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DER SPIEGEL

Sachbücher„Einzigartiges Experiment“

Wie wird die Einwanderung das Land verändern? Yascha Mounk, 33, lehrt Politische Theorie in Harvard und blickt in einem Buch auf seine Jugend in Deutschland zurück: "Echt, du bist Jude? Fremd im eigenen Land" (Kein & Aber; 23 Euro).
SPIEGEL: Herr Mounk, Hunderttausende Muslime flüchten nach Deutschland. Was bedeutet das für deutsche Juden?
Mounk: Ich hoffe auf ein Deutschland, in dem ich meine jüdische Herkunft erwähnen kann, ohne nur als Jude wahrgenommen zu werden – so wie es mir als Kind meist ergangen ist. Wenn Deutschland multiethnischer wird, könnte sich das ändern. Ein Deutschland, in dem sich Juden wohlfühlen, ist ein Deutschland, in dem sich auch Muslime wohlfühlen.
SPIEGEL: Sehen Sie auch Probleme?
Mounk: Unter deutschen Muslimen gibt es verstärkt Antisemitismus. Unter jenen, die nun nach Deutschland flüchten, auch. Das zu verschweigen ist gefährlich. Im Experiment mit dem Pluralismus spielen wir Juden ungefähr die Rolle, die Kanarienvögel in Kohlegruben hatten. Braut sich eine Explosion zusammen, geht es uns zuerst an den Kragen.
SPIEGEL: Wie lässt sich die Situation entschärfen?
Mounk: Viel hängt davon ab, welche Perspektiven Deutschland den Einwanderern bietet. Ein syrischer Lehrer, der als Taxifahrer arbeiten muss, wird unzufriedener sein als einer, der unterrichten darf.
SPIEGEL: Aber es geht doch um mehr als um Jobs.
Mounk: Vor allem geht es um mehr als ein kurzes, fremdenfreundliches Sommermärchen. In Westeuropa läuft ein Experiment, das in der Geschichte der Migration einzigartig ist: Länder, die sich als monoethnische, monokulturelle und monoreligiöse Nationen definiert haben, müssen ihre Identität wandeln. Wir wissen nicht, ob es funktioniert, wir wissen nur, dass es funktionieren muss.
Von Tob

DER SPIEGEL 40/2015
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