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DER SPIEGEL

Gefühle„Ich will den Löwen sehen“

Der Potsdamer Risikoforscher Ortwin Renn, 64, glaubt, dass eine Gesellschaft in Angst vor allem den Populisten nützen wird.
SPIEGEL: Professor Renn, wovor haben Sie Angst?
Renn: Vor Höhe. Ich kann schlecht auf Leitern klettern, auf Türmen wird mir schlecht, und Fliegen finde ich auch nicht schön. Als kollektive Angst würde ich das Klimarisiko nennen, also die Sorge, dass wir unseren Lebensraum zerstören.
SPIEGEL: Was ist kollektive Angst?
Renn: Kollektive Ängste sind Ängste vor Dingen, die nicht mich direkt als Person betreffen und die ich auch nicht allein überwinden kann. Bei der Höhenangst ist die Höhe direkt vor mir, und ich kann sie vermeiden. Bei kollektiven Ängsten ist das nicht möglich.
SPIEGEL: Aktuelle kollektive Ängste sind die vor Flüchtlingen und Terror. Sind das im klassischen Sinne Ängste, auch wenn es gar nicht um konkrete Gefahrensituationen geht?
Renn: Das Unkonkrete ist das Wesen der Angst. Gehen wir zurück in die Savanne. Unser Vorfahr verlor schlagartig seine Angst, wenn der Löwe ihm direkt gegenüberstand, dann musste er handeln. Er hatte Angst, wenn er damit rechnen musste, dass ein Löwe in der Nähe sein könnte. Die Angst machte ihn wachsam und hat ihn davor geschützt, erwischt zu werden. Angst ist ein Warnsignal. Sei bereit, heißt es. Sie kennen das aus Horrorfilmen. Da wartet der Regisseur meist lange, bevor er uns den Mörder zeigt. Die Musik, die Situation, die Geräusche zeigen aber an: Er ist ganz in der Nähe. Bei Hitchcock sieht man eigentlich nur das Blut und weiß nicht mal wirklich, was passiert ist. Deshalb ist die Angst vor Terrorismus auch groß, obwohl kaum jemand je einem Terroristen gegenüberstand.
SPIEGEL: Wie wirkt sich kollektive Angst auf eine Gesellschaft aus?
Renn: Angst ist ein Zustand, den der Körper auf Dauer nicht ertragen kann, wir wollen eine Entspannung. Ängste speisen sich ja aus dem Unbekannten, daher suchen sie einen Gegner. Je weniger konkret die Bedrohung ist, desto größer ist die Angst. Ist es ein Löwe oder doch ein Gnu? Es ist überlebenswichtig, das zu wissen.
SPIEGEL: Aber was, wenn kein konkreter Gegner da ist?
Renn: Angst hat eine viel stärkere Pauschalisierungskraft als beispielsweise Wut. Sie kennt nur schwarz und weiß. Graustufen lösen Angst nicht auf. Nehmen wir die Aussage von Innenminister de Maizière nach dem abgesagten Fußball-Länderspiel in Hannover im vorigen Jahr. Da sagte er auf die Frage, welche Hinweise zur Spielabsage geführt hätten: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." Da hätte er auch gleich sagen können: "Irgendwo hier in der Nähe ist ein riesengroßer Löwe." Es mag faktisch richtig sein, aber es verstärkt die Angst. Weil es Fragen offenlässt und Raum für Fantasien ausbreitet.
SPIEGEL: Sind wir, was unsere Ängste angeht, also noch Steinzeitmenschen?
Renn: Eher noch älter. Als unsere Vorfahren aus dem Dschungel in die Savanne wanderten, begann die Angst. Der Dschungel bot Schutz, man konnte sich verstecken, konnte leichter fliehen, auch wenn man das langsamere Tier war. In der Savanne brauchte man Wachsamkeit, um zu überleben.
SPIEGEL: Angela Merkel sagt oft, Angst sei noch nie ein guter Ratgeber gewesen. Kulturen und Gesellschaften, die von Angst geprägt sind, würden die Zukunft nicht meistern.
Renn: Angst hat viel zur Staatenbildung beigetragen. Man bildete eine Gemeinschaft, ein Wir, das vor Gefahren schützt. Insofern ist das erste Versprechen des Staates an seine Bürger Sicherheit, das Grundgefühl: Ich kann über die Straße gehen, ohne befürchten zu müssen, überfallen zu werden. Eine Regierung, die keine Sicherheit gewährleistet, wird abgewählt. Das gefährdet aber nicht automatisch den ganzen Staat.
SPIEGEL: Sie warnt, um als Kanzlerin im Amt zu bleiben?
Renn: Sie muss versuchen, keine Angst aufkommen zu lassen. Das ist aber gar nicht so leicht. Politiker, die an der Macht sind, sind kommunikativ in einer schwierigen Situation. Die Bundeskanzlerin kann schwerlich sagen: Die Lage ist sehr unsicher, ich habe auch Angst – denn sie muss den Bürgern Sicherheit versprechen. Sie kann aber auch nicht sagen: Es wird nichts passieren. Nehmen Sie die BSE-Krise. Damals sagte der damalige Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke: Kein Grund zur Panik, Rindfleisch ist sicher. Nur wenig später gab es die ersten Fälle.
