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DER SPIEGEL

„Der gar nicht so rote Preuße“

Rudolf Augstein zu der neuen Bismarck-Biographie von Lothar Gall „Der weiße Revolutionär“
Ein Reich kann immer nur mit den gleichen Mitteln erhalten werden, mit denen es begründet wurde.
TACITUS
Seit Jahrzehnten", so schrieb Karl-Heinz Janßen 1976 in der "Zeit", "fehlt es an einer großen, wissenschaftlich fundierten Bismarck-Biographie." Der Fehler ist behoben. Lothar Gall, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Frankfurt, 43 Jahre alt, hat sich den Seufzer zu Herzen genommen, hat rechtzeitig zum Preußen-Jahr 1981 ein sozusagen "klassisches" Werk geschrieben. Wer wissen will, wie alles gewesen, und wozu alles gut oder schlecht war, und was der Preuße Otto von Bismarck in Mitteleuropa angerichtet hat, muß künftig den Gall lesen, und nur über Akzente und Nuancen wird man sich noch streiten.
"Der größte Deutsche seiner Zeit", so "Time" noch 1965, der denkbar interessanteste Mensch seiner Zeit, so die beiden Bismarck-Kritiker Theodor Fontane und, ein halbes Jahrhundert später, Erich Eyck; der Reichsgründer aus Langeweile, so der britische Historiker A. J. P. Taylor; der "Virtuose der internationalen Politik", so Sebastian Haffner; der Mann, den der amerikanische Historiker Gordon A. Craig nicht bewundern kann, und in dem der Brite Harold Nicolson alle Defekte des Deutschtums verkörpert sieht: Ist er denn noch von Belang?
Mir scheint, als sei dem Lothar Gall seine bedeutende Leistung gelungen, weil eben nicht stimmt, was die Bismarck-Bewunderer uns vor kurzem noch einzutrichtern suchten: daß wir von Bismarck immer noch etwas lernen können (Sebastian Haffner), daß er uns "bleibende Lehren" hinterlassen habe (Paul Sethe), daß sich an dieser mächtigen Gestalt die Geister scheiden (Gerhard Ritter). Ebensowenig stimmt, in dieser Simplizität, daß er "Hitler den Weg geebnet hat" (der Schweizer Henry Vallotton), und daß "der Nationalsozialismus nichts anderes war als die letzte Konsequenz der Bismarckschen Politik", so der Theologe Karl Barth 1945. Einfach, einfacher, am einfachsten, und doch ist etwas dran.
Von Bismarck lernen können wir Heutigen etwa soviel wie vom Kardinal Richelieu. Eben weil Gall das Bismarck-Reich samt Folgen als eine abgeschlossene Epoche in den Griff nimmt, wird er dem einzeln und einsam Handelnden gerecht.
Bismarck spricht zu uns als eine Figur aus längst vergangener Zeit. Sein Reich, nicht mehr von dieser Welt, hat nicht, wie Bernhard Knauß in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb, eine "bemerkenswerte Lebenskraft" bewiesen, dessen Vormachtstellung sich eine Zeitlang als "fast unentbehrlich" erwies (Haffner). Es war vielmehr, wie Freund Gall meint, ein "extrem unstabiles und kurzlebiges politisches Gebilde". Dafür sollte man die Gründe schon suchen.
Erst einmal purzeln bei Gall die Legenden, obwohl er, was man für einen Fehler halten mag oder auch nicht, keinen einzigen zeitgenössischen Historiker oder Biographen zu Wort kommen läßt.
Bismarck hatte im nachhinein viele Meister, weil er an vielen und langen Wegen gebaut hat. Zwar bringt Gerhard Ritter ihm gut, anders als durch Blut und Eisen sei das Reich wohl nicht zu schmieden gewesen. Aber Franz Schnabel tadelt, daß Bismarck die Österreicher draußen vor gelassen hat.
Erich Eyck wiederum meint, die deutsche Einigung, wenn überhaupt notwendig, hätte auch auf gewaltlosem Wege sich fügen können. Er setzt hinzu: "... wenn das deutsche Volk selbst in allen Teilen sie gewollt hätte." Ja, wenn. Es galt ja aber, dieses Volk erst zu einigen, und laut Eyck war das ja vielleicht gar nicht so notwendig.
Deutschland, so nun wieder Paul Sethe, habe 1870 durch die Kandidatur eines Hohenzollern auf den Thron in Madrid friedlich geeinigt werden sollen. "Weise Mäßigung beim Friedensschluß 1871" rühmt der kürzlich verstorbene Erlanger Historiker Hans-Joachim Schoeps.
Frankreich als trotz Krieg und Versailles-Spektakel und trotz Annexionen "ungedemütigte Großmacht" (Haffner); die großpreußisch-norddeutsche Lösung lange Zeit für Bismarck bestimmend, so der Historiker Wilhelm Mommsen, Enkel des großen Theodor. Der Rückversicherungsvertrag mit Rußland ("Draht nach St. Petersburg") als "Schlußstein der allerdings unausweichlichen Politik der Mitte", so die Historiker Muralt und Conze unisono: alles widerlegbarer Unfug, wie bei Gall zu lesen, sozusagen im Beiprodukt.
