ArgentinienHausse in der Pampa
Radikale Wirtschaftsreformen sorgen für einen Boom ohne Beispiel in Südamerika.
Die Textilfabrik Udewald in Buenos Aires scheint kein Ort für Wirtschaftswunder. Gemächlich rumpeln die mechanischen Webstühle aus dem Jahr 1947. "Wir produzieren zu teuer, um den Billig-Importen aus Fernost auf Dauer standhalten zu können", bekennt der deutschstämmige Fabrikantensohn Mario Udewald. "Mein Vater hat nie Geld für neue Maschinen gehabt, weil die Inflation immer alles auffraß. Die Firma hat keine Chance zu überleben, wenn wir uns nicht etwas Neues einfallen lassen."
Zum Beispiel die Idee mit der Knoblauchcreme. Ein Geschäftsfreund hatte Mario Udewald erzählt, wie schwierig es sei, Knoblauchcreme ohne künstliche Konservierungsstoffe haltbar zu machen. Die Köche von British Airways hätten vor dem Problem bereits resigniert.
Mario Udewald erinnerte sich an einen älteren Herrn in Buenos Aires, der als Experte für die duftende Knolle bekannt war. Der findige Sonderling tüftelt seither in der Küche der Textilfabrik Udewald an den Geheimnissen der chemiefreien Knoblauchkonservierung.
"Wer sich als Unternehmer in Argentinien bewähren mußte, ist durchs Feuer gegangen", erklärt Udewald seinen neuen Tatendrang. "Eine bessere Qualifikation gibt es nicht."
So denkt auch Argentiniens Wirtschaftsminister Domingo Cavallo. Unternehmer wie Mario Udewald sollen die Wirtschaft des maroden La-Plata-Staates umkrempeln, damit das Land endlich Anschluß an den Standard Europas und der USA findet.
Erstmals in der neueren argentinischen Geschichte stehen die Chancen dafür gut: Mit den wohl tiefgreifendsten Reformen, die je eine demokratisch gewählte Regierung in Lateinamerika durchsetzen konnte, werden die Weichen gestellt für bessere Zeiten.
Im Januar vergangenen Jahres berief Präsident Carlos Menem, 56, den damaligen Außenminister Domingo Cavallo, 45, zum neuen Wirtschaftsminister. Dessen Vorgänger war an der chronischen Inflation gescheitert. Allein im Jahr 1990 stiegen die Preise um 1344 Prozent. Zum zweitenmal seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 bedrohte die Hyperinflation eine demokratisch gewählte Regierung.
Beherzt nutzte der in Harvard promovierte Cavallo die Gunst der Stunde. Per Gesetz fixierte die Regierung im April vergangenen Jahres den Wechselkurs des Austral zum Dollar und verpflichtete sich, nicht mehr Australes in Umlauf zu bringen, als sie in Devisen- und Goldreserven besaß.
Das zwang den Staat, seine Ausgaben drastisch zu reduzieren. Von der chronisch korrupten und defizitären Telefongesellschaft über die Fluglinie AerolIneas Argentinas und die verkommenen Eisenbahnen bis hin zu den staatlichen Öl- und Gasgesellschaften wurde fast jeder argentinische Staatsbetrieb zum Verkauf ausgeschrieben.
Der Staatsapparat schrumpfte, und die Privatwirtschaft wurde in eine bislang ungewohnte Freiheit entlassen. Per Dekret hob Präsident Menem die Handelsbeschränkungen und Einfuhrquoten für mehr als 4000 Produkte auf, die Zölle wurden um mehr als die Hälfte auf zwölf Prozent gesenkt. Für April ist eine radikale Steuerreform angekündigt.
Zahlreiche Sondersteuern hat die Regierung bereits abgeschafft, gleichzeitig erhöhte sie die indirekten Abgaben wie die Mehrwertsteuer. So hofft sie, der verbreiteten Hinterziehung Herr zu werden - etwa 70 Prozent der Steuerpflichtigen prellten bislang den Fiskus.
Der Erfolg der staatlich verordneten Radikalkur: Seit einem halben Jahr kann Argentinien geringere Inflationsraten als die meisten Länder Westeuropas vorweisen. Im November betrug die Teuerung 0,4 Prozent, im Dezember lag sie bei 0,6 Prozent. Zum Jahreswechsel schaffte die Regierung den ungeliebten Austral ab, strich vier Nullen auf den Geldscheinen und kehrte zur traditionellen Währung, dem Peso, zurück.
Im Stadtbild von Buenos Aires ist der Aufschwung nicht zu übersehen. Baukräne überragen das glanzvolle, aber durch jahrzehntelange Dekadenz verlotterte Zentrum. In Restaurants und Geschäften drängen sich die Kunden.
Im vergangenen Jahr verzehrten die Argentinier pro Kopf 89 Kilo Fleisch, 1990 waren es nur 65 Kilo - im Rinderland Argentinien gilt der Fleischverbrauch traditionell als wichtigster Indikator für allgemeinen Wohlstand. Der Bierkonsum hat sich im vergangenen Jahr vervierfacht, die Nachfrage nach Autos ist um 70 Prozent gestiegen.
Hausse auch an der Börse: In vergangenen Jahren wurden täglich Geschäfte im Wert von vier bis fünf Millionen Dollar abgewickelt, im August 1991 stieg das Geschäftsvolumen auf 38 Millionen Dollar an.
Am meisten profitierte der Importsektor von der Öffnung des argentinischen Marktes. Fernseher, die zuvor noch 1000 Dollar kosteten, sind heute für 600 bis 700 Dollar zu haben, Elektronikimporte aus Fernost überschwemmen die Geschäfte im Zentrum der Hauptstadt. Zehntausende argentinische Touristen strömen in dieser Sommersaison an die Strände von Uruguay und Brasilien, viele fliegen zum Shopping nach Miami - alles dank der harten Währung.
