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DER SPIEGEL

Tiere„Weder Sünder noch Heilige“

David Mech hat die Wiederansiedlung der Wölfe im Yellowstone-Nationalpark organisiert. Der amerikanische Biologe verrät, was die Deutschen von seinen Erfahrungen lernen können.
Mech, 78, ist Ökologe an der University of Minnesota in St. Paul. Er erforscht das Verhalten und die Sozialstrukturen frei lebender Wölfe.
SPIEGEL: Herr Professor Mech, in Deutschland verbreiten einige Jäger die Legende, Naturschützer hätten Wölfe mit Absicht in unseren Wäldern freigelassen. Genau das haben Sie und Ihre Kollegen Mitte der Neunzigerjahre im Yellowstone-Nationalpark tatsächlich getan. Warum haben Sie nicht gewartet, bis die Tiere von selbst kamen?
Mech: Es ist immer besser, wenn sich Wölfe auf natürlichem Weg wieder ansiedeln – so wie es bei Ihnen in Deutschland gegenwärtig geschieht. Aber aufgrund der geografischen Besonderheiten bei uns – der Nationalpark ist weit entfernt von anderen Wolfsgebieten – wären die rund 70 Jahre zuvor im Yellowstone-Park ausgerotteten Tiere wahrscheinlich nicht von selbst wieder heimisch geworden. In solchen Fällen muss man sie gezielt auswildern.
SPIEGEL: Woher kamen die Yellowstone-Wölfe?
Mech: Die haben wir in Kanada eingefangen und dabei versucht, möglichst ganze Rudel zu erwischen. Dann haben wir sie zunächst in großen Gehegen im Park gehalten und sie nach zwei Monaten freigelassen.
SPIEGEL: Und von dort aus eroberten sie den Nationalpark?
Mech: Na ja, nicht sofort. Sie hatten erst gar keine Lust, die Gehege zu verlassen. Einige Leute sprachen schon von unseren staatlichen "Wohlfahrtswölfen". Aber am Ende sind sie doch losgezogen. Im Yellowstone-Park finden sie große Mengen an Beutetieren, vor allem große Hirsche, sogenannte Wapitis.
SPIEGEL: Sie haben fast Ihr gesamtes Forscherleben den Wölfen gewidmet. Was fasziniert Sie so an ihnen?
Mech: Ihr Jagdverhalten. Damit habe ich mich schon für meine Doktorarbeit vor 57 Jahren beschäftigt. Sie suchen sich ihre Beute sehr genau aus. Die Jagd ist für Wölfe gefährlich, denn ihre Beutetiere sind meist größer als sie selbst. Einmal hat der Dokumentarfilmer Bob Landis zwei Wölfe dabei beobachtet, wie sie eine Herde Wapitis verfolgt und am Ende eines der Tiere erwischt haben. Erst beim Betrachten des Films haben wir gesehen, dass der Hirsch lahmte. Wir haben den Kadaver untersucht und festgestellt, dass das Tier schwere Arthrose im Hinterlauf hatte. Wölfe sind gut darin, das schwächste Mitglied einer Gruppe zu identifizieren.
SPIEGEL: Hatten Sie jemals Angst, selbst zur Beute zu werden?
Mech: Einmal lag ich auf dem Boden und beobachtete Wölfe, als sich einer von hinten an mich heranschlich. Ich hatte diesen Wolf töten sehen, wusste, was er konnte. Da hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig Angst. Es ist aber nichts passiert.
SPIEGEL: Sie können also nachvollziehen, dass manchen Menschen die Rückkehr dieser Raubtiere Unbehagen bereitet?
Mech: Natürlich. Wer in einem Wolfsgebiet lebt, muss erst wieder lernen, mit diesen Raubtieren umzugehen. Die Menschen sorgen sich, dass Wölfe ihre Hunde oder Kinder verletzen könnten oder dass sie ihre Nutztiere fressen.
SPIEGEL: Was schafft Akzeptanz?
Mech: Es muss erlaubt sein, auch mal einen Wolf, der Ärger macht, zu töten. Diese Erfahrung habe ich an vielen Orten der Welt gemacht. In den Vereinigten Staaten ist es meist so, dass Wölfe, die Schafe oder andere Nutztiere angreifen, von durch die Regierung beauftragten Jägern getötet werden.
SPIEGEL: Lassen sich so illegale Abschüsse vermeiden, wie sie auch in Deutschland vorkommen?
Mech: Nein. Wo es Wölfe gibt, gibt es leider auch illegale Jagd auf sie.
SPIEGEL: Wie wichtig sind große Raubtiere für die Ökosysteme? Im Yellowstone-Nationalpark sollen Wölfe für das Gedeihen von Pappeln und Weiden gesorgt und sogar die Erosion der Flussufer gestoppt haben – indem sie die Zahl der gefräßigen Wapitis reduzierten.
Mech: Wolfsfreunde verbreiten solche Forschungsergebnisse gern. In der wissenschaftlichen Literatur, vor allem aber in den Medien sind Wölfe plötzlich für alles Mögliche nützlich – sie sorgen angeblich dafür, dass es mehr Käfer und Vögel gibt und sogar mehr Grundwasser. Ich wäre damit vorsichtig, es gibt ebenso viele wissenschaftliche Arbeiten, die das infrage stellen. Es ist schwierig, solche komplexen Effekte einer einzelnen Tierart zuzuschreiben. Die Existenz der Wölfe muss auch nicht durch positive Beobachtungen gerechtfertigt werden. Diese Berichte zeichnen ein Bild der Wölfe, das ebenso falsch ist wie die Dämonisierung vor hundert Jahren. Sie sind Tiere wie alle anderen auch, sie sind weder Sünder noch Heilige.
SPIEGEL: Was empfehlen Sie den Deutschen?
Mech: Die europäischen Wölfe werden gut zurechtkommen. Es gibt reichlich Wild, und solange genug Nahrung vorhanden ist, werden sie sich vermehren, sie werden mehr Rudel bilden und sich weiter ausbreiten. Früher oder später dürfte es erforderlich sein, einzelne Wölfe zu töten, um die Zahl der Tiere zu begrenzen.
Interview: Julia Koch
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 44/2015
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