Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

„Lebenswerk in Trümmern“

100 000 russische Atomspezialisten ringen um ihre Existenz: In den bislang geheimen Rüstungskomplexen reicht das durchschnittliche Monatsgehalt kaum für drei Kilo Fleisch. Westliche Unterstützung für Wissenschaftszentren hilft nur wenigen. Die ersten Nuklearexperten setzten sich bereits nach Libyen und in den Iran ab.
Die schweren Türen öffnen sich lautlos. Drei unscheinbare Herren betreten den schalldicht abgeschotteten Sitzungssaal. Ihre Anzüge sind uniformgrau, ihre Krawatten karminrot, ihre Köpfe gesenkt. Sie sehen aus wie Apparatschiks des alten Regimes, aber ihr Auftrag war von ganz besonderer Art.
Der Raum ist ihnen seit Jahrzehnten vertraut. Zwischen den holzgetäfelten Wänden besprachen sie mit ihren Direktoren die endlosen Rüstungsaufträge der Sowjetführung, bis das Riesenreich am eigenen Expansionsdrang erstickte.
Jetzt liegt auf dem abgegriffenen Verhandlungstisch ein bunter Flaschenöffner von Pepsi, in einer Ecke steht ein Siemens-Farbfernseher: kleine Aufmerksamkeiten der Sieger im beendeten Kampf der Systeme.
Ehe der Kalte Krieg verlorenging, durften die 5000 Mitarbeiter der Waffenschmiede mit dem Tarnkürzel "R 64 76" Fragen nach ihrem Arbeitsplatz allenfalls mit dem Hinweis beantworten, sie seien in einem "potschtowyj jaschtschik" beschäftigt, in einem Briefkasten. Jeder Sowjetbürger begriff und schwieg.
Nunmehr können sich die drei Herren als leitende Angestellte von "Nikimt" ausweisen, dem "Forschungs- und Konstruktionsinstitut für Montagetechnologien" in Moskaus Stadtbezirk Kirowski.
Ihr Chef, Generaldirektor Jurij Jurtschenko, präsentiert sie wie ein Zirkusdompteur seine Löwen. "Jeder dieser Männer", erläutert er mit unverhohlenem Stolz ihre Fertigkeiten, "ist Experte beim Schweißen von Uran." Sie waren die kostbarsten Fachleute der UdSSR - jetzt ist ihr Wissen daheim nicht mehr gefragt.
Der Zerfall der Supermacht Sowjetunion und der ökonomische Niedergang trafen das so lange florierende Unternehmen mitten im Umstellungsprozeß auf zivil nutzbare Nukleartechnologien. "Niemand finanziert mehr unsere Programme", klagt Jurtschenko.
Der Atommanager sitzt vor leeren Auftragsbüchern. Im November letzten Jahres stornierten die Militärs alle Bestellungen, gerade 52 Prozent der Produktionskapazitäten sind noch ausgelastet. Die Gehälter der einst privilegierten Mitarbeiter entsprechen nach den Preissteigerungen im Januar "nur noch Almosen". Jurtschenko erlebt bereits "große psychologische Spannungen im Kollektiv". Die Spezialisten leiden Not.
Das läßt den Blick in die Ferne schweifen. "Zwei von drei meiner Schweiß-Experten halten ein lukratives Angebot aus der Dritten Welt in Händen", enthüllt der Nikimt-Direktor ungefragt. Der Käfig, der alle festhielt, die bei R 64 76 arbeiteten, steht mit einemmal weit offen: "Ich werde meine Mitarbeiter nicht als Geheimnisträger einstufen und damit zwingen zu bleiben. Jetzt hat jeder das Recht, auf das eigene Land zu pfeifen und abzuhauen."
Wer wird als erster die Koffer packen? Der schweigsame Wladimir Serjosnow, 54, dessen bislang einzige Auslandsreise vor langer Zeit in die Volksrepublik Bulgarien führte? Der untersetzte Leonid Schtschaweljow, 46, der in diesem Jahr so gern einen Fachkongreß in Japan besuchen würde? Oder der verbitterte Wladimir Winogradow, 54, dessen Tochter schon vor knapp drei Jahren nach Israel auswanderte?