Leider hat Gall nicht umhingekonnt, die unglückliche Metapher des "weißen Revolutionärs", die auch Kissinger auf Bismarck gemünzt hat, in den Titel seines Buches zu setzen, obwohl er selbst behauptet, daß "fast jeder große Handelnde ein konservativer Revolutionär" ist. Demnach wären Lenin und Mao keine großen Handelnden gewesen, wohl aber der Schah Resa Pahlewi.
270 Seiten sind mit der Platitüde "Zauberlehrling" überschrieben, obwohl Bismarck doch gewiß die meiste Zeit als alter Hexenmeister sein Wesen getrieben hat. Auch hier wieder Galls ominöse Verunkenntlichung: "Zuletzt war er, wie wohl fast jeder in großem Stil Handelnde, tatsächlich nur noch ein Zauberlehrling." Warum dann nicht das Buch kaufen "Die großen Handelnden, ihr Scheitern, ihr Erfolg"?
Die Trivialität wird gegen Schluß des Buches noch gebündelt in dem Satz: "Aus dem ''weißen Revolutionär'' wurde endgültig der Zauberlehrling." Und, möchte man hinzufügen, aus dem Hexenmeister ein roter Baron. Denn was kann hier anderes ausgesagt werden, als daß jeder wichtige Politiker, so er nicht ermordet oder sonstwie von seinem Handwerk erlöst wird, mit Konsequenzen seines Handelns zu rechnen hat, die er nicht will und die er nicht mehr (hexen-)meistert; er muß nur lange genug tätig sein.
Um zum Lob Galls vorzudringen und seine Klischee-Ärgernisse ad acta zu legen, möchte ich noch rasch seine berufsblinde Vorstellung beerdigen, Bismarcks persönliche Leistung sei nur in einer Periode "des Übergangs, der wirklich großen geschichtlichen Umbrüche" möglich gewesen. Solche Übergangsperioden hatten wir zwischen 1790, 1820, 1850, 1880, 1910 etc., etc., seit Olims Zeiten also bis zum Doomsday. Jeder Spezial-Historiker hält "sein" Rohmaterial, "seine" Zeit für ganz einmalig.
Was Gall sagen will, legt er ja einleuchtend genug dar: Bismarck habe eine Möglichkeit deutscher und europäischer Politik exekutiert, die ohne ihn vielleicht, und man kann sagen wahrscheinlich, von ganz anderen Möglichkeiten und Entwicklungen besetzt worden wäre. Er hat, so Gall, dem geschichtlichen Augenblick eine Freiheit des Handelns abgezwungen.
Er hat durch seinen persönlichen Willen zur Macht überindividuellen Entwicklungen zum Durchbruch verholfen und ist so in seinen besten Zeiten über die Ziele hinausgegangen, die er im Auge hatte. Er setzte Entwicklungen frei, die sich seiner ursprünglichen Absicht und seiner späteren Kontrolle entzogen, dabei mehr auf die Chancen von Bewegungen und Veränderungen setzend als auf deren Risiko und Gefahr: Spielernatur mit Maß und Selbstbeherrschung, Mitschöpfer auch "des modernen bürokratischen Interventionsstaates".
Ob er hier nun gleich wieder als "Geschäftsführer wider Willen" der deutschen Revolution agierte, kann unerörtert bleiben. Jedenfalls wollte er die überlieferte Ordnung der europäischen Staatenwelt stören und verändern, wollte das europäische Staatensystem umstürzen. Und Umsturz nennt man auch Revolution. Sein erster königlicher Herr, Friedrich Wilhelm IV., sah in ihm den "roten Reaktionär" (siehe da!), "nur zu brauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet". Aber dieser König hatte eine Schwäche für interessante Menschen. Er stellte ihn an.
Wie sah Europa aus, als der 36jährige Bismarck 1851 als Gesandter des Königs von Preußen nach Frankfurt an den Sitz des Deutschen Bundes ging? Von fünf europäischen Großmächten war sein Land Preußen die jüngste und die schwächste, der "Emporkömmling" im Konzert. Und mit Ausnahme vielleicht Englands waren die anderen vier jedenfalls mit dem Status quo in Europa nicht zufrieden. Allen vieren erschien er nur als die "zweitbeste Lösung".
Die Anlehnung Preußens an das Zarenreich hatte schon zu Zeiten des Alten Fritzen manchmal Vasallencharakter. Sie wird Bismarck in seinen späteren Jahren schlaflos lassen, er denkt dann an eine Lawine.
Im Deutschen Bund dominierte Österreich, keineswegs geneigt, und wohl auch nicht imstande, sich als nur gleichberechtigte Macht mit Preußen in eine stets problematische Doppel-Herrschaft zu teilen.
