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DER SPIEGEL

Frau Mao verteidigte sich - und griff an

Im Pekinger Prozeß gegen Tschiang Tsching und neun Mitangeklagte zeigte Maos Witwe trotz vierjähriger Haft und entgegen chinesischem Brauch keine Reue, sondern griff Ankläger und Richter als „Konterrevolutionäre“ an. Sie stellte sich als Befehlsempfängerin des Großen Vorsitzenden dar, den sie damit in den Prozeß hineinzog. Das chinesische Fernsehen zeigte Ausschnitte aus der Verteidigungsrede Tschiang Tschings:
Alles, was er (der Staatsanwalt) gesagt hat, ist, wie die Anklage, reine Erfindung, eine Entstellung der Geschichte. Er hat aus weiß schwarz gemacht, er mißachtet die Fakten und stellt die Wahrheit verschwommen dar, indem er "ja" mit "nein" mischt.
Seit 1966 haben ich und andere -- und ich möchte die anderen hier nicht erwähnen -- ständig in Übereinstimmung mit Mao gearbeitet, genauer: in Übereinstimmung mit den Beschlüssen und Anweisungen des Zentralkomitees unter der Leitung des Vorsitzenden Mao, das heißt also, bis zu der Zeit, als der Vorsitzende Mao starb. Ich hatte niemals einen eigenen Plan, ich habe nur die Durchführung der proletarischen revolutionären Grundsätze des Vorsitzenden Mao verteidigt.
Sie sprechen immer wieder von Ihrem sogenannten überwältigenden Tatsachenmaterial. In Wirklichkeit suchen Sie händeringend in einem Ei nach Knochen ... Alles, was Sie während dieser sechs Verhandlungen getan haben, hat viele Fragen aufgeworfen.
Einer der Haupttäter bei dem Attentatsversuch (des Marschalls Lin Piao 1971) gegen den Vorsitzenden Mao tritt hier als Zeuge auf. Er hatte einen Verschwörerplan ausgeheckt, das ganze Zentralkomitee umzubringen, einschließlich meiner Person, der Frau des Vorsitzenden Mao, der Person, die ihm 38 Jahre folgte und ihn ebensolange kannte.
Während des Krieges war ich die einzige Genossin, die an der Front geblieben war, die einzige Frau, die Mao Tse-tung folgte. Wo versteckten Sie sich während der Zeit? (Gelächter aus dem Publikum.) Jetzt haben Sie Mörder und Opfer in einen Topf getan. Sie haben einen Pfeil benutzt; um verschiedene Ziele zu treffen, aber die große Kulturrevolution war keineswegs Sache einer einzigen Person.
Sie verfolgen das Ziel, mich zu verleumden, den Vorsitzenden Mao zu verleumden und die Leistungen des Vorsitzenden Mao und seinen gigantischen Beitrag zum Marxismus-Leninismus zu revidieren. Indem Sie mich und Mao Tse-tung verleumden, verleumden Sie Tausende, die sich der Proletarischen Kulturrevolution anschlossen.
Sie haben behauptet, ich hätte Teng Hsiao-ping einen großen Verräter genannt. Zu jener Zeit habe ich kein einziges Wort gesagt. Ich habe nur gelacht: "Ha, ha, so entsteht ein neuer Verräter." Aber so etwas muß durch Fakten gestützt werden. Ich habe niemals gesagt, er sei ein Verräter geworden. Ich hatte große Meinungsverschiedenheiten mit Teng Hsiao-ping, ich habe mit ihm gekämpft, das ist eine feststehende Tatsache. Sie können die Worte, die ich jetzt sage, zu Protokoll nehmen:
Er war nie ein Verräter. Warum behaupten Sie jetzt, ich hätte gesagt, er sei ein Verräter? So werden Geschichten erfunden. Wer so etwas behauptet, ist ein Lügner. Mit diesen Dingen wollen Sie den Zweck erreichen, die Urteile zu revidieren, und eine Restauration herbeiführen.
SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani erfuhr in Peking, was die Kulturrevolutionärin außerdem sagte. Unter anderem warf sie dem Gericht vor, ihr sei nicht erlaubt worden, ihre Zeugen aufzurufen. Sie erwähnte den heutigen Parteichef Hua Kuo-feng, Maos Leibwächter Wang Tung-hsing -- der Frau Mao 1976 verhaften ließ -- und den damaligen Verteidigungsminister Jeh Tschien-jing.
So sagte Tschiang Tsching, sie habe keinen Zugang zu ihren Akten und Unterlagen erhalten, mit denen sie hätte nachweisen können, daß alles, was sie tat, auf Anordnung der Partei geschehen sei. Sie erwähnte vor Gericht Briefe, die Mao geschrieben habe und die dann nicht in ihre Hände kamen. Sie habe einen Safe, der alle diese Dokumente enthalte.
Tschiang Tsching: "Sie beschuldigen mich jetzt, ich hätte die Verhaftung von Leuten angeordnet und die Durchsuchung ihrer Häuser. Aber haben Sie nicht genau das mit mir getan? Sie sprechen von der Zerschlagung der Viererbande. In Wirklichkeit haben Sie S.107 mich heimlich verhaftet, mich gefangengenommen und vier Jahre im Gefängnis festgehalten. Haben Sie nicht mein Haus durchsucht und alle meine Dokumente beschlagnahmt?"
Dann sagte sie, sie fürchte nicht den Tod, und zitierte die von Mao postulierten "Fünf Sich-nicht-Fürchten". Ein guter Kommunist dürfe keine Angst haben,
* gegen die Strömung zu schwimmen,
* vom Amt entlassen oder aus der Partei ausgeschlossen zu werden, auch nicht
* Inhaftierung,
* Ehescheidung oder
* Hinrichtung. Tschiang Tsching: "Ich bin schon durch vier dieser Stufen hindurchgegangen. Ich fürchte auch nicht die fünfte."
"Ich weiß, Sie wollen nur meinen Kopf, Sie können ihn haben, aber ich fordere Sie heraus -- gewähren Sie mir eine öffentliche Diskussion auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 150 000 Leuten, dann bin ich bereit, zur Hinrichtungsstätte zu schreiten."
Sie trug ein Gedicht vor, das sie in der Haft verfaßt hatte: "Äußerst häßlich und heftig legt ihr jetzt eure Natur bloß, indem ihr unsagbare Verbrechen zudeckt, während ihr eine wunderschöne Maske einübt.
"Um Ruhm zu erlangen, während ihr das Volk irreführt, kann eine große Lüge nie die Wahrheit zudecken. Ihr habt das Geschick, den Himmel zu berauben und eine Sonnenattrappe aufzuhängen (soll heißen: Mao, die Sonne, wird durch irgendeinen anderen ersetzt).
"Ihr täuscht die Großen und die Kleinen und setzt den Hut von (irgendeinem) Tschiang auf den Kopf eines Li. An dunklen Plätzen stehlt ihr wunderschöne Blüten und setzt sie auf trockene Bäume, um die Anschuldigungen auf andere zu übertragen.
"Ihr lenkt die Aufmerksamkeit des Volkes ab, indem ihr stinkende Namen reinwascht (Anspielung auf die Rehabilitierung von Leuten wie Ex-Staatschef Liu Schao-tschi). Zeugen werden verfolgt und zum Schweigen gebracht. Jeder, der Bescheid wußte, wird verfolgt und zum Schweigen gebracht. Der Revisionismus ist ein Grashüpfer, der einen rollenden Wagen anhalten möchte. Der Revisionismus ist schwach und kann nicht dauern. Nur die Volksmassen können Geschichte machen."
Dann sagte Maos Frau: "Der Titel lautet: ''Meine einfache Überzeugung''."
