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DER SPIEGEL

„Der gar nicht so rote Preuße“

Rudolf Augstein zu der neuen Bismarck-Biographie von Lothar Gall „Der weiße Revolutionär“ (II)(1)
Die Verfassung des Deutschen Reiches, das Bismarck sich "genialisch zusammengemogelt" hatte, so sah es Fontane, war ein Monstrum, das ist wahr. Der Kronprinz nannte sie ein "kunstvoll gefertigtes Chaos".
Es stimmt auch, daß sie auf Bismarck und dessen Verhältnis zu seinem derzeitigen Souverän zugeschnitten war, der 1871 schon 74 Jahre zählte. Nur sieht man nicht, wie Bismarck, der jede Fraktion und jedes Interesse auszuspielen wußte, durch mindere Korrekturen viel hätte bessern können.
Zur Wahl standen theoretisch zwei Systeme: Parlamentsherrschaft wie in England, mit einem Parlamentsheer, oder Militärmonarchie, wo der Kaiser und König einerseits und der Reichskanzler andererseits aufeinander angewiesen waren, wenn sie dem Reichstag eine gleichgewichtige Mitwirkung vorenthalten wollten. Hätte Bismarck das englische Modell gewollt, dem er strikt widerstrebte, er hätte es nicht durchsetzen können.
Trotzdem bleibt richtig, daß dieses Deutsche Reich, wie Werner Richter schreibt, "ein ganz neues Experiment politischen Zusammenlebens darstellte, auf Weiterentwicklung angelegt". Diese Weiterentwicklung aus Machtgier und Selbstsucht abgewürgt zu haben, ist eine von Bismarcks beiden schlimmsten Sünden. Die vielleicht folgenschwerere war Frankreichs Demütigung.
Die innere Einigung sei nicht erreicht, das wisse "jeder von uns", sagte 1895 in seiner fulminanten Antrittsvorlesung Max Weber, den Elly Heuss-Knapp einen "Kaiser ohne Zepter" genannt hat.
Bismarck vereitelte sie durch sein "vollendetes Schlaubergertum" (Fontane), durch seinen zur Natur gewordenen Trieb, alle Menschen, so als seien es gelernte Außenpolitiker, täuschen und benutzen zu wollen. Zum Parteiführer, sagte er einmal nach seiner Entlassung, sei sein Sohn Herbert "nicht Intrigant genug".
Noch 1912, als die Funktions-Unfähigkeit der Reichsverfassung bereits am Tage lag, renommierte Wilhelms letzter zählenswerter Reichskanzler Bethmann Hollweg, die Aufgaben des deutschen Volkes lägen "nicht in der Richtung einer weiteren Demokratisierung unserer Verfassung, sie liegen in der Macht". Merk es, o Seele!
Vorerst sind wir aber noch in Bismarcks Glanzjahren. Er hatte in dem fast gleichaltrigen Rudolf von Delbrück, nominell Chef der Reichskanzlei, eine Art Vizekanzler für alle Fragen der liberalen Wirtschaftspolitik, für die Vereinheitlichung von Münze, Maßen, Gewichten, bis hin zum Recht.
Von 1867 bis 1876 war Delbrück Bismarcks wichtigster und kongenialer Mitarbeiter. Als er ausschied, kündigten sich die zwölf, laut Gall(1), sterilen Bismarck-Jahre an, von 1878 bis 1890.
Welcher Art die sachlichen Differenzen zwischen den beiden Männern waren, läßt sich Bismarcks berühmtem "Weihnachtsbrief" aus dem Jahre 1878 an den Bundesrat entnehmen, in dem er die Wirtschaftspolitik der letzten zwanzig Jahre eine "freihändlerische Störung" nannte, die den Wohlstand der Nation "geschädigt" habe - eine schlechterdings unhaltbare Behauptung. War ihm Delbrücks Rücktritt recht, so doch die Signalwirkung nicht. Dazu Gall:
Wie stets in solchen Fällen hat Bismarck alles getan, um die Gründe für Delbrücks Schritt und seinen eigenen Anteil an der ganzen Sache zu verwischen, und zwar nicht nur in der aktuellen Situation, sondern auch noch im Rückblick.
Mal sprach er von Amtsmüdigkeit Delbrücks, mal vom unerträglichen Druck der Interessenten. Mal ließ er durchblicken, Delbrück habe seine Grenzen nicht mehr gesehen, "seine Stellung falsch" aufgefaßt und in der Auseinandersetzung mit den anderen Verantwortlichen, vornehmlich mit ihm, Bismarck, selber die Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der Regierung aufs Spiel gesetzt. Mal hob er die sachlichen Gegensätze gerade auch in den Fragen der Wirtschaftspolitik hervor, um an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang zu klagen, der Kaiser habe Delbrück aus dem Amt gedrängt und ihn ihm "genommen", von einem sachlichen Dissens sei gar keine Rede gewesen.
Gall hat die Chance genutzt, die Bismarck dem Historiker bietet. An keinem anderen Staatsmann läßt sich die ständig irisierende und oszillierende Wechselwirkung zwischen Außen- und Innenpolitik so exemplarisch darlegen, weil kein anderer Macher einer souveränen Staatspolitik diese Wechselwirkung so wetterfühlig und geschickt und über lange Jahre zu beobachten wie auszunutzen verstand, immer noch oft genug Irrtümern erlegen. Es gab fast kein Ereignis, ihm günstig oder nicht, das Bismarck nicht zu instrumentalisieren wußte. Seinen hochkonservativen Standesgenossen galt er darum längst als irrlichternder Opportunist, wenn nicht kurzerhand als Verräter.
Was unvoreingenommene Geschichtsschreibung leisten kann, zeigt Gall in seiner Darstellung des sogenannten "Kulturkampfes" gegen das Zentrum und gegen die katholische Kirche. Der 1862 als "Konfliktminister" angetretene Bismarck hat auch nach 1871 jeden sich bietenden Konflikt, hier den zwischen den bürgerlich-liberalen Kräften und der alle Schichten und Klassen einschließenden katholischen Bewegung, für seine Politik instrumentalisiert, so vehement, daß er in einem Erlaß an seinen Wiener Botschafter gar von "mittelalterlicher Theokratie" sprach.
