AutomobileFeindliche Säcke
Zahlreiche Autotypen der Mittelklasse sollen mit einem Klein-Airbag ausgerüstet werden - reicht er aus?
Wie groß soll der lebensrettende Luftsack sein, der sich beim Aufprall jäh entfaltet? Die Frage läßt Europas Autokäufer vorerst ratlos: Sollen sie sich für den mickrigen Eurobag (35 Liter) oder für den mächtigen US-Prallsack (65 Liter) entscheiden? Liegt für den Menschen am Lenkrad in der Differenz von 30 Litern Stickstoffpolster die Schicksalsentscheidung über Glück oder Leid, Leben oder Tod?
Eine sachkundige Antwort wüßten vielleicht die Ingenieure - aber die sind alles andere als einer Meinung: Als VW den nur 35 Liter großen Eurobag ankündigte, der noch dieses Jahr in den Modellreihen Golf, Vento und Passat angeboten werden soll, da giftete sogleich die Konkurrenz aus Stuttgart-Untertürkheim.
VW argumentierte, sowohl beim Frontal- als auch beim Schrägaufprall oder bei Fahrzeugüberschlag liege "in der Verbindung aus Dreipunkt-Sicherheitsgurt und Airbag das heute erreichbare Höchstmaß an passiver Insassensicherheit". Dafür genüge der Eurobag, der leisten soll, was der Gurt nicht in jedem Fall kann: den Aufschlag des Kopfes auf das Lenkrad verhindern.
Nach Ansicht der Techniker von Mercedes-Benz hingegen, die den Prallsack schon 1981 als weltweit erste einführten, bietet der "bewährte ,große'' Luftsack deutlich mehr Schutz" und gewährt zudem "auch schräg nach vorne fallenden Insassen - wie es in der Unfallpraxis häufig vorkommt - ein ausreichend breites Polster".
Mercedes hält es für "zweifelhaft, ob die Funktionsnachteile des Eurobag seine eventuellen Kostenvorteile kompensieren". Auch für den voluminösen Ami sei, bei wachsender Stückzahl, mit weiter sinkenden Preisen zu rechnen. Wer, wie VW, in Amerika den großen, in Europa aber den kleinen Airbag anbiete, müsse zusätzliche Kosten verkraften*.
"Deswegen schlafe ich keinen Deut schlechter", meint dazu Wolfgang Lincke, stellvertretender Entwicklungsvorstand bei VW. Ford sieht das ähnlich: "Es ist einfach nicht notwendig, so einen Riesensack aufzublasen." Die Kölner werden ihr Kleinsack-Material, lieferbar ab 1993, von der Konzernmutter aus Amerika beziehen, daher "hören wir das Wort Eurobag nicht gern".
Opel will als erstes zum Herbst sein Volumen-Auto Vectra mit dem Schutzkissen anbieten, trompetet aber schon heute ein "klares Bekenntnis zum Fullsize-Airbag" hinaus, wie ihn Porsche längst einbaut. Bei BMW dagegen sind die Ingenieure und Manager noch unschlüssig. Im Augenblick ist bei ihnen nur der US-Airbag zu haben, nächstes Jahr aber wird als erster der Dreier-Typ mit dem samt Sensorik in der Lenkradnabe verborgenen Eurosack aufkreuzen. "Vielleicht", so die Münchner, "gibt''s dann bei uns ein Nebeneinander beider Systeme."
Audi, der Hersteller mit dem größten Prallsack (80 Liter), will "die uneingeschränkte Schutzfunktion des heutigen Airbags auch in Zukunft nutzen".
Für die Beifahrerseite bringt Audi-Chef Ferdinand Piech demnächst eine sich auf 130 Liter aufplusternde Novität. Das rettende Polster soll "Sipro" ("Smooth Inflation Passenger Rebound Optimized") heißen und sich nicht mit einem Knall, sondern eher weich aufblähen - der Weichsack, verkündet Audi, sei gedacht "für Leute, die dicht dran sitzen oder mal nicht angeschnallt sind". _(* VW bietet den Airbag für Fahrer und ) _(Beifahrer zum Preis von 1200 Mark an. ) _(Bei Mercedes-Benz kostet das Airbag-Paar ) _(3420 Mark, beim Audi V8 4634 Mark. )
35-Liter-Eurobag (bei VW)
65-Liter-Airbag (bei Mercedes-Benz)
Prallsäcke im Test Schicksal aus dem Kissen?
* VW bietet den Airbag für Fahrer und Beifahrer zum Preis von 1200 Mark an. Bei Mercedes-Benz kostet das Airbag-Paar 3420 Mark, beim Audi V8 4634 Mark.
