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DER SPIEGEL

RaumfahrtSchon schlapp

Zum erstenmal startet ein Nasa-Ehepaar ins All. Wie ist es mit dem Sex?
Zwei Körper, eng umfangen, im Sinnestaumel unter der sternbespiegelten Panoramakuppel eines Raumschiffs schwebend, dann die Explosion, heißer als tausend Sterne - so oder ähnlich romantisch haben sich Science-fiction-Autoren die Liebe im Weltraum vorgestellt.
Wie der Koitus im Kosmos tatsächlich vonstatten geht, in welchen Positionen er am besten zu bewerkstelligen ist und welche Vorrichtungen hierfür notwendig sind, darüber machen sich Experten Gedanken, seitdem die Nasa den Bau einer Raumstation mit zwiegeschlechtlicher Langzeit-Besatzung plant.
Derzeitiger Stand der Forschung: Sexualverkehr im All ist schwierig, aber machbar, wenngleich nicht so wie auf Erden gewohnt. Denn die meisten der hienieden bevorzugten Koitaltechniken sind oben im Raumschiff undurchführbar, die bewährte Missionarsstellung ebenso wie der Verkehr a tergo (mundartlich: "Duckmäuschen") und die Positio inversa, bei welcher die Frau auf dem Manne sitzt oder liegt.
Bislang freilich verweigert die Nasa jegliche Auskunft über das Forschungsprojekt "Sex in Space". Man befürchte, so einer der mit der Thematik befaßten Nasa-Mitarbeiter, "daß die Öffentlichkeit den Eindruck erhält, wir installierten mit der Raumstation ein vom amerikanischen Steuerzahler finanziertes intergalaktisches Bordell".
Neue Nahrung erhielt jetzt die Phantasie, als bekannt wurde, daß im September erstmals ein Ehepaar mit dem Spaceshuttle in den Raum starten wird. Vorletzte Woche wurden die Spekulationen derart einschlägig, daß sich die Nasa zu einem Dementi veranlaßt sah: Der gemeinsame Raumaufenthalt von Oberstleutnant Mark Lee, 38, und seiner Frau Jan, 37, stehe "in keinem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit Space sexuality". Schließlich seien noch fünf weitere Astronauten an Bord, so daß sich schon aus diesem Grund eine Kohabitation verbiete.
Russische Raumfahrer zeigten diesbezüglich offenbar weniger Scheu. Jedenfalls gehen westliche Experten davon aus, daß im August 1982 an Bord _(* Oben: aus "Schwermetall". Band 32. ) _(alpha-comic Verlag, Nürnberg; unten: im ) _(Deutschen Museum in München vor seiner ) _(ehemaligen Me-262. ) der sowjetischen Raumstation "Saljut-7" zwischen der Kosmonautin Swetlana Sawitzkaja und einem der beiden männlichen Besatzungsmitglieder ein Geschlechtsverkehr mit dem Ziel der Kindszeugung stattgefunden hat. Eine Befruchtung sei dabei jedoch leider nicht erfolgt, eröffnete damals ein russischer Raumfahrtmediziner seinem deutschen Kollegen Hans Guido Mutke in einem vertraulichen Gespräch.
Mutke, 71, zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Space sexuality. In seiner Funktion als Leiter des Studienkreises "Frau in der Luft und im Weltall", einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin, hat der Münchner Frauenarzt eine Vielzahl von raumgynäkologischen Problemstellungen untersucht.
Zu diesen zählen zum Beispiel "Richtungs- und Haltungsveränderungen zwischen Tube, Uterus und Vagina" sowie der "mögliche Richtungswechsel und die veränderte Abflußgeschwindigkeit der verschiedenen Sekrete aus der Scheide".
Keinen Einfluß hingegen hat der Zustand der Schwerelosigkeit auf das Sperma des Mannes, denn die mit eigener Kraft vorwärtswimmelnden Samenfäden sind aufgrund ihrer kleinen Masse auch auf der Erde so gut wie schwerelos. "Der Transport des Samens in Uterus und Eileiter", so Mutke, "dürfte daher auf einem Raumschiff keine wesentlichen Veränderungen erfahren."
