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DER SPIEGEL

KulturpolitikDie liebe Monika

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur, wirkt wie eine geborene Sympathieträgerin und hat dennoch in ihrer Amtszeit eine beachtliche Zahl von Gegnern gefunden. Nicht jedem passt, wie sie gerade mit Wucht die Kulturnation Deutschland prägt.
Der Deutsche Filmpreis ist nicht der Oscar, aber immerhin strahlen die Scheinwerfer am roten Teppich vor den Berliner Messehallen so hell wie in Hollywood, und auch die Fotografen rufen so laut, als ginge es um alles. "Heike!" "Elyas!" "Frau Grütters!" 17.04 Uhr, die Kulturstaatsministerin erscheint. Lächeln, Fotos, kurze Interviews.
Später im Saal hält sie eine Rede. Sie erwähnt die Situation im Land, die Flüchtlinge, sie lobt die grundsätzliche Empathie, die Filmleute besäßen. Und dann verspricht sie den Leuten aus der Branche unten im Zuschauerraum zusätzliche 15 Millionen Euro für die Filmförderung.
Applaus, Jubel. Logisch. Mehr Geld, mehr Filme, mehr Jobs.
Ein Komiker in SA-Uniform betritt dann die Bühne. Hakenkreuzbinde, Stiefel. Es ist eine Anspielung auf den nominierten Film "Er ist wieder da", der die skurrile Fiktion erzählt, wie Adolf Hitler, Jahrzehnte nach seinem vermeintlichen Tod, überraschend in Deutschland auftaucht und sich die Leute um ihn scharen. Grütters sitzt in der ersten Reihe und krümmt sich fast vor Lachen. Endlich einmal ist die deutsche Geschichte, die ihr in ihrem Job so viel Ärger macht, nur noch eine Satire.
Auf der Party danach, kurz vor Mitternacht, wird sie sich einen Gin Tonic gönnen, während andere Gäste sie mit einer gewissen Ehrfurcht begrüßen. Irgendwann kommt ein jüngerer Mann auf sie zu. Ein ehemaliger Student, sie ist seit vielen Jahren Honorarprofessorin für Kulturmanagement. Er sagt, dass er alles, was er könne, von ihr gelernt habe. Monika Grütters hatte schon schlechtere Abende.
So etwas hat sich der SPD-Kanzler Gerhard Schröder wahrscheinlich vorgestellt, als er 1998 den Posten des Kulturstaatsministers schuf: mehr Glamour für die Politik, mehr Intellekt, mehr Bewunderung. Auch wenn das Kulturstaatsministerium in Wahrheit kein echtes Ministerium ist, sondern eine oberste Bundesbehörde, wirkt Monika Grütters wie eine Ministerin. Sie verändert viel in dieser Kulturnation. Baut neue Museen. Gestaltet neue Gesetze. Vergrößert ihre Macht. Seit zweieinhalb Jahren ist sie auf diesem Posten, und in dieser Zeit ist mehr über sie gesprochen und auch gestritten worden als über ihre Vorgänger zusammen. Sie sei, sagt Grütters, keiner dieser Kulturpolitiker, die bei schwierigen Themen jammerten, "das ist uns zu heikel, lass uns lieber unter dem Radar durch". Nun wird ihr sogar nachgesagt, dass sie die Kulturnation Deutschland beschädige. Weil sie das Gesetz zum Kulturgutschutz novellieren will.
Ein Montagnachmittag, ein Besuch in ihrem Büro, sie nennt es das "schönste der Republik". Es befindet sich ganz oben im Kanzleramt, noch über den Arbeitsräumen des Kanzleramtschefs und der Kanzlerin. Zu Grütters' Eckbüro gehört eine weitläufige Terrasse, von dort aus lässt es sich wunderbar über das repräsentative Berlin schauen: der Reichstag, die Büros der Abgeordneten, die Spree, der Hauptbahnhof, der Tiergarten. Ein Hubschrauber bringt gerade die Kanzlerin zurück ins Amt. Dass die Kultur hier angesiedelt ist, im Machtzentrum – "das ist doch auch eine Botschaft".
