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DER SPIEGEL

OlympiaMauer im Kopf

Im gesamtdeutschen Team sind Ost und West nicht zusammengewachsen.
Der Staatssekretär kämpfte mit den Tränen, als zur Siegerehrung gleich drei schwarzrotgoldene Fahnen im Eisschnellauf-Stadion von Albertville aufgezogen wurden. Mit beschlagener Brille sang Horst Waffenschmidt, 58, die Nationalhymne mit. Auf der Ehrentribüne hielt Sohn Christoph, 22, die linke Faust in den Abendhimmel gereckt, den historischen Moment mit der Videokamera fest.
"Im Namen des Innenministers Seiters" gratulierte Waffenschmidt dann Gunda Niemann, Heike Warnicke und Claudia Pechstein, den drei Erstplazierten über 5000 Meter. Nachdem er den Eisläuferinnen aus der ehemaligen DDR auch noch ein gemeinsames Siegerfoto abgefordert hatte, erstattete der CDU-Politiker seinen Bericht zur Seelenlage der Nation. Nach vielen Gesprächen "in unserer deutschen Mannschaft" sei er sicher, "daß wir mit den Herzen ganz intensiv zusammengefunden haben".
Wie immer während der Olympischen Winterspiele in den vergangenen zwei Wochen waren die Rollen fest verteilt: Die Ostathleten gewannen Gold, Silber und Bronze, die Würdenträger aus dem Westen zählten die Medaillen - und feierten sie als Nachweis vollzogener Einheit.
Angesichts der gesamtdeutschen Dominanz in den französischen Alpen fühlte sich ein US-Fernsehsender schon an die Nazi-Spiele 1936 in Berlin erinnert und begann seine Sportnachrichten mit einem donnernden: "Sieg Heil". Doch derlei Ängste sind unbegründet.
Albertville erlebte - anders als der von deutschen Medien in den Vordergrund gerückte Medaillenspiegel glauben macht - nicht die Geburt einer olympischen Supermacht, sondern lediglich die Addition zweier grundverschiedener Sportsysteme. Einer gemeinsamen Zukunft fehlt noch jede Kontur. Die schwedische Zeitung Dagens Nyheter spottete: "Im Osten baut man den Mercedes des Sports, aus dem Westen kommen nur Trabbis."
Die Medaillenflut war nur ein später Segen des auf langfristige Erfolge angelegten Kommandosports der DDR. Subventioniert mit 20 Millionen Mark, die das Bundesinnenministerium extra für das Olympiajahr bereithielt, setzten jene Ostathleten, die bei Olympia traditionell zu den erfolgreichsten zählten, ihren einstigen Staatsauftrag fort - jetzt für die Bundesrepublik.
So konnten etwa die Eisschnelläufer, die allein elf Medaillen gewannen, "genauso intensiv trainieren wie früher", berichtet Damen-Bundestrainerin Gabriele Fuß aus Erfurt, "wir haben doch noch alle Werte der letzten zehn Jahre". Joachim Franke, ihr Kollege bei den Herren, kopierte für 500-Meter-Sieger Uwe-Jens Mey "exakt die Olympiavorbereitung von 1988".
Acht Damen hatte der Eisschnellauf-Verband zu den Spielen geschickt - alle acht stammen aus der Ex-DDR. Hingegen blieben bei alpinen Skiläufern und den Eishockeyspielern die Westathleten unter sich. Nur zögernd entwickelten sich daher die innerdeutschen Kontakte. Gabriele Fuß lernte die Sportler aus den alten Bundesländern vornehmlich im Fahrstuhl des olympischen Dorfs kennen: "Manchmal stellten wir uns vor. Manchmal traute ich mich nicht und schaute später im Mannschaftsbuch nach, wem ich gerade begegnet war."
Auch Katja Seizinger, der erfolgreichsten unter den alpinen Geschäftsfrauen, ist das Zusammentreffen mit den anderen Deutschen wie eine Begegnung der dritten Art vorgekommen. Obwohl auf demselben Flur wohnend, habe sie nur einmal Kollegen bewußt wahrgenommen, als "die mir geholfen haben, weil ich meine Zimmertür nicht aufgekriegt habe". Nicht einmal da hat sie sich nach den Namen der Teamkameraden erkundigt.
Soviel Nebeneinander blieb auch ausländischen Athleten nicht verborgen. US-Eisschnelläufer Dan Jansen, ein Freund des Ost-Berliners Mey, erkannte: "Es sind zwei Mannschaften - ist auch klar, daß die Mauer im Kopf zwischen West und Ost noch steht."
Eine Hilfestellung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) beim Zusammenwachsen war nicht vorgesehen. Während bei früheren Spielen ein "Deutsches Haus" alle Athleten einlud, trafen sich die auf sechs Olympiadörfer verteilten Sportler bestenfalls mal auf der täglichen Pressekonferenz des NOK. Von den Offiziellen derart "allein gelassen", kommunizierte Gunda Niemann mit den neuen Landsleuten vornehmlich über das olympiaeigene Computersystem: "Das war ja auch die einzige Möglichkeit."
Schon vor Albertville war den Spitzenathleten aus Erfurt, Oberhof und Berlin schnell klargemacht worden: Mit der Macht des Geldes diktiert der Westen das Geschehen, die Ostdeutschen haben nur zu funktionieren.
