KULTMARKEN
Fest der eisernen Rösser
Es ist Viertel vor sieben in der Prärie von South Dakota, die Sonne nähert sich dem Horizont. Entlang der schmalen Asphaltpiste auf dem Campingplatz von Glencoe johlt die Meute schon wieder wie bei einem Football-Spiel. Es riecht nach Bier, Barbecue und verbranntem Gummi.
Das ist die Zeit, wenn sich Melissa, 32, auf ihre Harley schwingt. Eben noch hat die Managerin mit ihrer sechs Jahre alten Tochter telefoniert, über die Abenteuer von Scoobi Doo geplaudert, dem Comic-Hund aus dem Kinderprogramm. Sie hat mit ihrem Mann getratscht, den sie zu Hause gelassen hat wie auch ihr Schmuckkästchen und die ganze traute Lieblichkeit, für die auf ihrer Maschine, Typ "Fat Boy", so wenig Platz gewesen wäre wie für einen Koffer mit Abendkleidern.
Sie steckt den Schlüssel rein, drückt den Starterknopf und lässt den Motor aufröhren. Dann zieht sie sich ihr T-Shirt über den Kopf, dreht den Gashahn auf und donnert hinaus auf die schmale Straße, nur noch bekleidet mit ihren engen Shorts.
Sie jagt vorbei an den hunderten johlender Biker, die rechts und links der Straße auf den Zäunen hocken, an ihren Pappschildern mit den gekritzelten Aufschriften wie "Show your tits", "Official Tit Zone" oder "Tit Capital of the World". Sie hört, wie die Meute noch ein bisschen lauter grölt, und wenn sie dann die Blicke spürt, die ihr wie festgesaugt folgen, so sagt Melissa, sei das besser als jeder Sex.
Natürlich gehört sie hier zu den Stars, denn sie fährt ihre eigene Maschine. Sie lässt sich nicht von irgendeinem beleibten Harley-Biker herumfahren, wie die meisten anderen Frauen, die in ihren knappen Hosen und mit freiem Oberkörper auf dem Rücksitz der fetten Maschinen festgeklebt sind wie lebende Trophäen.
Jeden Abend wiederholt sich das krude Ritual, eine Woche lang, immer wenn die Biker von ihren Landstraßenabenteuern zurückkommen, die ersten Bierdosen geleert haben, das Licht schummrig wird und nicht mehr jede Falte sofort verrät. Titten-Allee haben sie diese Piste genannt, und sie ist nur eine der bizarren Attraktionen auf dem größten Harley-Festival des Sommers, das Jahr für Jahr mehr Biker hinaus in die endlose Weite des nördlichen Amerikas lockt.
400 000 Motorradfans kamen in diesem Jahr nach Sturgis, einem staubigen Nest von 6500 Einwohnern, das die übrige Zeit des Jahres so tot ist wie ein platt gefahrener Präriehund. Zu bestaunen haben die Harley-Fahrer auch in dieser Woche eigentlich nichts - außer sich selbst. Sturgis ist ein gigantischer Karneval für Menschen und Maschinen, in dem es vor allem darum geht, gesehen und gehört zu werden. "Es ist wie in der Schule", sagt einer der Biker, "du zeigst den anderen deinen Schwanz."
Dafür donnern sie die Main Street von Sturgis auf und ab, ein trostloser Teerstreifen zwischen Reihen von Geschäften, die die Einheimischen leergeräumt und gegen viel Geld an fahrende Händler vermietet haben. In der Küche von "Gold Pan Pizza" gibt es jetzt Lederjacken, im Büro eines Versicherungsmaklers ist ein Tattoo-Shop eingezogen, und um die Ecke haben sie eine Piercing-Bude aufgebaut, wo sie im Vorderzimmer Nasenringe einziehen, die Zungenspitze durchbohren und im Hinterzimmer Silberschmuck an Brustwarzen und anderen Körperteilen befestigen.
Sie fahren hinauf nach Hulett, einem 400-Seelen-Dorf, durch das sich an einem Tag über 100 000 Biker hindurchzwängen. Sie treffen sich zur Wrestling-Show, einem Dragster-Rennen oder zum Burnout, einer eigentümlichen Vorführung, bei der derjenige gewinnt, der am meisten Qualm produziert: Vorderbremse anziehen, Kupplung springen lassen und Gas geben, bis der Hinterreifen in Rauch aufgeht.
Obwohl das alles nach sinnlosem Rockerspiel aussieht, geben raue Burschen mit dicken Muskeln hier längst nicht mehr den Ton an. Dies ist kein Festival von "Easy Rider"-Rebellen, die ihr Heroin im Tank herumkutschieren, freie Liebe predigen und einer verstockten Gesellschaft den Krieg erklären. Nach Sturgis kommen Angestellte und Manager, Ärzte und Unternehmer, Broker und Vermögensverwalter. Und jede Menge Marketingstrategen von Harley-Davidson.
Sie haben Sturgis zu einer Art Pilgerstätte für einen modernen Wild-West-Kult gemacht, der umso wichtiger zu werden scheint, je politisch korrekter das Alltagsleben in den Städten Amerikas abläuft. Für viele Biker und immer mehr Frauen ist ihre Harley schlicht der einfachste Weg, sich für ein paar Tage zum "Bad Boy" oder "Bad Girl" zu erklären: laut, schräg, ungezogen.