In Frankreich hatte ein Neffe des großen Bonaparte unter dem Namen Napoleon III. ein plebiszitäres Cäsaren-Regime errichtet, auf außenpolitische Erfolge, und das bedeutet ja meist Länderraub, geradezu angewiesen.
Preußen wurde also von den Umständen auf eine aggressive, ausgreifende, "revolutionäre" Außenpolitik geradezu gedrängt. Es mußte entweder stillhalten, und das hieß abnehmen, oder hinzugewinnen. Diesen Zwang zur "Selbsterhaltung" hat 1871 sogar Jacob Burckhardt in Basel anerkannt, der Bismarcks Resultaten sonst mehr als skeptisch begegnete.
Wie mußte nun aber jener Politiker aussehen, der Preußens Notwendigkeiten zu erkennen und in die Tat umzusetzen geeignet war?
Erstens, er mußte sein ein Mitglied der herrschenden, der bevorzugten Adels- und Junkerkaste, Feind aller konstitutionellen, liberalen, demokratischen, parlamentarischen Bestrebungen, voll gesunder Vorurteile gegen Franzosen, Juden, Polen und jegliche "Kanaille".
Zweitens, er mußte sein so opportunistisch, daß er alle seine Vorurteile von einer Stunde zur anderen wieder vergessen konnte, alle Grundsätze wegwerfend wie ein davonrennender Bauer seine Pantoffeln, so Bismarcks Selbstbeschreibung an seine Braut Johanna.
Der Usurpator in Paris war keiner mehr, wenn er "de facto" die revolutionäre Linie verlassen hatte und man mit ihm wie mit jedem anderen Kabinettspolitiker umgehen konnte. Denn, so sagte es Bismarck in seiner plastischen Bildersprache, er könne nicht Schach spielen und 16 Felder aussparen.
Ungarische Revolutionäre und italienische Illegitimisten konnte man sehr wohl gegen das Habsburger Kaiserhaus mobil machen, wenn das von Vorteil schien. Und den alteingesessenen legitimen Welfenkönig wegen eines unglücklichen Feldzuges einfach absetzen, sein Land annektieren, sein Geld einsacken, das konnte man auch. Mochte getrost der unzufriedene Kronprinz von "Otto Annexandrowitschs Seeräuberpolitik" murmeln.
Wollte man die liberalen Kräfte einspannen, nun, so ließ man die patrimoniale Gerichtsbarkeit und das gutsherrliche Jagdrecht eben fallen, auch wenn man für beide Privilegien gestern noch stürmisch ans Pult drängte. Was morgens, je nach Gesprächspartner, die "nationale Frage" hieß, war nachmittags der "nationale Schwindel".
Was noch mehr? Drittens, der Gesuchte mußte sein ein Mann der bisherigen Ordnung, der auf dem unsicheren Pfad zu einer neuen "revolutionären" Ordnung das Visier nur soweit öffnete, wie es ihm nötig und gut schien; viertens, ein erfahrener, entschlußfreudiger Außenpolitiker; fünftens, ein Mann mit Verstand und Statur.
Der Kandidat, mit einem Schlagwort, mußte fähig sein, statt "Gefühlspolitik", wie bislang üblich, "Realpolitik" zu treiben, das Wort ist 1853, bei einem gewissen Ludwig von Rochau, erstmals nachweisbar.
Man sollte meinen, der einzig Geeignete hätte auch dem Regenten und späteren König Wilhelm I. von Preußen, der 1857 an die Stelle seines umnachteten Bruders trat, in die Augen springen müssen. Aber nichts da. Bismarcks Berufung zum leitenden preußischen Minister war, bis sie erfolgte, so unwahrscheinlich wie heute die Berufung Henry Kissingers in das Machtzentrum Richard Nixons.
Schon der 23jährige Bismarck konstatierte bei sich "den Wunsch zu befehlen, bewundert und berühmt zu werden"; eine "jede Überlegung ausschließende Anziehungskraft" sah er in der Tätigkeit "eines Mitspielers bei energischen politischen Bewegungen". Er war, und verbarg das nie, zerfressen vom Ehrgeiz.
Er wollte sich nicht ein- und nicht unterordnen, das wußte man noch von den tollen Jahren der '48er Revolution. Damals hatten ihn seine Standesgenossen des öfteren gebeten, die Vertretung der gemeinsamen Sache im Abgeordnetenhaus einem anderen zu überlassen, um die Sache selbst nicht zu gefährden. Die "Kreuzzeitung": "Hui, Bismarck, wie klingt Deine Rede so gut!"
Als er zum Bundestag nach Frankfurt sollte, meinte sein späterer König abschätzig: "Dieser Landwehr-Leutnant?" Und ebenso sein Gönner Ludwig von Gerlach: "Dieser verdorbene Regierungsreferendar?" Amtlich hatte er es zu mehr nicht gebracht.
