalität nicht benutzt werden dürfen. Es sei denn, der Steuerbetrüger hätte auch gleich noch Geldwäsche mitbetrieben.
Das geplante Gesetz ist voller Lücken. Selbst bei konkretem Verdacht auf Geldwäsche darf eine Transaktion nur bis zu 24 Stunden gestoppt werden. Staatsanwälte kritisieren, daß in dieser knappen Zeit gründliche Ermittlungen kaum möglich sind. "Bis die Justiz marschieren kann", befürchtet der Frankfurter Oberstaatsanwalt Körner, "ist das Geld weg."
Die Ermittler sind ohnehin überfordert. Beim Bundeskriminalamt wird eine Sondergruppe Geldwäsche aufgebaut, der lediglich rund 20 Kriminalbeamte und Zollfahnder angehören sollen. Und die Steuerfahndung soll - anders als in den USA - nicht beteiligt werden.
Das organisierte Verbrechen wird sich von der kleinen Spezialeinheit kaum schrecken lassen. Solange Bonn sich nicht zu scharfen Regelungen gegen Geldwäsche durchringen kann, werden die Drogengangster ihre Vorliebe für das großzügige Deutschland und seine blinden Bankiers pflegen.
Der ehemalige Schweizer Staatsanwalt Dick Marty, der dafür sorgte, daß die syrischen Geldwäscher-Brüder Magharian wegen Finanzierung des Drogenhandels 1990 in der Schweiz zu je viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wurden, kämpft seit Jahren gegen die Zusammenarbeit von Drogenbaronen und Bankiers. Und er weiß, warum gesetzliche Bestimmungen lange auf sich warten lassen.
"Zu viele Leute wollen einfach nicht wissen, woher das Geld kommt", sagt Marty: "Ich glaube, daß diese Leute Mittäter sind." *HINWEIS: Im nächsten Heft Geldzählmaschinen für die amerikanischen Rauschgiftbosse - Drakonische Strafen gegen willige Helfer - US-Banken unterstützen den Kampf gegen Dealer und Geldwäscher
[Grafiktext]
_131_ Drogendeals: "Geldwaschanlagen" des internationalen
Drogenhandels
[GrafiktextEnde]
* Mit sichergestellten Haschisch- und Kokain-Päckchen.

DER SPIEGEL 9/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.