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DER SPIEGEL

Eine Meldung und ihre GeschichteAch herrje

Wie herauskam, dass ein 86-Jähriger seit 26 Jahren ohne Führerschein fährt
Wenn es nicht kurz nach dem Krieg gewesen wäre und sein Vater ein wohlhabender Mann, wer weiß – dann wäre er Automechaniker geworden oder Autohausbesitzer, vielleicht sogar Rennfahrer wie sein Namensvetter. "Gestatten, Gerhard Schumacher", sagt Schumacher, steht in Shorts und Pantoffeln vor seinem Haus in der Nähe des Braunschweiger Löwenwalls und deutet eine Verbeugung an. "Wie der Rennfahrer. Ich hoffe, der wird bald wieder."
Gerhard Schumacher ist Jahrgang 1930, groß gewachsen, großes Ego. Er ähnelt ein wenig Rudi Carrell und sieht jünger aus, als er ist. Den Namen Schumacher trägt er, als wäre es ein Versprechen.
Schumacher machte seinen Führerschein in den frühen Fünfzigerjahren, das ist viele Jahrzehnte her, aber er erinnert sich an den Tag seiner Prüfung, als wäre es sein Hochzeitstag gewesen: 94 Fragen stellte ihm der Prüfer, "so 'n Pingelkopp, dem war ich zu vorlaut, aber ich habe alle beantwortet". Auch die Fahrprüfung lief glatt, "nur vier Fahrstunden habe ich gebraucht, denn Auto fahren konnte ich ja schon". Sein Onkel hatte einen 30-Tonner, mit dem übte der Neffe, "noch Fragen?" Gerhard Schumacher war lange nicht mehr in größere Konflikte geraten mit der Straßenverkehrsordnung, bis jener Moment kam, am letzten Samstag im Mai. Ein Polizist klopfte gegen Schumachers Autoscheibe und sagte: "Anhalten, sofort! Führerschein und Fahrzeugschein bitte." Und Schumacher reichte nur den Fahrzeugschein.
Schumacher liebt Autos, er kann nicht ohne sie, Autos sind "wie eine zweite Zahnbürste", wie er das nennt. Die Abschnitte seines Lebens gliedert er anhand der Fahrzeuge, die er fuhr: den Käfer als junger Mann, den Volvo, als die Kinder kamen, den Wohnwagen für den Urlaub in Spanien, den Fiat Punto, grau metallic, zuletzt.
Mit dem fährt er ein-, zweimal im Monat zu seinem Sohn, der in einem Vorort von Braunschweig wohnt, keine zehn Kilometer entfernt. An jenem Samstag wollte der Sohn grillen. Zu seiner geschiedenen Frau, die bei ihm im Haus wohnt und gehbehindert ist, sagte Schumacher: "Ich hol schon mal den Wagen. Warte du am Eingang, ich lade dich dann ein."
Schumacher stieg also in den Wagen, fuhr rückwärts, bog in die Einfahrt zum Haus, und dann gab es einen Knall. Irgendetwas war im Weg. Er versuchte es noch einmal, fuhr vor, fuhr zurück – und wieder knallte es. Er hatte die Straßenlaterne nicht gesehen, die im Weg stand, auf dem Grünstreifen vor dem Haus. Schumacher gab nicht auf, gab Gas, der Motor heulte auf – "und da klopfte es auch schon an meine Scheibe", so erzählt er es.
Als Schumacher den Fahrzeugschein herausgereicht hatte, fragte der Polizist: "Und wo ist Ihr Führerschein?"
"Den haben Sie", sagte Schumacher und schaute betreten aufs Gaspedal.
Gerhard Schumacher lebt in einem Land mit starker Autolobby, ein Tauglichkeitstest für Senioren ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar, nicht mal ein Arzt müsste Schumacher wegen Sehschwäche oder Demenz verpfeifen, er könnte sich auf die Schweigepflicht berufen. Schumacher ist eines dieser Kinder des Wirtschaftswunders, die immer ein Auto hatten, für die das Auto gleichbedeutend ist mit dem Gefühl ewiger Mobilität. Ein Leben ohne Auto ist für viele dieser Menschen ein Leben wie mit einer Behinderung.
"Sie fahren ohne Führerschein?", rief der Polizist entsetzt, nachdem er die Daten bei der Zentrale überprüft hatte. "Seit 26 Jahren?"
"Das ist korrekt", sagte Schumacher, "es gab ein kleines Trunkenheitsdelikt, 1990 war das, seitdem bin ich ohne Lappen. Aber ich fahre gut und nur sehr selten. Alle zwei Wochen vielleicht." Dann schwieg er und dachte: ach herrje.
Der Polizist stellte ihn vor die Wahl: "Entweder wir lassen den Wagen abschleppen, oder wir rufen Ihre Familie. Fahrverbot haben Sie ohnehin." Schumacher entschied sich für die zweite Lösung, seine Schwiegertochter kam und holte das Auto.
"Ich bin ein ausgezeichneter Fahrer", sagt Schumacher Wochen nach dem unglücklichen Zwischenfall. Auch heute noch? "Natürlich!" Sein Sohn habe ihm geraten, er solle das Auto verkaufen. Aber er wollte das nicht hören. Dass er keinen Führerschein besaß, wusste außer ihm niemand. Und er, sagt Schumacher, habe das irgendwann vergessen.
"Ich habe die doch nur leicht angetickt", sagt er und meint die Laterne, die im Weg war. Er hat vom Fenster aus beobachtet, wie die Stadtwerke kamen und die Laterne austauschten, die er krumm gefahren haben soll. Er bestreitet das. Er sagt: "Die war schon vorher krumm."
Auf jeden Fall läuft inzwischen ein Strafverfahren, Schumacher musste zum Verkehrsunfalldienst, wo die Beamten an kuriose Geschichten mit älteren Verkehrsteilnehmern gewohnt sind. Es gab einen Rentner, sagt ein Polizeihauptkommissar, der fuhr mit dem Auto in den Supermarkt, direkt vors Getränkeregal, er hatte Leergut dabei.
Schumacher ist nun erst mal erleichtert, dass alles vorbei ist. Dass er nicht mehr nur seinen Führerschein los ist, sondern auch seinen Wagen. Er sei, sagt er selbst, etwas knauserig. "Das Auto war sowieso zu teuer, ich fahr jetzt Taxi von dem Geld." Er weiß, dass ihm eine Strafe von mehreren Hundert Euro wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis droht. "Aber wissen Sie, was das Beste daran ist?", fragt er. "Ich kann sie in Raten zahlen."
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 29/2016
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