Er ging 1859 als Gesandter nach St. Petersburg, weil in Berlin für ihn "schlecht Wetter" war, und lernte die Jagd auf Bären. Er wurde 1862 Gesandter in Paris, weil man noch nicht wußte, was mit ihm anfangen.
Immer eine Konkurrenz für den amtierenden Außenminister, war er doch nicht ministrabel. Er galt, schlimm genug, als Opportunist, als prinzipienloser Hasardeur, der seine innerpolitischen Bundesgenossen nur als "Postpferde bis zur nächsten Station" (so Albert Graf Pourtalès) ge- und mißbrauchte. Er galt, schlimmer noch, als umtriebiger und unbequemer Außenseiter, ja sogar als ein Mann, der "in politischer Kanaillerie", im Bündnis mit der Demokratie also, seinen Vorteil suchte.
Außer seinem ungebremsten Ehrgeiz hatte er der preußischen Politik, so schien es nicht nur, keine Alternative, hatte ihr in der Sache nichts zu bieten.
Dem König Wilhelm und mehr noch der Königin Augusta war er unheimlich. Dieser Mann, so meinte der König, werde "alles auf den Kopf stellen", keine schlechte Voraussicht. Noch im März 1862 sagte er dem späteren bayerischen Ministerpräsidenten, dem Fürsten Hohenlohe: "Bismarck? Sie scherzen wohl? Ach bewahre, der ist ja viel zu flatterhaft." Am 23. September 1862 war Bismarck Ministerpräsident und Außenminister der preußischen Krone.
Wie er das wurde, ist meist falsch dargestellt worden, nicht zuletzt aufgrund der meisterhaften Lügengeschichten, mit denen der Memoirenschreiber Bismarck, dieser, laut Fontane, "glänzendste Bildersprecher", seine eigene Legende verklärte. Fontane, sein kenntnisreichster und kritischster Bewunderer, meint sogar, Bismarck habe "selbst vor Shakespeare die Einfachheit und vollkommenste Anschaulichkeit voraus".
Er kam nicht, wie der englische Historiker A. J. P. Taylor meint, durch eine "Hofintrige" zur Macht. Er wollte die Macht auch nicht um jeden Preis. Er suchte "eine für mich haltbare Stellung". Einmal dran, wollte er nicht wieder weg, bis zu seinem Tode nicht, und, in Gestalt seines Sohnes Herbert, auch darüber hinaus nicht.
Wie war er an die Macht gekommen? In Preußen hatte man 1861 aufgrund des Dreiklassenwahlrechts ein Abgeordnetenhaus gewählt, in dem die Liberalen, vielfach Beamte, drei Viertel der Sitze hielten. Der König hatte die sonderbare Vorstellung, die Abgeordneten seien bloße "Ratgeber" der Krone. Zumindest in Sachen des Heeres-Etats hätten sie, die das Geld ("Budgetrecht") ja immerhin bewilligen mußten, nichts zu sagen.
Der liberale Kriegsminister von Bonin war aus Protest zurückgetreten, an seiner Stelle saß nun Albrecht von Roon. Er setzte auf Bismarck und hielt die Armee auch für innere Unruhen bereit.
Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Haus und dem König waren so gravierend nicht, daß sie unter einem anderen Aspiranten als Bismarck nicht hätten verglichen werden können. Roon selbst mit der Mehrheit der Minister schlug dem König einen schon fertigen Kompromiß vor.
Der Monarch aber blieb "dumpf und starrsinnig" (Gall), da es hier doch um "seine" Soldaten ging. Er war mehr der Treibende als der Getriebene.
Kam es zum Konflikt, nun, dann mußte der Scharfmacher Bismarck her. Oder aber der König würde zugunsten des liberalen Kronprinzen, eines Schwiegersohnes der Queen Victoria, abdanken. Davor hatte Roon natürlich die meiste Angst. Und darum ließ er seinen Schützling Bismarck zeitweilig im dustern. Sein berühmtes Telegramm nach Paris "Periculum in mora" hatte diesen doppelten Sinn.
Der König dankte nicht ab, Bismarck wurde gerufen. Seine Prioritäten: "unbedingter Vorrang, den er der Erhaltung und Sicherung der eigenen Machtstellung einräumte" (Gall), dies nun wieder nicht zu behaupten ohne das Vertrauen seines Königs, dies nun wieder nicht zu halten ohne Stärkung erst Preußens, dann Preußen-Deutschlands. Alles andere kommt später, und daran wird sich bis zu seiner Entlassung 1890 nichts ändern, ja bis zu seinem Tode 1898 nicht, da er gegen das von ihm installierte Reich noch jahrelang seinen privaten Ein-Mann-Bürgerkrieg aufzog. Ein Eigenleben durfte es nicht haben.
Merken wir uns, daß er kam, um die Rechte des Parlaments zu mißachten, die Verfassung zu brechen und den Vorrang des preußischen Militär-Königtums a la Friedrich eindrucksvoll zu demonstrieren. Die Gazetten, fünf Sechstel davon in strikter Opposition zu diesem Ministerium, ließ er genieren, eindeutig ein Bruch der vom König beschworenen Konstitution.
