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DER SPIEGEL

Der sprachlose Schwätzer

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über des neuen Bundeskanzlers Redeflut
Wie sich Helmut Kohl den Bratenrock anzog, um sich die Kanzlerurkunde vom Präsidenten abzuholen, so legte er seit der Amtsübernahme auch kräftig Stil an.
Und so hat er die Republik seit dem 1. Oktober (vorher war man dem glücklicherweise nicht so schutzlos ausgesetzt) mit einem Schwall von Worten überzogen: Es ist, als hätte sich aus sämtlichen Medien Sprachbrei über die Deutschen ergossen. So sehr, daß selbst die bedingungslos Kohl-treue "Bild"-Zeitung sich gedrängt sah zu mahnen: "Regierungschefs hören sich gern reden. Feierliche Worte ('Vaterland', 'Stil und Würde') können schnell abgenutzt sein."
"Stil und Würde" lobt Kohl, wenn ihm Schmidt das Bundeskanzleramt in einer nüchternen bürokratischen Amtshandlung übergibt. "Stil und Würde" mahnt er an, wenn Wehner einen Zwischenruf bei der Regierungserklärung macht, und Kohl den immerhin 76jährigen belehrt: "Je früher Sie es in Stil und Würde lernen, um so besser ist es für das Hohe Haus des Deutschen Bundestages."
Um die Würde zu belegen, ist Kohl für die Regierungserklärung selbst ein kommunistischer Philosoph willkommen. Jedenfalls hieß es da, ein Stückchen deutscher Würdegeschichte: "Die Deutschen lernten wieder - um mit Ernst Bloch zu sprechen - die Würde des aufrechten Gangs."
Dabei ist Würde ein Wort, das Kohl tunlichst meiden sollte. Die eher joviale Erscheinung des Pfälzers, dessen unbeholfene Körperlichkeit Satiriker und Karikaturisten unabweislich zum Birnen-Vergleich genötigt hat, das Lachen, das ihn oft auch noch auf der Regierungsbank überfallartig schüttelt, der Blick, der hinter der Brille wie hinter Käfiggittern entlang schweift, das legt alles andere nahe als den Gedanken an Würde.
Würde Kohl sie nicht dauernd im Munde führen, wäre das auch weiter nicht schlimm. Ein neuer Kanzler soll die Wirtschaft in Schwung bringen, für die CDU Wähler gewinnen und, wenn Glück zum Verdienst kommt, Schaden vom deutschen Volk wenden - wenn das ohne Würde geht, um so besser.
Nun besteht Kohls Leiden nicht einfach darin, daß er zuviel Würdevolles schwatzt und schwätzt. Das könnte man ihm bei seinem hohen Amte, das er endlich erreicht hat, wohl nachsehen. Er hat da einen gewissen Nachholbedarf.
Seine ungestüme Liebe zu Würde und Stil bleibt vor allem deshalb unerfüllt, weil Kohl, der aus der Pfalz, also einem intakten süddeutschen Dialekt kommt, auf dem Weg in die Politik seine Heimatsprache abgelegt hat wie eine lästige Erinnerung an eine mindere Herkunft. Viele Süddeutsche handeln ja wie Hans im Glück, wenn sie ihren lebendigen Dialekt gegen das papierene Bundeshochdeutsch eintauschen. Bei der Karriere muß die Mundart dran glauben.
Daß man mit der angeborenen Sprache wie Peter Schlemihl seinen Schatten verliert, ist Kohl, der sich vergeblich eine neue Heimat in der unwirtlichen Bonner Beamten- und Politikersprache suchte, wohl nicht aufgegangen. Oder aber, er weiß es nur zu gut und pumpt deshalb seine Sprache voll mit Gefühlen und Gefühlchen, die über den Verlust hinwegtäuschen sollen.