Sie empfängt oft Gäste, den Künstler Ai Weiwei beispielsweise oder Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, und viele werden auf die Terrasse geführt, damit der Ausblick seine Wirkung entfaltet. Man merkt ihr an, dass sie stolz ist. Irgendwo auf dieser Aussichtsplattform steht ein kleines Vogelhäuschen aus Metall; sie füttert gern Krähen. Man kann das als kleinen ironischen Bruch deuten.
Im Gespräch betont sie die unterschätzte Kraft der Kultur. Kunst sei Vordenkertum, Grundlage jeglichen Fortschritts. Die Deutschen hätten sich nach dem Zivilisationsbruch, den die NS-Diktatur bedeutet habe, mithilfe der Querdenker aus der Kultur ein neues Selbstverständnis erarbeitet.
Das Amt der Kulturstaatsministerin in einem Land, das die Kultur vor allem föderal organisiert, kann langweilig sein. Und ihre Vorgänger, Michael Naumann, Julian Nida-Rümelin, Christina Weiss (alle von der SPD bestellt) und Bernd Neumann (wie Grütters von der CDU), sind auch nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Bei Grütters wird das anders sein. Sie hat Ambitionen, sie löst Kontroversen aus.
Erst kürzlich gab es Schlagzeilen über das Deutsche Historische Museum und seinen Chef. Die Einrichtung hat einen Jahresetat von 49 Millionen Euro, aber kaum Profil, das Ansehen sinkt. Im Haus brodelt es schon länger. Grütters, oberste Dienstherrin, schickte Mediatoren hinein, das alles funktionierte nicht. Nun wurde der Direktor geschasst – was so offiziell keiner sagen darf. Man möge sie bitte nicht nötigen, etwas preiszugeben.
Sie ist ebenfalls zuständig für die Bundesstiftung, die bis 2018 ein Dokumentationszentrum und eine Dauerausstellung vor allem zur deutschen Vertreibung nach 1945 einrichten soll. Politisch ein delikates Thema, auch aus Sicht des Auslands. Der erste Stiftungsdirektor, der als nationalkonservativ und eigenbrötlerisch galt, überwarf sich mit dem wissenschaftlichen Beirat und musste 2014 gehen. Auch der Nachfolger galt aber als zu großes Zugeständnis an die Vertriebenenverbände. Seine Berufung, von Grütters 2015 verkündet, löste im international besetzten Beirat sofort fünf Rücktritte aus. Im Februar präsentierte Grütters eine neue Direktorin. Sie sagt, dieses Problem habe sie "doch nun wirklich geheilt".
Und dann ist da das Riesenthema Naziraubkunst, das durch den Skandal um die Sammlung Gurlitt noch an Brisanz gewann. Grütters hat in Magdeburg ein Zentrum eingerichtet, das auch die dunklen Stellen dieses Bestands weiter aufhellen soll. Der Druck ist größer denn je. Jüdische Verbände, auch US-Kongressabgeordnete, monieren, dass Deutschland mehr tun müsse, dass viele von den Nazis geraubte Werke noch nicht an die jüdischen Opferfamilien zurückgekehrt seien. Nicht weniges wird in hiesigen Museen vermutet.
Grütters äußerte sich gegenüber der "New York Times". Da ging es um die Frage, weshalb in der sogenannten Limbach-Kommission, die die Aufgabe hat, zwischen den betroffenen Familien und den Museen zu schlichten, kein jüdisches Mitglied sitze. Sie sagte, "aus gutem Grunde" gebe es ein solches Mitglied nicht, denn es wäre als einziges befangen. Das kam nicht gut an. Bald ließ sie mitteilen, sie sei falsch zitiert worden, sie habe nur von einem möglichen Interessenkonflikt gesprochen. Die Europakorrespondentin der "New York Times" beharrt darauf, die Politikerin habe das Wort "befangen" verwendet. Grütters hat nun wohl eine ganze Liste mit Namen jüdischer Persönlichkeiten, die infrage kämen. Sie habe das längst so vorgehabt.
Dieses Amt erfordert wie kaum ein anderes Talent zum angemessenen Wort. Sie hat dieses Talent, eigentlich.
