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DER SPIEGEL

AnalyseDas Rätsel Baghdadi

Warum es kaum eine Rolle spielt, ob der IS-Führer lebt oder nicht
So oft war der Mann in den vergangenen zweieinhalb Jahren totgesagt worden, dass die Nachricht vom Dienstag kaum Wellen schlug: Abu Bakr al-Baghdadi, der "Kalif" des "Islamischen Staates" (IS), sei in Ostsyrien ums Leben gekommen. Wann, wo, wie genau, blieb unklar. Aber die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in England, die über ein dichtes Netz an Informanten verfügt, liegt meistens richtig mit ihren Angaben. Mehrere ihrer Quellen innerhalb des IS hätten Baghdadis Tod gemeldet.
Bis Donnerstagnacht gab es dafür keine Bestätigung etwa amerikanischer Stellen. Informanten des SPIEGEL im irakischen Rückzugsgebiet des IS in Tall Afar berichteten ebenfalls, dass die Nachricht von Baghdadis Tod kursiere und geheim gehalten werde bis zur Benennung eines Nachfolgers.
Was würde es bedeuten, wenn der Mann tatsächlich tot wäre? Das Ende des IS? Baghdadi war nie der Schöpfer des IS, sondern eher dessen Schöpfung. Die Führungsgruppe bestand ab 2010, dem Jahr von Baghdadis Ausrufung, fast ausschließlich aus ehemaligen Offizieren von Saddam Husseins Geheimdiensten und Elitetruppen. Die kürten den Prediger Baghdadi 2014 sogar zum "Kalifen", weil er etwas besaß, was sie nicht hatten: eine präsentable Biografie als Islamist – er war, wie es ein europäischer Geheimdienstler formulierte, "der Posterboy des IS". Die Pläne, wie man fremde Staaten infiltriert und erobert, der Aufbau des schlagkräftigen Apparats, die wechselnden geheimen Bündnisse: All das war das Werk von anderen. Doch auch von ihnen sind nun etwa 90 Prozent tot.
Baghdadi war stets ein Symbol. Als solches funktioniert er lebendig wie als Märtyrer – sofern er von fremder Hand starb.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 29/2017
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