Der "Enkel Adenauers" hat die listige Schlichtheit des postum gezeugten Großvaters durch ein aufgeblasenes Polit-Barock ersetzt. Die Brusttöne sind hohl, die Endungen pfälzisch, "Greise" und "Kreise" nicht auseinanderzuhalten. Vom Dialekt ist einzig die wacklige Artikulation der Konsonanten übriggeblieben. Sprachlosigkeit und Wortschwall fallen oft in eins. Wer keine treffenden Worte hat, ballert blind mit Platzpatronen. Der Sprachvertriebene der 50er Jahre umgibt sich mit Nischen voller Sprachnippes.
In seiner Partei geht es zu wie in einer "Familie", ein Krach ist wie ein "Ehekrach", er kennt nur "Freunde", auch in der Schwesterpartei, die an dem Ast, auf dem er nun sitzt, jahrelang herumgesägt hat. Mit dem Sägemeister Strauß (im Unterschied zu Kohl geradezu ein aus dem vollen schöpfender Großgrundbesitzer an eigenwilligem Idiom) verbindet ihn eine "Männerfreundschaft" - ein Wort, das nicht nur den wahren Sachverhalt Lügen straft, sondern das auch an einen abgewetzten Hosenboden, an einen bierseligen Kneipentisch gemahnt.
Was Kohl sagt, sagt er "insbesonders", "natürlich", "selbstverständlich" und "mit vollem Ernst" ("Natürlich gibt es selbstverständlich Interessengegensätze"). Er ist von allem "im Grunde", "zutiefst überzeugt", spricht auf das "allerdeutlichste" und in "aller Klarheit". Er "bezeugt" seine "Hochachtung", ja, sogar vor Schmidt, da kennt er nichts, und er möchte "ausdrücklich meinen Respekt und meine Hochachtung für diese patriotische Leistung für unser Vaterland bezeugen".
Selbst wenn er den mit der Lohnpause vorpreschenden Blüm in einem Interview deckelt, versäumt er nicht zu betonen, daß Blüm ein "ausgezeichneter", ein "hervorragender Mann" sei, ein "Fachmann auf seinem Gebiet".
So viel taube Gefühlshülsen, wie sie Kohl bei seiner Herzlichkeitsinflation aufwirbelt, bietet sonst nur "Wetten, daß ...?"-Moderator Elstner, der unbekannten Menschen ungebeten stets als "Freund" um den Hals fällt, sich "ganz, ganz herzlich" für "ganz, ganz riesige" Sachen bedankt - drunter tun es beide nicht, und der Psychologe würde ihnen wohl leicht mit dem Wink dienen können, daß eine solche überbordende Gefühlssprache den Rückschluß auf Gefühlskälte und Emotionsarmut nahelegt. Im sogenannten Volksmund heißt das: Jeder redet von dem, was er nicht hat.
Die Gefühligkeit, sonor bemüht, bleibt dabei leicht auf der Strecke - und der Atem ist länger als der Gedanke. Seinen Vorgänger Schmidt beschwor er: "Dieser Buchtitel 'Bonn ist nicht Weimar' muß deutsche Wirklichkeit bleiben", ein Satz, der leichte Schwindelgefühle hervorruft, ebenso wie die Geschichtsdeutung, die Kohl der Zeit nach 45 angedeihen läßt. Die Bundesrepublik konnte entstehen, "weil der einzelne sein eigenes Ich und seine Sehnsüchte in das 'Wir' des Ganzen eingebracht hat". Hatten die Deutschen das "Wir" der Volksgemeinschaft nicht gerade ziemlich gründlich hinter sich gebracht? Und gab es keinen kalten Krieg und keine Besatzungsmächte? Einem Generalisten stellt sich Geschichte eben generell dar.
Kein Wunder, daß ein so vollmundiger Kanzler seinen Pressesprecher mit folgender Sprachblähung willkommen heißt: "Ich freue mich, daß Sie auf dem Feld der Wirtschaft bewandert sind, das jetzt unsere besondere Aufmerksamkeit und unser besonderes Tun notwendig macht."
"In Hölderlin", so sagt ein geflügeltes Kohlwort, "war ich gut." Das ist deshalb ein Schlüsselsatz Kohls, weil er zeigt, wie die Entlarvung auf dem Fuße folgt. Wer so über Hölderlin spricht, hat nie eine Zeile von ihm gelesen, und wenn er sämtliche Oden und Elegien durchgeackert hätte. Kohls Phrasen haben kurze Beine, aber sie leben auf großem Fuß.
