Motorräder
Schneller Geist
Wenige Kilometer nach Beginn der Testfahrt klopfte der Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel, 40, seinem Vordermann auf die Schulter. Der Fahrer, der den CDU-Politiker auf einem BMW-Motorrad durch den Hochschwarzwald chauffierte, möge beschleunigen oder anhalten - auf jeden Fall sofort.
Hinter der 1100er BMW hatte sich eine hupende Schlange von einigen Dutzend Autos gebildet. Grund für den Verkehrszähfluß war die Geschwindigkeit, die Christdemokrat Fuchtel seinem Chauffeur verordnet hatte. "Tempo 70 für alle Krafträder im gesamten Schwarzwald", so hatte der Politiker zuvor verlauten lassen, sei der einzige Weg, den Motorradfahrern die "teilweise unverantwortliche Raserei" abzugewöhnen.
Die Probefahrt, die 40 Motorradfahrer aus der Region Anfang Juli für den Abgeordneten organisiert hatten, ließ Fuchtel inzwischen von seinem Tempolimit abrücken. Zu viele Autofahrer hatten die langsame Maschine in teilweise riskanten Überholmanövern passiert. Das führe, erkannte Fuchtel, "wohl eher zu mehr Verkehrsunsicherheit", statt die Raserei der Motorräder zu drosseln.
Deutschlands Motorradfahrer beklagen seit längerem, Politiker und Behörden wollten sie mit allerlei Schikanen von den Straßen vertreiben. Eine "regelrechte Kampagne" hat Jürgen Enzmann, 32, Sprecher des Motorradclubs Kuhle Wampe Esslingen geortet. Mit Streckensperrungen auf gefährdeten Landstraßen, Fahr- und Parkverboten in bundesweit fast 70 Innenstädten, so Enzmann, versuchten Länder und Kommunen, den Bikern das Leben immer schwerer zu machen.
In der Kölner Innenstadt etwa dürfen Motorräder seit Anfang August nicht mehr auf Gehwegen geparkt werden. Motorradfahrer, die ihr Gefährt an der Bordsteinkante abstellen, statt einen Auto-Parkplatz zu benutzen, müssen mit Bußgeldern bis zu 50 Mark rechnen. Bisher hatte die Polizei das Vergehen stillschweigend geduldet.
"Es gab Klagen von Anwohnern", rechtfertigt Dieter Clasen vom Kölner Ordnungsamt die Bußgelder. Auf vielen Bürgersteigen und am Rande von Fußgängerzonen müßten sich Passanten oft "zwischen Hauswand und Blechkiste" durchdrängen. Deshalb gelte in Köln "für Autos wie für Motorräder: Runter vom Gehweg".
Ähnliche Verbote erbosen die Zweiradfahrer auch in anderen Städten. In Bonn und Konstanz blockierten sie an langen Samstagen mit bis zu 3500 Motorrädern aus dem gesamten Bundesgebiet die Parkplätze der Innenstädte, um gegen die "Beutelschneiderei der Kommunen" zu demonstrieren, so der Bonner Motorrad-Aktivist Andre Kircher.
Bei den aufgebrachten Autofahrern entschuldigten sich die Demonstranten mit Flugblättern, in denen sie um mehr Verständnis zwischen Auto- und Motorradfahrern warben.
Das scheint auch nötig: Denn die Aggressionen zwischen Autofahrern und der wachsenden Zahl von Motorradfahrern wachsen nach Beobachtungen des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) bedrohlich an. Autofahrer, so der ADAC, klagen über halsbrecherische Überholmanöver und riskantes Auffahren von Motorradfahrern. Die Maschinen, deren Lärmpegel teilweise die Lautstärke "eines startenden Düsenjets" erreiche, so die Zeitschrift Motorrad, schlängeln sich außerdem vor roten Ampeln und bei Staus an Autos vorbei. "Selbst wenn dieses Verhalten relativ ungefährlich ist", so der Kölner Sozialforscher Dieter Ellinghaus in einer Verkehrsstudie, erzeugten die Biker damit "Konflikte" und "Neidgefühle". Motorradfahrer ihrerseits beschweren sich über Autofahrer, die sie auf der Autobahn in dritter Spur überholen oder ihnen an der Ampel die Vorfahrt nehmen, weil sie die Zweiräder nicht als gleichwertige Fahrzeuge ansehen.
Statistisch gesehen sind die Autofahrer die größeren Rowdys: Jedes Jahr zählt die Polizei etwa 20 000 Unfälle zwischen Autos und Motorrädern. In 70 Prozent der Fälle sind Autofahrer die Hauptschuldigen. "Motorradfahrer töten nicht", verkündet ein in der Bikerszene verbreiteter Aufkleber, "sie werden getötet."
Doch in der fahrenden Öffentlichkeit gelten die Motorradfahrer als die schlimmeren Rüpel. Motorrad-Chefredakteur Friedhelm Fiedler fordert, die Leute müßten "das miese Bild vom wilden Rocker aus den Köpfen kriegen". Die Motorradszene habe sich "seit Jahren radikal verändert", so Fiedler, "Biker sind ganz normale Menschen, auch wenn ihnen wenige Holzköpfe und Raser immer wieder den Ruf ruinieren".
Gegen "Vorurteile und Verbote gegenüber Motorradfahrern" kämpft auch der baden-württembergische FDP-Politiker Ulrich Goll, 42. Der Jurist setzt sich zum Beispiel für ein Wechselkennzeichen ein, mit dem Verkehrsteilnehmer wahlweise ihr Auto oder ihr Motorrad bestücken können, statt doppelt Steuern und Versicherung zu zahlen. Außerdem fordert er höhere Kilometerpauschalen für Motorräder (zur Zeit 30 Pfennig, für Autos 65 Pfennig) und die Freigabe von Busspuren für motorisierte Zweiräder im Stadtverkehr.
Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, will Goll demnächst "einflußreiche Menschen aus den ersten Etagen von Politik und Wirtschaft" zu "einer Art exklusivem Biker-Club" zusammentrommeln. Unter dem Motto "Mens sana in birota veloce" (ein gesunder Geist in einem schnellen Zweirad) sollen die Manager ab September für das Motorrad als Alternative zum Auto werben - denn "speziell in den Städten", so Goll, sei das "benzin- und platzsparende Zweirad dem Auto sowieso weit überlegen".