Noch fehlt zur Ausreise die formelle Zustimmung des Ressortchefs im neuen russischen Ministerium für Atomenergie - Präsident Boris Jelzin hat das Amt bislang nicht besetzt. Der stellvertretende Minister Wiktor Michailow kann die Abwanderungswilligen zwar "innerlich verstehen", glaubt aber nicht daran, "daß wirklich jemand geht". Kernwaffen, sagt Michailow, "wurden und werden von Patrioten gebaut. Das sind verantwortungsbewußte Menschen".
Professor Sergej Kapiza, 63, weltläufiger Sohn eines Physiknobelpreisträgers und selbst jahrzehntelang eine wissenschaftliche Primadonna, mit der sich die Sowjetmacht schmückte, hält es gar für eine "Beleidigung, unseren Nuklearexperten zu unterstellen, sie ließen sich für Dollar von Despoten kaufen".
Doch alle, die jetzt das Problem emphatisch leugnen, wuchsen auf in einer soeben versunkenen Welt - und sie stecken noch immer im Elfenbeinturm, den das Sowjetregime für sie baute.
Unter den weniger Behüteten hingegen gärt es. "Vor allem die jungen Wissenschaftler sind gezwungen, sich um jeden Preis Existenzmittel zu verschaffen", sagt Andrej Uschakow, Vizepräsident der vor zwei Jahren gegründeten "Vereinigung der jungen Wissenschaftler der Welt". Der 26jährige gehört zu einer der zahlreichen Nukleardynastien, die vom alten Regime für den Rüstungswettlauf gezielt gezüchtet wurden. Uschakows Vater war Direktor des ersten zivilen sowjetischen Atommeilers in Obninsk, der Sohn studierte Plasmaphysik und begann seine Forschungsarbeit beim legendären Kurtschatow-Institut für Atomenergie.
Ihm winkte eine Karriere in Moskaus Gegenprogramm zu Washingtons geplantem Raketenabwehrsystem SDI. Der Krieg der Sterne ist abgesagt, Rußland beinahe pleite. Uschakows letzter Bruttolohn betrug gerade 660 Rubel, knapp über 10 Mark - zuwenig für den Kauf von drei Kilo Rindfleisch, aber noch genug, um seine Familie in Rußlands wirrer Übergangsökonomie notdürftig zu ernähren.
Nur durch den "Umstieg auf einen Überlebenshaushalt" kann das Institut seine 10 000 Mitarbeiter überhaupt noch beschäftigen. Unzählige Wissenschaftler verdienen sich ihr Geld inzwischen tagsüber mit "kommerziellen Vermittlerdiensten" an Warenbörsen oder bei oft fragwürdigen Handelsgeschäften, sagt Uschakow. 20 von 100 Spezialisten der Plasmaphysik-Abteilung unterschrieben im vergangenen Jahr zeitlich befristete Auslandsverträge. Auch die Top-Forscher des Labors für theoretische Physik grübeln über einschlägige Angebote.
"Niemand weiß, ob diese Experten je zurückkommen werden", meint Wladimir Seleznew, hauptamtlicher Sekretär der Jungwissenschaftler-Vereinigung, die mit 30 000 Akademikern in ganz Rußland Kontakt hält.
"Die Stimmung", berichtet der frisch gewendete Ex-Kommunist, "ist dramatisch. Um in ihrem Fachbereich zu arbeiten, sind die Leute bereit, an jeden Punkt der Welt zu fahren." Traumziele, so Seleznew, wären "natürlich die USA oder Deutschland". Als das Kurtschatow-Institut kürzlich fünf Plätze für einen Praktikantenaufenthalt in München ausschrieb, kamen 50 Bewerber in die engere Wahl. "100 000 wollten hin", schätzt Uschakow.
"Wenn sich die Lage nicht rasch verändert", fürchtet Professor Andrej Pogrebkow vom Moskauer Steklow-Institut für Mathematik, "steht unser Land bald ohne Intellektuelle da." Sein Monatseinkommen von 900 Rubel verdienen tüchtige Taxifahrer an einem Tag.
Amerikaner und Deutsche haben die Gefahr, die von verzweifelten, herrenlos gewordenen Atomspezialisten ausgehen könnte, längst erkannt. Zusammen mit der russischen Regierung wollen sie ein Technologiezentrum gründen. Washington hat 25 Millionen Dollar zugesagt, die EG 50 Millionen versprochen. Aber wie viele Experten können damit für wie lange gehindert werden, ihre Kenntnisse an aufrüstungsgierige Länder der Dritten Welt zu verkaufen?