Man kann nicht sagen, daß er in diesem innenpolitischen Konflikt geschickt oder glücklich operiert hätte. Fatalster Fehler: sein Wort von "Eisen und Blut". Sogar sein späterer Lobredner Heinrich von Sybel beklagt noch 1866 die "Mißregierung im Innern in den letzten vier Jahren". Es waren Lehrjahre, wenn auch, wie sich später herausstellen sollte, keine mit stetigen Ergebnissen.
Aber Bismarck war ja von Beruf und Neigung her Außenpolitiker. Er brauchte Erfolge. Da er mit den Liberalen im Innern nicht auf Gesprächsfuß kam, konnte sein Erfolg nur auf außenpolitischem Felde liegen. Wenn es einmal Sturm gibt, so sagte er gelegentlich, wird sich zeigen, daß wir auf den Wellen besser schwimmen können als andere Leute.
Da er wohl ein Spieler, aber kein Abenteurer war, mußte er die empfindlichen Nerven beruhigen und auf Sturm warten, auf eine Chance, eine Opportunität.
Sie kam, als König Friedrich VII. von Dänemark am 15. November 1863 starb, zwei Tage, nachdem der dänische Reichstag das Herzogtum Schleswig vertragswidrig Dänemark zugeschlagen hatte. Es stand die unter preußischen, österreichischen und deutschnationalen Aspekten gleichermaßen brisante Frage der beiden sogenannten Elbherzogtümer Schleswig und Holstein. Die Einzelheiten lasse ich beiseite, zumal ich da sowenig durchblicke wie seinerzeit Barzel bei den Ostverträgen.
Aber anders als Gall sehe ich Bismarcks Meisterschaft nicht erst 1866, sondern schon 1864 voll am Werk. Er hatte seiner Regierung zwar früher keine plausiblen Alternativen anbieten können, kam aber 1862 doch schon mit einer festen Erkenntnis ins Amt, und die hieß: Österreich mußte aus dem Deutschen Bund verdrängt werden.
Würde es freiwillig weichen, denn schon damals war er ein Mann der Optionen, desto besser. Würde es Gleichberechtigung anbieten, was nicht zu erwarten stand, würde man sehen und nach Lage handeln.
Er für seine Person war ziemlich sicher, daß es ohne das Spiel mit den "eisernen Würfeln" nicht abgehen, daß ein "gründlicher innerer Krieg" notwendig würde. Beide Staaten hatten sich die "Luft vom Munde fortgeatmet", es müsse "einer weichen oder er würde vom anderen gewichen werden" müssen.
Die Berufung auf Friedrich, der Preußen in einem Vabanquespiel ohnegleichen nach vorn geschoben hatte, lag nahe, und Bismarck bediente sich ihrer. Wem gegenüber? Dem Grafen Thun, seinem österreichischen Kollegen beim Frankfurter Bundestag, und das im Jahre 1851.
Käme es zu keiner Verständigung, so werde Preußen "nochmals in der bewußten Lotterie setzen müssen", nochmals seine Stellung, nunmehr die einer Großmacht, aufs Spiel setzen.
Die Sprache ist deutlich. Er sieht später für Preußen "das große Los im Topf", denn "die großen Krisen bilden das Wetter, welches Preußens Wachstum fördert". Eine bemerkenswerte Kontinuität, die in ferne Zukunft weist.
Krieg, so ließ er seinen Botschafter in Paris angesichts der Verwicklungen um Schleswig und Holstein 1863 wissen, liege auch in seinem Programm. Es ging ihm aber schon damals nicht um die Elbherzogtümer allein. Nur auf dem Schlachtfeld, so seine Überzeugung, könne das gelöst werden, was damals "die deutsche Frage" hieß.
Da er vor allen anderen auf Krieg gegen Dänemark setzt, ist er geduldiger als andere, wenn es um Verständigungslösungen geht, hoffend und vermutend, daß es zur Verständigung nicht kommt. Nur nicht den Schwarzen Peter in Händen halten, wenn es losgeht! (Kissinger 1973 an Golda Meïr: Don't preempt! Don't preempt!) Er hat, wie schon oft erkannt worden ist, kein festes Konzept, das ist seine Stärke. Was in ein, zwei, drei Jahren sein wird, wie kann er das wissen?
Dennoch, er lebte nicht von einer Gelegenheit zur anderen, wie man uns neuerdings glauben machen will, nicht von der Hand in den Mund. Die allgemeine Richtung, und das wird vergessen, kannte er wohl: Man geht in einen dunklen Wald und weiß nicht, an welcher Stelle man heraustritt. Hätte man nun gar noch "Grundsätze", wäre das so, als wollte man einen engen Waldweg "mit einer langen Stange im Mund" durchqueren.