Auf Kohlisch jedenfalls hieße Goethes "Über allen Gipfeln ist Ruh": "Wenn wir uns nun auf dem Felde der Meteorologie in die höheren Berglagen begeben, so ist dort ein vollkommenes Nichtstun, wie ich offen sagen darf, zur Anwendung gelangt."
Wenn er in der Ausländerpolitik straffes Vorgehen ankündigt, dann rutscht ihm zunächst, obwohl er sie doch abschieben möchte, die Übertreibung von den "türkischen Mitbürgern" aus dem Mund. Dann sagt er: "Wir haben eine Entwicklung, in der auch geredet wird von Ausländerfeindlichkeit - ich glaube dies nicht. Das ist doch überhaupt in Wahrheit kein Problem der Ausländer, sondern das ist in Wahrheit ein Problem der großen Zahl, der zu großen Zahl von türkischen Mitbürgern in Deutschland."
Was nun? Glaubt er nicht, daß von Ausländerfeindlichkeit geredet wird, oder glaubt er nicht, daß es sie gibt? Und ist die Ausländerfeindlichkeit nur dann kein Problem für die Ausländer, wenn sie gefälligst verschwinden?
Schwammiger läßt sich der schlichte Satz "Türken raus!" jedenfalls nicht formulieren. Und als ob Kohl über seinen Nichtgedanken erschrocken wäre, fügt er schnell hinzu, daß die Türkei (hoch die Tassen!) "ein wichtiger alter Freund der Deutschen und auch der Bundesrepublik Deutschland" sei.
Und daher - einen geziemenden Streifen auf das Wohl der Türken! - "... wir im übrigen auch unseren Respekt vor der türkischen Hochkultur jetzt in diesem Zusammenhang nicht vergessen". Ein Fußtritt, aber von einem Streichquartett umrahmt. Prompt fährt Kohl auch mit einer Sprachentgleisung fort: "Wir haben alte traditionelle befruchtende Wege zwischen Deutschland und der Türkei gehabt." Dafür, so steht zu fürchten, haben die Türken Geisterfahrer auf den Genitalien.
Jedenfalls: Wo immer Kohl ein bißchen schummeln will, holt ihn die Wahrheit wortreich ein. Da sagt er, ganz Kanzler aller Deutschen, daß er die "Opfer möglichst gleichmäßig verteilen" will. Und fährt fort: "soweit dies überhaupt mit irdischen Mitteln natürlich möglich ist."
Es ist schon himmlisch, wie da einer sich sein Amt auf Erden vorstellt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß es irdische Steuergerechtigkeit gäbe. Dafür, und auch das ist überirdisch, möchte er, in Sachen Einheit, "daß unser Volk den langen Atem auf diesem Weg deutscher Geschichte aufbringt".
Vom Volk der lange Atem, vom Kanzler die heiße Luft: "Aber ich werde darüber zu sprechen haben, wie die Lage in Deutschland ist, als ein Deutscher, der sein Land liebt, der für ein deutsches Vaterland selbstverständlich eintritt." Das "selbstverständlich", mit dem ein Kavalier die Rechnung seiner Dame hackenklappend bezahlt ("Gnädigste sind selbstverständlich eingeladen!"), ist Gold wert im Munde eines Kanzlers.
Der aber weiß, daß seine Sprache nicht nur von Hölderlin, sondern auch von Luther stammt, und sagt: "Ich darf noch einmal die erste Frage aufgreifen, die geistig-moralische, die geschichtliche Dimension. Wir feiern im nächsten Jahr gemeinsam in Ost und West Martin Luther. Er ist ja nicht nur der erste Reformator, er ist ja auch einer der entscheidenden Väter unserer gemeinsamen deutschen Sprache."
Sollte Kohl Vaterschaftsklage erheben, Luther wäre in geistig-väterlicher Dimension aus dem Schneider. Entscheidendes väterliches Erbgut ist bei Kohl nicht zu finden.