Am 29. Dezember antwortete darauf der Staatsanwalt mit dem ersten offiziellen Eingeständnis der persönlichen Verantwortung Maos für die Kulturrevolution, dessen Schuld aber auch gewesen sei, Tschiang Tsching nicht durchschaut zu haben. Darauf die Angeklagte in dem vom Fernsehen übertragenen Ausschnitt:
"Ich will jetzt nur ein paar Worte zu dem sagen, was er gerade eben gesagt hat, alles andere habe ich vergessen. Erstens, er sagte, meine Rede habe die Behauptung enthalten, ich vertrete den Vorsitzenden Mao. Darf ich einmal fragen, habe ich jemals gesagt, ich vertrete den Vorsitzenden Mao? Sind diese Worte gefallen? Was ich in meiner Rede gesagt habe, sind Fakten."
Die Glocke ertönt.
Tschiang Tsching: "Sie unterbrechen mich schon wieder."
Richter: "Dieses Gericht ist einverstanden, daß der Staatsanwalt das Recht hat, sich zu äußern."
Staatsanwalt: "Tschiang Tsching gibt nicht zu, daß sie gesagt hat, sie vertrete den Vorsitzenden Mao. In ihrer sogenannten Verteidigungsrede vom 24. sagte sie, sie habe kein Programm. Was sie durchführte, seien die revolutionären Grundsätze des Vorsitzenden Mao gewesen. Alles sei in Übereinstimmung mit den Anweisungen des Vorsitzenden Mao geschehen."
Tschiang Tsching: "Nicht nur des Vorsitzenden Mao, sondern in Übereinstimmung mit den Beschlüssen und Anweisungen des Zentralkomitees der Partei unter der Führung des Vorsitzenden Mao. Die Namensliste (der zu verfolgenden Mitglieder) hatte ich vom Vorsitzenden in einem Brief erhalten. Diese Liste ist aus meinem Safe gestohlen worden."
Die Glocke ertönt.
Richter: "Ich warne Sie, Tschiang Tsching, es ist nicht gestattet, die Rede des Staatsanwaltes zu unterbrechen."
Tschiang Tsching: "Ich habe Ihnen schon vorher gesagt, daß ich Sie uneingeschränkt respektiere -- wenn Sie, das höchste Gericht, die richtigen politischen Grundsätze des Vorsitzenden durchführen. Sie werden jetzt aber nicht durchgeführt. So stehe ich in diesem Land mit meinem aufgespannten Schirm und trotze allen menschlichen und göttlichen Gesetzen."
Richter: "Die Angeklagte Tschiang Tsching hat die Gerichtsverhandlung zu Verleumdungszwecken mißbraucht. Das Gericht hat Sie gewarnt, aber Sie mißachten weiterhin die Regeln des Gerichts und verletzen die Vorschriften des Gerichts. Ich erkläre deshalb jetzt die Gerichtsverhandlung für beendet."
Tschiang Tsching: "Ha, ha. Ich wußte schon vorher, daß Sie das tun würden."
Die Glocke erklingt.
Richter: "Nach den gesetzlichen Bestimmungen haben Sie immer noch das Recht auf eine abschließende Darstellung Ihres Falles."
Tschiang Tsching: "Aha, ich werde noch eine Gelegenheit haben."
Richter: "Wenn Sie noch etwas zu erklären haben, können Sie sprechen."
Tschiang Tsching: "Ah, jetzt kann ich wieder reden." (Gelächter der Zuhörer.)
Richter: "Das Gesetz sieht das vor. Was wollen Sie noch erklären?" S.108 Tschiang Tsching: "Wenn ich noch eine Gelegenheit zum Reden habe, werde ich auch reden. (Gelächter der Zuhörer.) Ich glaube, daß diese Anklage die Verbrechen des tatsächlichen Täters verdeckt und entlastet. In Artikel 2 der Gerichtsverfahrensordnung des Strafgesetzbuches steht der folgende Satz: ''Eine Person, die erwiesenermaßen unschuldig ist, kann nach dem Strafgesetzbuch nicht zur Verantwortung gezogen werden.'' Ist es auch so?