Wie ein Alptraum verfolgt die Machthaber im Kreml heute das Schicksal von zehn hochgeheimen Atomstädten, deren Kodierung sich von den örtlichen Postleitzahlen ableitete. Allen voran rangiert der Nuklearwaffen-Komplex Tscheljabinsk-65 und Tscheljabinsk-70 im Südural, der Atomhauptstadt der untergegangenen Sowjetunion. Die Orte sind auf keiner Landkarte verzeichnet, obwohl in ihnen jeweils mehr als 40 000 Menschen wohnen.
Kein Hinweisschild zeigt den Weg, Bauern in der Region wenden sich ab, wenn sie nach dem Weg gefragt werden. Wachposten säumen die wichtigsten Zufahrtstraßen, hinter kaum einsehbaren Kurven tauchen plötzlich Schlagbäume auf. Hohe Betonwände, Kontrollstreifen und Stacheldrahtzäune riegeln die Geisterstädte ab. Diese Enklaven wirken wie die letzten Trutzburgen des Sozialismus sowjetischer Prägung. In Tscheljabinsk-65 verbirgt sich das Herz, in Tscheljabinsk-70 das Gehirn der Kernwaffenproduktion.
Im Herzstück des Atomkomplexes setzte 1957 eine Explosion in einem Stahltank, der mit knapp 80 Tonnen radioaktivem Müll gefüllt war, eine gewaltige Wolke frei, die eine Fläche von 15 000 Quadratkilometern verseuchte. Da die militärischen Nuklear-Abenteurer außerdem verstrahlte Abfälle in Flüsse und benachbarte Seen leiteten, hält der US-Wissenschaftler Thomas Cochran das Ufer des Karatschaj-Sees "für den am höchsten verstrahlten Ort der Welt" - schlimmer als die Kernzone von Tschernobyl.
Hinter den Absperrungen der Nuklearmetropole lassen sich derlei Gefahren leicht vergessen. Tscheljabinsk-70 liegt inmitten eines zauberhaften Landstrichs voller Birken- und Kiefernwälder. Die Stadt schmiegt sich wie ein Hufeisen um die Südseite des fast kreisförmigen Sinara-Sees. Forschungslabors und Entwicklungszentren sind in den Wäldern verstreut wie Fakultätsgebäude auf einem großzügig angelegten Universitätscampus in den USA. Am Rande des 450 Quadratkilometer großen Sperrgebiets legte die Stadtverwaltung auf einem Ausläufer des Uralgebirges sogar eine eigene Skipiste an.
Exakt zehn Kilometer östlich von Europas Grenze leben hier Tausende von Menschen in schmucken Häusern, wie sie in Moskau kaum zu finden sind. Halb neidisch, halb verächtlich nannten die Leute in den tristen Nachbardörfern bis vor kurzem die Bewohner dieses Dorados "Schokoladniki".
Inzwischen ist die Versorgungslage hinter den Mauern schlechter als in vielen Großstädten Rußlands. Brot gibt es nur auf Lebensmittelkarten, 200 Gramm pro Tag. Süßigkeiten kennen "die Kinder bloß noch aus dem Fernsehen", erzählt Arkadij Loginow, persönlicher Assistent des wissenschaftlichen Leiters in der geschlossenen Stadt. Pensionäre und unterbeschäftigte Wissenschaftler fischen tagsüber an den Eislöchern der zahlreichen Seen, um ihre Nahrungsration etwas aufzubessern.
"Man hat uns wie eine Herde in den Stall getrieben", sagt Jurij Galuntschik, ein Montagearbeiter für militärische elektronische Geräte, "und versucht nun, uns noch so lange wie möglich zu halten." Tscheljabinsk-70, so klagt er beim Einkauf in einem kümmerlich sortierten Lebensmittelladen, sei dabei, sich in einen "stinkenden Müllhaufen" zu verwandeln. Wäre es nicht so schwierig, anderswo eine Wohnung zu finden, "wären die meisten schon weg". Seit fünf Jahren können die Bewohner des Nuklearzentrums ungehindert im Land herumreisen, Auslandsaufenthalte bleiben den meisten allerdings weiterhin verwehrt.