Im Schwange ist die Meinung, Bismarck sei letztendlich der Verlierer und das Zentrum Sieger geblieben. Oberflächlich stimmt das auch, am Zentrum konnte hinfort niemand vorbei. Gall lotet aber tiefer:
Denn der eigentliche Sieger war am Ende nicht Bismarck, waren auch nicht die katholische Kirche und die Zentrumspartei, die alle sich bloß behauptet hatten. Der eigentliche Sieger war eine übergreifende und überpersönliche Tendenz, gegen die sich alle Beteiligten, die Liberalen, die katholische Bewegung und Bismarck selber, mehr oder weniger entschieden ausgesprochen hatten: die Tendenz zu immer tieferen Eingriffen des Staates in alle individuellen und gesellschaftlichen Verhältnisse.
Unablässig sucht Gall uns einzubleuen, man möge doch nicht vom Ausgang einer bestimmten Sache, sei es in der Außenpolitik, sei es in der Innenpolitik, auf irgendeine innerste Zielsetzung, eine eigentliche Intention rückschließen.
Übrigens bietet das Ende des Kulturkampfes einen hübschen Beweis von Bismarcks Prinzipientreue: Er, der dem Zentrum vehement und jahrelang vorgeworfen hatte, es orientiere sich nach einer Macht jenseits der Alpen ("ultramontan"), nach einer Macht außerhalb der Reichsgrenzen, dem Papst nämlich, brachte eben diesen Stellvertreter Christi 1887 dazu, das Zentrum massiv und zur größten Verlegenheit des Zentrum-Führers Ludwig Windthorst zugunsten einer neuen Heeresvorlage zu beeinflussen - überwiegend vergeblich. Wenn wir in Bonn heute eine halbwegs funktionierende Demokratie haben, verdanken wir das solchen bedeutenden Leuten wie Windthorst (Bismarck: "Reblaus"), Lasker (Bismarck: "Staatskrankheit ... noch viel mehr Reblaus als Windthorst"), Wilhelm Liebknecht und August Bebel.
Das Bismarcksche System scheint an dem Grundfehler gekränkelt zu haben, daß es auf immerwährende Unentbehrlichkeit seines "Schöpfers" angelegt war, wohingegen doch die schöpferische Flexibilität eines leitenden Staatsmannes solchen Volumens sowohl der Zahl der Jahre wie dem Lebensalter nach notwendigerweise ihre Grenzen findet, kaum je über fünfzehn Jahre. Ein Bismarck, kurz nach dem äußeren Höhepunkt des Berliner Kongresses 1878 gestorben, oder ein Thron- und Kanzlerwechsel zu diesem Zeitpunkt hätte neben auf der Hand liegenden Gefahren ebenso offenkundige Chancen eröffnet.
Bei den ersten Wahlen zum Reichstag im März 1871 hatten sich drei Viertel der nach dem allgemeinen (Männer-)Stimmrecht wählenden Staatsbürger zu Parteien bekannt, die nachdrücklich die Grundideen des liberalen Verfassungsstaates und seine gesellschaftlichen Voraussetzungen empfahlen. Bismarck begegnete diesem unangenehmen Faktum mit der etwas hilflosen Ausrede, englische Zustände könnten nur da eingeführt werden, wo eine einzige Partei über die Mehrheit der Sitze verfüge.
Im Reichstag war das nie der Fall (im Bundestag einmal, im Jahr 1957). Gall macht glaubhaft, daß Bismarck gar nicht sicher sein konnte, von den Liberalen nicht überspielt zu werden. Diese Gefahr schwand erst aufgrund unvorhersehbarer Rezessionserscheinungen, die 1873 begannen.
Bis 1878 stützte er sich hauptsächlich auf die Nationalliberalen, die sogenannte "Reichsgründungspartei". Über seine ehemaligen Freunde, die Hochkonservativen, hielt er 1874 in einer für den Zaren bestimmten Aufzeichnung fest: "Das Gros dieser Partei besteht aus Leuten, die wenig denken und gar nicht arbeiten."
Die Volte von der nunmehr als staatsschädlich denunzierten Freihandelspolitik zu den Schutzzöllen vollzog S.247 sich keineswegs nach Plan und Konzept. Man sieht einen Bismarck am Werk, der, kaum daß der Kulturkampf in seinem Gröbsten überstanden ist, auf einen neuen Konflikt zusteuert. Gegen den hinhaltenden Widerstand der Liberalen will er sein Sozialistengesetz im Reichstag durchbringen.
Keine Frage, hier trieb er nicht nur seine berühmte "Realpolitik". Eine dumpfe Furcht vor der malochenden Industriearbeiterschaft der großen Städte weste in diesem besitzstolzen und habgierigen Mann. "Die Hungrigen werden uns fressen", unkte er aufrichtig.(2)
Wenn er "das Volk" als königstreu ansah, mit welchem Volk verkehrte er? Hatte er anderen Umgang als mit dem Personal seiner Güter? War er als Reichskanzler je im Ruhrgebiet? Das Gehalt eines preußischen Regierungsrats war zehnmal so hoch wie der durchschnittliche Verdienst von mehr als zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung.
Die "soziale Frage" unter dem Deckel zu halten, dies selbstverständliche Bestreben teilte er mit der Feudalklasse und mit dem gesamten Besitzbürgertum. Aber der Führer der Nationalliberalen im Reichstag, Rudolf von Bennigsen, hatte sich im Jahre 1878 doch immerhin dazu verstanden, der "gemeingefährlichen" (Bismarck) Sozialdemokratie, deren Reichstagsfraktion von Bebel und Liebknecht geführt wurde, zu bescheinigen, sie habe sich "die Verbesserung der arbeitenden Bevölkerung in ihrer wirtschaftlichen Stellung" zum Ziel gesetzt. Der "Massenverarmung" (ja, ganz richtig, der Massenverarmung) wollten sie entgegentreten.
