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DER SPIEGEL

Hauptstadt„Verbreitetes Unbehagen“

Kulturstaatsministerin Monika Grütters, 55, kritisiert das geplante Einheitsdenkmal.
SPIEGEL: Frau Grütters, die Idee eines Denkmals für die deutsche Einheit schien nach jahrelangem Hin und Her 2016 endgültig gescheitert. Nun soll es doch kommen. Sie gelten nicht gerade als Anhängerin des 2011 gekürten Entwurfs, sind Sie enttäuscht?
Grütters: Die friedliche Revolution von 1989 hat ein Denkmal verdient. Wir sollten nicht daran scheitern, einen der großen Höhepunkte unserer Geschichte zu würdigen. Aber meinem Eindruck nach gibt es ein weitverbreitetes öffentliches und mediales Unbehagen an den bisherigen Versuchen.
SPIEGEL: Vorgesehen ist eine begehbare, sich hin- und herneigende Schale. Die Rede ist oft von einer Wippe.
Grütters: Doch trotz dieser eher populären Anmutung hat es keine erkennbare kollektive Begeisterung gegeben – wozu der Standort beigetragen haben könnte.
SPIEGEL: Das Denkmal soll vor dem Berliner Stadtschloss installiert werden. Dort stand einst das Reiterdenkmal für Kaiser Wilhelm I. In der DDR wurde es bis auf den Sockel abgetragen.
Grütters: Schwierig ist vor allem die Geschichte des Ortes. Auf dem Sockel wurden unter einer Bitumenschicht kaiserliche Mosaiken entdeckt und mit großem Aufwand abgetragen. Sie erinnern mit ihrer wilhelminischen Herrschaftssymbolik an eine auch nicht gerade unbelastete Epoche und werfen Fragen nach dem Umgang mit unseren zeitgeschichtlichen Zeugnissen auf. Denn auch der erhaltene Sockel von damals passt nicht zu einem Freiheits- und Einheitsdenkmal.
SPIEGEL: Wünschen Sie sich einen anderen Standort in Berlin oder besser noch in einer anderen Stadt? Auch in Leipzig war ein Einheitsdenkmal angedacht und kam ebenso wenig zustande.
Grütters: All diese Vorgänge legen doch gerade nahe, innezuhalten und nachzudenken. Man hätte gerade nach dem Symposium, das wir bereits 2016 initiiert haben, neu diskutieren müssen, ob Berlin oder Leipzig oder beide Städte. Auch, ob ein neuer Wettbewerb zu einem breiteren Konsens in der Bevölkerung führen würde.
SPIEGEL: Offenbar ist die Wippe jetzt beschlossene Sache, weil sich der Fraktionschef Ihrer Partei und sein Kollege von der SPD so entschieden haben – nachdem der Bundestagspräsident Norbert Lammert ein solches Denkmal vor Kurzem in einer Rede mit Vehemenz eingefordert hatte. Im April 2016 hatte der Haushaltsausschuss des Bundestags den Bau noch abgelehnt.
Grütters: Das Vorhaben erst in die eine Richtung zu kippen und Monate später in die andere Richtung, hilft dem Anliegen nicht. Noch etwas: Der Haushaltsausschuss wollte die knapp 15 Millionen Euro für dieses Denkmal nicht bewilligen, weil die eine deutliche Kostensteigerung zu den geplanten 10 Millionen Euro bedeutet hätten – noch vor dem ersten Spatenstich. Stattdessen aber hat er dem Bauministerium 18,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, damit es historische Kolonnaden auf der Schlossfreiheit wiederaufbauen lässt, die Teil des Reiterdenkmals waren. Das hat doch die Idee eines Einheitsdenkmals dort zusätzlich desavouiert. Jetzt müssen der Haushaltsausschuss und das Parlament ohnehin neu entscheiden, was sie wirklich wollen, Kolonnaden oder Denkmal.
SPIEGEL: Das Verhältnis der Deutschen zu Denkmälern ist eigentümlich. Auch der Entwurf eines Holocaust-Mahnmals für die Mitte Berlins war erst umstritten, dann aber überzeugte das 2005 eröffnete Stelenfeld auch die meisten Kritiker. Nun nannte der AfD-Politiker Björn Höcke es "Denkmal der Schande".
Grütters: Er hat unsere weltweit anerkannte und auch für uns Deutsche so wichtige Aufarbeitung der Verbrechen in unserer Geschichte in übelster Weise diffamiert.
SPIEGEL: In Dresden, und dort ebenfalls auf einem öffentlichen Platz, ließ ein deutsch-syrischer Künstler Busse hochkant aufrichten, als Erinnerung an Barrikaden in Aleppo. Eine rechtsextreme Gruppe hängte ein Banner vor die Busse. Befinden wir uns in einem Kampf um die Symbole im öffentlichen Raum?
Grütters: Das scheint so zu sein, und deshalb müssen wir uns gerade der großen Aufgabe Denkmal neu nähern. Denn wir haben heute tatsächlich ein schwieriges Verhältnis zu unseren öffentlichen Denkmälern. Mit dem oft mitschwingenden Begriff des Nationalen, positiv wie negativ, tun wir uns ja generell schwer. Ein Hindernis sind sicher auch unsere komplizierten Auswahl- und Genehmigungsverfahren. Außerdem liefern selbstbewusste Künstler oft nicht auf Anhieb allgemein verständliche und akzeptierte Entwürfe – die Debatten darum sind konstruktiver Bestandteil der Bemühungen um unsere Geschichte.
SPIEGEL: Sie haben schon häufiger betont, das Brandenburger Tor könne auch als Denkmal der Einheit dienen.
Grütters: Das Tor, das ursprünglich natürlich einfach als prachtvolles Stadttor errichtet worden war, ist nach 1945 zum Symbol der Teilung Deutschlands und der Welt geworden, und fast zwangsläufig wurde es später in den Augen der Welt zum Symbol der wiedergefundenen Einheit und Freiheit. Warum nehmen wir das nicht ernst? Stattdessen dient es als Kulisse für Events, für Werbung, auch als Rummelplatz. Ein Verweis auf diesen geschichtsträchtigen Ort, auf den früheren Mauerverlauf und auf die Symbolik des Tores stünde uns deutlich besser an.
Interview: Ulrike Knöfel
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 9/2017
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