Ganz wie in den Zeiten der DDR-Planwirtschaft wurde auf einer Tagung den Eisschnellauf-Trainern in einer Grafik eröffnet, wie viele Medaillen der vereinigte Verband erwarte. Gabriele Fuß stellte fest, daß "eiskalt nur der Sieg" zähle: "Diese Leistungsgesellschaft ist noch härter als die, aus der ich komme."
Bei Trainern und Athleten haben die neuen Gebieter der Eisschnellauf-Herrlichkeit leichtes Spiel. Der alte Druck ist durch neue Pression ersetzt, wenn Verbandspräsident Gerd Zimmermann fordert: "Auch im Osten müssen marktwirtschaftliche Mechanismen greifen." Erst unmittelbar vor den Spielen wurde der Vertrag mit Gabriele Fuß bis Ende des Jahres verlängert. "Wären meine Sportler nicht so erfolgreich, hätte ich schon längst die Kündigung."
Die Motivation, die Ostdeutsche zu Medaillen trieb, wurde den Kollegen West zu keiner Zeit richtig bewußt. Während bayerische Skifahrer oder Rodler beispielsweise vom Bundesgrenzschutz bezahlt werden, zwingt die soziale Misere in den neuen Bundesländern, so Gunda Niemann, "ums Überleben zu laufen".
Die Westprofis, die die Spiele freudlos verbissen als Gelegenheit verstanden, ihren Marktwert zu erhöhen, empfanden die Gegner von einst zunächst als "Eindringlinge, von denen sie jahrelang mittels Doping beschissen worden waren" (Zimmermann). In Albertville wurden sie dann schnell zu Mitkonkurrenten um das Geld der Sponsoren. "Am Anfang der Spiele waren alle deutschen Athleten gleich", beobachtete der Sauerländer Jochen Behle, "doch mit den Medaillen hat sich die Wertschätzung durch Öffentlichkeit und Funktionäre verändert."
Der Langläufer, bislang Hätschelkind der deutschen Medien ("Wo ist Behle?"), fand sich angesichts des gesamtdeutschen Goldrummels plötzlich in der zweiten Reihe wieder und stellte ernüchtert fest: "Ich habe bei Olympia niemanden neu kennengelernt."
Ungeachtet der Differenzen im deutschen Team beschworen Funktionäre eifrig die Harmonie oder lobten, wie der Chef des Bundesausschusses Leistungssport, Rolf Andresen, den "nahtlosen Übergang". Als Fritz Fischer, einziger Westler in der Biathlonstaffel, mit der deutschen Fahne über die Ziellinie gelaufen war, ließ Waffenschmidt seinen deutschtümelnden Gefühlen freien Lauf, sah darin ein "herrliches Symbol der Zusammenführung".
Um den Anteil der Politik am Zusammenwachsen der Sportnation jederzeit zu unterstreichen, hatte das Auswärtige Amt eigens eine Fachkraft vor Ort: Walter Eschweiler, in Bonn Mitarbeiter im "Referat für humanitäre Sofort-, Katastrophen- und Flüchtlingshilfe" und aufgrund seiner früheren Karriere als Bundesliga-Schiedsrichter bei sportlichen Großereignissen zu einer Art Sonderbotschafter aufgewertet.
Eschweiler dient dem Vaterland und blassen Politchargen als Promoter. Mit peinlicher Impertinenz ("Das ist ein ganz wichtiger Mann") schob er den Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, Ferdinand Tillmann (CDU), ins Blickfeld einer ARD-Kamera: "Hauptsache, Sie sind im Bild."
Offizielle, hat Jens Steinigen, vormals Sachsen, jetzt Oberbayern, festgestellt, sind "überall gleich schlimm". Gleichzeitig hat der Biathlet aber auch eine so nicht vermutete Anpassungsfähigkeit seiner früheren Kollegen festgestellt. Viele Ostler hätten schon "voll die Sprache der Westler übernommen".
So verkündet Olympiasieger Mey inzwischen, daß im neuen Deutschland "nur der Individualist überlebt". Beiläufig erklärt er damit die im Osten ausgebildeten Trainer zu Verlierern dieser Winterspiele. Schon monieren die einst mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Übungsleiter die zunehmende Emanzipation ihrer Schutzbefohlenen. Früher, im "sehr straffen effektiven System", sagt Gabriele Fuß, habe sie noch "Einfluß auf den Athleten" gehabt.
Im Westen würde der Sportler "viel zu wichtig genommen". Bald, so resigniert sie, "haben wir nichts mehr zu sagen". Auch Herren-Trainer Franke hält eine "strenge methodische Linienführung" für unverzichtbar.
Sollten die bewährten Erfolgsrezepte im einig Vaterland nicht mehr gefragt sein, drohen beide Bundestrainer, ins Ausland wechseln zu wollen. Dort, weiß Franke, "stehen wir hoch im Kurs".
Nach den jüngsten Entwicklungen sei die deutsche Vorherrschaft bestenfalls bis zu den nächsten Winterspielen 1994 im norwegischen Lillehammer zu halten. Danach, prophezeit er düster, "werden die Deutschen ganz schnell kleinere Brötchen backen müssen".

DER SPIEGEL 9/1992
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