Was trieb nun Bismarck, nach dem zweiten Attentat auf den alten Kaiser, den Reichstag aufzulösen und der neuen Volksvertretung sein Sozialistengesetz aufzuerlegen, "das infamste Gesetz", wie der spätere preußische Finanzminister Miquel klammheimlich schimpfte.
Vordergründig scheint es, als habe er nicht genug Leute zu "Reichsfeinden" stempeln können. In Wahrheit hat er sich wohl, vornehmlich von den Nationalliberalen, umstellt gesehen. Das prekäre Gleichgewicht zwischen den alten und den neuen Mächten schien ihm zu entgleiten.
Die Nationalliberalen hätten ihn an die Wand drücken wollen, räsoniert er in seinen Erinnerungen. In Wahrheit wollte er die Nationalliberalen an die Wand drücken, "bis sie quietschen", so sein von ihm dementierter Ausspruch.
Die Mehrheit der Partei sollte an die Konservativen herangeführt, die liberale Minderheit unter Eduard Lasker abgesplittert werden. Beides gelang, aber um den Preis, daß Bismarck bis ans Ende seiner Regierung über keine zuverlässige Mehrheit im Reichstag mehr verfügte. "Dies Volk kann nicht reiten", murmelte er 1883 düster, seine Partei bestehe nur noch aus dem Kaiser und ihm.
Gall sieht ihn seit diesem Gewaltstreich für die letzte Dekade seiner Regierungszeit in der Defensive, in einem überwiegend destruktiven Umgang mit Personen und Institutionen. Taktisch oft noch meisterhaft, habe er sich im Anklammern an das Bestehende, in der bloßen Bewahrung des Status quo und in der Erstarrung seiner persönlichen Macht erschöpft (es fehlt bei Gall der Hinweis, daß er seinen Sohn Herbert, den er durch eine rosa Brille sah, zu seinem Nachfolger machen wollte, nachdem er ihn bereits als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und als preußischen Staatsminister installiert hatte).
Ich weiß nicht, ob diese Meinung sich so uneingeschränkt aufrechterhalten läßt. Beiprodukt dieser greisenhaften Erstarrung waren ja immerhin die zwischen 1881 und 1889 beschlossenen Sozialgesetze, die, obschon seitdem vielfach überschätzt, damals doch in ihrem Modellcharakter einzig waren. Sie kommen übrigens in Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" mit keinem Wort vor, wohl weil er als Inspirator sich anderes davon versprochen hatte.
Sie hatten sich nicht in seinem Sinn "instrumentalisieren" lassen, hatten der Sozialdemokratie nicht das Wasser abgegraben, sondern sie zusätzlich durch den Zutritt zu Selbstverwaltungskörperschaften gestärkt. Bei den Reichstagswahlen von 1890 entfielen auf ihre Liste im ersten Wahlgang 20 Prozent der Stimmen.
Mehrheitswahlrecht und Wahlkreiseinteilung sorgten für ordentliche Majoritäten. 1887 kamen die Bismarck-Parteien mit 36 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang auf eine bequeme absolute Mehrheit. "Reichsfeind"- und sonstige Protestparteien hatten im ersten Wahlgang 50 Prozent aller Stimmen errungen. Aber selbst die Majoritäten eines derart zusammengesetzten Reichstags fanden nicht Bismarcks Gnade, weil "das Volk" eben anders denke als die Majoritäten votierten.
Es ist nicht ohne die hintersinnigste Ironie, daß er seinem letzten Herrn, dem jungen Kaiser Wilhelm II., in der "Arbeiterschutzfrage" 1890 nichts anderes zu bieten wußte, als in seinen Anfängen dem König Wilhelm bei der Heeresreform: die eigene, von ihm selbst dekretierte Unentbehrlichkeit; die Staatsstreicherei ("wenn ich nicht staatsstreichere, setze ich nichts durch", 1878) und "Eisen und Blut". Die soziale Frage, so erklärte er dem sächsischen Gesandten Graf Hohenthal, lasse sich nicht mit Rosenwasser lösen, sondern nur mit Blut und Eisen. Bewußt, um sich unentbehrlich zu zeigen, wollte er ein innenpolitisches Chaos inszenieren.
Man wird Wilhelm zubilligen müssen, daß Bismarck mit seinem innenpolitischen Latein am Ende war, als der Kaiser ihn entließ, und daß er Wilhelm kein arbeitsfähiges Regierungssystem hinterlassen hat, wie England und Frankreich lange vor 1914 eines besaßen; vielmehr mußte alles auf Höflings- und Kamarillawirtschaft hinauslaufen, wenn der Meister vom Spiel nicht mehr da war. Der Volksvertretung, das geben auch Bismarck-Bewunderer wie Hans-Joachim Schoeps zu, habe er das Rückgrat gebrochen.
Und deshalb dilettierte das Reich 1914 in einen aussichtsarmen Krieg. Die Regierungspraktiken der drei Militärmonarchien Deutschland, Rußland und Österreich/Ungarn erwiesen sich im Ersten Weltkrieg gegenüber denen der westlichen Demokratien als deutlich im Nachteil. Dem jungen Kaiser hatte Bismarck als sein Credo hinterlassen: "Mit dem Deutschen Reich ist es soso, lala. Suchen Sie nur Preußen stark zu machen. Es ist egal, was aus den anderen wird."
Bismarcks Machiavellismus hatte in seinen letzten, deutlich klassenkämpferischen Regierungsjahren kaum noch Grenzen gekannt. Der Kanzler trat aus Rücksicht auf die Wahlen nicht gegen die Judenhetze auf, trieb zugunsten seiner Standesgenossen großdeutsche Germanisierungspolitik unter den Polen, schürte erst Haß gegen England und dann gegen Rußland, trieb Kolonialexpansion wider besseres Wissen, ja, er scheute sich nicht, eine Heeresvorlage nicht um ihrer selbst willen zu betreiben, sondern in der Absicht, sie gegen seine Gegner zu "instrumentalisieren".