Den Krieg an der Seite Österreichs hat Bismarck sehr bald nach dem anspruchslosen Sieg über die Dänen in eine Politik ständiger Nadelstiche und Verschärfungen gegen den Kaiserstaat umgemünzt. Zwar war seine innere Position - Kriege ohne Budget-Geld des Parlaments - alles andere als rosig. Das focht ihn nicht an. Er, nicht Österreich ging auf Konfliktkurs. Zum Grafen von der Goltz, seinem ihm nicht genehmen Botschafter in Paris, hatte er schon 1863 reichlich großspurig bemerkt, er sei gefaßt auf Krieg "mit Revolution kombiniert".
Die Elbherzogtümer wollte er jetzt für Preußen annektieren, alle beide und "up ewig ungedeelt". Mit einem Machiavellismus, der schon seinen Zeitgenossen den Atem verschlug, machte er dann noch Politik "en canaille".
Er, der noch am 8. September 1864 die "Unschädlichmachung der Revolution" proklamiert hatte, schlug plötzlich die Reform des Deutschen Bundes mit Hilfe eines revolutionären Ein-Mann-eine-Stimme-Wahlrechts vor (Gall: "rein destruktiv gemeint"). Er äußerte: "Ein deutsches Parlament hilft uns mehr als ein Armeekorps." Das "Volk", das mit weniger als drei Thalern besteuert werde, bestehe zu neun Zehnteln aus königstreuen Leuten. Er benutze, so sagt er, "die Mittel, die sich mir mangels anderer darbieten".
Hilfe hatte er nötig, auch wenn dieser Vorschlag, weil zu durchsichtig, nichts fruchtete. Er beeindruckte weder die Liberalen noch die süddeutschen Staaten. Überhaupt fehlte es zur Absicherung des Krieges an den nötigen Voraussetzungen: Bündnis mit der kleindeutschen Nationalbewegung; Annäherung zumindest an Teile der liberalen Opposition; Verständigung mit den übrigen Staaten des Deutschen Bundes; wohlwollende Neutralität Frankreichs; Abschirmung des Ganzen gegenüber Rußland und England. Lothar Gall: "Es blieb ein Lotteriespiel, in dem das Glück der Waffen entschied."
Einen wichtigen Trumpf hielt Bismarck freilich in Händen, an dem er kein Verdienst hatte: Die Anziehungskraft des Deutschen Zollvereins war, nicht zuletzt dank dem von Friedrich 1740 eroberten Schlesien mit seinen Industriegebieten, so nennenswert größer als die der Wiener, daß eine Umorientierung der süddeutschen Mitglieder - Bayern, Württemberg, Baden - zu Österreich hin den einheimischen Wirtschaften schlechterdings nicht mehr zugemutet werden konnte.
Alles hätte nichts geholfen, und mit Bismarcks preußisch-deutschem Wachstum wäre es zu Ende gewesen, wenn sein Zwillingsbruder Moltke ihm nicht den "unerwartet schnellen militärischen Erfolg" (Gall) beschert hätte, "der alle Berechnungen über den Haufen warf". Dem König hatte sich auf dem Feldherrnhügel von Königgrätz angesichts der Verspätung der Armee des Kronprinzen derart der Backenbart gekräuselt, daß er sich hinfort keinen Krieg mehr wünschte. Wer wußte, ob Gottes Fügung beständig war, und ob es das nächste Mal nicht eine "Wendung durch Gottes Führung", sondern eine "Führung durch Gottes Wendung" geben würde?
Bismarck war nun ein gemachter Mann, er wurde, mit nur zwei Reserveübungen, Generalmajor. Wie er das Königreich Hannover kassierte, zum großen Kummer und mit Genehmigung des Königs von Preußen, so ließ er Österreich, das er aus Deutschland hinauskomplimentiert hatte, unbehelligt. Nur keine Grundsätze, nur keine Emotionen!
Seine liberalen Gegner fielen reihenweise um. Die nun zu schaffende Verfassung des Norddeutschen Bundes, noch mit der Option, die süddeutschen Staaten dermaleinst zu gewinnen oder nicht, zeigt ihn im Bündnis mit den Liberalen, zeigt ihn auf der Höhe seiner Kunst.
Napoleon III. hatte seinen Meister gefunden. Aber konnte denn nun, wie der König wollte, mit dem Spiel der "eisernen Würfel" Schluß sein? Das scheint, besieht man die beiden Gruppierungen links wie rechts des Rheins, durchaus nicht so. Die "deutsche Frage", es gab sie ja. Und Napoleon, nicht sehr gesund, in Mexiko mit seinem Schatten-Kaiser Maximilian gerade gescheitert, brauchte, wie vordem Bismarck, einen Prestige-Erfolg. Er fühlte sich vom Schicksal und von Moltke irgendwie betrogen*.
