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DER SPIEGEL

GESCHICHTE/DDRFahndung nach Tradition

Ost-Berliner Historiker suchen nach den Wurzeln einer nationalen Identität der DDR. Dafür wird sogar Bismarck aufgewertet.
Seit Mitte Februar darf der Reichsgründer Otto von Bismarck in der DDR "ein Staatsmann von hohem Rang" genannt werden. So lautete der Titel eines Bismarck-Artikels in der Ost-Berliner "Jungen Welt", in dem Doktor Heinz Wolter vom Zentralinstitut für Geschichte den zulässigen Grad von Bismarck-Verehrung beschrieben hat.
Zur Bewunderung freigegeben ist danach fortan der Politiker Bismarck, der "mit den Realitäten wirtschaften" konnte, also der "Realpolitiker". Zu loben ist an Bismarck, daß es ihm gelang, "sich mit dem Prozeß der bürgerlichen Umgestaltung zu arrangieren, der im 19. Jahrhundert in Deutschland gebieterisch auf der Tagesordnung stand". Daß er dieses Arrangement nur "auf junkerlich-preußisch-militaristische Weise" zustande brachte, soll nach Zentralinstitut-Wolter zwar wertmindernd, aber doch auch mit Nachsicht gewürdigt werden.
Nach wie vor unverzeihlich bleiben - selbstverständlich - Bismarcks Sozialisten-Jagd (Parteiverbot 1878) und die Sozialgesetzgebung nach 1880.
Zusammenfassendes Urteil des Zentralinstituts (das eine Art Paßstelle für Einreisen in die historische Walhalla der DDR darstellt): hoher Rang, "solange sich Bismarck im Einklang mit historischen Notwendigkeiten befand".
Die vom Zentralinstitut nunmehr in die Öffentlichkeit getragene Aufwertung Bismarcks ist den Ost-Berliner Kommunisten sicher durch einige Umstände erleichtert worden. Dazu gehört in erster Linie die Tatsache, daß ihre Klassiker - also Marx, Engels und auch Lenin - Bismarck bei aller Sachkritik mit einigem Respekt behandelt haben. So nannte Friedrich Engels den Kanzler einen "Menschen von großem praktischen Verstand", und so meinte Lenin, Bismarck habe "in seiner Art, auf junkerliche Weise, eine historisch fortschrittliche Sache vollbracht". (Die Spur dieser beiden Äußerungen ist sowohl in der inhaltlichen Aussage als auch der sprachlichen Diktion des Zentralinstituts wiederzuerkennen.)
Marx war der entschiedenste Bismarck-Gegner unter den sozialistischen Klassikern. Gleichwohl blieb er - abgesehen von einigen brieflichen Entgleisungen ("Pißmarck") - in der Auseinandersetzung sachlich. Zwar empörte ihn zum Beispiel der Versuch Ferdinand Lassalles, in Gesprächen mit dem preußischen Ministerpräsidenten Bismarck einen - wie Marx höhnte - "königlich-preußischen Regierungssozialismus" zu propagieren, doch richtete er dabei seine wütende Kritik fast ausschließlich gegen den sozialistischen Konkurrenten.
Ein anderer die Bismarck-Aufwertung begünstigender Umstand ist für die SED zweifellos Bismarcks Rußland-Politik gewesen. Der "Junge Welt"-Aufsatz gibt es deutlich zu erkennen. So rühmt er "Bismarcks realistische Einsicht, es niemals zum Kriege mit Rußland kommen zu lassen", und schließt unmittelbar an: "Sicher wäre auch im Rahmen unseres differenzierten historischen Erbeverständnisses eine Wiederbegegnung mit Bismarck denkbar."
Allerdings läßt die gewundene Ausdrucksweise des Historikers Heinz Wolter die Vermutung aufkommen, daß er sich sehr wohl der delikaten Aspekte bewußt ist, welche die prorussische Politik Bismarcks gerade für Linke hatte und bis heute hat. Rußland bildete im 19. Jahrhundert für alle Demokraten und Sozialisten die "Zitadelle der Reaktion". Marx und Engels wünschten sich 1848, wie fast alle Linken des Frankfurter Paulskirche-Parlaments, nichts so sehr wie einen Krieg gegen Rußland.