Dennoch konnte dieser Mann im preußischen Abgeordnetenhaus wegen eines nur vergleichsweise wichtigen Gesetzes, das den Kulturkampf in Preußen endigen helfen sollte, ohne einen Anhauch von Lächerlichkeit sein schwerstes Geschütz auffahren: "Meine politische Ehre ist dafür engagiert", sagte er mit Bezug auf das Gesetz, "ich kann an einem Staatswesen nicht länger teilnehmen, welches mich in dieser Richtung kompromittiert, weil auf dem Vertrauen meiner politischen Rechtlichkeit und Zuverlässigkeit ein wesentlicher Teil des Einflusses beruht, den ich in Europa übe." Das war am 21. April 1887.
Der Kanzler übertrieb damit nicht. Seit 1871 hatte er das ihm unentbehrliche "Spiel mit dem Feuer" wesentlich auf die Innenpolitik beschränkt; S.249 hatte versucht, seine Nachbarn mit der Existenz eines mächtigen mitteleuropäischen Reiches auszusöhnen.
In ihm persönlich sahen die Hauptstädte den Garanten einer Friedensordnung, die schon mitten im Zerfall begriffen war. Es hatte sich ausgelotst, als Wilhelm II. seinen ersten Diener von Bord gehen ließ. Alle fuhren bereits "Volldampf voraus" in die Katastrophe.
Große Männer müssen sich vor der Geschichte nicht rechtfertigen. Den Schutz der norddeutschen Tiefebene einem stärkeren, einem Großpreußen anheimzugeben, war angesichts der noch heute nicht ganz unerheblichen Ambitionen des russischen Reiches eine Aufgabe in sich, gleichgültig ob die Handelnden diesen Zweck jeweils im Auge hatten. Bismarck hatte es mit den beiden Heerführern Moltke und Glück geschafft, die Flügelmächte England und Rußland während seiner Einigungskriege stillezuhalten.
Aber das System war brüchig. Weihnachten 1886 schrieb Bismarck dem preußischen Kriegsminister Bronsart von Schellendorff, man werde sich auf einen Zwei-Fronten-Krieg in nicht zu ferner Zeit gegen Rußland und Frankreich einrichten müssen (auf einen Krieg somit, in dem das Reich angesichts seiner Verbündeten in Wien und Rom die Hauptlast hätte tragen müssen).
Moltke, Generalstabschef und 87 Jahre alt, geriet ins Schwärmen: Der Winter stehe einem Angriffskrieg nicht im Wege, "im Gegenteil wird der Frost die Wegbarkeit des Kriegsschauplatzes erhöhen und die Möglichkeit bieten, die Stellungen der Russen zu überrunden". Wir hätten den Schlamassel also schon viel früher haben können, aber S.250 ohne Bismarck. Der wollte den Krieg vermeiden und, wenn das nicht ging, hinausschieben.
Aber was sollte dann ein geheimer "Rückversicherungsvertrag", was sollte der "Draht nach Petersburg", wenn die Beziehungen, verschärft durch wechselseitige wirtschaftliche Pressionen, so im argen lagen?
Der Vertrag sollte uns, laut Herbert Graf Bismarck, die Russen sechs bis acht Wochen vom Hals halten. Ja, und falls die Russen Konstantinopel nähmen, womit Bismarck rechnete, hätte man den k.u.k.-Verbündeten im Regen stehen lassen können. In Bismarcks Worten 1888: "Die Sicherheit unserer Beziehungen zum österreichisch-ungarischen Staate beruht zum großen Teile auf der Möglichkeit, daß wir, wenn Österreich uns unbillige Zumutungen macht, uns auch mit Rußland verständigen können."
Er wollte dann über Frankreich herfallen und sich die russische Neutralität dadurch erkaufen, daß er "Österreich fallen ließ und den Russen damit den Orient überlieferte", so Graf Herberts Vorgänger, der langjährige Staatssekretär Graf Hatzfeld. Man sieht, dies sind keine zukunftsträchtigen Prospekte, eher abenteuernde Gedanken a la "itler, Gedanken eines, der nicht schlafen kann. Dazu Lothar Gall:" " Es war das Ideal einer Politik der freien Hand, die es dem " " Reich erlaubte, regulierend in das stets prekäre " " Mächtegleichgewicht einzugreifen und so den Status quo im " " Interesse seiner bisherigen Machtstellung zu erhalten. Eine " " wirkliche Zukunft freilich, das wird man wohl sagen müssen, " " besaß diese Politik angesichts der stürmisch " " voranschreitenden Entwicklung von einem europäischen System " " zu einem Weltstaatensystem mit neuen Zentren und rapide sich " " verändernder Gewichtverteilung nicht mehr. "
Konnte er denn Österreich-Ungarn überhaupt zugunsten Rußlands fallenlassen? Das sieht nicht so aus. Zwar hatte er den Begriff des "Bruderkriegs" 1866 verhöhnt. Aber im Zeichen großdeutscher, zuweilen auch rassistischer Ideen hatte das bildliche Denken sich selbständig gemacht. Bismarck hätte es, auch ohne "Nibelungentreue", in Rechnung setzen müssen, schon mit Blick auf seine Monarchen.
Daß "Bär und Walfisch", daß Rußland und England nie zueinander finden würden, glaubte Bismarck wie die meisten seiner Zeitgenossen. England schien die "freie Hand" zu genießen, die auch Bismarck als Ideal vorschwebte. England aus seiner "kühlen Zuschauerrolle" (Bismarck) herauszulocken, hatte er 1889 vergebens, wenn auch nicht mit tauglichen Mitteln versucht. Die wilhelminische Attitüde des "eines Tages werden sie kommen müssen" wurde in Bismarckscher Schule geprägt. Aber freilich, viel feiner: "Man muß die englische Initiative abwarten und dafür den Moment, wo England uns braucht. Bisher brauchen wir England, wenn der Frieden noch etwas erhalten werden soll."
So blieb er auf dem schweren Fehler sitzen, den er 1871 nicht nur hatte geschehen lassen, den er vielmehr aktiv betrieben hat: Isolierung, Demütigung und Schwächung Frankreichs.
Daß Frankreich auf immer Deutschlands Nachbar sein werde, scheint er bei der bombastischen Spiegelsaal-Inszenierung in Versailles außer acht gelassen zu haben. Und ebenso ist ihm nicht rechtzeitig, nach 1871 nämlich erst, aufgegangen, wie mächtig, wie erdrückend das Deutsche Reich sich in der Mitte Europas placiert hatte.