Doch Kohl, der die ausgestreckte Hand anstelle der geballten Faust setzen möchte (schon laufen Deutsche nur noch händeschüttelnd durch die Einkaufsstraßen und rufen "Hallo Kanzler, danke schön!"), hat mehr im Sinn. Einem verblüfften Fernsehreporter der ersten Kanzlerstunden schleuderte er entgegen: "Ist das denn wahr, daß die Welt nur noch materialistisch ist, ist es nicht umgekehrt so, daß wir nur darüber berichten, reden, hören und diskutieren?" Umgekehrt? Das Material weltlich? Die Diskussion unausgewogen?
Kohl hat jedenfalls immer viel und nichts zugleich zu sagen. Der Satz "Ich bin ein Mensch", lautete in seinem Mund so: "Ich bin, um es ganz deutlich zu sagen, ein Mensch." Oder: "Ich bin, wenn ich es einmal in dieser vollen Schärfe ausdrücken darf, ein Mensch!" Oder: "Was die Dimension meines Seins anlangt, so bin ich vollinhaltlich ..."
Böswillige Übertreibung? Als er Helmut Schmidt sagen wollte: Sie haben mir die Bundeskanzlei korrekt übergeben, tönte es aus ihm: "Das hat etwas mit Würde und Demokratie zu tun, wie Sie die Amtsübergabe gestalten."
Während seine Untertanen normalerweise sagen: "Ich bin in Kassel geboren", oder "Meine Eltern stammen aus München", lautet das Kohlisch: "Mein Leben ist von hier ausgegangen, und ich habe dies nie geleugnet." Und wenn er ein so unanständiges Wort wie Tasche erwähnt (der liebe Gott sieht alles!), dann heißt das: "Ich bin keiner von denen, die sich - ich sage es einmal drastisch - in die Tasche lügen."
Kein Blatt vor den Schoß nimmt er auch, wenn es um Frauen geht (nicht umsonst hat ja das Wort "Famillje" seit ihm einen neuen Klang): "Gleichberechtigung und Anerkennung der Frau ist keine Einbahnstraße ..."
Hier spricht der Generalist als Verkehrsexperte, der weiß, wo's bei der Frau langgeht. Auch zu Hause. So durfte die "Bunte" vom frischgebackenen Kanzler und seinem weichgekochten Ei berichten: "Heute, im Alltag, hat Helmut Kohl daheim das Sagen. So kann es passieren, daß er ein Frühstücksei, das seiner Frau zu weich geraten ist, kommentarlos zurückgibt: Er hört keine Widerrede." Vielleicht, weil Frau Kohl sich glücklich schätzt, von dem Wortgewaltigen einmal mit Worten verschont zu werden?
Daß wir dem glühenden Patrioten "dieses unser Land" verdanken und die Stunde, die dies nicht ist, und jenes auch nicht, daß er "das Handtuch der Gemeinsamkeit" zerschnitten hat (und wahrscheinlich mit dem Tischtuch im Ring geworfen, als Strauß Kandidat sein wollte), daß er uralte Zöpfe ausgrub (während sich die Chinesen tote Hunde vom Kopf schneiden) - damit hat er vielen Freude bereitet, denen der selige Heinrich Lübke bitter abging.
Doch Lübke war, was die Sprache anlangt, ein ehrenwerter Mann, der mit Bescheidenem haushalten konnte und nie über seine Verhältnisse lebte.
So breit im sprachlichen Niemandsland wie der Pfälzer a. D. macht sich ohnehin keiner - und dabei ist Bonn eine große Scheuer für leeres Stroh. Als die FDP es noch andersrum trieb, hielt Kohl ihr das, 1974, so vor: "Was passiert, wenn die FDP auf Gedeih und Verderb mit der SPD ins Bett steigt, und zwar in einem so langen Prozeß, daß es für uns anfängt, uninteressant zu werden, auf diesem Klavier überhaupt spielen zu wollen?"
Nun spielt er in Genschers Bett Klavier, es ist ein langer Prozeß, und er ist schon deshalb nicht uninteressant, weil er mit soviel Stil und Würde absolviert wird.

DER SPIEGEL 43/1982
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