Verwandte, die früher gern zu Besuch kamen, lassen sich jetzt kaum noch blicken. Die einst junge, lebendige Stadt ist überaltert und abends ausgestorben, obwohl neuerdings sogar Zigeunergruppen zu Auftritten eingeladen werden. Erstmals macht sich Armut breit. "Wir haben doch die Raketen gebaut", schüttelt Galuntschik den Kopf, "da muß man uns doch leben lassen."
Die Desintegration sei bereits so weit fortgeschritten, urteilt Lew Feoktistow, ehemals führender Wissenschaftler in Tscheljabinsk-70 und nunmehr prominenter Forscher am Moskauer Lebedew-Institut für Physik, "daß wir mit dem Diebstahl von Nuklearwaffen rechnen müssen". Zwar sei dies im streng bewachten Tscheljabinsk besonders kompliziert; aber "mit Geld läßt sich heute alles erreichen". Gut organisierte Banden, warnt der frühere Bombenbauer, "können vieles ausspionieren, etwa den Transport von Sprengköpfen und nuklearem Material".
Zusätzliche Gefahren drohen von den fertigen Bomben selbst. Trotz über 40jähriger Erfahrung bei der Produktion dieser Waffen haben die Spezialisten die technischen Probleme bei Transport, Lagerung und Zündung nicht ausreichend unter Kontrolle. Sie fürchten sich vor ungewollten, fatalen Detonationen.
Vom Westen unbemerkt seien in der Sowjetunion Fehlstarts von in Silos verbunkerten Interkontinentalraketen ausgelöst worden, berichtet ein Nuklearexperte im vertraulichen Gespräch. Die irrtümlich gezündeten Flugkörper landeten aber in nächster Nähe der Abschußorte - angeblich ohne Freisetzung von Radioaktivität.
Ohne ausländische Hilfe läuft im einstigen sowjetischen Nuklearimperium inzwischen nichts mehr. Die zugesagte Verschrottung großer Teile des angehäuften Atomarsenals kann Rußland nicht ohne US-Beteiligung bewältigen, die Umstellung der Rüstungsproduktion auf zivile Güter ist ohne westliche Partner zum Scheitern verurteilt.
Zwar liegen in den Schubladen fast aller ehemals geheimen Militärbetriebe Konzepte für neue, zivile Produkte. Firmen wie Nikimt entwickelten schon eigene Prototypen, etwa eine wendige Roboterfamilie zum Einsatz bei AKW-Unfällen oder umgebaute Feuerlöschpanzer. Aber die Kundschaft bleibt aus. Vergangenen Montag kehrte Generaldirektor Jurtschenko sichtlich frustriert von einer Geschäftsreise nach Kiew zurück. In der Ukraine wollte niemand etwas von Nikimt wissen.
Auch die neuen Moskauer Firmen "Nikiet" (5000 Beschäftigte) und "Lutsch" (einige tausend Mitarbeiter) setzen voll auf friedliche Atomtechnologie. Wer aber möchte nach Tschernobyl und der weltweiten Stagnation beim Kernkraftwerksbau ausgerechnet bei den Russen ordern?
Größere Chancen kann sich da schon Jewgenij Awrorin ausrechnen, der Wissenschaftschef von Tscheljabinsk-70. Seine Forscher könnten kleinkristalline Diamanten herstellen, etwa für Zahnarztbohrer. Mit einer Finanzierungshilfe von einer Million Mark wären am Weltmarkt möglicherweise jährlich 10 Millionen Dollar zu erwirtschaften. Auch ein Joint-venture zum Bau von Gamma-Kammern für medizinische Zwecke dürfte sich lohnen. Beide Vorhaben würden allerdings bestenfalls 220 Arbeitsplätze sichern - nur ein winziger Hoffnungsschimmer für das Heer der orientierungslosen Kalten Krieger außer Dienst.
Eine Million Menschen leben nach den Berechnungen des stellvertretenden Atomministers Michailow derzeit noch in den zehn Nuklearstädten des Landes, darunter 100 000 Fachleute. "Sie sind nützlich für alle Völker", sagt Michailow, "ich wundere mich, warum Deutschland noch schläft."