Erst 1875, während der sogenannten Krieg-in-Sicht-Krise,
( Eine 1875 von Frankreich beschlossene ) ( Armeeverstärkung veranlaßte Bismarck zu ) ( Kriegsgefuchtel. Ein Artikel in der ) ( regierungsnahen Zeitung "Die Post" ) ( ("Ist Krieg in Sicht?") unterstellte ) ( der französischen Regierung die ) ( Absicht, einen Revanchekrieg ) ( vorzubereiten. )
war ihm zu Bewußtsein gekommen, daß er den Napoleon als "Spielmacher" abgelöst, daß er seinem Reich auf dem europäischen Festland eine halbhegemoniale Stellung verschafft hatte: Damals hatten ihn England und Rußland gewarnt, sie würden einer weiteren Schwächung Frankreichs nicht tatenlos zusehen.
Konnte man die Kriegsentschädigung in der damals beträchtlichen Höhe von fünf Milliarden Franc noch mühevoll rechtfertigen, so bedeutete die Abtretung nennenswerter Provinzen mit französischer Bevölkerung und nennenswerter Landesteile mit Deutschen, die zu Deutschland nicht wollten, eine schwere Hypothek.
Bismarck beruhigte sich nahezu fatalistisch bei dem Gedanken, Frankreich werde ohnehin auf Revanche sinnen, gleichviel, ob man ihm Elsaß und Lothringen nehme oder nicht. Aber er hatte doch sonst nicht so leichtherzig über die Zukunft disponiert? Hatte doch sonst nicht behauptet, S.252 er könne seinem Herrgott als Kiebitz in die Karten gucken?
Unhaltbar ist, daß er sich nur gezwungen zur Annexion bereit gefunden habe. Schon im August 1870, noch vor dem Fall von Sedan, instruierte er seinen Londoner Botschafter, Frankreich müsse geostrategisch geschwächt werden, "wozu nicht die Schleifung seiner uns bedrohenden Festungen, sondern nur die Abtretung derselben genügt".
Könne man einen Feind nicht zum aufrichtigen (]) Freund gewinnen, müsse man ihn "wenigstens etwas" unschädlich machen. Dieses "wenigstens etwas" lag so gar nicht auf der gegenüber Österreich verfolgten Linie und war ein verhängnisvoller Fehler. Gall läßt offen, und wir müssen das auch tun, ob Bismarck Gebietsabtretungen überhaupt hätte verhindern können. Beweisbar ist, daß er sie im erfolgten Ausmaß gewollt hat.
Allenfalls bei Metz war er sich nicht schlüssig, aber auch Metz hat er schon im September 1870 gefordert, wie er auch schon unter dem 8. September 1870 schreibt, der König wolle die eroberten Provinzen als "Reichslande" dem Reiche angliedern. Es leidet keinen Zweifel, er hat Frankreich damals als potentiellen Partner aufgegeben.
Als er sich dann zwischen 1883 und 1885 Frankreich zu nähern suchte, zwecks aufrichtiger oder unaufrichtiger Freundschaft, stieß er auf seine alte Untat. England müsse sich, so sagte er dem französischen Botschafter im September 1884, "an die Idee gewöhnen, daß eine französisch-deutsche Allianz nichts Unmögliches sei".
Ja, wenn da nicht die Festungen Metz, Belfort und die nun wieder deutsche Stadt Straßburg gewesen wären] Bismarcks außenpolitischer Jongleurakt mit vier Kugeln hatte einen Defekt. Es gab nur drei Kugeln. Eine hatte er fallen lassen und konnte sie nicht mehr einkriegen. "Wir sind tatsächlich durch Frankreich immobilisiert", schrieb der Geheimrat Holstein 1886 an den deutschen Botschafter in London, und das blieb so bis zur Mobilmachung im August 1914.
Der Reichskanzler und Fürst ist auch dem teutonischen Bramarbasieren gegen Frankreich niemals ins Wort gefallen. Nach den Wahltourneen für die Reichstagswahlen 1887 schrieb sein wichtigster parlamentarischer Verbündeter, der nationalliberale Kartell-Bruder Rudolf von Bennigsen, nur nach "einem zweiten Krieg mit Frankreich über Elsaß-Lothringen wird der deutsche Nationalstaat dauernd gesichert sein" - mit weiteren "defensiven" Eroberungen, versteht sich.
Das Reich schien durch die alles ringsum erdrückende Kolossalstatur des "Reichsgründers", die der mit seinen Riesendoggen und seinem Wotan-Schlapphut auch noch betonte, auf Expansion abonniert. Eben der Max Weber, der das Fehlen der "inneren Einigung" beklagt hatte, "agte in derselben Antrittsrede 1895: Wir müssen begreifen, daß d"e " Einigung Deutschlands ein Jugendstreich war, den die Nation " " auf ihre alten Tage beging, und seiner Kostspieligkeit halber " " besser unterlassen hätte, wenn sie der Abschluß und nicht der " " Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte. "
Liest man die Programme der tonangebenden Schichten, so war die Bismarcksche Schöpfung schon zum Ausgang des Fürsten auf ihren Untergang programmiert. Er vollzog sich dann in zwei Etappen. An keiner Kreuzgabel bis 1945 war der deutsche Nationalstaat nicht von friderizianischem und nicht von Bismarckschem Geist durchdrungen, bis hin zu der abschätzigen Bismarck-Bemerkung: "Was ist schon Europa." Sein britischer Gesprächspartner antwortete ihm: "Several great nations." Es waren mehrere große Nationen, die Ludendorff und Hitler zu Boden streckten.
So führt denn keine direkte Linie von Bismarck zu Hitler. Wohl aber eine Linie von der Reichsgründung zu des Reiches Ende, das nicht unbedingt S.253 durch einen Hitler und das vielleicht überhaupt nicht hätte sein müssen, das aber in den Strukturen so angelegt war, daß es sich auch ohne Hitler in einer anderen denkmöglichen Form, einer Mischung aus Röhm und Reichswehr etwa, hätte verwirklichen können.