Grütters ist ebenso für das größte kulturelle Prestigeprojekt des Landes zuständig, für die 590 Millionen teure Rekonstruktion des Preußenschlosses. Dort soll sich ab 2019 das "Humboldt-Forum" den außereuropäischen Kulturen widmen. Man wird ethnologische Objekte ausstellen und nicht umhinkommen, auf die deutsche Kolonialgeschichte einzugehen. Deutschland wolle sich nun als Partner in der Welt empfehlen, sagte Grütters kürzlich.
Ein guter Satz. Doch auf ihrer Website war bis zur vergangenen Woche ein Satz zu lesen, der anders klingt. In einem "Literaturtipp" wird ein 2009 erschienenes Buch über Afrika empfohlen. Sie erwähnt, dass der Autor des Buchs ein Kapitel ihrem Bruder Martin Grütters widme, der im Sudan Entwicklungshilfe leiste, und dann folgen diese Worte: "Um die afrikanische Krankheit der Disziplinlosigkeit geht es in diesem Beitrag."
Wer will, könnte aus dem Satz einen kleinen Skandal bauen. Nach einer Nachfrage in Grütters' Büro ist der Text einen Tag später gelöscht. Man verweist auf die Nachlässigkeit einer ehemaligen Mitarbeiterin der Politikerin vor etlichen Jahren.
Flüchtigkeitsfehler, die Schuld der anderen? Andererseits: Viele ihrer Probleme im Amt hat sie geerbt. Das rätselhafte Humboldt-Forum, die ersten Weichenstellungen im Fall Gurlitt waren Hinterlassenschaften ihres Vorgängers Bernd Neumann, der die Behörde acht Jahre lang geführt hatte. 2005 war er angetreten, nicht als Mann der Kultur, aber als verdienter CDU-Veteran. Er machte sich beliebt, indem er Fördergelder aufstockte, insbesondere für den Film, und fiel ansonsten nicht weiter auf. Grütters könnte das gar nicht: unauffällig bleiben.
Sie, die Arzttochter aus Münster, die Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft studierte und nun im Kanzleramt sitzt, sagt von sich, sie sei kein "Münsteraner Standard".
Mit 16 Jahren trat sie 1978 in die Junge Union ein, in der Berliner CDU mit ihrer Haudegenmentalität war sie später noch lange die junge Wilde, eine, die man als Sympathieträgerin einsetzte, die aber zugleich innerhalb der Partei viele Rückschläge erlebte, "menschlich schlimme Dinge". Auf jeden Fall sei sie nie das "Herzstück" dieser Partei gewesen. Ihr Pressesprecher wirft ein, dass man aber von einer "späten Liebe" zwischen ihr und der CDU in Berlin sprechen könne. Sie lacht: Außer ihm würde so etwas wohl niemand behaupten.
Grütters hat sicher die Lektion verstanden, dass Feindschaften wichtig sein können, um das eigene Profil zu schärfen. Und sie lernte, aus Niederlagen einen Vorteil zu machen. 2005 zog sie als Spitzenkandidatin der Berliner CDU in den Bundestagswahlkampf – ihr Wahlkreis war Marzahn-Hellersdorf, den sie nach Verteilungskämpfen hinnehmen musste, wo sie nicht gewinnen konnte. Und trotzdem: Es half ihrem Image, sie war die katholische Westfälin, die ganz unarrogant das Gespräch mit den Menschen im roten Osten suchte.
Zu ihren Förderern gehörte Klaus Landowsky, einflussreich in der Berliner CDU und in der Bankgesellschaft Berlin. Die landeseigene Holding löste 2001 einen gigantischen Skandal aus. Der damalige Regierende Oberbürgermeister Eberhard Diepgen musste gehen, Landowsky wurde gar wegen Untreue angeklagt, später freigesprochen. Grütters, die immer einen Beruf neben der Politik ausübte, hatte für die Bankgesellschaft gearbeitet, wo sie die Kunstsammlung des Hauses betreute. Später wurde sie Vorstandssprecherin in der von der Bankgesellschaft gegründeten Kulturstiftung Brandenburger Tor.