Was vor fast 60 Jahren als Festival für ein paar hundert Motorradfreaks begann, ist heute ein Freiluftmeeting für Büromenschen geworden, eine Art archaische Meditationswoche nach dem Motto: "Du machst Lärm, also bist du." Statt Moral regiert hier der Trieb, statt des Internet die Maschine und statt gedämpfter Konversation das Wummern des Auspuffs.
Irgendwie haben es die Harley-Manager verstanden, daraus eine Legende zu flechten, und weil immer mehr daran teilhaben wollen, verkaufte ihre Firma im vergangenen Jahr so viele Motorräder wie noch nie. Um gut 17 Prozent stieg der Umsatz im Schnitt seit 1986, um 37 Prozent der Gewinn. In Nordamerika hat Harley einen Marktanteil von 48,5 Prozent, in Europa sind es 6,4 Prozent. Längst ist die Marke eine amerikanische Produkt-Ikone wie Coca-Cola oder Levi's.
Während Konzerne wie BMW oder Honda in erster Linie Motorräder absetzen, vertreiben die Manager aus Milwaukee vor allem ein Lebensgefühl. "Look, Feel and Sound" sind heute die wichtigsten Kriterien, nach denen die Designer immer neue Varianten der V-Zylinder-Maschinen mit dem blubbernden Sound entwickeln. "Harleys sind eiserne Rösser", sagt Willie G. Davidson, Enkel des Firmengründers, Chefdesigner und so etwas wie der Papst des Harley-Kults: "Sie haben etwas Magisches."
Das muss es wohl sein, denn am Ende des Maschinenzeitalters wird ausgerechnet ein Antriebsgerät zum Bestseller, an dem etliche Entwicklungen der Motorentechnik vorbeigezogen sind: Es ist schwerer, lauter und unbequemer, dazu meist noch langsamer und weniger wendig als manche moderne Konkurrenz. "Harley fahren ist ein lebenslanges Abenteuer", erklärt Davidson, "eine ewige Reise: Du kommst nie richtig an."
Das Abenteuer sieht für die meisten mittlerweile so aus: Knapp 50 Wochen im Jahr schwitzen sie in ihren Büros, rufen in Telefone, verschieben Aktien, verhandeln Verträge oder entwickeln Software. Sie achten darauf, zu ihren Sekretärinnen kein falsches Wort zu sagen, um nicht eine der gefürchteten Millionen-Klagen wegen sexueller Belästigung zu kassieren.
Abends fahren sie mit dem Auto nach Hause in ihre Vorstadthäuser mit fein gepflegtem Vorgarten. Und manchmal schrauben und wienern sie noch ein bisschen an ihrem Bike herum, wenn die Kinder im Bett sind und die Frau vor dem Fernseher eingenickt ist.
Im Sommer schieben sie ihre Harley aus der Garage, eine Orgie aus blitzendem Chrom, feurigen Farben und Leder, hinauf auf den Anhänger hinter dem Wohnmobil, und auf geht's in den Wilden Westen. Nach Sturgis, wo es für sie keinen Schreibtisch gibt, kein Internet und keinen Börsenticker.
Früher war das alles anders. Noch vor 20 Jahren hatten die Hell's Angels in Sturgis das Sagen und manchmal auch ihre Konkurrenten, die Bandidos. Die Einwohner verrammelten ihre Häuser, brachten ihre Autos in Sicherheit und schlossen ihre Kinder ein. Es gab wilde Raufereien, und wer seine Freundin behalten wollte, brachte sie besser nicht mit zu diesem Festival, auf dem das Faustrecht herrschte und gelegentlich auch die Knarre.
Natürlich kommen auch heute noch ein paar Freaks: Vietnam-Veteranen etwa, die ihre ergrauten Haare zum Pferdeschwanz gebunden haben und mit ernsten Gesichtern herumlaufen, weil sie noch immer irgendwelche Gefangene im Dschungel Südostasiens vermuten.
Auch ein paar Rassisten sind da, die mit der Flagge der Konföderierten herumfahren und T-Shirts mit finsteren Aufdrucken tragen wie "Hitler's European Tour 1939 - 45" oder "Meine Ehre heist Treue", wobei es offenbar nicht so darauf ankommt, ob die Rechtschreibung stimmt.
Und dann sind da noch ein paar Leute wie Jeff Slenning. Er ist 27 Jahre alt, und wenn er nicht auf seiner Harley durch die Wüste kreuzt, arbeitet er als Automechaniker in Las Vegas. Shaggy nennen ihn seine Freunde, weil unter seiner Mähne kaum ein Stück Gesicht zu entdecken ist. Für Leute wie Shaggy ist klar, dass echtes Menschsein ohne Harley nicht geht.
Shaggys Harley ist ein Stück ölendes Altmetall, eine umgebaute 77er Sportster, die schon lange keinen Putzlappen mehr gesehen hat. Wie viele Ur-Biker steuert er sein Getriebe noch mit dem Ganghebel unter dem Tank. Suicide Clutch nennen sie diese Mechanik - Selbstmord-Kupplung -, weil der Fahrer zum Schalten die Hand vom Lenker nehmen und dazu mit dem linken Fuß allerhand Kupplungsmanöver bewältigen muss.
Nie würde Shaggy seine Maschine hinter ein Wohnmobil zurren, für die chromblitzenden Schaugeräte der meisten Sturgis-Fans hat er nur ein mildes Lächeln übrig. Auf ihre Bühne allerdings will er nicht verzichten.
Auch Shaggy donnert abends die Titten-Allee entlang, auch er muss hier etwas vorführen: "Ist dieser Outlaw-Look nicht cool?", sagt seine Freundin. "Wie die echten Rebellen von früher." MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON