KasachstanSterbende Fabriken
Die Sowjets wollten Kasachstan zur Kornkammer und Rohstoffreserve ihres Reiches entwickeln. Das Ergebnis: Ruinen und Umweltzerstörung.
Kasachstan in Mittelasien, das "Steppengouvernement" der Zarenzeit, war für Generationen von kommunistischen Herren eine der größten Herausforderungen - ein weites und fruchtbares Land voller Rohstoffe mit einer weitverstreuten, rückständigen Nomadenbevölkerung. Die sozialistische Nomenklatura war sich schon zu Lenins Zeiten darin einig: Von dieser Kolonie sollte die wirtschaftliche Erschließung Sibiriens ausgehen.
Zunächst wurden die Nomaden seßhaft gemacht und rigoros kollektiviert. Dabei kamen zweieinhalb Millionen Kasachen ums Leben. Anfang der fünfziger Jahre begannen Kolonnen von Baggern und Bulldozern Millionen Hektar jungfräuliches Land umzuwühlen. Dann entstanden in Kasachstan Dutzende von monströsen Industriekombinaten, in denen die Rohstoffreichtümer des Landes verarbeitet werden sollten.
Die Wirklichkeit blieb hinter der hohen Zielvorgabe weit zurück. Die kasachischen Blei-, Kupfer- und Stahlschmelzen mit ihrer schon bei der Grundsteinlegung veralteten Technik konnten nur überleben, solange der Staatskapitalismus die Konkurrenz fernhielt. Die Fabriken sind größtenteils Schrott. Nach westlichen Produktionsmaßstäben gehörte hier eigentlich alles abgerissen.
Ohne ausreichende wirtschaftliche Basis steht Kasachstans Anspruch auf die Führungsrolle in einer Allianz der vormals sowjetischen Turkvölker auf wankendem Grund. Das unterhöhlt auch Präsident Nursultan Nasarbajews Position als asiatischer Bundesgenosse in der Führungstroika der GUS neben Rußlands Boris Jelzin und dem Ukrainer Leonid Krawtschuk.
Die wirtschaftliche Talsohle ist noch nicht erreicht. Den Fabriken geht der Rohstoff aus. In den riesigen Webereien von Kustanai und Alma-Ata bleiben die Webstühle einer nach dem anderen stehen, weil es an Ersatzteilen fehlt.
Der brasilianische Fotograf Sebastiao Salgado hat die sklerotische Industrielandschaft Kasachstans bereist. Seine Bilder vermitteln eindrucksvolle Details des Verfalls: alte Männer an alten Maschinen; Malocher, die, umwabert von Giftschwaden, mit langen Löffeln flüssiges Blei schleppen; Fabrikhallen, durch die Steppenwind heult, weil alle Fensterscheiben kaputt sind.
Sicherheits- und Umweltstandard entsprechen dem Niveau der Jahrhundertwende. In den drei Phosphorfabriken von Dschambul im Süden des Landes werden - quasi Wand an Wand - Kunstdünger und Napalm hergestellt. Die Abgase zischen ungefiltert in die Atmosphäre.
In der Bleischmelze von Tschimkent, nicht weit von der legendären Seidenstraße, erzeugen 5000 Arbeiter unter mörderischen Bedingungen etwa die Hälfte der Bleiproduktion der früheren Union. Das Schwermetall wird in riesigen Bottichen erhitzt, mit Katalysator-Chemikalien versetzt und raffiniert.
Die Umweltbelastung sprengt alle Grenzwerte. Selbst im mehrere Kilometer entfernten Stadtzentrum von Tschimkent stinkt die Luft noch nach faulen Eiern. Die Bleikocher an den Schmelztiegeln tragen als Schutz gegen die toxischen Schwaden nichts als einen Mundschutz aus dünnem Baumwollstoff.
Außer mit dem eigenen Gift müssen die Kasachen mit dem Dreck aus den Industrieanlagen und dem Atommüll aus den Kernkraftanlagen der westlichen Sowjetunion leben, der hier abgekippt wurde. Niemand weiß, welche Gefahren noch im Boden lauern. 500 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Alma-Ata haben die sowjetischen Streitkräfte zu Testzwecken 161 überirdische und 343 unterirdische Atombomben gezündet.
Soviel ist sicher: Auf dieser geschundenen Erde wird das Wirtschaftswunder, von dem Präsident Nursultan Nasarbajew träumt, nicht wachsen. o