Spermatogene Probleme anderer Art ergaben sich - Stichwort: Masturbation - bei der ersten Langzeitmission sowjetischer Kosmonauten: Wie alle flüssigen Stoffe in der Schwerelosigkeit, so zerstob auch das Ejakulat (Emissionsgeschwindigkeit: bis zu 18 Stundenkilometer) zu einem nicht wiedereinbringbaren Spray.
Von ganz anderer Dimension sind die Probleme, die beim Geschlechtsverkehr im All auftreten. Denn unter Null-Gravitation gilt das Prinzip des Rückstoßes: Gegensätzlich ausgeführte Bewegungen haben dementsprechend zur Folge, daß die beteiligten Körper mit beschleunigter Geschwindigkeit voneinander wegfliegen - so lange, bis sie gegen eine Kabinenwand prallen.
"Der Sexualakt im Weltraum ist nur möglich, wenn zumindest einer der Partner fixiert ist. Sonst gibt''s unweigerlich blaue Flecke", erläutert Gynäkologe Mutke, dessen Affinität zum Fliegerischen aus einer als Jagdflieger verbrachten Jugend herrührt.
Mutke hat keinen Zweifel daran, daß die Nasa in ihrer für die Jahrtausendwende projektierten Raumstation "Freedom" eine Intimzelle installieren wird. "Wenn Mann und Frau lange zusammen sind, wie es auf der Raumstation oder einer Mars-Mission der Fall sein wird, müssen auch die daraus unvermeidlich resultierenden Sexualkontakte in die Planung mit einbezogen werden", erklärt die ehemalige Nasa-Psychiaterin Patricia Santy.
Auch über die Wesensart der weiblichen Besatzungsmitglieder haben sich die Fachleute schon Gedanken gemacht: Am geeignetsten sei der von Männern auch auf Terra weithin geschätzte Mischtyp aus Herbergsmutter und Domina.
Nur zwei Möglichkeiten gibt es, so das Fazit der Forschung, in der Schwerelosigkeit die Prozedur des Koitus zu vollführen: *___Position Nummer eins sieht den Einsatz eines "Auxiliary ____Pole for Sexual Activities" (Aspa) vor, einer vertikal ____im Pläsierraum verankerten Stützstange, an der einer ____der Partner, vorzugsweise der weibliche, mittels eines ____in Bauchhöhe verlaufenden Gurtes fixiert wird. *___Position Nummer zwei erfordert die Installation eines ____kurzen Bocks etwa der Art, wie er beim Turnen ____Verwendung findet. Auf diesen wird die Astronautin ____festgeschnallt, während der Mann mit am Boden fixierten ____Füßen vor ihr steht. Gleichzeitig muß er sich an von ____der Decke herabragenden Schlaufen oder Ringen ____festhalten wie ein Fahrgast in der Straßenbahn - die ____einzige Stellung, in der auch eine Pedicatio ____(Analverkehr) möglich ist.
"Jede weniger rigide Fixierung würde dazu führen", erklärt Experte Mutke, "daß sich die beiden Körper hin und her bewegen wie zwei Schilfrohre im Wind." Ein vollständiger Vollzug wäre dabei ausgeschlossen, bestenfalls käme es zu einem multiplen Interruptus mit vorzeitigem Aberigieren.
Möglich aber auch, daß all die vorausschauenden Planungen um die Triebabfuhr im All umsonst sind. Der sowjetische Kosmonaut Jurij Romanenko jedenfalls, der insgesamt 326 Tage auf der Raumstation "Mir" zubrachte, war schon bald nur noch zwei Stunden am Tag arbeitsfähig.
"Laßt mich verdammt noch mal in Ruhe", pflegte er die Bodenstation anzuraunzen. "Ich bin schon wieder schlapp."
* Oben: aus "Schwermetall". Band 32. alpha-comic Verlag, Nürnberg; unten: im Deutschen Museum in München vor seiner ehemaligen Me-262.

DER SPIEGEL 9/1992
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