Die Hybris der ganzen Veranstaltung, die demonstrative Gewalttätigkeit des Reichsgründers, sie setzten schlechte Vorzeichen. Zuviel Glück, zuwenig Hemmschuhe, zu schwache Sicherungen, von denen die wichtigsten notwendig durchbrennen mußten; es sei denn, man hätte ein weiteres Mal das "Mirakel des Hauses Brandenburg" genossen und a la Friedrich die Schlacht von Kunersdorf überlebt.
Lothar Gall hat diese Linie nicht ausgezogen. Er wollte ein Standardwerk schreiben und keine Polemik. Ein Biograph hat von seinem Helden und von dessen Zeit her zu urteilen. Aber ebenso ist ja richtig, daß wir demnächst die große Preußen-Ausstellung in Berlin haben. Deren wissenschaftlicher Leiter, Professor Manfred Schlenke, wurde in der "Welt" gefragt, warum er die Ausstellung nicht 1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches, sondern erst 1947 mit dem Preußen-Vernichtungs-Gesetz des Alliierten Kontrollrats habe "nden lassen. Er antwortete: Wir haben lange darüber nachgedacht," " wo wir den Schlußpunkt setzen. Es wären auch 1918 - Flucht " " des Kaisers - oder 1932 - Papens Staatsstreich in Preußen " " - möglich gewesen. Aber die Nationalsozialisten haben sich " " von ihrer frühesten "Kampfzeit" an auf Preußen berufen. Und " " es gibt keine bessere Definition des Preußentums als die von " " Goebbels im preußischen Wahlkampf von 1932. Hitler nahm als " " einzigen Schmuck für den Führerbunker ein Porträt Friedrichs " " des Großen mit. Und wir wissen, wie er im Namen Friedrichs " des Großen seine Generalität abgekanzelt hat.
" An unzähligen Beispielen ließe sich aufzeigen, wie eine " " Preußen-Propaganda ohnegleichen die ganze NS-Zeit durchzieht. " " Damit hat man führende Schichten des deutschen Volkes, der " " Reichswehr bzw. der Wehrmacht, des Beamtentums, der " " Lehrerschaft gewonnen. Preußen war nicht nur ein zufälliges " " Propagandamittel. Die Berufung auf Preußen spielt für die " " Durchsetzung des Nationalsozialismus in Deutschland eine " " Rolle, die man im vollen Umfang noch gar nicht erkannt hat. "
Es waren immer noch jene traditionellen Eliten in Staat, Heer und Gesellschaft - und Bismarck hütete sich, ihren Vorrang anzutasten -, die nach 1933 Hitlers Zweiten Weltkrieg vorbereiteten. Die preußische Sparsamkeit, der preußische Gehorsam, die preußische Gottesfurcht: neben anderen Preußen waren preußische Heldengestalten wie Friedrich und Bismarck ja davon frei.
Man denke nur, daß der von seinem Kaiser mehr als fürstlich beschenkte Reichskanzler gesetzliche Steuern nicht zahlte, und daß er bei seinem Ausscheiden die im Welfen-(=Reptilien)fonds vorfindlichen 231 000 S.255 Reichsmark einfach mitgehen ließ, ohne je darüber Rechnung zu legen (nach heutigem Wert das Zehn- bis Fünfzehnfache).
Bismarcks klägliche Eigenschaften werden in Galls Biographie ein wenig versteckt. Außer der Liebe zu seiner Frau Johanna findet sich bei dieser durchweg imponierenden Figur kaum ein liebenswert-menschlicher Zug. Fontane, der ihn nun wirklich verehrte: "Bei ihm ist nun alles noch mit soviel Persönlichem und geradezu Häßlichem untermischt, mit Beifallsbedürftigkeit, unbedingtem Glauben an das Recht jeder Laune, jedes Einfalls und kolossaler Happigkeit ..." Selbststilisierung und Gigantomanie haben zum Schluß alle sonstigen Regungen aufgefressen, wie in einem Fischteich die beiden größten Forellen alle kleineren, auch dies Bild stammt natürlich wieder von Bismarck. Erst als hilfloser Greis wird er wieder menschlich.
"Hadd ik dat Wurt man nich seggt", meinte der Altkanzler, als man es ihm auf Krawatten gestickt widmete. "Dat Wurt" war sein meistzitiertes, es stammte aus dem Jahre 1888, als viele zum Krieg drängten: "Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt." Er versah es im Reichstag noch mit dem Zusatz: "Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt." Zum Krieg hat dies Friedenswort wie kein anderes beigetragen. Es begründete eine Art "special relationship" zwischen dem Deutschen Reich und dem Herrgott, nahm den "deutschen Gott" des Jahres 1914 vorweg.
Seinen Herrgott hat Bismarck reichlich oft parat. Von Gall wird ihm in puncto Religiosität "eine feste metaphysisch verankerte Ordnung" gutgeschrieben.
Bismarck selbst hat sich bis 1871 des öfteren dahingehend geäußert, ohne die wundervolle Grundlage der Religion wäre er nicht imstande, seinen verantwortungsvollen Ämtern nachzugehen.
Wer seinen Lebensweg übersieht, muß zu dem Ergebnis kommen, daß er sich hier etwas vormachte, vielleicht, um Ehrgeiz und Machtgier zu überhöhen. Die Traktätchen der Herrnhuter ("Loosungen") spenden ihm den kindlichsten Trost. Sie ersetzen ihm Kalender, Tagebuch und Horoskop. "Ich diene Gott, indem ich dem König diene", sagte er den Abgeordneten 1875. Aber wehe dem, der ihm diesen Dienst aufgekündigt hätte]
Wenn christliche Frömmigkeit bei ihm nur in Worten stattfand, was war dann der Sinn? Von Demut, Einkehr, Buße, Verzeihen, Versöhnung, von dem Gefühl, einmal unrecht zu haben oder gehabt zu haben, läßt dieser Luther-Christ sich nicht anfechten.
