„Erlaßt uns die Schulden“
Babangida, 51, kam 1985 durch einen Putsch an die Macht.
SPIEGEL: Herr Präsident, Sie sind Berufssoldat. Zum Jahresende wollen Sie die Macht abgeben. Können Zivilisten besser regieren?
BABANGIDA: Sechs von acht Regierungen in Nigeria waren Militärregierungen. Aber die Armee sollte immer nur kurzfristig eingreifen. Durch Afrika bläst jetzt der Wind der Demokratie. Ich glaube, daß Demokratie die beste Regierungsform ist.
SPIEGEL: In Nigeria dürfen sich nur zwei Parteien um die Macht bewerben. Ist das wahre Demokratie?
BABANGIDA: Wir haben uns aufgrund unserer Erfahrungen für das Zwei-Parteien-System entschieden. Nach der Unabhängigkeit 1960 hatten die Nigerianer Parteien gegründet, die sich bald nach Stammes- und Religionszugehörigkeit ausrichteten. Das brachte nicht die gewünschte Einheit, sondern Zerstückelung, die 1966 zum Zusammenbruch führte . . .
SPIEGEL: . . . zum Bürgerkrieg um die Provinz Biafra, die sich abspalten wollte.
BABANGIDA: Die Einheit des Staates, in dem rund 250 ethnische Gruppen leben, ist das Allerwichtigste. Deshalb orientieren sich unsere beiden Parteien nicht nach ethnischen oder religiösen, sondern nach politischen Kriterien - die eine eher sozialdemokratisch, die andere eher konservativ. Tatsächlich findet man in beiden Parteien Mitglieder aus allen Stämmen.
SPIEGEL: Hat das Ende des Ost-West-Konflikts bessere Bedingungen für Afrikas Demokratiebewegung geschaffen?
BABANGIDA: Die Entwicklung in Osteuropa hat den Trend beschleunigt. Die Menschen in Afrika verlangten aber auch schon früher Demokratie.
SPIEGEL: Läßt sich die Stärkung der Demokraten auch dadurch erklären, daß die westlichen Geberländer inzwischen Wirtschaftshilfe von politischer Reform abhängig machen?
BABANGIDA: Die Geberländer sind unfair, wenn sie solche Bedingungen stellen - übrigens erst seit dem Ende des Kalten Krieges. Sie können ruhig demokratische Reformen von uns fordern, aber sie müssen uns Zeit lassen. Wir in Afrika müssen Demokratie noch lernen.
SPIEGEL: Als derzeitiger Vorsitzender der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) sprechen Sie für einen Erdteil, der als verlorener Kontinent gilt: Kriege, Hunger, Aids suchen Afrika heim, das Wirtschaftswachstum ist negativ. Was gibt Ihnen noch Hoffnung?
BABANGIDA: Ich glaube, daß unterentwickelte Länder solche Phasen durchstehen müssen. Trost finde ich, wenn ich an unsere Möglichkeiten denke: Wir haben einen unerschöpflichen Reichtum an Rohstoffen.
SPIEGEL: Aber für die bekommen Sie immer weniger.
BABANGIDA: Der Preisverfall bei Rohstoffen ist unsere Hauptsorge. Das ist der Grund für Afrikas Verschuldung.
SPIEGEL: Die Auslandsschulden erreichen inzwischen 100 Milliarden Dollar. Kann Afrika diese Last je loswerden?
BABANGIDA: Wir schreien laut: Erlaßt uns die Schulden! Denn wie können wir die Schulden zurückzahlen, wenn die Volkswirtschaften vieler unserer Länder nicht einmal genug produzieren, um ein ausreichendes Bildungs- und Gesundheitswesen zu finanzieren?
SPIEGEL: Nigeria gehört zu den größten Ölproduzenten der Welt.
BABANGIDA: Deshalb sagt man uns auch immer wieder, wir könnten keine Gnade erwarten.
SPIEGEL: Die OAU erwägt, von den reichen europäischen Ländern Reparationen für den Sklavenhandel zu fordern. Halten Sie das für realistisch?
BABANGIDA: Wir erwarten einigen Widerstand. Aber es gibt ja Beispiele dafür, daß Völker für erlittenes Leid entschädigt wurden. Nehmen Sie Israel.
SPIEGEL: Verantwortlich waren nicht nur Europäer. Auch Araber haben Afrikaner als Sklaven gejagt.
BABANGIDA: Das stimmt. Auch Afrikaner waren am Sklavenhandel beteiligt. Aber es ändert nichts daran, daß Millionen aus ihrer Heimat verschleppt worden sind und unserem Kontinent immenser Schaden zugefügt wurde.
SPIEGEL: Afrikaner neigen dazu, ihre Nöte immer als Folgen des Kolonialismus zu erklären. Wäre es nicht Zeit für mehr Selbstkritik?