SPIEGEL: Er musste dann zurücktreten. War das die zwangsläufige Folge?
Renn: Nehmen wir mal an, der Innenminister würde sagen: Wir haben die Lage komplett im Griff. Und dann gibt es einen neuen Anschlag. Dann müsste der Mann seinen Hut nehmen. Als Politiker, der an der Macht bleiben will, muss er sagen: Es gibt eine Bedrohung. Wir versuchen unser Bestes. Wir können nichts garantieren. Aus der Sicht der Angstforschung ist das kontraproduktiv.
SPIEGEL: Wäre es nicht eine Strategie, den Bürgern zu sagen, dass es – trotz der jüngsten Ereignisse in Würzburg und Ansbach – bislang sehr unwahrscheinlich ist, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden?
Renn: In der Therapie von klassischen Phobien geht man oftmals so vor. Man sagt einem Menschen mit Flugangst: Pass auf, von einer Milliarde Flugzeugen stürzt nur eines ab. Das kann Linderung bringen. Als Politiker verbietet sich das. Ich saß mal in einer Talkshow mit Terroropfern. Manche waren bei Anschlägen dabei gewesen, andere hatten Angehörige verloren. Ich war derjenige, der sagen sollte, dass man keine Angst vor Terror haben muss. Dass es eben ganz unwahrscheinlich ist, dass es einen selbst trifft. Sagen Sie das mal in so einer Runde. Sagen Sie das dem einen Menschen, den es gerade getroffen hat. Nehmen wir an, Merkel würde sagen: Es ist ganz und gar unwahrscheinlich, dass man Opfer eines Terroranschlags wird. Und im Publikum steht jemand auf und sagt: Ich bin ein Opfer. Dann wäre sie die Gelackmeierte.
SPIEGEL: Wie löst man dieses Dilemma auf?
Renn: Man kann es nicht auflösen. Ich rate aber dazu, den Menschen nicht immer zu sagen, dass sie keine Angst haben sollen. Man kann Angst nicht verbieten, und man sollte Ängstliche nicht anlügen. Sie merken das meist. Angst ist auch nicht grundsätzlich negativ. Menschen, die überhaupt keine Angst haben, leben nicht lange.
SPIEGEL: Reagieren Menschen unterschiedlich auf Angst?
Renn: Es gibt den Flucht- und den Kampf- oder den Totstellreflex. Den Totstellreflex kennen wir alle als die Schrecksekunde. Übertragen auf die kollektiven Ängste sind das diejenigen, die sagen: "Ich will das alles gar nicht so genau wissen." Dann gibt es bei uns allen den Fluchtreflex; der ist besonders stark ausgeprägt bei Menschen, die beispielsweise versuchen, öffentliche Veranstaltungen zu vermeiden. Die Kampftypen wollen entweder selbst was ändern oder erwarten, dass andere das für sie tun. Sie suchen den Feind und wollen ihn stellen. Das sind die, die man jetzt gemeinhin Wutbürger nennt.
SPIEGEL: Und die in Wirklichkeit Angstbürger sind?
Renn: Sie handeln jedenfalls, um die Angst loszuwerden. Das erklärt übrigens auch die Hassbotschaften im Internet. Da hat jemand den Wunsch zu kämpfen, um sich in einer als bedrohlich empfundenen Welt Erleichterung zu verschaffen.
SPIEGEL: Warum ist Angst so mächtig?
Renn: Sie sichert das Überleben. Es gibt aber noch einen zweiten Grund. Wir sind mit Angstgeschichten aufgewachsen. Auf das Versprechen, dem Menschen die Todesangst zu nehmen, haben sich alle Religionen gegründet. Jeder Mythos, den wir kennen, hat mit Angst zu tun. Nehmen Sie die Märchen, was allein die ausgelöst haben. Im finsteren Wald wird in Deutschland so gut wie niemand mehr umgebracht, dennoch haben wir alle Angst, wenn wir im finsteren Wald allein sind. Da hilft keine Statistik. Man könnte ja der Einzelfall sein. So wie man auch derjenige sein könnte, der im Lotto gewinnt.
SPIEGEL: Kann man sagen, dass die Angst umso größer ist, je unkonkreter der Gegner ist?
Renn: Da sind wir wieder beim Horrorfilm. Was ich nicht kenne, ist mir unheimlich. Ich will den Gegner einschätzen können. Ich will wissen, wie ich mit ihm umgehen kann. Ich will den Löwen sehen und wissen, was er frisst. Es gab in Deutschland schon mal einen Terrorismus, den linksradikalen. Die Angst vor der RAF war aber wesentlich geringer als die Angst vor dem islamistisch geprägten Terrorismus heute. Man wusste, die RAF bringt vor allem die Kapitalisten um. Wenn man nicht gerade Großverdiener war oder ein herausgehobenes politisches Amt innehatte oder im Sicherheitsdienst arbeitete, war man sicher. Die Empörung war groß, die Angst war klein. Moderner Terrorismus ist willkürlich, er kann jeden treffen.