Niemand wußte das besser als Bismarck, und also tat er ihm schön. Wie, wenn Frankreich ein Land französischer Zunge, etwa Belgien, friedlich heimholte? Oder Luxemburg? Schließlich hatten sich die süddeutschen Staaten durch Schutz- und Trutzbündnisse an den Norden bereits angelehnt, unter Umständen bereit, sich dem norddeutschen Block anzuschließen. Und ohne Kompensationen für Frankreich könne es natürlich das nächste Mal nicht abgehen. Als aber 1867 über Luxemburg zur Sache geredet wurde, ließ er den Kaiser ganz schön im Regen stehen. Luxemburg wurde lediglich "neutralisiert".
Napoleon erkannte, daß man ihn bewußt aufs Eis gelockt hatte, nur damit er sich dort den Schnupfen hole. Moltke, mit den subtilen innenpolitischen Erwägungen Bismarcks nicht vertraut, wollte schon wieder losschlagen, aber Bismarck noch nicht. Er brauchte einen Kriegsgrund. Die Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges ist ein Meisterstück Gallscher Darstellungskunst.
Wie es Bismarck gelingen konnte, auch den gewiß nicht dummen Bonaparte zu düpieren, scheint uns heute rätselhaft, muß aber nicht. Denn erstens suchte in der Kabinettspolitik jeder jeden zu täuschen. Ein Meistertäuscher wie Bismarck erregte da nicht etwa Abscheu, sondern errang sich die Hochachtung seiner Zunftgenossen, immer mit dem inneren Vorbehalt: "Bei mir gerät er an den Falschen, ich stecke ihn dreimal in die Tasche."
Die Täuscherei war ein Gesellschaftsspiel. Und zweitens beherrschte Bismarck, wie später Hitler, den Kunstgriff, zwecks Täuschung des Kontrahenten und zur Abwechslung auch einmal die Wahrheit zu sagen, dies dann sehr offen. "Ich spielte meine Karten blank aus", heißt es dann wohl bei ihm. Er kannte, sagt Gall, "wie jeder wirklich große Schüler Machiavellis nur zu genau die Grenzen und Fallstricke des Machiavellismus".
Kurzum, die "eisernen Würfel" mußten fallen, das war eine Frage der Zeit. Bismarck wollte dem Napoleon nicht nur kein deutsches Land, er wollte ihm überhaupt nichts Handfestes liefern. Er spielte den defensiven Biedermann, den man gehindert hatte, einem Freund gefällig zu sein.
Der Kaiser selbst war nicht kriegslüstern. Seine Frau, die schöne Eugenie, war es schon eher. In ihrer Ehe hatte sie, mehr als guttut, schlucken müssen. Und abgesehen davon, daß Napoleon sich in seiner beruflichen Täuscher-Ehre verletzt fühlte: Hatte denn die Kriegspartei nicht recht, wenn sie den Kaiser warnte, seine Rolle als die eines Schutzpatrons der deutschen Einheit zahle sich reichlich schlecht aus?
Dennoch, er brauchte und wollte den Krieg nicht so sehr wie Bismarck, für den Stillstand nur Risiko und Gefahr bedeuten konnte. Seinem norddeutsch-großpreußischen Staatsgebilde fehlte die Staatsidee. Er konnte sich nicht mehr verhehlen, daß der Gedanke eines nationalen deutschen Einheitsstaates keine bloße Idee der Opposition mehr war. Der Gedanke hatte eine entschieden integrierende Funktion bekommen, mit entsprechenden Widerständen in den betroffenen süddeutschen Staaten.
Hier müssen wir den Mann nun wieder bewundern. Er widersteht allen, die ihn drängen. In der Außenpolitik kann man die günstigen Konstellationen nicht willkürlich schaffen; das hieße, Originalton Bismarck, unreife Früchte vom Baum schlagen; hieße, den Zeiger der Uhr vorstellen und sich einbilden, die Zeit sei vorangeeilt.
Sicher, man muß mit Moltke reden. Aber wenn es auch noch so sehr an den empfindlichen Nerven zerrt, man muß warten können. Wer weiß, was nächstes Jahr passiert, oder was in diesem Herbst. Die allgemeine Richtung auf seiner Waldwanderung hatte er jedenfalls schon 1867 vor dem Konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes gewiesen: "Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel, reiten wird es schon können." Deutschland, nicht Norddeutschland.
Wohl ließ er verlauten, das könne noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Bis 1966 gab es Historiker, wie etwa Wilhelm Mommsen, die ihm diese Beruhigungspillen zum Nennwert abkauften.
Wie sehr unter Druck Bismarck sich damals fühlte, kann man an der immer noch höchst gefahrvollen und riskanten Aushilfe ersehen, zu der er dann seine Zuflucht nahm.
Die Spanier haben Anno 1868 ihre diktatorische Königin Isabella weggejagt und sind nun in Verlegenheit wegen eines neuen, mehr konstitutionellen Monarchen. Rumänien hatte schon zwei Jahre zuvor aus der Sigmaringer Linie der Hohenzollern einen bezogen. Natürlich mußte der Prätendent katholisch sein. Aber die süddeutsche Linie der Hohenzollern war ja katholisch, und es gab da einen passablen Erbprinzen. Wie konnten die Spanier das wissen?