Bei der Untersuchung sollte das Gericht ab Mai 1966 beginnen. Wenn man weit zurückgeht, ist es schwierig, eine Klärung zu erreichen. Es sollte untersucht werden, ob meine Handlungen mit den Entscheidungen und Anweisungen des Zentralkomitees unter der Führung des Vorsitzenden Mao Tse-tung übereinstimmen ... Sie stellen mich als einen allmächtigen Dämon mit drei Köpfen und sechs Armen dar."
Richter: "Ich warne Sie nochmals, daß die Verleumdung von Parteiführern und Staatsmännern eine kriminelle Handlung ist."
Tschiang Tsching: "So denken Revisionisten wie Sie. Ich kann Sie uneingeschränkt anklagen, um jedem zu sagen, wie Sie Ihre Verbrechen begangen haben."
Die Glocke ertönt. Richter: "Angeklagte Tschiang Tsching, hören Sie zu."
Tschiang Tsching: "Gut, ich höre."
Richter: "Der Sonderstaatsanwalt beschuldigt Sie konterrevolutionärer Verbrechen. Sechs Verhandlungen haben stattgefunden, dieses Gericht hat Untersuchungen durchgeführt, umfangreiches Beweismaterial öffentlich präsentiert und vorgelegt. Wir haben wichtige Zeugen vorgeladen und vor Gericht angehört und auch den Angeklagten in der gleichen Sache Gelegenheit gegeben, sich zu äußern. Wir haben Reden angeführt, aus denen hervorgeht, wie Kader verfolgt wurden. Die Fakten sind klar. Das Beweismaterial ist authentisch. Dieses Gericht hat Ihnen alle Zeit eingeräumt ..."
Tschiang Tsching: "Alle Zeit."
Richter: "... damit Sie Ihren Fall darstellen und sich verteidigen konnten. Aber Sie sind den gegen Sie von dem Staatsanwalt erhobenen Anschuldigungen immer wieder aus dem Wege gegangen. Sie haben Ihre Erklärungen und Ihre Verteidigung nicht auf das ausgerichtet, was Ihnen in der Anklage vorgeworfen wird. Im Gegenteil, Sie benutzen die Ihnen von dem Gericht zur Verteidigung eingeräumte Gelegenheit zur Abgabe konterrevolutionärer Erklärungen."
Tschiang Tsching: "Sie sind ein Konterrevolutionär!"
Richter: "Mit Ihrem Gedicht ''Meine einfache Überzeugung'' verleumden Sie weiterhin die Partei- und Staatsführer. Sie haben das Gericht verleumdet und auch die anderen Mitarbeiter des Gerichts. Damit haben Sie neue Verbrechen begangen. Dieses Sondergericht wird Ihre Verbrechen entsprechend dem Gesetz untersuchen."
Tschiang Tsching: "Warum bitten Sie nicht den Affenkönig (ein mehrköpfiges mythologisches Wesen), mir noch mehr Köpfe wachsen zu lassen (so daß sie immer wieder abgeschlagen werden müssen)?"
Richter: "Ich erkläre jetzt, daß die Angeklagte Tschiang Tsching aus dem Gericht geführt wird und das Urteil abwartet. Die Angeklagte Tschiang Tsching ist in Haft zu halten."
Hier brach die TV-Übertragung ab. Die Fernseh-Zuschauer durften nicht sehen, was nun geschah: Tschiang Tsching blieb auf ihrem Platz. Drei Polizistinnen griffen nach ihr. Sie kreischte: "Ich habe keine Angst! Ich bin wie ein Hahn, der im Morgengrauen kräht. Ihr wollt meinen Kopf. Ich bin bereit zu sterben."
Während sie wieder mit Gewalt aus dem Saal gebracht wird, ruft sie Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, die das ganze Volk kennt: "Rebellion ist gerechtfertigt!" -- "Revolution zu machen, ist kein Verbrechen!"
S.106 2. v. l.: Mitangeklagter Belastungszeuge Wang Hung-wen. *

DER SPIEGEL 4/1981
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