Insofern hat heute Bismarcks "realistische Einsicht" bezüglich russischer Macht für die Ost-Berliner Kommunisten S.210 durchaus peinlichen Beigeschmack. Schließlich war das noch jetzt in der Sowjet-Union so beliebte preußisch(deutsch)russische Einverständnis ein erzreaktionäres Bündnis mit dem Ziel, jede Revolution in Europa, insonderheit in Deutschland mit Waffengewalt zu unterdrücken.
Doch so interessant solche und ähnliche Überlegungen für die DDR-Führung sein mögen, wichtiger war und ist für sie, auch bei der Bismarck-Aufwertung, ein anderes Motiv: der Wunsch nach "nationaler Identität" und "historischem Boden" - anders gesagt: nach Einwurzelung der DDR in die "ganze deutsche Geschichte" einerseits und die Entwicklung einer besonderen (sozialistischen) DDR-Identität innerhalb dieses Gesamtrahmens der "ganzen" deutschen Geschichte.
Die Zitate - "nationale Identität", "historischer Boden", "ganze deutsche Geschichte" - entstammen einem Aufsatz des DDR-Professors Walter Schmidt. Er ist Direktor des Zentralinstituts.
( Der volle Name des Instituts lautet: ) ( Institut für Geschichte der deutschen ) ( Arbeiterbewegung an der Akademie für ) ( Gesellschaftswissenschaften beim ZK der ) ( SED. )
Der Artikel ist inzwischen über ein Jahr alt.
Das Datum der Veröffentlichung von Schmidts Artikel (5. 7. 1981) macht deutlich, daß die eben jetzt eingeleitete Bismarck-Aufwertung nur ein Teilstück einer sehr viel älteren historiographischen Kampagne ist. Tatsächlich reichen die Anfänge dieser Kampagne mit dem Ziel nationaler Identität und Kontinuität bis in die fünfziger Jahre zurück. Ihre Stationen und Figuren sind denn auch seit langem bekannt: Tauroggen und die preußischen Reformer (Gneisenau, Scharnhorst, Clausewitz, Friedrich der Große und Blücher, Luther und seine Reformation, die neuerdings gegenüber Thomas Müntzer und Bauernkriegen aufgewertet werden) und so weiter.
Gleichwohl stellt der Schmidt-Aufsatz vom Sommer 1981, auch rückblickend, einen wichtigen Markierungspunkt dar. Er hat den Aufwertungs-Prozeß deutlich forciert und ausgedehnt - und zwar, wie Schmidt selber schrieb, in "chronologischer" als auch in "territorialer" Hinsicht. Die DDR will die "ganze" deutsche Geschichte haben - nicht bloß die preußische, sächsische, mecklenburgische und thüringische; sie will auch ihre eigene Geschichte nicht erst mit dem Jahre 1949 beginnen, sondern will - wörtlich] - "bis in die Zeit der Urgesellschaft" nach "Traditionswürdigem" fahnden, bis auch zur "Entstehung des deutschen Volkes als ethnische Einheit".
In diesem Zusammenhang schlug Schmidt eine ganze Galerie von großen Deutschen zu "differenzierter Wertung" vor: Könige und Kaiser wie Heinrich I., Otto I. und Heinrich IV., "spätabsolutistische Hohenzollern-Herrscher", "mecklenburgische Herzöge" und sogar S.211 "Vertreter der Monopolbourgeoisie" - Siemens zum Beispiel.
Allerdings hat Schmidts nationale Begeisterung auch Grenzen, "sozial-strukturelle", wie er sich ausdrückt. Der seit 1945 stattfindende "reale Geschichtsprozeß" läßt, meint er, keine "Gemeinsamkeit" der Deutschen in Ost und West zu - außer "ethnische Einheit".
Was heißt eigentlich "ethnisch"? Laut Duden: "einem besonderen Volkstum angehörend". Über ein "besonderes Volkstum" verfügen die Deutschen also immer noch, laut "Zentralinstitut".
S.208 Zeitgenössische Postkarte. * S.210 Der volle Name des Instituts lautet: Institut für Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. *

DER SPIEGEL 10/1983
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