Nun, irgendwie kamen sie darauf. Und Bismarck, direkt und formal gar nicht betroffen, suchte seinen wie so oft widerstrebenden König mit den gewagtesten Argumenten zu animieren. Ein Hohenzollernkönig auf dem spanischen Thron werde dem Hause Hohenzollern schon bald das Ansehen und die hohe Weltstellung verschaffen, welche "nur in den habsburgischen Antezedentien seit Karl V. eine Analogie haben".
Natürlich wußte Bismarck nur zu genau, daß es spiegelbildlich eben diese und Gründe von ähnlichem Kaliber waren, die es dem Kaiser der Franzosen gar nicht erlaubten, einen Hohenzollern auf dem Thron in Madrid hinzunehmen. Ebenso wußte er, daß es Frankreich ein leichtes sein würde, den schwachen Spaniern ihre kostbare Idee recht imperativ auszureden.
Es ging aber nicht nur Bismarck, es ging auch dem Herzog von Gramont, dem französischen Außenminister, gar nicht mehr um die spanische Thron-Kandidatur. Bismarck brauchte seinen Krieg, und Frankreich wollte Preußens zumindest diplomatische Demütigung. Der Countdown zum Showdown lief (ich erzähle all das viel banaler als Gall, weil ich mich kurz fassen muß).
Bei diesem Poker hatte Bonaparte das bessere Blatt, wenn er die Nerven behielt. Ihm war Genugtuung geschehen, wenn er die Hohenzollern in Berlin und Sigmaringen dazu brachte, die Kandidatur des katholischen Erbprinzen zurückzuziehen. Dies erreichte er. Hätte er sich damit begnügt, Bismarck wäre recht gerupft und ohne seinen Krieg dagesessen, wenn nicht gar abgetreten.
Die gallische Ruhmsucht aber schwappte über, wie früher in unseren Schulbüchern nachzulesen. Der König von Preußen sollte sich schriftlich entschuldigen und geloben, niemals einer neuerlichen Kandidatur zuzustimmen.
Dies war die entscheidende Drehung zuviel. Wilhelm depeschierte, Bismarck "redigierte", Moltke marschierte, mit ihm der deutsche Süden. Frankreich war der Angreifer, und der König von Preußen stand als der grundlos Beleidigte da. Auf Frankreichs Schlachtfeldern wurden die noch auseinanderstrebenden Partikel des künftigen Reichs nicht ganz bildlich im Feuer geschmiedet.
Einmal mehr hatte Bismarck soviel Glück wie Verstand, zuviel Glück, was seine Nachfolger Wilhelm und Hitler betrifft. Graf Thun, Bismarcks Gegenspieler am Frankfurter Bundestag, hatte schon 1851 moniert, Preußen gleiche einem Mann, "der einmal das Los von hunderttausend Thalern gewonnen hat und nun seinen Haushalt auf die jährliche Wiederkehr dieses Ereignisses" einrichte. Bismarck will ihm entgegnet haben, ein Preußen, das "der Erbschaft Friedrichs des Großen entsagt", bestehe nicht, er würde dann die Entscheidung durch den Degen vorziehen.
Wer könnte noch behaupten, hier läge keine Kontinuität! Für unsere Zwecke wollen wir uns noch merken, daß die im Versailler Hauptquartier aufkreuzende Abordnung des Norddeutschen Reichstags unter dem Reichstagspräsidenten Simson, einem ehemaligen 48er, von den Dekorträgern des Hofes ungeniert nach dem Motto behandelt wurde, "was diese Kerls eigentlich hier zu suchen hätten", so notierte es sich der darob entsetzte Kronprinz.
Den Eisernen Kanzler aber konnte man bei offiziellen Anlässen künftig fast nur noch in Generalsuniform erblicken. Er wurde am Ende zum Generaloberst der Kavallerie, mit dem Range eines Generalfeldmarschalls, befördert. Schließlich hatte er Deutschland in den Sattel gesetzt. Reiten aber sollte es unter seiner Anleitung nicht lernen.
Im nächsten Heft
Eine Zeit liberalen Fortschritts, die "Ära Delbrück" - Bismarck sucht und findet 50 Prozent "Reichsfeinde" - Das Reich erntet, was Bismarck gesät hat
* Napoleons letztem großem Spektakel, der Weltausstellung von 1867, hatte im Gefolge seines Königs auch Bismarck beigewohnt, zur Belustigung der Pariser meist in seiner weißen Kürassier-Uniform. Neben Moltke saß er, diesmal in seinen schwarzen Zivilistenrock gezwängt, in Jacques Offenbachs Musikkomödie "Großherzogin von Gerolstein". In diesem Hit der Saison wurde auch das Militär verulkt. "C'est tout á fait ça" sagte Bismarck befriedigt zu Moltke. Der schwieg wie üblich, bis er nächsten Tags mit dem Satz herausrückte, ihm sei beim Kaiser Napoleon der "erloschene Blick seiner Augen" aufgefallen.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 37/1980
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