USAAnderer Kerl
Nach der Vorwahlschlappe in New Hampshire muß George Bush eine Rebellion von rechts niederkämpfen.
Wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale in New Hampshire erfaßte Panik das Weiße Haus. Umfragen unter Wählern, die ihre Stimme bereits abgegeben hatten, zeigten, daß der erzkonservative Parteirivale Patrick Buchanan mit dem Favoriten George Bush gleichgezogen hatte.
Im "Schockzustand", so der Fernsehmoderator Dan Rather, alarmierte der Wahlkampfstab des Präsidenten die Helfer vor Ort mit dem Auftrag, möglichst viele Frauen telefonisch zum Urnengang zu bewegen. Republikanische Wählerinnen, so hatten die Umfragen gezeigt, waren dem Amtsinhaber treu geblieben.
Ohne die Frauen hätte Bush die erste Vorentscheidung im Präsidentschaftswahlkampf wohl verloren, wäre die Sensation perfekt gewesen. Doch auch so, mit 53 zu 37 Prozent, fiel sein Sieg viel knapper aus als erwartet.
Buchanan, 53, habe "schwere Schläge auf Bushs Körper" gelandet, beschrieb der ehemalige Bildungsminister William Bennett die Schlappe des Präsidenten im neuenglischen Winter. Bush, so mutmaßte der Parteifreund, habe "schlechten Rat" erhalten und befinde sich "in ernsthaften Schwierigkeiten".
Nun muß der Präsident den "Fluch von New Hampshire" fürchten, der schon viele Vorgänger um die Wiederwahl gebracht hat: 1952 erteilten die eigenwilligen Wähler des Kleinstaates dem demokratischen Präsidenten Harry Truman eine Absage, 1968 gewann Lyndon Johnson nur so knapp gegen seinen Herausforderer Eugene McCarthy, daß der Präsident kurz danach resignierte.
Und 1976 setzte der konservative Ronald Reagan dem republikanischen Präsidenten Gerald Ford in New Hampshire dermaßen zu, daß Ford nur mit großer Mühe seine Kandidatur rettete. Geschwächt durch Reagans Angriffe, verlor er die Präsidentschaft an Jimmy Carter.
Eine Wiederholung ist nicht auszuschließen. Um den politischen Novizen - Buchanan hat sich noch nie für ein öffentliches Amt beworben - niederzuhalten und möglichst schnell aus dem parteiinternen Rennen zu werfen, muß Bush künftig aggressiver auftreten. Konzeptionslos und fahrig hatten er und seine Helfer in New Hampshire dort den Wahlkampf geführt; auf Rezession, Arbeitslosigkeit und die steigende Zukunftsangst der Amerikaner wußten sie keine Antwort.
So trieb Bush die Protestwähler in der eigenen Partei einem Konkurrenten zu, dessen Zukunftspläne für Amerika ganz aus der Vergangenheit leben.
Fromm-katholisch und konservativ wuchs der Amerikaner irischer Abstammung in der Hauptstadt Washington auf. Noch heute erscheint ihm die Präsidentschaft Dwight Eisenhowers als Höhepunkt der amerikanischen Geschichte. In den traditionsbeladenen, politisch bewegungslosen fünfziger Jahren, als Frauen den Haushalt führten und Minderheiten keine Stimme hatten, fühlt sich Buchanan zu Hause.
Von weiblicher Emanzipation hält er nichts: Das Auto, die Geschirrspülmaschine und den Supermarkt bezeichnet er als die "wirklichen Befreier der amerikanischen Frauen". Den Anblick schwarzer Bongotrommler auf Washingtoner Straßen empfand er als Zumutung.
Ginge es nach Buchanan, würden nur noch Europäer in die USA einwandern; die Grenze zu Mexiko möchte er am liebsten ganz dichtmachen.
Den Ruf eines unerbittlichen Wadenbeißers verdiente sich der junge Buchanan als Journalist. Bei der konservativen Tageszeitung Globe Democrat in St. Louis habe er politische Gegner "in Stücke zerrissen", brüstete sich Buchanan. Als Kolumnist und Gastgeber von TV-Talkshows hielt er auch später nichts von Nuancen: Den Kongreß in Washington tat er als "israelisch besetztes Territorium" ab, den chinesischen Parteipatriarchen Deng Xiaoping beschimpfte er als "kettenrauchenden kommunistischen Zwerg".
Daß sich hinter dem schroff-aggressiven Auftreten womöglich doch Mitgefühl verbirgt, offenbarte Buchanan in New Hampshire. Angesichts von Arbeitslosigkeit und Armut setzte sich der Gegner staatlicher Sozialausgaben plötzlich für mehr Arbeitslosenhilfe ein.
Dabei ist nicht mal sicher, ob Buchanan wirklich ein Freund der Demokratie ist. Als politisches Vorbild nannte er einmal den spanischen Caudillo Francisco Franco, an Hitler rühmte er "großen Mut" und "oratorische Macht".
Schonung von Widersachern hält Buchanan für Schwäche. Im Weißen Haus des Watergate-Präsidenten Richard Nixon formulierte er als Redenschreiber rechtlich riskante Strategien für den Kampf gegen die innenpolitischen Gegner Nixons und empfahl sich dem Dienstherrn als Ausputzer, der unter "unbotmäßigen Bürokraten" aufräumen wollte.
Seinem Helden Ronald Reagan diente Buchanan ähnlich ergeben; den Wahlsieg des gemäßigten Republikaners George Bush 1988 empfand er als ein Debakel für den rechten Parteiflügel. Der soll sich jetzt hinter dem Herausforderer Buchanan sammeln und "King George" heimzahlen, daß er die "Reagan-Revolution" durch Steuererhöhungen verraten hat.
Erfolglos versuchte Bush, den forschen Rivalen während des Vorwahlkampfes in New Hampshire totzuschweigen. In den verworrenen Ansprachen des Präsidenten tauchte Buchanan nur als "der andere Kerl" auf.
Am Morgen nach der Wahl war es mit der Zurückhaltung vorbei: Der bislang beschauliche Wahlkampf soll sich nun in eine erbitterte Schlacht um den amerikanischen Süden verwandeln, wo die nächsten wichtigen Vorwahlen anstehen. Präsidentensprecher Marlin Fitzwater empfahl Reportern, sie sollten genügend Socken waschen, "weil wir für längere Zeit nicht nach Hause kommen". Pausenlos will Bush jetzt durch die Südstaaten ziehen.
Doch schon nächste Woche in Georgia könnte dem Präsidenten neuerlich Ungemach drohen. Traditionell bevorzugen die republikanischen Wähler des Staates konservative Kandidaten. Da in Georgia auch parteiunabhängige und demokratische Wähler über die Bewerber der Republikaner mitentscheiden dürfen, könnte die Buchanan-Kandidatur zu einem Sammelbecken konservativer Südstaatler werden.
Das aber wäre ein Alptraum für George Bush: Je länger sich der Kampf mit Buchanan hinzieht, desto mehr Munition fällt den Demokraten für den Hauptwahlgang in die Hände.
Bisher sei er "sehr freundlich und gütig gewesen", erklärte der bedrängte Präsident nach seinem mühsam errungenen Sieg in New Hampshire. Freundlich werde er auch weiterhin bleiben, "aber im Moment überlege ich mir noch, wie gütig ich sein soll".