Ihre Berufung 2013 zur Staatsministerin stieß im Kulturbetrieb auf Begeisterung. Sie selbst betont ihre Vernetzung, ihre enge "Fühlung" mit dem "Kulturmilieu". Die Malerin Cornelia Schleime, von der die Politikerin Zeichnungen besitzt, sagt, Grütters sei ein "starkes Naturell und nicht so übertrieben verkopft".
Auch Bernd Schultz hielt Grütters für eine Art Verbündete, als sie antrat. Heute sagt der Gründer des Berliner Auktionshauses Grisebach, "sie beschädigt die Kulturnation Deutschland". Man siezt sich, nennt sich aber dennoch ab und an beim Vornamen. "Stur" sei die "liebe Monika". Er wolle eine Anekdote erzählen.
Im vergangenen Jahr seien sie beide bei einem Professor der Charité zum Essen eingeladen gewesen, Hauptgast sei ein Mäzen aus der Schweiz gewesen. Grütters habe Schultz am Tag zuvor anrufen lassen, er möge an dem Abend nicht den öffentlichen Streit über ihr anstehendes Gesetz zum Kulturgutschutz erwähnen, "dann sprach sie selbst über nichts anderes, den ganzen Abend, alle waren konsterniert". Sogar der Gast aus der Schweiz soll sich später beschwert haben, die Kulturstaatsministerin höre ja gar nicht zu.
Ihre geplante Novelle des Kulturgutschutzes, die bald vom Bundestag verabschiedet werden könnte, ist der größte Streitpunkt ihrer bisherigen Amtszeit. Grütters plant ein aufwendiges Genehmigungsverfahren für Exporte von Kunst und anderem Kulturgut ins Ausland. Objekte, die dabei als "national bedeutend" identifiziert werden, sollen für die dauerhafte Ausfuhr gesperrt werden.
Der Widerstand von Sammlern und Händlern ist groß, von Kontrollwahn, von "Enteignung" wird gesprochen. Denn: Kunst, die nicht international angeboten werden kann, verliert an Wert. Seit Monaten bringen Sammler ihre Bilder außer Landes. Grisebach-Auktionator Schultz sagt, in ausländischen Kunstlagern gebe es inzwischen riesige Bestände aus Deutschland, deren Wert er auf zwei bis drei Milliarden Euro schätze. In London spreche man schon von "Grütters-Lagern".
Seit einem Jahr herrscht dieser Krieg mit dem Kunstbetrieb. Der Malerfürst Georg Baselitz ließ aus Empörung Bilder abhängen, die er staatlichen Museen geliehen hatte. Grütters lud im vergangenen Sommer Leute aus der Kunstszene zu einem Abend "in entspannter Atmosphäre" auf ihre Terrasse im Kanzleramt ein, um sie wieder auszuladen, nachdem 250 Kunsthändler sich in einem offenen Brief beschwert hatten, das Gesetz erinnere "erschreckend an sehr unrühmliche nationale Bewegungen der deutschen Geschichte".
Was beweist, dass auch andere sich im Ton vergreifen. Und wieder war sie gegenwärtig, die deutsche Geschichte. Auch weil Grütters es vor lauter Eile, vor lauter Kämpfen versäumt hatte, tiefer gehende Debatten darüber zu führen, was "national bedeutend" eigentlich heißen mag in globalisierten Zeiten.
Unter den Sammlern sind einflussreiche Leute, Unternehmer, Verleger, wohl auch Spender von Parteien. Gewinnt Grütters diesen Machtkampf, sollte sie aufs Triumphieren verzichten, um nicht noch mehr zu provozieren. Sie sagt: "Das Wort ,triumphieren' passt nicht zu mir."

Über den Autor

Ulrike Knöfel, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1999 für den SPIEGEL. Sie schreibt vorwiegend über Kunst, Architektur und Kulturpolitik. Für den Beitrag über die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach sie mehrfach mit der CDU-Politikerin und ebenso mit vielen Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb – mit Anhängern wie mit einflussreichen Gegnern.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 23/2016
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