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DER SPIEGEL

GroßbritannienEnorme Verklemmung

Auf der Insel Man werden Schwule gejagt. Nun machen Londons Homosexuelle mobil.
Tränenüberströmt und am ganzen Körper zitternd, stand Kevin David McCauley, 35, vor seinem Richter in Douglas, der Hauptstadt der zwischen England und Irland gelegenen Insel Man. Fragen des Vorsitzenden konnte der verstörte Beschuldigte nur stammelnd beantworten.
Vorläufig auf freien Fuß gesetzt, aber in panischer Angst vor einer quälenden Hauptverhandlung, fuhr McCauley mit seinem Auto ans Meer. Er legte einen Schlauch vom Auspuff ins Wageninnere und ließ den Motor an. Stunden später fanden Spaziergänger ihn tot auf.
McCauley hatte sich mit seinem Selbstmord einer hohen Freiheitsstrafe entzogen - theoretisch drohte ihm bis zu lebenslang. Das Verbrechen des geschiedenen Mannes und Vaters eines kleinen Jungen: Homosexualität.
Die Isle of Man - berühmt für ihre schwanzlosen Katzen und das schwerste Motorradrennen der Welt - ist der letzte Platz Westeuropas, an dem homosexuelle Handlungen selbst zwischen Erwachsenen strafbar sind.
Da sich aber auch unter den keltischen "Manx", wie die Inselbewohner heißen, Homosexualität durch Strafandrohungen _(* Am Donnerstag vergangener Woche. ) nicht ausmerzen läßt, bläst die Polizei regelmäßig zur großen Schwulenhatz. Anfang dieses Monats konnte Polizeichef Robin Oake 21 anklagereife Festnahmen vorweisen. Daß sich außer McCauley noch ein Schwuler aus Angst das Leben nahm, nahm die Obrigkeit achselzuckend hin.
Die Jagdszenen auf der "Insel des Todes", wie der einzige Schwulenaktivist auf Man und durchgefallene Parlamentskandidat Alan Shea nunmehr seine Heimat nennt, schlugen hohe Wogen in Britannien. Die 70 000 Manx unterstehen zwar seit 1765 der Krone, haben aber ein unabhängiges Parlament sowie eine autonome Justiz.
Großbritannien ist für die Außenpolitik der Insel zuständig und hat auch für Man die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Mit seiner Weigerung, Homosexualität zwischen Erwachsenen straffrei zu machen, verstößt das Inselparlament dagegen.
Doch der Tory-Premier John Major hat keine Lust, sich ein paar Wochen vor den Wahlen als Schutzherr der "gays" und "lesbians" zu exponieren. Sich mit den "queers", "queens" und "poofs", wie Homosexuelle abschätzig genannt werden, zu solidarisieren, könnte Major bei puritanischen Wählern Stimmen kosten.
Die Jagd auf der Insel Man und Majors Untätigkeit empörten Londons Homos. Vorigen Donnerstag zog eine Delegation mit Transparenten wie "For queens and country" zu den Denkmälern von Nationalhelden, die angeblich schwul waren: die Feldmarschälle Montgomery, Kitchener und Haig sowie der Lieblingsonkel der Queen, Admiral Mountbatten. Vor dem Kitchener-Denkmal rezitierte ein Schwuler einen Spruch der prüden Queen Victoria: "Man sagt, er mag Frauen nicht, aber zu mir war er sehr nett."
Im vergangenen Sommer hatten die Gays Panik ins Regierungsviertel Whitehall getragen, als sie ankündigten, sie würden in einem "outing" - so der aus den USA importierte Fachausdruck - die heimliche Homosexualität von 52 Politikern bloßstellen. Im letzten Augenblick wurde das Entlarven abgesagt, die Männerfreunde wollten nicht "Familien und Karrieren zerstören".
Britanniens Schwule sind verbittert, weil sie sich von Major getäuscht fühlen. Im September vorigen Jahres hatte der Tory-Premier einen prominenten Gay-Aktivisten in Downing Street empfangen: den grossen Shakespeare-Mimen Sir Ian McKellen. Die Szene glaubte an Reformen, doch seither geschah nichts. Obwohl Britannien als klassisches Land der Männerliebe gilt - die Tradition spannt sich von Shakespeare über Oscar Wilde und hat starke Wurzeln in Public Schools und Unis -, werden die Insel-Schwulen eifernder als in anderen europäischen Ländern diskriminiert.
18jährige dürfen heiraten, aber das Mindestalter für straffreie männliche Homosexualität liegt bei 21. Kein Hausbesitzer darf Mietern wegen ihrer Hautfarbe oder wegen Sektenzugehörigkeit kündigen - Homosexualität rechtfertigt den Rausschmiß. Obwohl ein Unterausschuß des Parlaments empfohlen hat, Homosexuelle in der Armee zu dulden, solange sie nicht gegen Strafgesetze verstoßen, müssen enttarnte schwule Soldaten die Uniform ausziehen.
Die vorherrschende Bigotterie gegenüber den Homos, so glaubt der Chefredakteur des Londoner Schwulenmagazins The Pink Paper, Ben Summerskill, sei Folge einer "enormen sexuellen Verklemmung der britischen Heteros". Der Evening Standard findet: Engländer seien "kümmerliche Liebhaber", hätten dafür aber einen "unersättlichen Appetit auf schmuddelige Zweideutigkeiten". Selbst der seriöse Observer kolportiert, Prinz Andrew habe sich von einer "schwarzbestrumpften Kellnerin sechs Hiebe von der besten Sorte" überziehen lassen.
Für die Massenblätter sind Homos "tuntige Quertreiber" (The Sun) oder "Wichser" (Daily Express). Kein Wunder, daß die Polizei die "queers" mehr drangsaliert - Fachjargon: queer-bashing - als andere Minoritäten.
Trost finden die Homos beim Labour-Abgeordneten Christopher Smith, 40. Als der Parlamentarier - bisher als einziger im Unterhaus - seine Neigung zum gleichen Geschlecht enthüllte, schien seine Karriere am Ende. Doch die Bürger des Nordlondoner Wahlkreises Islington Süd wählten ihn wieder - mit mehr Stimmen als vor der Selbstenttarnung. o
* Am Donnerstag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 9/1992
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