Wenn der Duell-Gegner aus dem Pulverdampf noch stehend und heil auftaucht, ist es ihm leid, 1852. Bei dem ersten "Pfui" im Reichstag - er bekam im ganzen nur zwei - denkt er an seinen Revolver. Nicht einmal mit den 48er Toten kann er sich aussöhnen. Allenfalls wurmt es ihn, daß er seinen Hund "Sultl" vor dessen Tod durchgeprügelt hat.
Er glaubt auch nicht alles, sondern nur eben soviel, um sich für einen gläubigen Menschen zu halten: an einen persönlichen Gott und an ein Leben nach dem Tod. Er will auch seine fromme Johanna drüben wiedersehen, aber "die Dummen und die Klugen", so spottet er ausgerechnet ihr gegenüber, "sehen, reinlich skelettiert, ziemlich einer wie der andere aus".
"Gebrauchsreligiosität" sagt dazu der Bismarck-Biograph Werner Richter. Bismarck, der lieber Feld und Wald durchstreifte, als philosophischen Gedanken nachzuspüren, schätzte von den Philosophen den Spinoza, der einen persönlichen Gott nicht kennt. Bismarcks persönlicher Gott war ihm "ein launischer Herr", wie er vor Königgrätz bekannte, er sprach über ihn so wie über seinen Souverän.
Nicht um das Heil seiner Seele geht es, sondern darum, daß er nicht hochmütig werde und in seiner Hoffart Fehler mache. Vor Gottes Richterstuhl werde er gefragt werden, meinte er einmal, ob er seine Pflicht gegen Preußen erfüllt habe, und nicht, wie er mit der eigenen Seele umgegangen sei.
Sein höchstpersönlicher Gott begegnet ihm als "höhere Macht", als der "Höhere", der "Herr der Geschichte". "Das habe ich indessen mit Gott abgemacht", sagt er über die 80 000 Soldaten, die in seinen drei Kriegen ihr Leben lassen mußten. Vor Gott ist er reichsunmittelbar, da steht kein Kaiser und kein König über ihm. Über solche Leute schrieb Dostojewski: "Sie wählen Gott, um sich nicht vor Menschen zu beugen; natürlich ohne selbst zu ahnen, was sie innerlich dazu bewegt."
Aber auch der persönliche Gott als "Vorsehung" ist nicht fest etabliert. 44 Jahre alt, aus St. Petersburg, schreibt er seiner Frau: "Was sind unsre Staaten und ihre Macht und Ehre vor Gott anders als Ameisenhaufen und Bienenstöcke, die der Huf eines Ochsen zertritt oder das Geschick in Gestalt S.258 eines Honigbauern ereilt." Der Gott des Alten Testaments, der sein Volk härtet und läutert, Gott als Kriegsdenker und Schlachtenlenker, wird erst später wiederentdeckt - und "instrumentalisiert".
Gottes Wege seien nicht die der Menschen, pflegte er zu sagen, und dazu meinte der Stanford-Historiker Gordon A. Craig: "Er schien Gottes Wege ein Stück besser zu kennen als Gott selbst." Worauf Bismarck Wert legte, hat er selbst ohne allen Selbstbetrug und ohne Emphase gesagt: Er wollte als ein gewissenhafter und ehrenhafter Politiker bestehen, wie ihm das letztlich gelungen ist.
Wir müssen ihn darum nicht "gottlos" und "völlig entchristlicht" nennen. Das hat, aus einer verständlichen Enttäuschung, sein konservativer Mentor Ludwig von Gerlach getan. Daß er des Ruhmes vor Gott schon nicht ermangele, war Bismarcks strikte Überzeugung.
Über die unruhigen Polen schrieb er, 45 Jahre alt, aus St. Petersburg an seine Schwester Malwine: "Haut doch die Polen, daß sie am Leben verzagen; ich habe alles Mitgefühl für ihre Lage, aber wir können, wenn wir bestehn wollen, nichts andres tun, als sie ausrotten; der Wolf kann auch nichts dafür, daß er von Gott geschaffen ist, wie er ist, und man schießt ihn doch dafür tot, wenn man kann." Starke Worte, denen nicht ein Höherer, sondern ein Späterer die starken Taten folgen ließ. Nicht gerade christliche Worte.
Wo so geschrieben wird, da ist die "Vorsehung" nicht weit. Am 28. Januar 1886 hielt Fürst Bismarck im preußischen Abgeordnetenhaus eine Grundsatzrede. Es ging um das "Ansiedlungsgesetz" nach der Aussiedlung der Polen nichtpreußischer Staatsangehörigkeit. Es sah die Ansiedlung preußischer Bauern vor und stellte Mittel bereit "zur Stärkung und Vermehrung des deutschen Elements gegen polonisierende Bestrebungen".
Alle "Reichsfeinde", Windthorst voran, wurden vorgeführt, die höchste Gefahr für das Gemeinwesen wie immer beschworen, die Reichstagsmajorität wie üblich mit dem Staatsstreich seitens der deutschen Bundesfürsten bedroht.
Der äußere Feind könne ja nicht wissen, "daß das Volk nicht so denkt, wie die Majoritäten in den Parlamenten votieren". Wägen sein''s genug, aber Passagiere sein''s zuviel. Schließlich waren die Majoritäten vom Volk gewählt.
Er saß auf seiner Palme: Es sei daher nicht auszuschließen, "daß die Vorsehung nach der Art, wie wir die außerordentliche Gunst, die uns in den letzten 20 Jahren zuteil geworden ist, aufgenommen und verwertet haben, ihrerseits findet, daß es nützlich sei, den deutschen Patriotismus noch einem Feuer europäischer Koalitionen größerer benachbarter antideutscher Nationen, noch einem härtenden und läuternden Feuer auszusetzen". Auf gut deutsch: Die Bevölkerung hat sich Bismarcks großer Leistung nicht wert erzeigt. Dieser Gesinnung werden wir noch einmal begegnen. Zwei Stahlbäder waren nötig, sie restlos zu tilgen.
Auch der alte Mann meinte 1893 zweifelnd: "Es kann ja sein, daß Gott für Deutschland noch eine zweite Zeit des Zerfalles und darauf eine neue Ruhmeszeit vorhat, auf einer neuen Basis der Republik, das aber berührt mich nicht mehr." So walte Gott.
