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DER SPIEGEL

Geologie„Überrascht von der Wucht“

Jean-Paul Ampuero, 41, Professor für Seismologie am California Institute of Technology in Pasadena, hat gemeinsam mit Kollegen unter Los Angeles eine bislang unbekannte Art von Mikro-Erdbeben entdeckt, die gewaltige Erschütterungen auslösen könnten.
SPIEGEL: Die Bewohner von Los Angeles haben Angst vor "The Big One", einem Superbeben von verheerender Stärke. Rückt das Ereignis wirklich näher?
Ampuero: Gut möglich. Wir Forscher waren sehr überrascht von der Wucht jenes Erdbebens, das 2012 vor der Insel Sumatra eine Stärke von 8,6 auf der Richterskala erreichte. Inzwischen wissen wir, dass es so gewaltig ausfiel, weil seine Verwerfung weit unter die Ozeanische Kruste bis in den Erdmantel hinein reichte – also genau dorthin, wo wir nun unterhalb von Los Angeles bisher unbekannte Mini-Beben gemessen haben.
SPIEGEL: Sie meinen, ein kleineres Beben im Erdmantel kann womöglich ein größeres weiter oben auslösen?
Ampuero: Ja, das wäre denkbar. Unsere Untersuchungen haben jedenfalls gezeigt, dass entgegen bisherigen Annahmen bereits tief im Erdinnern, am Ursprung einer Verwerfung, ein folgenschweres Erdbeben entstehen kann.
SPIEGEL: Warum gingen Geowissenschaftler bislang davon aus, dass sich im Erdmantel kein Beben bilden kann?
Ampuero: Weil das Gestein dort normalerweise glühend heiß und deshalb zäh wie Honig ist. Doch es gibt offenbar Ausnahmen. Mitunter ist das Gestein brüchig – und das ermöglicht dann eben weitreichende Mikro-Erdbeben.
SPIEGEL: Wie ist es möglich, dass solche Mikro-Beben vorher niemandem aufgefallen sind?
Ampuero: Der Verkehr und andere Aktivitäten in Los Angeles lösen so viel Vibrationen aus, dass unser normales Überwachungssystem Erdbeben mit einer geringeren Stärke als 2 gar nicht zu erfassen vermag. Wir konnten die extrem tiefen Beben nur messen, weil wir in einem einmaligen Experiment sechs Monate lang 5000 hochmoderne Seismometer eingesetzt haben.
Von Tha

DER SPIEGEL 44/2016
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