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DER SPIEGEL

FlorenzMaßlose Rachsucht

Die ordinären Sandsteinplatten, mit denen der Rathausplatz von Florenz restauriert wurde, sollen jetzt auf alt getrimmt werden.
Der Riese Herkules rechts vom Eingang des Palazzo Vecchio, seine Keule in der Hand, blickt grimmig drein, als wollte er den Kerl erschlagen, der den ehrwürdigen Platz vor ihm geschändet hat. Michelangelos David dagegen - auf der linken Seite des Portals - scheint angewidert den Kopf von dem ästhetischen Desaster zu wenden, das sich zu seinen Füßen ausbreitet.
Eintönig grau, mal breit, mal eng gefugt, lieblos gestückelt und schlecht verarbeitet, sieht das neue Pflaster auf der weltberühmten Piazza della Signoria aus wie ein vulgärer Parkplatzbelag.
Die frisch verlegten, maschinengeschnittenen Sandsteinplatten verunstalten einen Platz, der seit mehr als einem halben Jahrtausend die wichtigste Bühne für das politische und soziale Geschehen der Stadt ist.
Vom rauhen, tiefen Klang der "vacca", der riesigen Glocke im Turm des Rathauses, zum Appell beordert, strömten in den langen Jahrhunderten ihrer Unabhängigkeit die Florentiner hier zusammen, um Beschlüsse ihrer Ratsherren - eben der "Signoria" - zu vernehmen.
Auf dieser 5800 Quadratmeter großen Piazza tobte sich seit dem Mittelalter die unbändige Streitlust der Florentiner aus, ihre maßlose Rachsucht, das gnadenlose Gegeneinander ihrer zerstrittenen Parteien.
Brach Tumult auf der Piazza aus, konnte es geschehen, schrieb die amerikanische Autorin Mary McCarthy in ihrem Essay "Die Steine von Florenz", daß Menschen von der wütenden Menge zerrissen wurden: Einen als angeblichen Spion entlarvten Fremden soll der entfesselte Mob aufgefressen haben.
Der fanatische Dominikaner-Mönch Girolamo Savonarola, der im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in Florenz das Sagen hatte, wurde 1498 auf der Piazza della Signoria als Häretiker verbrannt.
Ein zeitgenössisches Gemälde, das sein schauriges Ende darstellt, zeigt, daß der Rathausplatz damals mit Terracotta-Ziegeln gepflastert war, erdig rot wie das Rot der Kuppel, die Brunelleschi für den Dom baute. 400 Jahre hielt sich die gebrannte Tonerde; als 1795 der Platz renoviert wurde, geschah das zur Arbeitsplatzbeschaffung, weniger aus Dringlichkeit.
"Damit die Armen ihr täglich Notwendiges ergänzen könnten", sollte die Piazza della Signoria restauriert werden, hieß es damals im Erlaß des Großherzogs der Toskana. Als Material wurde diesmal "Pietra Serena" gewählt, ein feiner, hellgrauer Sandstein aus dem Apennin, der - zusammen mit der festeren "Pietra Forte" - bereits jahrhundertelang in Florenz für sakrale und weltliche Bauten verwendet worden war.
Hunderte von Steinmetzen musterten etliche der Platten mit diagonal gesetzten Keilhieben, und das Ganze ergab am Ende eine einheitliche, jedoch in Farbschattierung und Zeichnung äußerst bewegte und lebendige Oberfläche.
Die hielt sich gut. Doch im 20. Jahrhundert, als nach den Pferdedroschken Autos und schließlich die Touristenhorden in wachsenden Scharen die Piazza della Signoria überrollten, war sie schnell ruiniert.
Das Drama der Restauration begann vor gut 13 Jahren. Streit gab es gleich am Anfang, als sich Archäologen zu Wort meldeten, die dringend verlangten, auf dem traditionsreichen Rathausplatz auch ausgraben zu dürfen. Das hitzige Für und Wider über einen solch schweren Eingriff währte mehrere Jahre.
Die Archäologen obsiegten und förderten Wichtiges ans Licht. Zum Vorschein kamen etwa Grundmauern der römischen Gründung Florentia aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, auch Reste frühchristlicher Kirchen, etruskisches Mauerwerk und sogar ein paar Scherben aus dem Neolithikum.
Die noch brauchbaren Platten, immerhin etwa zwei Drittel des Bestandes, _(* Gemälde aus dem Museo di San Marco. ) wurden derweil sorgfältig numeriert und in einem städtischen Depot gelagert - im Freien und unbewacht.
Vor drei Jahren sollte die klaffende Baustelle im Herzen der Stadt mitsamt den archäologischen Kostbarkeiten, die sie barg, wieder bedeckt werden - doch da hatte der Regen die Nummern der Steine längst weggespült. Die meisten der historischen Platten aus dem 18. Jahrhundert waren zudem geklaut worden.
Eilig ließen die für die Restauration Verantwortlichen vom Ministerium für die Kulturgüter Italiens Ersatzplatten beschaffen - wiederum aus Pietra Serena, aber, wie es heute scheint, von einer minderen Qualität und zudem maschinell geschnitten. Im Ruckzuckverfahren wurden sie verlegt.
Auf dem historischen Platz entstand jener dilettantische "Flickenteppich", dessen Anblick, so kürzlich der Corriere della Sera, "die Touristen zum Lachen bringt, die eitlen Florentiner vor Entsetzen versteinert und die Weisen der Restauration beschämt, weil er widerspiegelt, wie tief ihre Kunst gefallen war".
Unter dem Beifall der Bürger leitete ein Florentiner Richter ein Verfahren gegen die Bürokraten ein, die das schandbare Werk verantworten mußten. Neun hochstehende Beamte, darunter der Generaldirektor des Ministeriums, Francesco Sisinni, wurden unter Anklage gestellt, weil sie "denkmalschutzwürdiges Kulturgut beschädigt" hätten.
Der örtliche Superintendent des Ministeriums, Antonio Paolucci, ist inzwischen zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden - ein Mißgeschick, das der oberste Kunstbehüter der Stadt gelassen nimmt: "Ein Irrtum, wie er überall geschieht", sei ihm unterlaufen.
Aufgerufen von der örtlichen Zeitung La Nazione, schien derweil eine Bürgerbewegung Erfolg zu haben, die eine Neubepflasterung des Platzes in Terracotta anstrebte. Prominente Bürger, darunter der Modeschöpfer Emilio Pucci, setzten sich für diesen Einfall ein. Tausende spendeten 10 000 Lire, um jeweils einen Ziegel zu adoptieren. Doch die ästhetisch wie kunsthistorisch reizvolle Restauration in Terracotta haben die Stadtväter inzwischen als zu aufwendig verworfen.
Und so werden sich vom September an zehn Steinmetzmeister ans Werk machen, um die neuen Steine auf alt zu trimmen. Zu Füßen des David von Michelangelo ist auf 35 Platten bereits eine Arbeitsprobe zu besichtigen:
Ein gemeißeltes Fischgrätmuster wird nach angemessener Arbeitszeit von sicher einem Jahr die Piazza della Signoria bedecken. Dann wird sie aussehen, so spottet ein anliegender Restaurantbesitzer, "wie mit Tweed bezogen, passend zu unseren englischen Gästen".
* Gemälde aus dem Museo di San Marco.

DER SPIEGEL 35/1992
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