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DER SPIEGEL

EinwurfTöff töff die Wildsau

Die Schwäche der künstlichen Intelligenz reizt zu boshaften Streichen.
Je schlauer der Computer wird, desto ärger haut er auch mal daneben. Forscher foppten kürzlich die viel bewunderte Spracherkennung von "Google Voice". Wo auf Englisch von "Wachskerzen und silbernen Kerzenleuchtern" die Rede war, verstand die Maschine etwa: "möchte Scheibe Ofenfilter zähl sechs". Es genügte, in die Sprachaufnahme nahezu unhörbare Rauschmuster zu mischen. Für den Computer, der ja in Wahrheit nichts wirklich versteht, entstand dadurch eine gänzlich neue Datenlage. Darauf war er nicht trainiert.
Ähnliches gelang zuvor schon mit Bildern: ein paar winzige Manipulationen, und der Computer erkannte im Hamster einen Blumenkohl. Oder im Schulbus einen Vogel Strauß. Wer so schöpferisch deliriert, kann immerhin nicht ganz doof sein. Ein Tier nimmt nur wahr, was ist. Erst die künstliche Intelligenz schwingt sich nun auf die Höhe künstlichen Irreseins. Computer lernen immer besser, Bilder und Wörter zu erkennen – doch liegt der Input nur knapp neben der Erwartung, bricht das System zusammen. Das ist nicht nur lustig, denn im Leben kommt vieles unerwartet. Genau genommen: das allermeiste. Unmöglich, die Maschine darauf im Voraus zu trainieren. Was nun? Auch die Wissenschaft ist ratlos.
Sollte jemandem unwohl sein angesichts der Tendenzen zum Überwachungsstaat: Hier zeigt er eine offene Flanke. Man stelle sich vor, wie zwei Subjekte am Telefon über geheime Pläne tuscheln – und der großmächtige Geheimdienstcomputer versteht: "Mein Urmel schlumpft sich Knatterspeck töff töff die Wildsau". Womöglich blüht uns da eine neue Kultur erfinderischer Subversion.
Übrigens lässt sich die Gesichtserkennung von Überwachungskameras durch spezielle Brillen mit bunt gemusterten Rahmen in den Wahnsinn treiben. In einem Testlauf identifizierte der Computer die bebrillte Schauspielerin Reese Witherspoon prompt als den Kollegen Russell Crowe.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 33/2017
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