Neues Vertrauen in die argentinische Wirtschaft spiegelt sich auch im Rückfluß der Dollarmillionen, die viele Argentinier zu Krisenzeiten ins Ausland transferiert hatten: "Seit März vergangenen Jahres sind mehr als fünf Milliarden Dollar Fluchtgelder zurückgekehrt", sagt Jorge Garfunkel, Vizedirektor des Banco del Buen Ayre.
Nicht einmal die Auslandsschuld in Höhe von 60 Milliarden Dollar scheint den Höhenflug noch bremsen zu können. Ende Januar begannen Verhandlungen über Argentiniens Eintritt in den sogenannten Brady-Plan - Umschuldungsverhandlungen mit den Privatbanken nach dem Modell des amerikanischen Finanzministers Nicholas Brady.
Wirtschaftsminister Cavallo: "Wir hoffen, daß wir innerhalb eines halben Jahres ein Umschuldungsabkommen erzielen." Die Devisenreserven sind bereits von 3,5 Milliarden Dollar 1990 auf 6,7 Milliarden Dollar Anfang dieses Jahres gestiegen.
Nach einer Gallup-Umfrage vom Jahresende 1991 blickt Argentinien von allen lateinamerikanischen Ländern am optimistischsten in die Zukunft. "Wir leben wieder in den Zeiten von Charleston und Champagner", sagt der Wirtschaftsexperte Pablo Gorchunoff - eine Anspielung auf die goldenen Zeiten Anfang des Jahrhunderts, als der Pampastaat zu den reichsten und attraktivsten Einwanderungsländern der Welt zählte.
Der Peronist Menem machte das Wunder möglich, indem er sich von alten dirigistischen Dogmen des Peronismus löste. Seine Anhänger in den Armenvierteln am Rande von Buenos Aires nehmen ihm die Wende zum Wirtschaftsliberalen nicht übel: "Juan Peron und Evita hätten das gleiche gemacht", sagt die Hausfrau Stella Armentan mit einem Blick auf das verblichene Peron-Porträt an der Wand. "Peronismus heißt Wohlstand für das Volk. Wenn Menems Wirtschaftspolitik uns hilft, ist er ein guter Peronist."
Die einst mächtigen peronistischen Gewerkschaften protestierten nur zaghaft gegen die Reformen - traditioneller Machtmißbrauch hatte die Gewerkschaftsbosse gründlich diskreditiert, der Dachverband CGT ist in zwei Flügel gespalten.
Über Jahrzehnte hatten die Argentinier bequem mit der Inflation gelebt. Die Regierenden, gleich ob Militärs oder Demokraten, Peronisten oder Konservative, setzten auf den Staat als Motor der nationalen Entwicklung. Argentinien schottete seinen Markt ab und schuf gigantische Bürokratien, die fast die gesamte Wirtschaft regulierten.
Die Kosten beglich das Land zunächst mühelos aus den Agrarexporten. In der Not halfen europäische und amerikanische Banken bereitwillig mit Krediten aus.
Nur der immense natürliche Reichtum verhinderte, daß die Staatswirtschaft schon früher zusammenbrach: Die feuchte Pampa gehört zu den fruchtbarsten Regionen der Welt, unter den Steppen Patagoniens lagern gewaltige Gasvorkommen. Das Riesenland ist mit 33 Millionen Menschen außerdem nur spärlich besiedelt, der Ausbildungsstand im Vergleich zum Rest Lateinamerikas immer noch hoch.
Die Furcht ist allerdings groß, daß auch der gegenwärtige Wirtschaftsboom sich bald wieder als Strohfeuer entpuppen könnte. "1992 wird ein goldenes Jahr für Argentinien, aber welche Wirtschaftspolitik haben wir danach?" fragt Volkswirt Gorchunoff.
Die Sorge gilt vor allem der Handelsbilanz. 1990 erwirtschaftete das Land mit seinen Exporten noch einen Überschuß von 8,3 Milliarden Dollar. Die Öffnung des Marktes für Importwaren hat jedoch den Handelsbilanzüberschuß für 1991 bereits auf die Hälfte schrumpfen lassen. Der Peso ist nach Ansicht der meisten Experten um etwa 20 Prozent überbewertet.
"Cavallos Reformen sehen Stabilität vor, aber kein Wachstum", kritisiert auch Garfunkel vom Banco del Buen Ayre. "Es gibt Sektoren, die ihre Produktion umstellen müssen", räumt Cavallo ein.
"Die Textilindustrie verschwindet, in der Haushaltsgeräte-Branche sind bereits über eine Million Menschen ohne Arbeit", klagt Jorge Raul Peldino, Präsident der ersten Arbeitslosen-Gewerkschaft des Landes. 11 000 Arbeitslose vertritt er bislang, "im nächsten Jahr werden wir die größte Gewerkschaft des Landes sein", fürchtet er. Offiziell ist die Arbeitslosigkeit dagegen von 8,8 Prozent im Jahre 1990 auf 6,4 Prozent gefallen.
"Die Umstellung auf neue Produkte wird auch neue Arbeitsplätze schaffen", hofft Minister Cavallo. "Es macht keinen Sinn, Industriezweige künstlich am Leben zu erhalten, die im Wettbewerb nicht mithalten können."
Der talentierte Stimmungsmacher Menem teilt den Optimismus. Der Präsident fürchtet sogar, daß bald Arbeitskräfte fehlen könnten. Er will daher wieder Einwanderer aus Europa locken. Vor allem Ost- und Wolgadeutsche sollen am RIo de la Plata siedeln: "Argentinien hat Platz für alle."
