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DER SPIEGEL

MarkusFeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandTraurige Alice

Die Deutschen sind, was den Widerspruch zwischen privater Lebensführung und politischen Forderungen betrifft, traditionell tolerant. Dass ausgerechnet der "Führer" selbst dem Führer kein Kind schenkte, konnte seiner Bewegung nicht wirklich schaden.
Trotzdem galt in der deutschen Politik lange der Grundsatz, wonach die Person des Spitzenkandidaten und die Programmatik der Partei zusammenpassen müssen. Die SPD versuchte sich 2013 von dieser Maxime zu emanzipieren, als sie Peer Steinbrück nominierte, einen Mann, der sich von Großbanken als Redner bezahlen ließ und auch sonst jede Sensibilität für die Lebensverhältnisse der sogenannten "kleinen Leute" erfolgreich unterdrückte.
Die AfD startet in diesem Sommer ein noch radikaleres Experiment als damals die SPD. Mit Alice Weidel geht erstmals eine Lesbe, die mit ihrer aus Sri Lanka stammenden Partnerin zwei Kinder in der Schweiz großzieht, als Spitzenkandidatin einer latent ausländerfeindlichen und homophoben Partei ins Rennen, die sich laut Wahlprogramm ausdrücklich "am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern" orientiert. Das ist in etwa so, als würde der Geschäftsführer des Massenhühnchenherstellers Wiesenhof als Spitzenkandidat der Tierschutzpartei kandidieren.
Den ersten Test in Sachen Selbstverleugnung hat Weidel in dieser Woche erfolgreich bestanden. Als die anderen Schwulen und Lesben in Deutschland die "Ehe für alle" feierten, schrieb Weidel auf Facebook: "Über die 'Ehe für alle' zu debattieren, während Millionen von Muslimen illegal ins Land einwandern, ist ein Witz."
Natürlich ist politischer Masochismus kein ganz neues Phänomen. Es ist gewiss auch nicht leicht, Mitglied der SPD zu sein, wenn man eine große Leidenschaft für die Rassengenetik hat. Allerdings war Thilo Sarrazin – anders als Weidel – niemals Spitzenkandidat.
Wie manche Parteifreunde ticken, konnte Weidel im Landtag von Sachsen-Anhalt lernen, wo ein AfD-Abgeordneter laut Sitzungsprotokoll forderte, dass Homosexualität wie in Nordafrika auch in Deutschland "verboten und in höchstem Maße tabuisiert" werden solle. Oder auf der Facebook-Seite eines inzwischen aus der Fraktion gedrängten AfD-Mannes aus Berlin, der Homosexuelle als "unnormal", "widernatürlich" und als Menschen mit "Gendefekt" bezeichnete. Natürlich stoßen auch andere Parteien beim Umgang mit Minderheiten bisweilen an Grenzen. Aber es gibt Fortschritte. Seit dem Rückzug von Rainer Brüderle etwa ist die Zahl der Schwulenwitze in der FDP deutlich gesunken.
Alice Weidel hat sich freiwillig entschieden, einer Partei Gesicht und Stimme zu geben, die ihre Art zu leben ablehnt. Das sichert ihr Einfluss und Prominenz. Der Preis dafür ist, dass sie selbst dann noch hassen muss, wenn sie, wie in dieser Woche, Grund zur Freude hätte.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 27/2017
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