BABANGIDA: Die Politiker von heute sind selbstkritischer als die Unabhängigkeitsgeneration. Nationalkonferenzen fordern Rechenschaft von Regierungen. Manche afrikanischen Führer wundern sich darüber, daß in Nigeria Zeitungen dem Präsidenten sagen, was er tun sollte. Auch die OAU diskutiert heute Afrikas Probleme selbstkritisch.
SPIEGEL: Warum war die OAU nicht in der Lage, blutige Konflikte wie in Somalia und im Sudan zu lösen?
BABANGIDA: Wir versuchen zu vermitteln; in Liberia hatten wir Erfolg. Wir hoffen, daß wir in den nächsten Wochen die Bürgerkriegsparteien im Sudan an den Verhandlungstisch bringen.
SPIEGEL: Der Hauptgrund für den Krieg im Sudan ist der Konflikt zwischen dem moslemischen Norden und dem christlich-animistischen Süden. Auch anderswo in Afrika prallen islamische Fundamentalisten und christliche Kreuzzügler aufeinander. Ist das Afrikas Konflikt der Zukunft?
BABANGIDA: Religiöse Intoleranz kann Frieden und Stabilität vieler Staaten gefährden. Deshalb dürfen wir nicht zulassen, daß jemand einem anderen seinen Glauben aufzwingt. Wo das passiert, muß die Regierung hart durchgreifen.
SPIEGEL: Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es für die Großmächte keinen strategischen Grund mehr, um die Gunst der Afrikaner zu buhlen. Ist Afrika in der neuen Weltordnung überhaupt noch gefragt?
BABANGIDA: Natürlich. Schließlich gehört Afrika zur Gemeinschaft der Nationen. Und die Welt wird auch die Bewegung der Blockfreien noch brauchen - gerade jetzt, wo es nur noch eine Supermacht gibt. Zwar glaube ich nicht, daß die ihre Macht gegen andere mißbrauchen wird. Aber wenn es um Krieg und Frieden geht, müssen die Blockfreien mitreden können.
SPIEGEL: Heißt das auch, daß sie einen ständigen Sitz in einem erweiterten Uno-Sicherheitsrat beanspruchen?
BABANGIDA: Wenn die Welt demokratischer wird, muß auch die Uno demokratischer werden. Deshalb sollten im Sicherheitsrat alle Regionen der Erde vertreten sein.
SPIEGEL: Soll Nigeria Afrika repräsentieren? Schließlich ist jeder fünfte Afrikaner Nigerianer.
BABANGIDA: Wir sind zufrieden, wenn Afrika überhaupt einen Sitz hat.
SPIEGEL: Europa ist im Sicherheitsrat mit England, Frankreich und Rußland schon jetzt überrepräsentiert. Nun soll vielleicht auch noch Deutschland Mitglied werden. Zu Recht?
BABANGIDA: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Länder wie Deutschland und Japan aufgrund ihrer Wirtschaftsmacht ihren Anspruch anmelden werden.
SPIEGEL: Nigeria schuldet Deutschland vier Milliarden Mark. Erwarten Sie bei Ihrem Besuch in Bonn einen Nachlaß?
BABANGIDA: So wie ich als OAU-Vorsitzender um Schuldenerlaß für Afrika bitte, werbe ich als Präsident Nigerias um Verständnis für die Lage meines Landes.
SPIEGEL: Die westlichen Länder sehen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa verheißungsvollere Märkte als in Afrika. Fürchten Sie nicht, daß Investitionen und Wirtschaftshilfe nur noch nach Osten fließen und Ihre Länder leer ausgehen?
BABANGIDA: Es wäre falsch, wenn sich der Westen ganz auf Osteuropa konzentrierte. Afrika braucht einen mächtigen Zufluß von Kapital und Technologie aus Europa. Und Europa kann auf unsere üppigen Rohstoffvorkommen nicht verzichten.
SPIEGEL: Sie regieren seit fast sieben Jahren eines der schwierigsten Länder Afrikas. Was werden Sie tun, wenn Sie Ende des Jahres die Macht abgeben?
BABANGIDA: Nach der Machtübergabe werde ich mich theoretisch mit Politik beschäftigen und dem Land weiter mit meinem Rat zur Verfügung stehen. Außerdem habe ich dann mehr Zeit für mein Hobby Fußball - nicht als Aktiver natürlich.
SPIEGEL: Haben Sie deshalb den Spitznamen Maradona?
BABANGIDA: Maradona hat seine Gegner auf dem Fußballfeld ausgedribbelt. Und man sagt, ich täte das gleiche in der Politik.
SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal in die Politik zurückzukehren - zum Beispiel, wenn die Zivilpolitiker versagen und die Nation ruft?
BABANGIDA: Die Nation ruft immer. Da braucht nur die Militärmusik aufzuspielen. Aber Militärherrschaft ist immer auch eine Abweichung von der Normalität. Deshalb lehren wir unsere Soldaten: Die Armee muß sich einer demokratischen Verfassung unterordnen.
