Seelendrama mit Seelenschmalz
Mit einer Höchstdosis Lebensleid traktiert Barbra Streisand ihre Fans in "Herr der Gezeiten", ihrem zweiten Film als Regisseurin: Tom Wingo soll der Psychiaterin seiner Schwester erklären, warum diese immer wieder versucht, ihrem Leben ein Ende zu machen. Der Abstieg in den Brunnen der Vergangenheit fördert Fürchterliches zutage: Die wortkargen Geschwister verdrängen das Trauma ihres Lebens, eine Vergewaltigung im Alter von 13 Jahren. In der Familie wurde nie wieder über das Ungeheuerliche gesprochen. Doch damit ist das Maß an Schicksalsschlägen nicht voll: Je tiefer die Psycho-Archäologin (Barbra Streisand) nach Toms (Nick Nolte) verschütteter Kindheit gräbt, desto heilloser verfällt er der Analytikerin. Streisand läßt in ihrer konventionellen Filmerzählung, die jetzt in deutsche Kinos kommt, kaum eine Klischee des Romans von Pat Conroy aus und krönt das bemühte Werk mit einem unerwarteten Happy-End: Tom leistet Triebverzicht und kehrt zu Frau und Kindern zurück. Sehenswert ist das effektvolle Rührstück einzig wegen der glaubwürdigen Darstellung von Nick Nolte.