"Der Westen ist sich noch gar nicht bewußt, wie sehr die sowjetische Gesellschaft militarisiert war", erklärt Professor Alexej Jablokow, persönlicher Berater Boris Jelzins im Kreml. Nach seinen Ermittlungen arbeiteten 75 Prozent aller Sankt Petersburger Betriebe und die Hälfte aller Moskauer Unternehmen noch bis Anfang dieses Jahres überwiegend für die Streitkräfte.
Die finanziellen Hilfen von USA und EG für ein Forschungszentrum werden für eine Wende sicher nicht ausreichen. "Wir brauchen Aufträge, Aufträge, Aufträge", appelliert Atompolitiker Michailow und warnt: "Wenn ein Boot ohne Steuermann fährt, wird es auf Grund laufen."
Die ersten haben das russische Schiff schon verlassen. Noch vor der Jahreswende setzte sich der Nuklearphysiker Igor Tschernijew, 46, aus dem Kernforschungszentrum Dubna bei Moskau nach Libyen ab. Er hatte an Moskaus Physik-Technischem Institut studiert, einer Kaderschmiede für Atomspezialisten und Raketenkonstrukteure. Den Vertrag mit dem Gaddafi-Regime verschaffte ihm ein libyscher Freund, den er vor vielen Jahren zufällig in der Nähe einer Flugzeugfachschule im ukrainischen Krementschug kennengelernt hatte.
Dreimal meldete er sich inzwischen telefonisch bei seiner Schwester Anna Georgina und seinen Eltern in Moskau. Nach seinen Auskünften arbeitet er zusammen mit drei weiteren Russen, die früher Pipelines gebaut hatten, an einem "geheimen Nuklearprojekt". Da Tschernijew nie praktische Erfahrung beim Bombenbau sammeln konnte, wird er Gaddafis Atomsehnsüchte so schnell wohl nicht befriedigen können.
Professioneller benehmen sich da schon die Iraner, die ihre Kernwaffenpläne mit Materialimporten aus China zügig vorantreiben. Als Clearingstelle zur Abwerbung von frustrierten russischen Spezialisten nutzen sie ihr ehemaliges Konsulat in Baku, jetzt Botschaft in der Republik Aserbaidschan. Kontaktsuchende Russen mit einem Sperrvermerk im Paß, der ihnen als Geheimnisträger Auslandsreisen verbietet, können die grenznahe Stadt noch ungehindert anfliegen.
Nach einer Baku-Reise besuchte einer, der sich als Interessent vorstellte, vergangene Woche unaufgefordert den SPIEGEL in Moskau. 60 000 Dollar Jahresgehalt habe ihm ein iranischer Botschaftsangestellter geboten, behauptete er, außerdem 360 000 Dollar Schmerzensgeld für die Aufgabe seiner Staatsbürgerschaft. Zumindest einer seiner Kollegen sei bereits für 1000 Rubel von Schleppern über die Grenze in den Iran gebracht worden.
Der Atomphysiker, der bei den in Nordeuropa stationierten Interkontinentalraketen im Einsatz war, sollte sich im Iran mit Neutronenspektroskopie beschäftigen - unverzichtbar bei der Herstellung von Kernwaffen. "An so einer Bombe zu bauen, würde mich reizen", sagt er. "Ich möchte gern wissen, ob ich schaffen kann, was den Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht gelang."
Wladimir Winogradow hingegen, einer der drei Schweißspezialisten von Nikimt, läßt sich von solchen Gedanken nicht locken, noch nicht. Als seine Tochter im Mai 1989 nach Israel zog, war er aus patriotischen Gründen überzeugt, "wir müssen in der russischen Heimat leben".
Zur Verteidigung der Sowjetunion hielt er die Waffenproduktion "für ganz wichtig", bis zuletzt. "Heute stehe ich vor den Trümmern meines Lebenswerks", sagt er nüchtern. "Wenn ich noch einmal von vorn beginnen könnte, würde ich lieber Heizkörper schweißen." Eine Übersiedlung nach Israel fiele seiner Frau und ihm jetzt nicht mehr schwer. Dort wird er aber nicht gebraucht. Andere wollen ihn haben, weit weg. "Vom moralischen Standpunkt aus ist es nicht schön, in Länder zu fahren, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben", meint Winogradow abwägend. Dann fügt er hinzu: "Doch jeder stirbt für sich allein."
[Grafiktext]
_147_ Rüstung: / Rußlands geheime Nuklearzentren
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 9/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.