Die Person Bismarck ergreift, er übt einen eigentümlichen, nicht recht erklärbaren Zauber aus, sogar noch heute. Aber als er antrat, war Preußen nach Ökonomie und Gesinnung schon reif für die konstitutionelle Monarchie; der konstitutionell gesinnte Kronprinz war 30 Jahre alt, als sein 65jähriger Vater die Abdankung erwog, Bismarck als zeitgemäße Erscheinung schon überholt.
Verspäteter Bismarck, Wilhelm und Bethmann Hollweg verspätet, Hitler verspätet: Man darf sich nicht wundern, daß die kontinuierlich zu spät Angetretenen und dennoch als zeitgemäß Akzeptierten mitsamt ihrer derart verspäteten Nation unter die Räder kamen.
Wir sollten uns den Spaß an unseren großen Männern nicht verderben lassen, hat Sebastian Haffner einmal in Höfers Frühschoppen gesagt. Da hat er recht. Das fiele bei Bismarck auch schwer. Immerhin dürfen wir auch bedenken, was die großen Männer uns gekostet haben.
Ende
S.243
Wie stets in solchen Fällen hat Bismarck alles getan, um die Gründe
für Delbrücks Schritt und seinen eigenen Anteil an der ganzen Sache
zu verwischen, und zwar nicht nur in der aktuellen Situation,
sondern auch noch im Rückblick.
Mal sprach er von Amtsmüdigkeit Delbrücks, mal vom unerträglichen
Druck der Interessenten. Mal ließ er durchblicken, Delbrück habe
seine Grenzen nicht mehr gesehen, "seine Stellung falsch" aufgefaßt
und in der Auseinandersetzung mit den anderen Verantwortlichen,
vornehmlich mit ihm, Bismarck, selber die Glaubwürdigkeit und
Handlungsfähigkeit der Regierung aufs Spiel gesetzt. Mal hob er die
sachlichen Gegensätze gerade auch in den Fragen der
Wirtschaftspolitik hervor, um an anderer Stelle und in anderem
Zusammenhang zu klagen, der Kaiser habe Delbrück aus dem Amt
gedrängt und ihn ihm "genommen", von einem sachlichen Dissens sei
gar keine Rede gewesen.
*
Denn der eigentliche Sieger war am Ende nicht Bismarck, waren auch
nicht die katholische Kirche und die Zentrumspartei, die alle sich
bloß behauptet hatten. Der eigentliche Sieger war eine übergreifende
und überpersönliche Tendenz, gegen die sich alle Beteiligten, die
Liberalen, die katholische Bewegung und Bismarck selber, mehr oder
weniger entschieden ausgesprochen hatten: die Tendenz zu immer
tieferen Eingriffen des Staates in alle individuellen und
gesellschaftlichen Verhältnisse.
*
S.250
Es war das Ideal einer Politik der freien Hand, die es dem Reich
erlaubte, regulierend in das stets prekäre Mächtegleichgewicht
einzugreifen und so den Status quo im Interesse seiner bisherigen
Machtstellung zu erhalten. Eine wirkliche Zukunft freilich, das wird
man wohl sagen müssen, besaß diese Politik angesichts der stürmisch
voranschreitenden Entwicklung von einem europäischen System zu einem
Weltstaatensystem mit neuen Zentren und rapide sich verändernder
Gewichtverteilung nicht mehr.
*
S.252
Wir müssen begreifen, daß die Einigung Deutschlands ein
Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging, und
seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der
Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen
Weltmachtpolitik sein sollte.
*
S.253
Wir haben lange darüber nachgedacht, wo wir den Schlußpunkt setzen.
Es wären auch 1918 - Flucht des Kaisers - oder 1932 - Papens
Staatsstreich in Preußen - möglich gewesen. Aber die
Nationalsozialisten haben sich von ihrer frühesten "Kampfzeit" an
auf Preußen berufen. Und es gibt keine bessere Definition des
Preußentums als die von Goebbels im preußischen Wahlkampf von 1932.
Hitler nahm als einzigen Schmuck für den Führerbunker ein Porträt
Friedrichs des Großen mit. Und wir wissen, wie er im Namen
Friedrichs des Großen seine Generalität abgekanzelt hat.
An unzähligen Beispielen ließe sich aufzeigen, wie eine
Preußen-Propaganda ohnegleichen die ganze NS-Zeit durchzieht. Damit
hat man führende Schichten des deutschen Volkes, der Reichswehr bzw.
der Wehrmacht, des Beamtentums, der Lehrerschaft gewonnen. Preußen
war nicht nur ein zufälliges Propagandamittel. Die Berufung auf
Preußen spielt für die Durchsetzung des Nationalsozialismus in
Deutschland eine Rolle, die man im vollen Umfang noch gar nicht
erkannt hat.
*
(1)Lothar Gall: "Bismarck. Der weiße Revolutionär". Propyläen Verlag, Berlin 1980; 816 Seiten; 42 Mark. (2)Nach seiner Entlassung wird er sagen, die Sozialdemokraten seien die "Ratten im Lande" (hier verkneife ich mir jeden Kommentar), ihre "leitenden Infektionsträger" müßten "vertilgt", müßten "unschädlich" gemacht werden. Nicht Lenin hat die Ungeziefervergleiche erfunden. 1897, nun aber wirklich tatterig, sah er nur noch "militärische Mittel" als Ultima ratio der "Arbeiterfrage". S.250 Eine 1875 von Frankreich beschlossene Armeeverstärkung veranlaßte Bismarck zu Kriegsgefuchtel. Ein Artikel in der regierungsnahen Zeitung "Die Post" ("Ist Krieg in Sicht?") unterstellte der französischen Regierung die Absicht, einen Revanchekrieg vorzubereiten. * S.252 Anläßlich des Stapellaufs des Schlachtschiffes "Bismarck": Bismarck habe "die Voraussetzungen gegeben für die Errichtung des heutigen Großdeutschlands". * S.255 Der chinesische Vizekönig 1896 in Friedrichsruh. *
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 38/1980
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