SPIEGEL: Ist Angst ansteckend?
Renn: Wenn ein Tier im Rudel unruhig wird, kann sich das auf die anderen übertragen. Deshalb ist der Daueralarm, den die Sicherheitsbehörden gern ausrufen, um sich selbst abzusichern, gefährlich. Angst sucht nach Hinweisen; nach Spuren und Beweisen. Hat es da nicht im Unterholz geknackt? Und in den Medien, im Internet wimmelt es vor solchen Hinweisen, die ihre Wirkung tun, ob sie wahr sind oder nicht.
SPIEGEL: Ist das Internet ein Angstverstärker?
Renn: Wir haben mal eine Studie gemacht mit Leuten, die glaubten, dass die elektromagnetischen Wellen von Handys Krebs auslösen würden. Eine zweite Gruppe glaubte nicht daran. Wir haben beide Gruppen googeln lassen. Jeder fand, was er finden wollte, allein aufgrund der gewählten Suchbegriffe. Die einen lasen: "WHO gibt Entwarnung". Die anderen fanden eine Studie, die angeblich nachwies, dass Handystrahlung bei Kühen Tumoren verursacht hat. Das verstärkte in beiden Gruppen die jeweilige Überzeugung.
SPIEGEL: Nach der Tat in München hatte man bei manchen Reaktionen das Gefühl, es gibt fast so etwas wie eine Erleichterung, dass es passiert ist.
Renn: Das ist psychologisch sehr gut nachvollziehbar. Wir wissen das aus den Schilderungen von Leuten, die mit Einbrechern konfrontiert waren. Man liegt im Bett, und plötzlich hört man was. Der Angstpegel geht hoch. Wenn der Einbrecher vor einem steht, ist bei den meisten Leuten die Angst weg, es folgen Flucht oder Kampf. Der Punkt, an dem aus der Angst eine konkrete Situation wird, wirkt wie eine Katharsis. Einfach weil die Angst endlich aufgelöst wird.
SPIEGEL: Gibt es auch eine Lust an der Angst?
Renn: Warum sitzen wir jeden Sonntag da und schauen uns den "Tatort" an? Warum machen wir Bungee-Jumping? Je friedlicher das Land ist, desto größer ist die Zahl der Kriegsspiele, die im Internet gespielt werden. Es gibt Forscher, die das damit erklären, dass der Mensch noch immer ein Tier ist, das den Konflikt sucht und braucht. In München haben sich alle möglichen Leute eingebildet, die Terroristen seien vor ihrer Tür. Es wurden Schießereien gemeldet, die es gar nicht gab. Unterbewusst wollten sie an dieser Auflösung der Spannung, an dieser Katharsis teilhaben.
SPIEGEL: Ist die Angst dort am größten, wo die Gefahr am geringsten ist?
Renn: Ja. Das ist empirisch sehr gut nachgewiesen. Um es mal salopp zu sagen: Wenn der geflüchtete Syrer und seine Familie in meinem Kaninchenzuchtverein sind und ich sie kenne, dann kann ich nicht sagen: Die Syrer sind alle Verbrecher. Wenn ich mir aber vorstelle, der Kaninchenzuchtverein ist rein deutsch, und da zieht der allererste Syrer in die Nachbarschaft, dann ist in der Vorstellung sofort eine Trennung in wir und die da, wir und er. Gehen wir zurück zur Savanne. Es gibt einen Löwen, aber keiner hat mit dieser Sorte von Löwen irgendeine Erfahrung. Und schon steigt die Angst ins Unermessliche.
SPIEGEL: Stimmt es, wenn Frauke Petry sagt, die AfD brauche die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen?
Renn: Die Angst hilft den Populisten, weil sie schwarz-weiße Antworten haben. Sie benennen ganz klar den angeblichen Gegner, pauschalisieren ihn und werten ihn ab. Die Ängstlichen sind wichtig für Populisten, die an die Macht wollen, weil Angst ja eine Veränderung des Zustands verlangt, zumeist allerdings eine rückwärtsgewandte Veränderung. Das ist das verführerische Versprechen der AfD: Unter uns wird alles wie früher. Unter uns bist du wieder sicher. Dabei wird die Vergangenheit nostalgisch verklärt.
SPIEGEL: Das ist auch das Prinzip Trump.
Renn: In Amerika hat Sicherheit sowieso einen anderen Stellenwert. Der Staat erlaubt seinen Bürgern Waffen – ein Mittel gegen die Angst. Durch die Angst der Bürger vor Terrorangriffen wurde die Gründung einer Behörde wie das Heimatschutzministerium erst möglich. Eine bestimmte Form der Bürgerüberwachung wurde salonfähig. Trump hat das gleiche Muster wie die AfD. Er nennt die Angst: Einwanderung. Er nennt den Gegner: Mexikaner und Muslime. Er liefert die Lösung: Deportation und Zäune. Das macht ihn für eine ängstliche Gesellschaft so attraktiv.
Interview: Jörg Schindler, Britta Stuff
Von Jörg Schindler und Britta Stuff

DER SPIEGEL 33/2016
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