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MOTORROLLER

Kraftvoll nach oben

Die Petticoat-Roller, lange totgesagt, sind wieder da. Pfiffige Modelle kommen aus Japan.

Doppeltes Glück braucht die Zweiradindustrie, erstens: besseres Wetter in Deutschland; zweitens: endlich mehr Frauen als Käufer. In diesem Jahr könnten beide Wünsche wahr werden.

"Der Rollerboom kündigt sich an", freut sich die Honda Deutschland GmbH in Offenbach am Main. Vom Nachbarn, dem Deutschen Wetterdienst, wird offiziell zwar keine Sommerprognose gewagt (weil das "physikalische System Wetter unendlich viele Freiheitsgrade hat"), doch in Bochum ist Wetter- und Weltraumprophet Professor Heinz Kaminski seiner Vorausschau ganz sicher: "Es wird ein Jahrhundertsommer."

Der hat Vespa und Honda gerade noch gefehlt. Denn "die flotten und unverschämt jugendlichen Gefährte" (Honda), diese "neue Motorrollergeneration der achtziger Jahre" (Vespa), lassen sich im Sonnenschein leichter verkaufen und besser bewegen.

Regen ist der ärgste Feind des Rollers. Wegen seiner kleinen Räder verlagert sich auf nassen Straßen der hohe Schwerpunkt des Rollers oft sekundenschnell in Bodennähe. Der Abstieg in die Pfützen ist zwar selten lebensgefährlich, für den Rollerfahrer aber stets demoralisierend - wer Roller fährt, scheut Sturz und Stein.

Von der prickelnden Angstlust, dem süchtig machenden Hochgefühl des Motorradfahrers auf der schmalen Haftgrenze zwischen Leben und Tod, halten Rollerfahrer gar nichts. Sie genießen statt dessen die Welt und ihren schönen Schein: "Image" mittels Roller, mit einem "Ding, das alle Köpfe verdreht".

Mit diesem Werbespruch hilft Honda, der Welt größter Zweiradproduzent, den Damen auf seinen neuen Roller namens "Melody". Doch die Konkurrenten wollen Honda nicht allein singen lassen. "In Zukunft", sagt Puch-Geschäftsführer Hans Michael Malzacher, "gehören 50 Prozent des 50-Kubikzentimeter-Marktes dem Roller." Die Österreicher kooperieren S.170 deshalb mit Suzuki aus Japan, ihr gemeinsames Kind heißt "Gemma". Was der deutsche Zweiradzwerg "Hercules" mit dem japanischen Multi "Yamaha" zuwege gebracht hat, wird derzeit bereits als "City CV 80" verkauft.

Schon im letzten Jahr stiegen 16 430 Bundesbürger auf den Roller um, im Jahr zuvor waren es nur 3161, und für diese Saison erwarten alle Produzenten unisono einen neuen Rekord. Schon in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden 8254 Motorroller neu zugelassen, 161,3 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. In Frankreich und England, die der deutschen Zweiradmode merkwürdigerweise immer ein Jahr voraus sind, führen die knattrigen Mobile den Trend schon länger an.

"Es fängt an, chic zu sein", urteilt der alte NSU-Mann Arthur Westrup, dessen im VW-Konzern versunkene Firma einst mit "Lambretta"-Rollern prima im Geschäft war, "vor allem Damen fühlen sich mit Rollern jetzt gut angezogen."

Das war nicht immer so. Der Rollerboom nach dem Weltkrieg, vom Piaggio-Werk in Genua mit der "Vespa" gezündet, war eher ein Kind des (Auto)-Mangels, freilich keines von Traurigkeit. Die Spaßmacher Louis de Funes, Maurice Chevalier und Gene Kelly, aber auch Frankreichs langjähriges Sex-Idol Brigitte Bardot stiegen werbewirksam auf die frechen Wespen, deren dickes Hinterteil einen robusten Zweitakter barg.

Schließlich ließ gar Weltstar Audrey Hepburn ihren Petticoat vom Roller-Fahrtwind bauschen - just, als steigende Einkommen und sinkende Autopreise dem Roller in Deutschland den Garaus machten: Ende der fünfziger Jahre fegte die "Zweiradkrise" ein Dutzend deutscher Rollerproduzenten samt ihren 25 Modellen vom Markt. Übrig blieb, fast ganz allein, die ursprünglich aus Italien importierte, später auch in Westdeutschland gefertigte Vespa.

Die Vorteile eines Rollers, so zeigt sich jetzt, kann vor allem genießen, wer nebenbei auch noch ein Auto hat: In der Stadt sind die Zweiradflitzer schneller und viel billiger, Parkprobleme gibt es nicht. Von unten und vorn schützt Blech das Beinkleid, umlaufende Ketten, gar Öl, bekommt der Rollerfahrer nicht zu Gesicht. Er muß sich auch nicht in schwarzes Leder hüllen, eine Halbschale auf dem Kopf und Handschuhe reichen aus.

Damit, wie Honda hofft, "die junge oder auch die jung gebliebene Frau zum Einkaufen oder zum Stadtbummel den Roller bevorzugt", hat das japanische Werk seinen neuen Roller besonders komfortabel gemacht: Die leise "Melody" (Preis: 1795 Mark) startet auf Knopfdruck, ein Automatik-Getriebe ersetzt die Gangschaltung, dicke Sitzpolster und schluckstarke Federn nehmen rauhen Straßen den Schrecken. Ein Warenkorb über dem Vorderrad, unterm Lenker zwei Ablagen, neben dem Motor ein verschließbares Fach und hinten noch ein Gepäckträger sollen den Roller zu Muttis liebstem Einkaufshelfer machen. Aus 48 Kubikzentimeter Hubraum entwickelt Melody zwei Kilowatt (zweieinhalb PS), gut für 40 Stundenkilometer. Deshalb brauchen die Damen auch keinen Extra-Motorradführerschein, sie sparen zudem die Steuern.

Vespa, derzeit mit fünf unterschiedlich starken Rollern in Deutschland vertreten, bietet zwei Modelle mit 50 und 80 Kubikzentimeter Hubraum an, die ebenfalls mit allen vor dem 1. 4. 1980 erworbenen Führerscheinen der Klassen I, II, III und IV gefahren werden dürfen.

Wer auf die Hubraum-stärkeren Roller steigen will, muß den Motorradführerschein besitzen, ein Zertifikat, das immer mehr Damen erwerben, im letzten Jahr rund 50 000. Von Vespa-Fahrerinnen wird erwartet, daß sie sportlich schalten können und wissen, wie man ein kraftvoll nach oben strebendes Vorderrad am Boden hält.

Die fernöstlichen Rollerproduzenten hingegen setzen auf die sanfte Welle und die der Sparsamkeit. In Japan verkauft Honda bereits den Viertaktroller "Super Cup", dessen 50-Kubik-Motor 5,5 PS leistet und mit einem Liter Normalbenzin 150 Kilometer weit fährt.

Als "Erlkönig" gesichtet wurde in Süddeutschland eine weitere Roller-Novität, die zögernden Damen die Angst vor dem Umfallen nehmen soll: Honda "Stream" hat hinten gleich zwei Räder. Aus Schräglagen holt ein Federelement den Vorderbau des Rollers stets wieder in die Lotrechte.

S.170 Brigitte Bardot in "Mit den Waffen einer Frau", 1958. *

DER SPIEGEL 26/1982
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